• Reaktionen von Künstlern und Kultureinrichtungen auf den Anschlag: Abbrechen, weiterspielen und schweigen

Reaktionen von Künstlern und Kultureinrichtungen auf den Anschlag : Abbrechen, weiterspielen und schweigen

An vielen Bühnen gibt es Schweigeminuten, überall Solidaritätsbekundungen. Doch Auftritte werden auch abgebrochen. Die Schaubühne veranstaltet als Reaktion am kommenden Freitag eine Lesung.

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Das Konzerthaus Berlin am Abend. In den sozialen Medien reagiert es mit der Losung: "Wir sind Berlin. Frei, miteinander, offen."
Das Konzerthaus Berlin am Abend. In den sozialen Medien reagiert es mit der Losung: "Wir sind Berlin. Frei, miteinander, offen."Foto: David von Becker

Für Jan Böhmermann und Olli Schulz gab es nach den ersten Nachrichten vom Breitscheidplatz keine andere Wahl: Die Komiker brachen ihren Auftritt im Tempodrom ab. „Das ist drei Kilometer von hier passiert. Ich glaube, das ist einfach so scheiße gerade und wir können auch nicht die richtigen Worte dafür finden. Auf alle Fälle können wir jetzt nicht weiter hier gute Laune verbreiten und Party machen, wenn hier Menschen sterben“, sagte Schulz. Sein Partner Jan Böhmermann ergänzte unter dem Applaus des Publikums: „Kommt sicher nach Hause. Verbreitet keine Gerüchte und hört nicht auf die Arschgeigen, die dieses schreckliche Ereignis jetzt für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren. Das ist nämlich das Allerletzte.“

Vor einer ähnlichen Situation, weiter Spaß zu machen nach den Nachrichten von einem Anschlag, sah sich auch Oliver Kalkofe, der in unmittelbarer Nähe zum Geschehen im Theater am Kurfürstendamm auftrat. Er erfuhr es in der Pause, machte weiter und schrieb über seine Gefühle dabei in der Nacht noch einen Text auf Facebook. „So furchtbar es auch im Moment erscheint: Ich möchte meinen Glauben an den Sieg der Vernunft und der Menschlichkeit noch nicht komplett aufgeben“, schließt seine Selbstbefragung. Ku’damm-Bühnen-Chef Martin Woelffer führt den Spielbetrieb bewusst weiter: „Man darf sich im Wortsinne nicht terrorisieren lassen.“ Am Morgen nach dem Anschlag fand eine Kindervorstellung vor vollem Haus statt.

An vielen Bühnen gibt es Schweigeminuten

In der Komischen Oper lief gerade die Operette „Die Perlen der Cleopatra“ mit Dagmar Manzel, als die ersten Meldungen eingingen. Doch nur vereinzelte Besucher haben in der Pause danach gefragt, warum denn weitergespielt werde. „Abbruch wäre das falsche Zeichen gewesen“, erklärte Sprecherin Andrea Röber. Vor der Vorstellung am Dienstagabend lädt die Komische Oper zu einer Schweigeminute für die Opfer des Anschlags ein. Diese Form des Gedenkens gibt es an vielen Bühnen: An der Staatsoper wird vor dem Weihnachtskonzert mit dem Kinderchor der Staatsoper gemeinsam innegehalten. Ansonsten spreche das Programm des Abends für sich, sagte Sprecherin Victoria Dietrich.

Auch an der Deutschen Oper wird der Opfer gedacht, bei einer Schweigeminute mit Chor und Solisten auf der Bühne vor der Vorstellung von Tschaikowskis „Eugen Onegin“. Auch in der Philharmonie, wo Simon Rattle Wagner dirigiert, wird es vor der Musik Schweigen geben. Außerdem wolle das Haus die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen, erklärte Sprecherin Elisabeth Hilsdorf: „Mehr Sicherheitspersonal und mehr Taschenkontrollen. Außerdem wird noch verstärkter darauf geachtet, dass große Taschen und alle Mäntel an der Garderobe abgegeben werden.“

Die meisten Kultureinrichtigungen vertrauen auf ihre Sicherheitskonzepte

Die meisten Kultureinrichtungen der Stadt hatten ihre Sicherheitskonzepte schon nach den Anschlägen von Paris überprüft und erweitert. Daher sieht zum Beispiel das Konzerthaus, das sich von einer Sicherheitsfirma beraten lässt, aktuell keinen neuen Handlungsbedarf. Auf den sozialen Netzwerken verbreitet das Konzerthaus seine Haltung nach dem Anschlag: Das Bildmotiv zeigt das Portal das Hauses mit den Zeltdächern des Weihnachtsmarktes auf dem Gendarmenmarkt, auf denen Herrnhuter Sterne leuchten: „Wir sind Berlin“, heißt es – und darunter: „frei, miteinander, offen“. So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Reaktion auf den Anschlag das Leben beschrieben, „das wir in Deutschland leben wollen“. Allem zum Trotz.

Das Leben geht weiter, doch die Verunsicherung sitzt tief. Als Reaktion auf den Anschlag veranstaltet die Schaubühne am Freitag um 20 Uhr eine Lesung mit Thomas Ostermeier und Carolin Emcke, der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels.

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