Wissen : „Jetzt auch wieder Zeithistoriker“ AntisemitismusforscherWolfgang Benz wird 70

von
Foto: Ulrich Dahl/TU Pressestelle
Foto: Ulrich Dahl/TU Pressestelle

Soeben ist sein neues Buch über „Antisemitismus und Islamkritik“ erschienen. Im September erscheint „Deutsche Juden im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts“. Und er sitzt am vierten Band des „Handbuch des Antisemitismus“. Wenn Wolfgang Benz kurz vor seinem 70. Geburtstag am heutigen Donnerstag über die Bilanz seines Lebens als Professor und Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin spricht, sprüht er vor frischem Forscherdrang. Gleich nach dem Gespräch will er aufbrechen zum ehemaligen Führungsbunker der Nationalen Volksarmee im brandenburgischen Harnekop bei Strausberg, um für sein neues Projekt über die Musealisierung der DDR zu recherchieren.

„Ich bin jetzt auch wieder Zeithistoriker, der sich der Geschichte der DDR widmet“, sagt Benz, ganz der rastlose Emeritus. Er kam vor gut 20 Jahren vom Institut für Zeitgeschichte in München, um am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) die Nachfolge des Gründungsdirektors Herbert A. Strauss anzutreten. Seitdem hatte sich Benz der Erforschung der Judenfeindschaft, aber auch der allgemeinen Vorurteilsforschung gewidmet. Zu den zahllosen Werken, die Benz zu verdanken sind, gehört „Dimensionen des Völkermords“. Darin beziffert er die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus auf 5,3 bis sechs Millionen Menschen.

Die unter Strauss begonnenen Projekte zur Verfolgung von Sinti und Roma und Homosexueller hat er um den Aspekt der Islamfeindschaft erweitert. Das brachte ihm den Vorwurf vehementer Islamkritiker ein, den Holocaust im Vergleich zu verharmlosen. Ein Vorwurf, den Benz mit seinem neuen Buch erneut zurückweist. Eindrucksvoll tat Benz dies schon bei seiner Abschiedsvorlesung im vergangenen Oktober: Die Bedeutung der Juden und der Judenfeindschaft werde nicht gemindert, wenn sich die Antisemitismusforschung anderer Minderheiten annehme.

Es war eine Emeritierung auf Raten. Denn noch Monate später leitete Benz die Geschäfte im ZfA. Im Juli aber übernimmt auch offiziell seine Nachfolgerin Stefanie Schüler-Springorum das Ruder im achten und neunten Stock des Telefunken-Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz. Das Zentrum hinterlässt Benz ihr „in territorial und personell gutem Zustand“. Er hat beharrlich die Zahl der Mitarbeiter ausgebaut, mit einigen festen Stellen und vielen drittmittelfinanzierten, und er hat für die Antisemitismusforschung großen Raum an der TU erkämpft – messbar auch im dazugewonnenen achten Stockwerk. Eine beachtliche Leistung an einer Technischen Universität, die sich in den vergangenen Jahren von ihrem Gründungsauftrag aus dem Jahr 1946 nicht nur aus Benz’ Sicht weitgehend verabschiedet hat.

Nach der Verstrickung der Wissenschaft in die Verbrechen des Nationalsozialismus verpflichtete sich die TU zu einer den ganzen Menschen erfassenden universalen Bildung der Studierenden, Geistes- und Sozialwissenschaften sollten ein integraler Bestandteil ihres wissenschaftlichen Profils sein. Mitansehen zu müssen, wie sich die TU Berlin „zur Technischen Hochschule zurückentwickelt“ sei bitter für ihn, sagt Benz. Amory Burchard