Ebola-Krise : Die Waisen von Westafrika

Viele Kleinkinder in Westafrika haben die Ebola-Epidemie überlebt, doch ihre Eltern und Geschwister starben. Aus Angst vor Ansteckung will sie niemand aufnehmen.

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Der 14 Monate alte Lamin, dessen Eltern und Geschwister an Ebola gestorben sind, sitzt auf dem Schoß einer Krankenschwester in Sierra Leone.
Der 14 Monate alte Lamin, dessen Eltern und Geschwister an Ebola gestorben sind, sitzt auf dem Schoß einer Krankenschwester in...Foto: obs

Aus den westafrikanischen Ebola-Staaten kamen in den vergangenen Wochen vor allem gute Nachrichten. Die Zahl der Neuansteckungen geht zurück. Auch weicht die Panikstimmung in der Bevölkerung allmählich vorsichtigem Optimismus. Doch für viele in Liberia, Sierra Leone und Guinea hat Ebola alles verändert. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass durch Ebola mehrere tausend Kinder zu Waisen geworden sind.

Der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, hat bei seiner letzten Westafrikareise erlebt, in welcher Not sie sich befinden. „Anders als Aids-Waisen werden diese Kinder meist nicht von Verwandten aufgenommen, sondern regelrecht aus ihren Dörfern verjagt, weil man fürchtet, sie könnten ansteckend sein“, berichtete Lindner. Viele der Ebola-Waisen leben nun auf der Straße, die meisten von ihnen sind schwer traumatisiert. Simon Wright von der Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ sprach am Freitag in Berlin von „verheerenden Folgen“ der Ebola- Epidemie für Kinder in den betroffenen Staaten.

Kinder sind resistenter

Warum in Großfamilien manchmal nur ein Kind überlebte, während seine Geschwister und auch erwachsene Angehörige nach und nach erkrankten und starben, können Experten nicht erklären. Grundsätzlich gehen sie aber davon aus, dass Kinder etwas resistenter gegen Ebola sind. Von den insgesamt 9637 Ebola-Toten, die die Weltgesundheitsorganisation bisher in Westafrika registriert hat, sind mit 3937 deutlich weniger als die Hälfte Kinder. Die meisten Toten sind Frauen, denn sie pflegen traditionell kranke Familienangehörige und sind daher einem besonders hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. In vielen Familien gehörten die Mütter daher zu den Ersten, die starben.

Es gibt auch Kinder, die selbst an Ebola erkrankten, geheilt wurden und nach ihrer Entlassung aus der Isolierstation plötzlich auf sich gestellt waren – nachdem sie über Wochen mit dem Tod gerungen hatten, betreut durch Menschen in unheimlichen Schutzanzügen, und um sich herum täglich Menschen sterben hatten sterben sehen.

Übergangsheime für die Waisen

In der liberianischen Hauptstadt Monrovia hat das Gesundheitsministerium des Landes mit Hilfe des UN-Kinderhilfswerks Unicef, SOS-Kinderdorf und Ärzte ohne Grenzen nun ein Übergangsheim für ganz junge Ebola-Waisen eröffnet. Kinder unter fünf Jahren sollen hier Schutz und psychologische Hilfe erhalten. Auch bestehende SOS-Kinderdörfer in Westafrika nehmen Waisen auf.

Die Helfer in den Krisengebieten gehen davon aus, dass es lange dauern wird, bis in den betroffenen Ländern wieder so etwas wie Normalität einkehren wird. Gerade für die Kinder sei das aber besonders wichtig, sagte Simon Wright in Berlin. „Allein die Tatsache, dass die Schulen rund ein Jahr geschlossen waren, ist eine Katastrophe.“

Liberia öffnet Schulen

In Liberia findet seit Februar nun wieder Unterricht statt. Ohne Risiko ist das nicht, denn nur wenige Schulen sind in der Lage, die eigentlich notwendigen Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Im Idealfall sollte bei allen Schülern vor Unterrichtsbeginn beispielsweise kontrolliert werden, ob sie Fieber haben. Außerdem sollten Räume vorhanden sein, in denen Kinder, die Ebola-Symptome zeigen, schnell isoliert werden können. Bisher, so sagte es der Ebola-Beauftragte Walter Lindner am Freitag in Berlin, sei die Zahl der Neuerkrankungen aber nicht erneut angestiegen.

Die Gefahr ist noch nicht gebannt

Dass auch Sierra Leone darüber nachdenkt, die Schulen wieder zu öffnen, hält Lindner allerdings für unverantwortlich. „Das ist definitiv zu früh, denn es gibt dort noch immer 60 bis 70 Neuerkrankungen pro Woche.“ Normalität sei sicher wünschenswert, fügte er hinzu. Schließlich lebten die Menschen in Westafrika seit fast einem Jahr in Todesangst. „In Monrovia sieht man aber inzwischen sogar wieder Leute, die sich umarmen. Psychologisch kann ich das nachvollziehen. Aber es ist eben auch sehr gefährlich“, sagte Lindner.

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