Rechtsextremismus in Brandenburg : "Die Region entpolitisiert sich"

Brandenburg hat ein Problem mit rechten Jugendlichen. Woher kommt diese Entwicklung? Dirk Wilking vom Mobilen Beratungsteam im Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung kennt die Ursachen. Im Interview erzählt er von beratungsresistenten Gemeinden, einer schleichenden Entpolitisierung und mangelndem Demokratieverständnis.

Dirk WIlking
Dirk Wilking, Geschäftsführer des Mobilen Beratungssystems -Foto: privat

Herr Wilking, seit wann gibt es das Mobile Beratungsteam und wie gehen Sie vor?



Das Mobile Beratungsteam ist Teil der Initiative Tolerantes Brandenburg, uns gibt es jetzt seit zehn Jahren. Wenn uns Bedarf gemeldet wird, fahren wir hin und beraten. Wir diagnostizieren nicht "dort ist ein braunes Nest, da muss jetzt mal der Blitz einschlagen". Weil dann der Effekt erzielt wird, dass die Leute sich sofort wie in einer Wagenburg zusammenscharen und genau das Gegenteil erreicht wird. Die solidarisieren sich dann eher mit Rechtsextremen.

Was empfehlen Sie den Kommunen?

In erster Linie empfehlen wir eine stärkere Durchdemokratisierung ihres Gemeinwesens. Die Leute sollen stärker in Entscheidungs- und Informationsprozesse mit eingebunden werden, so dass sie sich auch im politischen Umfeld mehr engagieren können. Ich bin der Meinung, der Rechtsextremismus würde keine Bedeutung haben, wenn das demokratische System gut funktionieren würde.

Das heißt, Sie sehen wirklich ein Problem, was das demokratische Verständnis in Brandenburg angeht?

Ja, absolut.

Woher kommt Ihrer Erfahrung nach die Tendenz zum Rechtsextremismus?

Eine zentrale Ursache ist die Entwertungserfahrung der Menschen. Das Gefühl, abgekoppelt zu sein von der Entwicklung in der Bundesrepublik. Die Entwertungserfahrung der Elterngeneration schlägt dann durch auf die Kindergeneration. Rechtsextremismus in Brandenburg ist kein Jugendproblem, man muss immer auch die Erwachsenen mit einbeziehen. Widerständigkeit gegen rechtsextremes Gedankengut kann nur durch die Gemeinschaft stattfinden. Aber man muss auch betonen: Brandenburg hat sehr früh erkannt, dass es witzlos ist, das Problem wegzuleugnen, nichts zu machen und zu hoffen, die Strukturen ändern das schon. Es auf wirtschaftliche Probleme zu schieben, wäre zu kurz gedacht. Wir sind nun seit 10 Jahren mit der Initiative Tolerantes Brandenburg am Ball. Und es scheint auch zu wirken.

Und wie erklären Sie sich dann, dass zum Beispiel in Potzlow auch sechs Jahre nach dem Mord an Marinus Schöberl kein wirkliches Reflektieren bei den Bewohnern stattgefunden hat?


Das hängt mit den Wahrnehmungsproblemen zusammen, die in solchen Milieus herrschen. Vor dem Mord in Potzlow hat niemand dem Dorf den Spiegel vorgehalten und den Menschen gezeigt, wie sie sind. Diese Position können nur Menschen einnehmen, die vom Dorf auch Ernst genommen werden. Früher waren das mal Pfarrer, oder Lehrer und Ärzte. Menschen, die in Bezugssystemen sind, die weit über das Dorf hinausgehen. Diese traditionellen Korrektive gibt es heute einfach nicht mehr. Ein Pfarrer hat heute acht oder neun Dörfer und kann kaum ein Urteil über ein Dorf treffen, falls er nicht zufällig dort wohnt. Lehrer sind verschwunden, weil die Schulen in die größeren Städte zentriert wurden. Und dann entfällt in diesen Regionen häufig, wie in Potzlow auch, die Politik. Es gibt zwar Gemeindeparlamente, aber in diesen Parlamenten sitzen meistens keine Vertreter von Parteien.

Es findet einfach zu wenig Austausch statt. Beispiel Templin: Die Tatsache, dass der Bürgermeister nicht gewusst hat, dass eine rechtsextreme Szene im Dorf existiert, zeigt, wie Kommunikation dort funktioniert - nämlich gar nicht. Wenn er eine funktionierende Kommunikation hätte, Jugendliche und junge Leute im demokratischen Kontext engagiert wären, dann hätte er es gewusst. Und das Rezept kann deswegen meiner Meinung nach nur sein: Demokratisierung der lokalen Gesellschaft. Aber die Ablehnung von Rechtsextremismus und der Gesinnungswandel "Demokratie ist gut" sind immer noch zwei verschiedene paar Stiefel.

Aber werden diese Probleme in den Gemeindeparlamenten nicht diskutiert?

Ich kenne genügend Gemeindevertreter in Brandenburg, die stolz darauf sind, dass sie sich in ihrem Parlament überhaupt nicht streiten. Die arbeiten nur an Sachthemen und haben sich entpolitisiert. Es gibt meist keinen Plan B. Sondern es gibt nur diesen Einheitsplan, und wenn der schief geht, ist das Dorf k.o. Damit sind die Strukturen auch nicht sonderlich demokratisch. Damit einher geht eine schleichende Entpolitisierung.

Klingt nach einem guten Nährboden für Rechtsextreme.

Praktisch ja. Es ist ein flächendeckendes Problem. Die Demokratie hat in den ländlichen und kleinstädtischen Regionen eine schwache Ausprägung. Dadurch ist es schwer, auf bestimmte Dinge zu zugehen. Es gibt keine Opposition, die auf Schwierigkeiten hinweist. Ein wegdrücken von Problemen macht handlungsunfähig und eine Opposition könnte darauf hinweisen und Handlung fordern.

Waren Ihrer Meinung nach die Morde jüngst in Templin und 2002 in Potzlow rechtsradikal motiviert?

Das politische Motiv an dem ganzen Fall war für mich die Auswahl des Opfers. In Templin haben sie nicht den Bürgermeister zusammengetreten, sondern diesen obdachlosen Mann. Und der gehört in die "Soll weg, hat hier nix zu suchen, kann sterben" Ideologie der Rechtsextremen. Von daher ist es für mich natürlich eine Tat, die nur vor dem Hintergrund des Rechtsextremismus bewertbar ist.

Die Initiative "Tolerantes Brandenburg" und andere Projekte arbeiten an einer Trendwende in den Köpfen. Reicht das?

Die Frage ist, was können wir tun? Kampagnen für einige Millionen Euro klingen zwar gut, aber ich fürchte, sie bringt nicht allzu viel. Das Grundproblem bleibt: eine schleichende Entpolitisierung. Und das ist nicht ganz ungefährlich.

Das Gespräch führte Saskia Weneit.

Die Mobilen Beratungsteams wurden vor zehn Jahren im Rahmen der Handlungsinitiative Tolerantes Brandenburg von der Landesregierung geschaffen, um Vereine, Sozialarbeiter, Parteien und andere Gruppen im Umgang mit Rechtsextremismus zu beraten. Sie kommen auf Anforderung und moderieren in vielen Kommunen runde Tische gegen Rechtsextremismus. Sie sollen soziale Akteure befähigen, sich mittels sozialer Analyse oder Öffentlichkeitsarbeit mit Rechtsextremismus auseinanderzusetzen.
Auf den Punkt gebracht heißt die Arbeit des MBTs: Hilfe zur Selbsthilfe für eine demokratische Kultur im Land Brandenburg
- gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.


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