Wissen : Ein Kämpfer gegen Aids

Der Berliner Tropenmediziner Ulrich Bienzle ist tot

Justin Westhoff

Wer ihn persönlich nicht gut gekannt hat, dem sind seine internationalen Verdienste für die Forschung vielleicht nicht klar. Zu groß die Bescheidenheit, zu leise die Töne. Professor Ulrich Bienzle, Leiter des Berliner Instituts für Tropenmedizin, ist tot. Nach dem Medizinstudium an mehreren Universitäten ging er nach Nigeria, arbeitete zwei Jahre in einem Missionshospital, zwei Jahre an einem wissenschaftlichen Institut. Es folgten die Ausbildung zum Kinderarzt, in Liverpool das Diplom in Tropenmedizin und in Hamburg die Assistenzzeit am Bernhard-Nocht-Institut.

Anfang der achtziger Jahre übernahm der Schwabe die damals nicht sehr bedeutende Landesimpfanstalt mit tropenmedizinischer Beratungsstelle in Berlin. Es war ein mühsamer Kampf, daraus ein renommiertes Tropeninstitut mit universitärer Anbindung und weltweitem Renommee zu gestalten. Und es war die Zeit, zu der Robert Gallo in den USA und Luc Montagnier in Paris noch an der Suche nach dem Aids-Erreger arbeiteten, als Ulrich Bienzle von Berlin aus bereits mehrere tropenmedizinische Institute kontaktiert hatte, um ihnen zu sagen, sie sollten auf bestimmte Krankheitsanzeichen bei Homosexuellen achten, denn da komme „etwas Neues auf uns zu“.

Seine Offenheit machte es ihm leicht, Aids-Forschung zu betreiben und erste Patienten zu betreuen, beim Aufbau von Selbsthilfegruppen zu helfen, die Aufklärung anzuschieben und vor allem zusammen mit dem Senat die „Berliner Linie“ zu entwickeln, die sich gegen Widerstände bundesweit durchsetzte: Nur mit Forschung einerseits und andererseits Toleranz statt Ausgrenzung war der Erfolg im „Kampf gegen Aids“ möglich.

Das Hauptinteresse des Tropenmediziners aber galt der Malaria, zu der er nicht nur Arbeiten publizierte, die international als Referenz galten. Vor allem fuhr er immer wieder zu längeren Arbeitsaufenthalten in sein geliebtes Afrika. Auch der von ihm ins Leben gerufene Masterstudiengang International Health war ein wichtiger Beitrag zur internationalen Tropenmedizin. In Westafrika zog er sich eine schwere Hepatitis zu; 1989 musste ihm eine neue Leber eingepflanzt werden. Mit seinem Operateur, Peter Neuhaus, forschte er seither auch über Impfungen bei Transplantationspatienten.

Seine Mitarbeiter erinnern sich an einen Chef mit immer neuen Ideen, die er oft nebenbei äußerte – „Doktor, das ist interessant, machen Sie mal ein Forschungskonzept“. Es sei dann allerdings angeraten gewesen, so etwas auch rasch umzusetzen. Die daraus entstandenen Publikationen und medizinischen Fortschritte sind kaum zu zählen, und mehrere Professoren sowie Dutzende Doktoranden hat das Berliner Tropeninstitut hervorgebracht. Immer währende Neugier trieb ihn; was Bienzle hingegen nicht interessierte, waren Macht und das große Geldverdienen. Vielmehr wurde neben seinem umfassenden Wissen sein menschliches Engagement gelobt. Wohl nicht zuletzt dafür erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Ulrich Bienzles Leben begann bereits ungewöhnlich. Seine schwäbisch-evangelischen Vorfahren, die der „Tempelgesellschaft“ angehörten, hatte es ins „Heilige Land“ gezogen. So kam der Junge in Jerusalem zur Welt. Mitglied seiner Kirche blieb er, wenn auch nicht sonderlich aktiv. Kennzeichnend für ihn waren Weltoffenheit und feiner Humor. Und das Interesse an der Natur war früh ausgeprägt. Sein Biologielehrer erinnert sich an Eifer bei Experimenten. Schüler-Expeditionen in die Falkensteiner Höhle sollen der Grundstein für seine lebenslange „bubenhafte Begeisterungsfähigkeit“ gewesen sein. Letztere ging weit über ein medizinisches Fachgebiet hinaus. Erst mit 67 Jahren ging er 2006 als Institutsleiter in Pension, arbeitete dort aber weiter. Ulrich Bienzle starb nach kurzem Leiden am Montag, den 17. März. Justin Westhoff

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