Russland und der Informationskrieg : Wenn Fakten nicht mehr zählen

Im Ukraine-Krieg hat der Kampf um die öffentliche Meinung eine neue Dimension erreicht, in Moskau ist von einem "Informationskrieg" die Rede. Russland versucht, das Vertrauen in nachprüfbare Tatsachen auszuhöhlen. Ein Kommentar.

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Russlands Präsident Wladimir Putin sitzt im Studio des Staatssenders Russia Today.
Russlands Präsident Wladimir Putin im Studio des Staatssenders Russia Today.Foto: dpa/picture-alliance

Jeder Krieg ist heute auch ein Kampf um die öffentliche Meinung. Doch der Krieg in der Ukraine markiert eine Zeitenwende, Russland selbst spricht von einem „Informationskrieg“. Welche Dimension diese Auseinandersetzung annehmen und dass sie mitten in Europa geführt werden würde, hätte vor dem Ukraine-Konflikt kaum jemand für möglich gehalten.

Systematische Desinformation

Wer kann sich schon in einer demokratischen Gesellschaft vorstellen, wie intensiv ein zunehmend autoritärer Staat wie Russland Strukturen entwickelt, die einer systematischen Desinformation dienen sollen? Und wer hätte für möglich gehalten, dass diese Kampagne auch und gerade auf den Westen abzielt – und am Ende sogar auf fruchtbaren Boden fällt?

Dabei würde es reichen, einen Tag russisches Staatsfernsehen zu sehen, um einen ersten Eindruck von den Mechanismen dieser Kampagne zu erhalten. Anders als noch in der Sowjetunion geht es nicht mehr allein darum, den Westen – notfalls mithilfe frei erfundener Geschichten – in einem möglichst negativen Licht darzustellen und die Verdienste des eigenen Landes hervorzuheben. Die Medienberichte in Russland nach dem Abschuss des Flugzeuges MH17 über der Ukraine zeigen die neue Dimension des Informationskrieges. Das Flugzeug sei von ukrainischen Streitkräften abgeschossen worden, die es mit der Maschine von Russlands Präsident Wladimir Putin verwechselten, lautete eine Geschichte. Wenig später hieß es, ein ukrainischer Kampfjet habe das Passagierflugzeug verfolgt und gezielt beschossen. Die infamste aller in Russland kursierenden Geschichten über das tragische Ende von Flug MH17 aber lautete, alle Personen an Bord seien beim Absturz bereits tot gewesen – es habe sich um die Insassen einer früher verschwundenen Maschine von Malaysia Airlines gehandelt. Was auf den ersten Blick wie ein wirres Nebeneinander sich widersprechender Versionen klingt, hat in Wirklichkeit Methode. Dass Separatisten das Flugzeug abgeschossen haben, wofür eine Vielzahl von Indizien spricht, kann vor diesem Hintergrund nur noch als eine Theorie unter vielen erscheinen.

Echoraum der sozialen Medien und Onlinekommentare

Das Neue an der russischen Desinformationskampagne ist, dass sie den Glauben an die Existenz nachprüfbarer Fakten auszuhöhlen versucht. Diese Strategie wird im Echoraum der sozialen Medien und Onlinekommentare verstärkt. Hier treffen diejenigen, die tatsächlich im Auftrag des Kremls unterwegs sind, auf eine laute, aber kleine Minderheit in Deutschland, die der Politik und den Medien nicht mehr vertraut und sich in der Demokratie und der westlichen Wertegemeinschaft nicht zu Hause fühlt. Nur zu gern glaubt man in diesen Kreisen, dass in Kiew ein „faschistischer Putsch“ stattgefunden habe und in den deutschen Medien sowieso nur gelogen werde.

In Berlin herrscht eine gewisse Ratlosigkeit darüber, wie man dieser Kampagne begegnen kann. Das ist tatsächlich alles andere als einfach. Denn wer empfänglich für die Stereotypen der Propaganda ist, hat kein Interesse an Fakten, die seiner Meinung widersprechen. Ein erster wichtiger Schritt wäre, dass westliche Medien nicht selbst aus falsch verstandener Vorsicht aufhören, die Dinge beim Namen zu nennen.

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