Hanf als Heilpflanze : Hilft Cannabis wirklich gegen Krankheiten?

Cannabis soll gegen Schmerzen und vieles mehr helfen, seit einem halben Jahr können Ärzte in Deutschland es verordnen. Doch die Wirkung bleibt umstritten.

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Ins Kraut geschossen. Die Nachfrage nach Cannabis für Medikamente wächst.
Ins Kraut geschossen. Die Nachfrage nach Cannabis für Medikamente wächst.Foto: Jim Hollander/dpa

Seit gut einem halben Jahr können Deutschlands Ärzte und Ärztinnen inzwischen Cannabisblüten und Extrakte aus Cannabis verordnen. Auf einem Betäubungsmittel-Rezept. Patienten, die Hoffnung auf diese Cannabis-Produkte setzen, müssen nun nicht mehr wie früher bei der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Ausnahmeerlaubnis beantragen, um sie in der Apotheke kaufen zu können.

Aber wirken die Inhaltsstoffe der Cannabis-Pflanze auch ausreichend, wenn es darum geht, Krankheitssymptome zu lindern? Die Bilanz, die Winfried Häuser jetzt im Deutschen Ärzteblatt zieht, fällt recht ernüchternd aus. Von 750 einschlägigen Veröffentlichungen zum Thema in medizinischen Fachzeitschriften, die zwischen 2007 und Anfang 2017 erschienen sind, erfüllten nur elf die Anforderungen an gute klinische Studien, schreibt der Ärztliche Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik an der Klinik für Innere Medizin des Klinikums Saarbrücken. Häuser und Kollegen fanden keine ausreichenden Belege dafür, dass Arzneimittel auf der Basis von Cannabis gegen Schmerzen von Krebs- und Rheumapatienten und gegen Beschwerden des Verdauungstrakts helfen.

Regt Cannabis bei einem Tumorleiden den Appetit an?

Auch dafür, dass Cannabis bei Schwerkranken mit Aids oder einem Tumorleiden den Appetit anregt, gibt es keine soliden Beweise in den wissenschaftlichen Publikationen. Und das trotz der Erfahrung von Freizeit-Konsumenten, dass Kiffen hungrig macht. Doch was bei Gesunden funktioniert, muss bei Schwerkranken nicht zwingend ebenfalls eine nennenswerte Wirkung zeigen. Cannabishaltige Kapseln gegen Übelkeit und Erbrechen während einer Krebsbehandlung, denen anderweitig nicht beizukommen ist, sind zwar seit Kurzem auf dem Markt. Doch noch steht die Bewertung des Zusatznutzens gegenüber gängigen anderen Mitteln durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) aus.

Die Gesetzesänderung hat immerhin dazu geführt, dass Patienten, die sich von Cannabis sativa Linderung von Krankheitssymptomen oder gar Heilung versprechen, die Hanfpflanze nicht mehr auf dem heimischen Balkon anpflanzen oder sich anderweitig auf eigene Faust mit den Blüten eindecken müssen. Damit wird das Risiko einer ungenauen Dosierung verringert, denn die Konzentration der Inhaltsstoffe Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), die für die Wirkung verantwortlich sind, schwankt erheblich. Die Produkte aus der Apotheke sollen nun definierte THC/CBD-Gehalte haben – im Rahmen der bei Naturprodukten üblichen Schwankungen. Außerdem erheben die behandelnden Ärzte Daten über Wirkungen und Nebenwirkungen, die in anonymisierter Form beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gesammelt und ausgewertet werden sollen.

Die Behandlung mit Cannabis ist durch die neuen gesetzlichen Vorgaben für Blüten und Extrakte also ein Stück normaler und sicherer geworden. Zudem wurde in diesem Jahr ein zweites Fertigarzneimittel mit Extrakten aus der Pflanze auf den deutschen Markt gebracht. Und die Nachfrage wächst.

Auch Kopfschmerzpatienten fordern eine Verordnung ein

Als pflanzliches, natürliches Heilmittel hat der Hanf schon länger ein recht gutes Image. Seit der Gesetzesänderung sei Cannabis nun als Schmerzmittel en vogue, berichtet die Neurologin Stefanie Förderreuther, Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). „Die intensive Medienberichterstattung hat dazu geführt, dass zum Teil auch Kopfschmerzpatienten eine Verordnung vehement einfordern“, so die Oberärztin an der Neurologie des Uniklinikums in München. Anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses in Mannheim warnte sie kürzlich jedoch vor der übereilten Verordnung von Cannabis bei Kopfschmerzen und Migräne. Noch sei die Beweislage dafür zu dürftig. „Wir brauchen Studien, die beweisen, dass eines oder verschiedene Cannabinoide in der Behandlung von definierten Kopfschmerzsyndromen nicht nur wirksam, sondern vor allem auch sicher sind.“

Im Unterschied zu den für Kopfschmerz zugelassenen Substanzen fehlten zu cannabishaltiger Medizin nämlich noch Untersuchungen, in denen der Medizinalhanf in einer bestimmten, gleichbleibenden Dosierung mit Scheinpräparaten verglichen wird – und das im Einsatz gegen genau beschriebene Krankheitsbilder. Der Neurologin bereiten zudem mögliche Nebenwirkungen wie Verwirrtheit oder erhöhte Gefahr für die Entwicklung einer Psychose Kopfzerbrechen, denen man ebenfalls nur durch Studien auf die Schliche kommen kann.

Ein Mundspray gegen Muskelverkrampfungen bei MS

Alltagsrelevant kann auch die alte Frage werden, wie Cannabis und Straßenverkehr sich vertragen. „Insbesondere zu Beginn der Therapie sowie in der Findungsphase für die richtige Dosierung ist von einer aktiven Teilnahme am Straßenverkehr abzuraten“, schreibt dazu das BfArM in einer Information für behandelnde Ärzte.

In Deutschland bereits zugelassen ist ein Mundspray gegen Muskelverkrampfungen bei Multipler Sklerose (MS), das THC und CBD enthält. Ärzte dürfen es ihren Patienten unter zwei Bedingungen verordnen: Wenn sie nicht angemessen auf andere einschlägige Arzneimittel angesprochen haben und wenn sich in einem kurzen Therapieversuch gezeigt hat, dass die Spastiken sich bei ihnen deutlich verringern. Der G-BA hat dem Präparat im Jahr 2012 einen „geringen Zusatznutzen“ attestiert. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hatte zuvor allerdings moniert, der Hersteller habe die Auflagen hinsichtlich der Vergleichstherapie in den eingereichten Unterlagen nicht erfüllt.

Das Cannabis-Spray könnte in Zukunft aber durchaus noch für die Behandlung anderer Krankheiten interessant werden. Die Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, setzt es inzwischen im Rahmen von Studien auch zur Behandlung des Tourette-Syndroms ein. Zwei kleine Pilotstudien haben nämlich Hinweise darauf ergeben, dass es gegen die bei diesem neurologischen Krankheitsbild gefürchteten Tics wirkt – plötzliche, unkontrollierte Bewegungen oder Lautäußerungen. „Einige unserer Patienten, die vor Jahren wegen dieser Symptome die Schule abbrechen mussten, machen nun Abitur“, berichtet die Psychiaterin.

Cannabisbasierte Medikamente gegen ADHS

Im nächsten Jahr will die Arbeitsgruppe aus Hannover voraussichtlich vier Studien bei Tourette-Syndrom und zwei Studien bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) mit verschiedenen Cannabis-basierten Medikamenten starten. Bei Erwachsenen, versteht sich. „Cannabis ist kein Wundermedikament, das für oder gegen alles wirksam wäre“, sagt Müller-Vahl. „Es ist aber eine Erweiterung des therapeutischen Spektrums für einige schwerkranke Patienten, bei denen andere Medikamente nicht verfügbar, nicht wirksam oder nicht verträglich sind.“

Internist Häuser bleibt indes skeptisch. Die öffentliche Wahrnehmung der Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabis-Produkten in der Schmerz- und Palliativmedizin stimme nicht mit den Ergebnissen von systematischen Übersichtsarbeiten und prospektiven Beobachtungsstudien nach den Standards evidenzbasierter Medizin überein.

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