Wohnen am Stadtrand : Kaum noch Leerstand in Marzahn-Hellersdorf

Landeseigene werfen den Neubaumotor an. Wurden noch bis 2014 gerade einmal zehn Prozent der Genehmigungen für mehrgeschossige Wohngebäude erteilt, so liegt der Anteil inzwischen bei rund 50 Prozent.

Paul F. Duwe
Ringelnatz Siedlung der Degewo soll demnächst um weitere Bauten ergänzt werden.
Ringelnatz Siedlung der Degewo soll demnächst um weitere Bauten ergänzt werden.Foto: Degewo

Wohnen in Marzahn? Diese Frage löst bei eingeschworenen Innenstadt-Menschen nicht selten Irritationen aus. Das angekratzte Image von Berlins östlichstem Wohnbezirk Marzahn-Hellersdorf hält sich hartnäckig. Doch inzwischen weht ein Wind der Veränderung durch die Quartiere. Der Zustrom von Neuberlinern lässt das Interesse auch am Wohnen an den grünen Rändern steigen. Nachverdichtung ist dort eines der Stichworte. 

Dieser Trend zeigt sich aktuell bei der Zahl der genehmigten Neubauwohnungen. Waren es 2013 noch 613, so brachte der Bezirk 2015 schon 1.280 auf den Weg, mehr als eine Verdopplung innerhalb von zwei Jahren. Und die neuen Wohnungen werden gebraucht, denn nach verschiedenen Studien und nach Schätzungen von Baustadtrat Christian Gräff könnte Marzahn-Hellersdorf in den nächsten 15 Jahren um rund 22.000 Einwohner wachsen. 

Diese Prognose sorgte dafür, dass der lange darnieder liegende Geschosswohnungsbau am Stadtrand aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Wurden noch bis 2014 gerade einmal zehn Prozent der Genehmigungen für mehrgeschossige Wohngebäude erteilt, so liegt dieser Anteil inzwischen bei rund 50 Prozent. Das individuelle Eigenheim steht nicht mehr so unangefochten im Vordergrund. 

Für diesen Paradigmenwechsel gibt es vor allem einen Grund: Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften haben den Stadtrand als Ort für neue Projekte wiederentdeckt. Ein Beispiel dafür ist das Vorhaben der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft am Gut Alt-Biesdorf. Dort ist eine Anlage mit rund 480 Neubauwohnungen geplant. Noch in der zweiten Jahreshälfte 2016 soll der Startschuss fallen. Schon Mitte 2017 können nach der Planung der Gesellschaft die ersten Mieter einziehen. 

Für 30 Prozent der Wohnungen wird es eine öffentliche Förderung geben. Das sorgt für eine anfängliche Nettokaltmiete von 6,50 Euro pro Quadratmeter. Für die frei finanzierten Neubauwohnungen soll sich nach Angaben der Stadt und Land eine Kostenmiete von 9,50 Euro pro Quadratmeter errechnen. Voraussichtlich bis 2019 drehen sich am Gut Alt-Biesdorf die Betonmischer. 

Kaltmieten von 5,25 Euro pro Quadratmeter im Bestand

Für die Wohnbauten-Gesellschaft ist dieses Projekt nicht das einzige in Marzahn-Hellersdorf. Vor kurzem wurden 287 Mietwohnungen an den Gärten der Welt, Grundsteinlegung war im Dezember 2015, schlüsselfertig angekauft. Bauträger ist die KW-Development GmbH. „Jetzt starten wir hier eine Neubauoffensive“, sagte Stadt und Land-Geschäftsführer Ingo Malter mit Blick auf die beiden Vorhaben. 

An der Louis-Lewin-Straße in Hellersdorf  plant das Unternehmen überdies Geschossneubau mit rund 130 Wohnungen. Die steigende Nachfrage, so die Prognose, werde über Jahre anhalten. Neben dem schon länger anwachsenden Zuzug in die Stadt „verstärkt die Zuwanderung durch Flüchtlinge den Druck auf den Wohnungsmarkt“, heißt es weiter. 

Die Stadt und Land ist schwerpunktmäßig im Ortsteil Hellersdorf mit 14.786 Wohneinheiten vertreten, in Marzahn kommen 512 hinzu. In den letzten zwölf Jahren konnte der Leerstand in den Plattenbauten fast vollständig abgebaut werden. Er liegt in Hellersdorf jetzt bei 1,6 Prozent, eine durch Umzüge bedingte Quote, bei der allgemein von Vollvermietung gesprochen werden kann. 

Attraktiv sind ohne Zweifel auch die durchschnittlichen Nettokaltmieten von 5,25 Euro pro Quadratmeter im Bestand. Da hält es auch junge Leute, die früher nach der Schule in die Innenstadt gezogen wären, am alten Wohnort. Zu den günstigen Mieten kommt das grüne Umfeld. Die Stadt und Land hat ihren Häusern mit modernisierten Fassaden, Aufzügen und Balkonen zudem ein schmuckes Outfit verpasst. 

Wer wohnt nun in Hellersdorf? Da setzt das kommunale Unternehmen auf Vielfalt. „Als dauerhafte Bestandshalter sind wir daran interessiert, gemischte Quartiere zu haben“, erläutert Sprecherin Anja Libramm, „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich stabile Quartiere ergeben, wenn eine gute Mischung aller Einkommensgruppen Familien, Lebensformen und Kulturen vorhanden ist.“ 

Dicht, aber nicht zu eng sollen die Quartiere werden

Für interessierte Neuzuzügler kann Marzahn-Hellersdorf bis 2030 nach derzeitigem Stand ein Potential von rund 8.300 Neubauwohnungen anbieten, davon etwa 2.700 in den kleinteilig besiedelten Ortsteilen Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf. Der Rest verteilt sich auf die Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf. Dabei sollen die Wohnquartiere aber nicht aus den Nähten platzen. Stadtrat Gräff verspricht, „dass eine verträgliche städtebauliche Dichte auch zukünftig planungsrechtlich sichergestellt wird“. 

Neben Stadt und Land macht auch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo bald ihrem Namen wieder alle Ehre. Ende August 2016 soll das Vorhaben Joachim-Ringelnatz-Siedlung Süd an der Cecilienstraße mit 299 Wohnungen an den Start gehen. Ebenfalls noch dieses Jahr beginnt der Bau von 126 Wohnungen in der Marchwitzastraße 1-3 an der Märkischen Spitze. Für ein Drittel dieser Bleiben gibt das Land Fördermittel, damit die Mieten nicht über 6,50 Euro pro Quadratmeter nettokalt steigen.

Das Projekt in der Ringelnatz-Siedlung ist speziell für Paare und Familien gedacht. Die geplanten Parkflächen und die begrünten Dächer betonen den naturverbundenen Charakter. Im Sommer 2018 soll die Vermietung beginnen. An Bewerbern dürfte kein Mangel sein. Degewo-Sprecher Lutz Ackermann: „Wir haben eine konstant hohe Nachfrage nach Wohnraum aller Art.“ Die rund 18.000 Wohnungen der Gesellschaft in Marzahn sind nach langen Jahren mit hohem Leerstand inzwischen voll vermietet. Ein Grund mehr, den Neubaumotor wieder anzuschmeißen.

 

0 Kommentare

Neuester Kommentar