Lernerfolg in der Schule : Auf den Lehrer kommt es an

Warum klare Ansagen, solides Fachwissen und Respekt für den Lernerfolg von Schülern wichtiger sind als kleine Klassen. Bildungsforscher diskutierten in Berlin die Thesen ihres neuseeländischen Kollegen John Hattie.

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Zugewandt. Feedback und Instruktionen der Lehrerin wirken sich dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie zufolge stark auf den Lernerfolg aus. Foto: dpa
Zugewandt. Feedback und Instruktionen der Lehrerin wirken sich dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie zufolge stark auf...Foto: dpa

Für den Schüler Markus war die Sache klar: Unterricht ist dann gut, wenn sich mit minimalem Aufwand die maximale Note erreichen lässt. Zu seinem Geschichtslehrer habe er gesagt: Egal was der Lehrer anstelle, Geschichte interessiere ihn nicht die Bohne. Was er tun müsse, um einfach nur zu bestehen? Die Antwort des Lehrers: nicht stören und die Klausur mit der Mindestpunktzahl abschließen. Markus war zufrieden. Für ihn war dieser Lehrer ein guter Lehrer.

„Und ich stimme ihm da zu“, sagt Hilbert Meyer. Der emeritierte Professor für Schulpädagogik an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg begründet auch, wieso: „Dieser Lehrer hat mit dem Zwölftklässler ein Arbeitsbündnis geschlossen. Und zwar ein belastbares – beide Seiten können sich darauf berufen.“ Mit dieser Anekdote hat Meyer am späten Montagnachmittag einmal mehr die Lacher des Publikums auf seiner Seite. So launig lässt sich über die Qualität von Schule diskutieren.

Was ist ein guter Lehrer? Diese Frage lockt auch in der letzten Ferienwoche zahlreiche Zuhörer in den Henry-Ford-Bau der Freien Universität: Das Audimax ist zu etwa zwei Dritteln besetzt. Zum Auftakt der von der Cornelsen-Stiftung erstmals veranstalteten Sommeruniversität für Lehrer steht eine Diskussion auf dem Programm: Hilbert Meyer und Olaf Köller, Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Uni Kiel, diskutieren die Thesen des Bildungsforschers John Hattie. Und wenn zurzeit irgendwo Hattie draufsteht, kommen sie alle.

Hattie wertete 800 Studien zur Unterrichtsqualität aus

John Hattie ist der aktuelle Superstar der internationalen Bildungsforschung. Der Neuseeländer, der an der Universität Melbourne forscht und lehrt, hat eine beispiellose Fleißaufgabe bewältigt: 15 Jahre lang werteten er und seine Mitarbeiter sämtliche englischsprachigen Metaanalysen zur Unterrichtsqualität aus, mehr als 800 Studien, denen mehr als 50 000 quantitative Einzeluntersuchungen zugrunde liegen. Im Frühjahr 2013 erschienen Hatties Ergebnisse unter dem Titel „Lernen sichtbar machen“ auch auf Deutsch als Buch.

Der Kern von Hatties Erkenntnissen: Das Wichtigste für den Lernerfolg der Schüler ist die Lehrkraft. Was auf den ersten Blick banal klingt, birgt bildungspolitische Sprengkraft – vor allem wenn man den Blick darauf lenkt, welche Faktoren Hatties Analysen zufolge wenig zum Lernerfolg beitragen: kleine Klassen, jahrgangsgemischtes Lernen, offener Unterricht. Das alles hat kaum Auswirkungen auf das Lernen, ebenso wenig wie die finanzielle Ausstattung der Schulen, fand Hattie heraus. Starke Effekte haben dagegen Feedback, direkte Instruktionen (also der geschmähte Frontalunterricht), konsequente Klassenführung und regelmäßige Leistungsüberprüfungen. Insgesamt hat Hattie 138 Einflussgrößen ausgewertet.

Wird nur untersucht, was leicht zu messen ist?

Auf den Lehrer kommt es also an. Diese Kernthese Hatties ist auch für Olaf Köller und Hilbert Meyer der gemeinsame Nenner. Doch der empirische Bildungsforscher Köller und der Bildungstheoretiker Meyer ziehen unterschiedliche Konsequenzen aus den Ergebnissen des Neuseeländers. So reduziert Köller die Erfolgsfaktoren aus Hatties Analyse auf drei zentrale Dimensionen, die für ihn guten Unterricht ausmachen: effiziente Klassenführung, kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung der Schüler durch Lehrerin oder Lehrer. Die wichtigste Voraussetzung sei das Fachwissen der Lehrkraft, sagt Köller. „Das ist doch eigentlich logisch. Von einem Arzt mit hohem Fachwissen erwarten wir doch auch, dass er uns besser operiert.“ Statt von einer „Lehrerpersönlichkeit“ spricht Köller von „Professionsmerkmalen“, die sich identifizieren und quantifizieren lassen.

Meyer dagegen provoziert: „Untersuchen die empirischen Bildungsforscher vielleicht einfach nur das, was leicht zu messen ist, ohne dabei wirklich der Frage auf den Grund zu gehen, was guten Unterricht und einen guten Pädagogen tatsächlich ausmacht?“ Der 71-Jährige, der Generationen von Lehrkräften ausgebildet hat, skizziert ein Modell mit zehn Bausteinen, mit dem er die Fähigkeiten eines guten Lehrers beschreibt. Dazu gehört für ihn unter anderem Selbstvertrauen, Respekt den Schülern gegenüber, eine demokratische Kultur im Klassenraum, ein Mix aus pädagogischen Methoden und Fachkompetenz. Empirische Studien seien nicht unbedingt hilfreich bei der Beantwortung der Frage, wie Bildungsprozesse ablaufen.

Köller bleibt kritisch. Sicher gebe es Faktoren, die leichter zu erfassen sind als andere. Aber prinzipiell sei alles messbar. „Was nicht messbar ist, das gibt es nicht“, sagt er. Am Ende aber sind sich der Empiriker und der Bildungstheoretiker einig, dass eine entscheidende Frage noch zu lösen bleibt: Wie kommen all die neuen Erkenntnisse – empirische wie theoretische – in die Schulen? Wie also wird aus gut Erforschtem schließlich auch guter Unterricht?

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