Schule : Ohne Härte geht es nicht

Wie Schüler aus dem Weddinger Brunnenviertel über Integrationspolitik denken

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Wie viel Zwang braucht Integration? Viel – weil es ohne nicht geht. Das ist die Antwort, die Oberstufenschüler aus dem Weddinger Brunnenviertel geben, nachdem sie sich mehrere Monate lang mit der Frage beschäftigt haben, wie Integration gelingen kann und warum es dabei immer wieder so große Probleme gibt.

Die beteiligten Schüler der neunten, zehnten und elften Klassen wissen, wovon sie sprechen. Sie besuchen im Wedding Schulen, an denen mehr als 80 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien kommen: die Ernst-Reuter-Oberschule, das Diesterweg-Gymnasium und die Willy-Brandt-Oberschule.

In der Regel verbringen Politiker, Sozialarbeiter, Soziologen und auch Journalisten viel Zeit damit, über diese Jugendlichen zu sprechen statt mit ihnen. Das Projekt „Integration durch Bildung“ des Bildungsverbunds Brunnenviertel will das ändern und den Jugendlichen im Wahljahr 2011 selbst eine Stimme geben. Am Freitag stellten die Schüler ihre in Arbeitsgruppen, einem Grund- und einem Leistungskurs erarbeiteten Thesen vor – und diskutierten diese mit den beiden ehemaligen Regierenden Bürgermeistern Walter Momper (SPD) und Eberhard Diepgen (CDU) sowie der Grünen-Landesvorsitzenden Bettina Jarasch. Moderiert wurde die Debatte vor 200 Zuhörern von Gerd Nowakowski, Leitender Redakteur des Tagesspiegels.

„Wir, die hier sitzen, werden hier im Wedding unser Abitur machen“, sagte Ibrahim Atriss, 17, Schüler der Ernst-Reuter-Schule. „Aber wir würden unsere Kinder nicht auf die Schulen schicken, die wir selbst besuchen.“ Mancher Zuhörer musste schon ein bisschen schlucken, welche Lösungen die Jugendlichen vorschlugen, um die Probleme ihrer eigenen Schülergruppe zu lösen: Lehrer sollten autoritärer sein, Schwänzen sollte am besten mit Kindergeldentzug bestraft werden. Die Justiz müsste kriminelle Jugendliche schneller und härter bestrafen und schließlich, weil Deutschkenntnisse den Schülern zufolge entscheidend für alles Weitere sind, sollte nicht nur der Kindergartenbesuch Pflicht werden – sondern auch die Eltern müssten dazu verpflichtet werden, Deutsch zu lernen. „Wenn der Vater kein Deutsch spricht, spricht die ganze Familie kein Deutsch“, sagte der 18-jährige Souhaib Bassal, Schüler der Ernst-Reuter-Schule.

Mehr Härte, mehr Konsequenz, mehr Strenge: Das zog sich durch alle Thesen. Kritisch und selbstkritisch setzten sich die Schüler mit ihren Schulen, sich selbst und ihren Mitschülern auseinander. „Die meisten Schüler aus türkischen und arabischen Familien kommen mit der liberalen Haltung vieler Lehrer nicht klar“, sagte Souhaib. „Wir sind vom Elternhaus mehr Strenge gewohnt.“ Folglich, so das Fazit der Schüler, könne durch Disziplin gerade bei Schülern mit Migrationshintergrund mehr erreicht werden. Andererseits müsste aber auch der Unterricht interessanter gestaltet werden.

„Ich bin überrascht, welche Forderungen ihr stellt“, sagte Grünenpolitikerin Jarasch. Eberhard Diepgen sagte, er unterstütze die Forderung der Jugendlichen, Lehrer speziell auf den Umgang mit Schülern aus Einwandererfamilien vorzubereiten. Lehrer müssten den kulturellen Hintergrund der Schüler kennen – und auch Grundkenntnisse des Islam haben.

Kann Integration gelingen, wenn 80 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft sind? Und wie kann man eine bessere Schülermischung  erreichen? „Unsere Schulen liegen zwischen Mitte und Wedding“, sagte die 18 Jahre alte Deniz Ertogrul. „Aber trotzdem kommen keine deutschen Kinder aus Mitte.“ Ein Schüler aus dem Publikum fragte die Politiker auf dem Podium: „Wer von Ihnen würde seine Kinder oder Enkelkinder hier zur Schule schicken?“ Er mache es sich nicht so leicht, einfach „nein“ zu sagen, sagte Diepgen. Vielmehr komme es auf die Atmosphäre in der Schule an. Schulen müssten gerade in sozialen Brennpunkten besonders attraktiv gestaltet werden.

Die Schüler überzeugte das kaum. Die Reformen der vergangenen Jahre hätten nichts gebracht, sagte Souhaib und fiel wiederholt Walter Momper ins Wort, der sich gegen zu viel Zwang aussprach und für freiwillige Bemühungen der Zuwanderer warb. „Die Kurse müssen Pflicht sein“, beharrte der 18-Jährige. Eltern müssten notfalls sanktioniert werden: „Sonst bringt das alles gar nichts.“

Projektleiterin Ingke Brodersen war beeindruckt, wie selbstbewusst die Schüler ihre Forderungen vertraten. Das Projekt habe bei den Jugendlichen offenbar Bewusstsein geschaffen: „Wir können uns einmischen, und wir wollen das auch.“

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