Gute Unternehmer : Die Bank, die Geld verschenkt

Schulen, Öko-Läden, Wohnprojekte: Alle brauchen Geld. Doch welche Bank vergibt an solche Kunden Kredite? Ein Bochumer Institut macht vor, wie damit trotzdem etwas zu verdienen ist

Marc-Stefan Andres,Peter Gaide

Umbau der Montessori-Schule Heidelberg: 20.000 Euro. Aids-Hilfe Stuttgart, Ausbau der Geschäftsstelle: 40.000 Euro. Öko-Korn-Nord in Betzendorf, Kauf eines Lagers: 200.000 Euro. Das sind drei von knapp 300 Krediten, die die GLS Bank im zweiten Halbjahr 2006 vergab. Die Kreditnehmer allein sind schon ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher aber ist, dass jeder wissen kann, wer hier wie viel Geld bekommt. Und auch, was damit passieren soll.

Zu lesen ist alles in der firmeneigenen Zeitschrift Bankspiegel . Dort hinein schreibt die GLS Bank jeden Kredit und verschickt das Heft an alle ihre 52.000 Kunden. Die erste und größte ethisch-ökologische Bank in Deutschland mit Sitz in Bochum wirtschaftet so transparent wie kein anderes Geldinstitut. "Wir haben es noch nie erlebt, dass jemand eine Veröffentlichung abgelehnt hat", bestätigt Vorstandssprecher Thomas Jorberg. "Im Gegenteil, die Unternehmen freuen sich, dass ihre Kreditwürdigkeit so offen mitgeteilt wird."

Seinen Ursprung findet solches Denken in der Anthroposophie Rudolf Steiners. Aus seinem Geist erwuchs eine Bank, die erklärtermaßen der Gewinnsucht trotzen will. "Wir arbeiten mit Menschen und Organisationen zusammen, die ebenso wie wir gesellschaftlich aktiv sind und für sich und andere, unabhängig von Herkunft und Weltanschauung, Verantwortung übernehmen." Das haben die Gründer in ihr Leitbild geschrieben. Joberg formuliert es so: "Für uns stehen soziale Verantwortung und gesellschaftliches Engagement im Zentrum der Geschäftpolitik."

Zunächst allerdings ist sein Institut vor allem: eine Bank. Wie überall eröffnen ihre Kunden Girokonten, nutzen Sparbriefe oder Sparkonten, kommen in den Genuss von vermögenswirksamen Leistungen, investieren in Fonds oder schließen Lebens- und Rentenversicherungen ab. Doch die GLS Bank bietet einen besonderen Mehrwert: Die Kunden dürfen ein gutes Gewissen haben. Denn angelegt wird ihr Geld nur bei den "Guten". Das sind nach Definition des Geldhauses unter anderem: Existenzgründer in der Biobranche, alternative Schul- oder Kulturinitiativen, Wohn- oder Seniorenprojekte oder auch wachsende Unternehmen der Erneuerbare-Energien-Branche.

Geld und Transparenz, Finanzen und Moral. Die GLS Bank bringt Begriffspaare zusammen, die einander sonst häufig ausschließen. Sie macht ihre Geldgeschäfte konsequent von ethischen Kriterien abhängig und fährt gut damit. Die Kunden vertrauten dem Institut im vergangenen Jahr 568 Millionen Euro an, 19 Prozent mehr als 2005. Die Bank, 1974 gegründet, wuchs in den vergangenen Jahren jeweils um 12 bis 20 Prozent. Auch ihre 120 Mitarbeiter sind zufrieden. Hektik und Umsatzdruck spürt man nicht in den lichten Fluren und Büros. Kaum einer kommt im Anzug; und um 10 Uhr wird gemeinsam gefrühstückt.

Was man bei aller Harmonie nicht vergessen darf: Die GLS Bank besetzt eine zwar komfortable, aber kleine Nische. Im Jahr 2006 hatte sie ein Geschäftsvolumen von 856 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank wies eine Bilanzsumme von 1.126 Milliarden Euro aus, selbst kleine Sparkassen setzen deutlich mehr um als die Bochumer Bank. Das rückt die Verhältnisse zurecht. Aber: "Unsere Zielgruppe liegt momentan bei acht bis zehn Millionen Menschen in Deutschland und wächst ständig. Es sind die Postmateriellen und Kulturkreativen, um einmal die Begriffe der Umfrageunternehmen zu verwenden", sagt Jorberg. Natürlich, auch das räumt er ein, werden nicht all diese Menschen demnächst bei ihm ein Konto eröffnen. "Aber 20 Prozent Wachstum wie im vergangenen Jahr erwarten wir auch weiterhin."

Dazu beitragen soll das Vermögens- und Anlagegeschäft, das ebenfalls dynamisch wächst. Auch hier legt die GLS Bank besondere Maßstäbe an. "Wir suchen Wertpapiere sehr sorgfältig aus. Sie müssen ausnahmslos unseren ethisch-ökologischen Kriterien entsprechen", sagt der Leiter des Anlagegeschäfts, Thomas Goldfuß. Ein Beispiel: Kunden, die an der Börse handeln wollen, können lediglich aus einer Liste von etwa 200 Wertpapieren wählen. Welche Aktie in dieses Portfolio gelangt, entscheidet ein Anlageausschuss, der mit drei GLS-Mitarbeitern und drei unabhängigen Gutachtern besetzt ist. Eine Vorauswahl von 1000 Unternehmen liefert die Rating-Agentur oekom research. Hinein ins Portfolio kommen am Ende nur Werte, bei denen einwandfrei feststeht, dass die Unternehmen nicht in Rüstung, Tabakproduktion, Atomenergie oder Grüner Gentechnik tätig sind, dass sie keine Embryonenforschung betreiben oder Tierversuche machen, oder dass sie nicht von Kinderarbeit profitieren. Die vollständige Liste der Ausschlusskriterien ist mehr als doppelt so lang.

So ausgesucht die Wertpapiere sind, so anspruchsvoll sind auch die Kunden der GLS Bank, zu 70 Prozent Akademiker. Das Institut begegnet ihnen mit hoch qualifizierten telefonischen Beratern: "Bei uns sprechen zehn Bankkaufleute mit den Kunden, man landet nicht in einem Call Center", sagt Goldfuß. "Die meisten der rund 10.000 bis 13.000 Anrufe im Monat können direkt erledigt werden, umfassendere Fälle werden von speziellen Vermögens- und Kreditberatern bearbeitet."

Gute Mitarbeiter dafür zu finden, wird allerdings immer schwieriger, sagt Werner Landwehr, Leiter der Kreditabteilung. "Unser Know-how ist in der Vergangenheit stetig gewachsen. Die ersten Beschäftigten kamen direkt aus ökologischen oder pädagogischen Netzwerken." Die Bankkaufleute, die heute eingestellt werden, müssen das ökologische Know-how erst noch lernen. "Wir schicken junge Mitarbeiter mit älteren Kollegen auf Termine, sie treffen sich in den Netzwerken, Elternkreisen und Initiativen. Das ist wichtig, denn unsere Kunden erwarten von uns, dass wir uns auch in den inhaltlichen Fragen auskennen."

Wegen dieser Nähe zu den Projekten platzen bei einem Kreditvolumen von 384 Millionen Euro im vergangenen Jahr durchschnittlich nur Kredite im Wert von 60.000 bis 80.000 Euro jährlich. Geldgeber und Kreditnehmer passen eben gut zueinander. Außerdem kommen Finanzierungen zustande, die sonst kaum eine Chance hätten. Privat initiierte Schulen erhalten beispielsweise je nach Bundesland in den ersten ein bis fünf Jahren keine öffentlichen Mittel und müssen mit Krediten vorfinanziert werden. "Wenn die Finanzierung in richtiger Weise angegangen wird, können wir in den meisten Fällen das Projekt zum Erfolg führen. Auch weil wir wissen, dass Schulen, die von Eltern- oder Lehrerinitiativen getragen werden, einen starken inhaltlichen und idealistischen Anspruch haben und deswegen auf die Beine kommen." Ungewöhnlich ist die Art, wie solche Kredite finanziert werden. Die GLS Bank arbeitet mit einem Bündel von Kleinbürgschaften, bei dem beispielweise Eltern mit ihrem eigenen Vermögen für einen Anteil des Darlehens bürgen.

Dann gibt es da noch jenen Teil des Bankgeschäfts, der wieder zurückführt zum Ideengeber Steiner. Er versteckt sich schon im Namen - genauer gesagt, im "S", das für "schenken" steht (das "G" bedeutet "Gemeinschaftsbank", das "L" "leihen"). Das "S" geht zurück aufs Steinersche "Schenkgeld". Dieses Geld, das jeder, der sich mit Finanzen beschäftigt, abgeben soll, gehört nach dieser Lehre Kunst und Kultur: Sie könnten sich niemals selbst finanzieren, sind aber für ein ganzheitliches Leben unverzichtbar. In Bochum kümmert sich eine Tochter der Bank, die GLS Treuhand, darum. Sie bringt Spender und Stifter mit Bedürftigen und gemeinnützigen Projekten zusammen. Im vergangenen Jahr wurden auf diese Weise rund 6,9 Millionen Euro vergeben. Und weil sie selbst ja auch Geld verdient, hat die GLS Bank fünf eigene Zukunftsstiftungen für Bildung, Entwicklungshilfe, Gesundheit, Landwirtschaft und Soziales Leben ins Leben gerufen.

ZEIT ONLINE

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