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Schulkinder stehen vor einer Berliner Schule.

© picture alliance/dpa/Carsten Koall

Tagesspiegel Plus

Abschaffung des Probejahrs an Berliner Gymnasien: „Nicht auf die Schulform, sondern auf die Lehrkraft kommt es an“

Eine Lösung kann nur langfristig erreicht werden – mit mehr Budget und pädagogischen Reformen. Ein Gastbeitrag zur Debatte.

Von Wilfried Seiring

Ja oder nein zum Probejahr am Gymnasium? Eine Frage, die mein gesamtes Berufsleben begleitete, ein Thema vieler Tagungen und ein Anlass, ganz friedfertige Pädagogen oft streitend lebenslang zu trennen. Tatsächlich, eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung.

Vielleicht eine Klärungshilfe: Kein Schulsystem der Welt, auch Finnland oder China nicht, führt alle Schüler eines Jahrgangs zum Abitur – es wäre auch nicht wünschenswert. Und horribile dictu: Nicht alle Schüler eines Jahrgangs sind fähig, das Abitur zu bestehen, nicht alle erreichen den Mittleren Schulabschluss (MSA).

Eltern dürfen erwarten, dass ihr Kind in allen Dimensionen seiner Anlagen bestmöglich gefördert wird.

Wilfried Seiring

Eine humane Gesellschaft, nein, die Eltern zuerst, dürfen aber erwarten, dass ihr Liebstes, ihr Kind, ernst genommen wird, also in allen Dimensionen seiner Anlagen bestmöglich gefördert wird. Vorhandene Gesetze und Verordnungen versprechen genau dieses Ziel.

Und die Ausbildung aller Lehrerinnen und Lehrer ist unter anderem darauf gerichtet, die Begabungen eines Kindes zu erkennen und bestmöglich zu fördern – abholen, wo sie stehen, und das Ziel im Auge: selbstständig denkende und verantwortungsbewusst handelnde Absolventen entlassen mit bestem Wissensstand, der Fähigkeit zur Mitgestaltung am demokratischen Gemeinschaftsleben, zur Ausbildung aller musischen Anlagen und der Fähigkeit zum selbstständigen Weiterlernen.

Wilfried Seiring, Leitender Oberschulrat i. R., war Leiter des Landesschulamtes Berlin, er ist Sprecher des Kreidekreises Berliner Schulpädagogen.
Wilfried Seiring, Leitender Oberschulrat i. R., war Leiter des Landesschulamtes Berlin, er ist Sprecher des Kreidekreises Berliner Schulpädagogen.

© privat

Der geneigte Leser wird nun sein Stirnrunzeln vertiefen, denn die Verhältnisse, die sind nicht so. Die Finanzen bestimmen die Frequenzen in der Klasse; weitere Engpässe: fehlende Lehrer, unangemessene Ausbildung der Quereinsteiger, mangelhafte Schulgebäude und -räume, Mängel bezüglich der Ausstattung, zum Beispiel bei der Digitalisierung, zunehmender Erziehungsverlust der Familien, zweifelhafte Miterzieher – die Literatur dazu füllt Bibliotheken.

Und die Lösung? Kollege Giese wird wissen, welche zusätzlichen Fördermaßnahmen und pädagogischen Reformen damals notwendig waren, um die Integration im Sekundarbereich I durchzusetzen und später die Hauptschulen abzuschaffen, und welche gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen durchstanden wurden. Und tatsächlich konnte die Abiturquote in Berlin erhöht werden.

Und Kollege Harnischfeger könnte mir wohl zustimmen, dass seine Forderungen bis zur 10. Klasse vernachlässigt werden könnten, wenn er entsprechend den Notwendigkeiten zusätzliche Lehrerstunden, Fachkräfte mit spezifischer Ausbildung und entsprechende Räume mit dem gewünschten Differenzierungsmaterial bekäme. Seine Sorge um das Wohl eines nicht hinreichend integrierten Kindes bleibt wohl selbst dann.

Eine Lösung kann nur langfristig erreicht werden.

Wilfried Seiring

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so! Das ist doch das Dilemma der Inklusion. Ideologen desavouieren eine richtige Idee, wenn sie administrativ durchsetzen, wozu die Voraussetzungen für das Gelingen fehlen. Auf dem Rücken der sich für das vertraute Einzelkind aufopfernden Lehrkraft sollte man keine Reform durchsetzen wollen. Der Misserfolg diskreditiert die gute Zielsetzung.

Eine Lösung kann meines Erachtens nur langfristig erreicht werden, wenn die neue Schulsenatorin von allen kräftig unterstützt wird, das Budget zu erhöhen, und wenn pädagogische Maßnahmen verwirklicht werden, die das Wohl des Kindes im Auge behalten und die zum Beispiel die Ergebnisse der Hattie-Studie berücksichtigen. Danach kommt es nicht auf die Schulform, wohl aber auf den Lehrer beziehungsweise die Lehrerin an.

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