Sexualkunde für Schulkinder in Ghana : "Was ist eigentlich Sex?"

Carla Hustedt, Studentin am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, und ihr Mitstreiter Jeffrey Klein haben ein Projekt gestartet, bei dem Kinder in Ghana über Sex, Verhütung, Aids, Gewalt und Selbstbestimmung aufgeklärt werden.

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Diese Kinder in Ghana dürfen die Boa-Nnipa-Mitarbeiter alles über Sex fragen, was sie wissen wollen.
Diese Kinder in Ghana dürfen die Boa-Nnipa-Mitarbeiter alles über Sex fragen, was sie wissen wollen.Foto: Boa Nnipa

Als er zwölf war, fragte Emmanuel seinen Vater: „Was ist eigentlich Sex?“ Darüber sprachen andere Kinder draußen auf der Straße. Als Antwort gab es eine Ohrfeige. Aha, danach fragt man lieber nicht, verstand der Junge. Heute ist Emmanuel Odei Asare 17 Jahre alt, besucht die Kwashieman-Oberschule am Stadtrand von Accra, der Hauptstadt von Ghana, und hat inzwischen klare Antworten erhalten. Nicht zu Hause, sondern in seinem Klassenzimmer. Sie hatten zwei Leute zu Gast in dem Raum mit den verschrammten Holzbänken und den grob verputzten Wänden, dem Straßenlärm von draußen und der westafrikanischen Hitze. Zwei Freiwillige vom Team der Organisation Boa Nnipa waren da und brachten neunzig Minuten Aufklärung mit. Sie sprachen über das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, über weibliche und männliche Körper, Hormone und Psyche in der Pubertät, Verhütung, Homosexualität, Schutz vor Aids. Ungestört von Lehrern oder Eltern hatten Emmanuel und fünfzig Jungen und Mädchen seiner Klasse die Freiheit alles zu fragen, was sie wollten. Am Schluss bekamen sie die Nummer einer Hotline für Hilfe.

Der Unterricht kostet ein Dollar pro Kind

Neunzig Minuten Information, offenes Fragen und Antworten können die Wende für ein Leben bedeuten – und für viele andere, wenn das Wissen durch Lehrende und Lernende weitergetragen wird. „Darum geht es uns“, erklärt die Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Organisation Boa Nnipa, die 22-jährige Carla Hustedt, Studentin am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. „Wir wollen, dass unser Projekt in Ghana so fest Fuß fasst, dass es von alleine weiterläuft.“ Deshalb bilden sie bei Boa Nnipa, was auf Deutsch „Leuten helfen“ heißt, ausschließlich Afrikaner aus, die Afrikaner unterrichten.

Die Initiatorin Carla Hustedt und ihr Mitstreiter Jeffrey Klein.
Die Initiatorin Carla Hustedt und ihr Mitstreiter Jeffrey Klein.Foto: Boa Nnipa

Der kleine Verein ist kein Millionen schwerer Hilfsgigant wie Unicef oder Save the Children. Doch Hustedt und ihren Mitstreitern ist, nicht nur gemessen an ihrem Alter, ein kleines Wunder gelungen. Ein knappes Dutzend Aktivisten hat innerhalb kurzer Zeit bereits mehr als 23 000 Schüler erreicht – mit nichts weiter als ihrer sozialen Energie, einer Website, einem Video auf Youtube, einigen Smartphones, Billigflugtickets und privaten Spenden. „Der Unterricht kostet nur einen Dollar pro Kind!“, freut sich Carla Hustedt mit der Mischung aus Pragmatismus und Engagement, die auch ihr Team auszeichnet.

Die Schüler grinsen, kichern und schubsen

Anfangs, berichten die Aktivisten, sind die Schülerinnen und Schüler verlegen. Sie grinsen, kichern, schubsen sich gegenseitig an, sie werden konfrontiert mit Schaubildern zu Geschlechtsorganen, mit Kondomen und einem Gruppenspiel zur „Liebesskala“, die vom Flirt über Sex bis zur Heirat reicht. Geht das Tor zur Neugier einmal auf, prasseln Fragen auf die Lehrenden ein. „Darf ich Nein sagen, wenn mein Freund Sex will und ich nicht?“ „Kann ich eine Schwangerschaft loswerden, wenn ich Alkohol mit Zucker vermischt trinke?“ „Lässt sich eine Plastiktüte als Ersatz für ein Kondom verwenden?“ „Wird man gelähmt, wenn man Sex im Stehen hat?“ Enorm sei das Maß an Unwissen, Halbwissen und Gerüchten, stellt Jeffrey Klein, Hustedts Mitstreiter und Kommilitone fest. „Aber das ist ja nicht nur in Afrika so“, ergänzt der 26-Jährige, der als Sohn ghanaischer Eltern in Deutschland groß wurde. Dass es überall Zugang zu Internet, Massenmedien, Pornografie gibt, erklärt er, sei weder hier noch dort Garant für sexuelle Aufklärung und Verantwortlichkeit.

Carla Hustedt, klug, couragiert und sportlich, war nach dem Abitur in Berlin für ein Jahr nach Accra gereist, um an einem Unterrichtsprojekt mitzuarbeiten. Dann kam die Anfrage eines Schuldirektors, einen Kurs zur Sexualkunde abzuhalten. Mit einer anderen Freiwilligen improvisierte sie, hatte Erfolg – und eine Idee: „Wir bringen das an so viele Schulen wie möglich.“ Denn Aids, Schwangerschaften von Minderjährigen, sexuelle Gewalt und Tabus sind in Ghana ein massives Problem. Carla Hustedt gründete Boa Nnipa als ghanaische Stiftung, ihr heutiger Projektkoordinator Samuel Koranteng erkämpfte die Lizenz des Bildungsministeriums zum Unterrichten an allen staatlichen Schulen. In Deutschland ist Boa Nnipa ein gemeinnütziger Verein. Samuel Koranteng, der als Computerexperte für Schulen arbeitet, vermittelt viele der Kontakte. „Wir Ghanaer können unsere Probleme nur selber lösen!“, heißt das Credo des versierten Technikers. Carla Hustedt hat eben ein Buch mit Portraits von Deutschen und Ghanaern gestaltet, die sich für sexuelle Selbstbestimmung einsetzen, das Goethe-Institut in Accra machte daraus eine Ausstellung. Boa Nnipa will bald auch in den Norden Ghanas expandieren, wo es mehr Muslime als Christen gibt. „Das wird eine neue Herausforderung“, räumt Jeffrey Klein ein, „aber die sehen wir ganz gelassen“.

Es geht um sexuelle Selbstbestimmung

Fortbildung in Sexualpädagogik erhält das Team beim Berliner Familienplanungszentrum Balance und bei Pro Familia in Berlin. Rund 40 Lehrer hat Boa Nnipa jetzt in Ghana ausgebildet, acht bis zehn sind jeweils für 125 Dollar im Monat im Einsatz – das entspricht in etwa dem Gehalt eines Grundschullehrers in Ghana. Jeder der Lehrer, für die Boa Nnipa deutsche Paten sucht, erreicht im Monat 1700 Schüler.

Emmanuel Asare war besonders beeindruckt von Informationen über die sexuellen Rechte jedes Individuums: „Davon hatte ich noch nie gehört.“ Ohne Angst spricht der Teenager heute, und er lässt sich nicht länger von Freunden unter Druck setzen, die ihn zu Sex vor der Ehe drängen. Wenn er später mal Vater wird, sagt er, dann will er seinen Kindern auf all ihre Fragen über Liebe, Sex und Schutz antworten. Kaum etwas ist notwendiger. Weltweit nimmt Aids unter Jugendlichen, auch in Afrika, drastisch zu, Unicef hat vor kurzem ein Programm für 5,5 Milliarden Dollar verabschiedet – kaum auszumalen, wie viel Aufklärung eine Initiative wie Boa Nnipa mit solchen Mitteln vermitteln könnte.

Wissen ist Macht. Und Wissen über den eigenen Körper, die eigenen sexuellen Rechte und Verantwortlichkeiten verleiht Menschen Macht über sich selber, es besiegt Schuldgefühle, falsche Scham und gefährliche Tabus. Dazu tragen auch kleine Initiativen bei – vielleicht sogar am meisten.

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