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Prozess um Attacke in Lichtenberg : Bis zu sechs Jahre Haft für U-Bahn-Schläger

Es war ein brutaler Angriff: Grundlos attackierten vier Jugendliche zwei Männer in der U-Bahn und traten einen fast zu Tode. Die Jugendrichter verurteilten sie nun wegen versuchten Mordes.

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Foto: Polizei
04.07.2011 15:53Von dem Überfall gibt es Videobilder.

Die vier U-Bahn-Schläger von Lichtenberg nahmen das deutliche Urteil regungslos auf: Ein Jugendgericht sprach sie des versuchten Mordes schuldig. Der 18-jährige Kenianer Jefeth W. erhielt sechs Jahre Haft, der Deutsch-Iraker Nazeh S. (17) fünf Jahre und sechs Monate, der Kosovare Etrit C. (18) vier Jahre und neun Monate, ein 15-jährigen Bosnier vier Jahre Freiheitsstrafe. Die Täter griffen aus Sicht der Richter „aus purer Lust an der Gewalt“ zwei Malergesellen an und traten einen der Männer fast zu Tode. Anders als die Staatsanwaltschaft sah das Gericht aber keinen Nachweis für eine Tat aus „Hass gegen Deutsche“.
Einen Monat dauerte der Prozess, der zum Schutz der jugendlichen Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit lief. Die Schüler hatten ihre Beteiligung an der Prügelorgie am 11. Februar zugegeben, Tötungsvorsatz aber bestritten. Sie hätten auch nicht aus „Deutschenfeindlichkeit“ gehandelt. Drei der Jugendlichen hofften auf eine Bewährungsstrafe. Nur für Jefeth W., der sich auch für zwei weitere Angriffe vor dem Gewaltexzess und einen in der Untersuchungshaft verantworten musste, hatte seine Anwältin maximal fünf Jahre Haft gefordert. Alle Verteidiger plädierten auf einen Schuldspruch wegen gefährlicher Körperverletzung. Einige kündigten bereits Rechtsmittel an. Die Staatsanwaltschaft hatte Strafen von sechs bis knapp acht Jahren verlangt.
Die Bilder des Gewaltexzesses hatten bundesweit Entsetzen ausgelöst. Überwachungskameras hatten die brutalen Szenen aufgezeichnet. Es gab erst einen kurzen Wortwechsel. Plötzlich droschen die Jugendlichen los. Der 30-jährige Marcel R. ging zu Boden. Weitere Tritte trafen ihn gegen Kopf und Oberkörper. Er konnte sich zur Treppe schleppen. Sie stießen ihn hinunter. Anschließend jagten sie das zweite Opfer. Steffen O. war bereits auf der Straße, als die Täter ihn erreichten. Sie schlugen ihn, bis ein Mann, couragiert und kräftig, eingriff und lautstark verlangte: „Lasst ihn in Ruhe!“
Marcel R. war Zeuge und Nebenkläger im Prozess. Zur Verhandlung kam er nur an jenem Tag, als er aussagen sollte. Die Schläger sahen die lange Narbe an seinem Hinterkopf, sollen aber keine Reue gezeigt haben. Marcel R. fiel der Gang ins Gericht schwer. Vier Wochen lang hatte er mit schwersten Kopfverletzungen im Koma gelegen, nur mit Glück hatte er überlebt. Nach drei Monaten in Kliniken konnte er wieder laufen und sprechen. Mit den psychischen Folgen aber werde er noch lange zu kämpfen haben, sagte sein Anwalt. Die Verurteilung mit einem Schuldspruch wegen Mordversuchs sei Marcel R. wichtig gewesen.
Die Schüler aus Lichtenberg suchten Streit. Sie waren angetrunken, provozierten Passanten. Die beiden Malergesellen, die nach einem Feierabendbier auf dem Heimweg waren, reagierten. Es gab einen Wortwechsel, wohl auch ein Schubsen. Der Angriff aber, so urteilten die Richter, blieb „grundlos, ohne nachvollziehbaren Anlass“. Sie gingen von niedrigen Beweggründen als Mordmerkmal aus. So sah es auch die Anklage. Das Gericht folgte der Einschätzung des Staatsanwalts jedoch nicht, dass „Hass gegen Deutsche“ ein Tatmotiv gewesen sei. Der Verdacht stützte sich auf eine Aussage Marcel R.s, dessen Erinnerung an die Tat aufgrund der erlittenen Kopfverletzungen bruchstückhaft ist.
Als das Urteil gegen die Täter gesprochen wurde, verließ eine der Mütter weinend den Saal. Die Mutter eines weiteren Täters brach zusammen, als die Strafen verkündet wurden. Warum die Schüler mit Migrationshintergrund an jenem Abend in einen derartigen Gewaltrausch geraten waren, blieb ungeklärt. Alkohol war zwar im Spiel, der aber führte nur im Falle des jüngsten Angeklagten zu einer verminderten Schuldfähigkeit.
Gewalt im öffentlichen Nahverkehr beschäftigt im Berlin immer wieder Polizei und Justiz. Bei dem bisher schlimmsten Vorfall starb im September ein junger Italiener, als er auf der Flucht vor U-Bahn- Schlägern auf dem Kaiserdamm vor ein Auto lief. Ein Verdächtiger sitzt in Untersuchungshaft. Anklage sei noch nicht erhoben worden, sagte am Mittwoch ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Drei der Lichtenberger U-Bahn-Schläger bleiben weiter in Untersuchungshaft. Der 15-Jährige ist frei. „Das Urteil ist sehr hart“, sagte einer der Verteidiger. Für einen anderen U-Bahnprügler war im September die Strafe niedriger ausgefallen. Der 18-jährige Torben P., der auf dem Bahnhof Friedrichstraße einem Handwerker mehrfach gegen den Kopf getreten hatte, wurde wegen versuchten Totschlags zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Der Gymnasiast war zum Tatzeitpunkt betrunken. Die Folgen für das Opfer waren nicht so gravierend wie im Falle des Angriffs auf dem U-Bahnhof Lichtenberg. Auch in der Verhandlung gegen P. blieb das Tatmotiv im Dunkeln.

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