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    Nachbarschaft

    Roderick Miller ist Vorstandsvorsitzender des Vereines „Tracing the Past“ und Initiator des Projektes „Mapping the Lives“, das interaktive Karten jüdischen Lebens erstellt.

    Herr Miller, wie ist die Idee zu „Mapping the Lives“ entstanden? Ich bin 2006 in die Hobrechtstraße gezogen und wollte eigentlich wissen, wer früher in meinem Haus gewohnt hat. Ich dachte, die Infos sollten ziemlich leicht heraus zu kriegen sein. Aber so war es nicht. Ich habe dann über das Gedenkbuch Berlins Tabellen erstellt, um nach Anschriften suchen zu können. Dabei ist mir aufgefallen, wie super das funktioniert, als Gedenkstätte sozusagen. Stolpersteine sind natürlich toll, aber von den vielen möglichen Stolpersteinen ist vielleicht einer von tausend verlegt. Und ich habe mir das Projekt als einer Art praktischer, virtueller Stolperstein vorgestellt, das an alle Personen erinnern kann.

    Sind Sie selbst Historiker? Ursprünglich bin ich Musiker. Ich habe als Grafiker in New York gearbeitet und in den neunziger Jahren als Journalist für Kunst- und Musikzeitschriften. Das Projekt ist eine natürliche Entwicklung als Autodidakt. Ein Freund hat 2012 alle heutigen Mitglieder des Vereines zusammengebracht. Unser erstes Projekt ist „Mapping the Lives“.

    Was haben Sie konkret über Ihr damaliges Wohnhaus herausgefunden? Sehr, sehr wenig. Letztendlich habe ich eine Person gefunden, ich glaube der hieß damals Adolf. Aber dann sieht man, in den Adressbüchern, dass er plötzlich wieder Abraham heißt. Wahrscheinlich wurde er von den Nazis gezwungen, seinen jüdischen oder ursprünglichen Namen zu verwenden. Ich glaube, er ist emigriert. Ich habe das nicht viel weiter verfolgt, weil ich mich da schon in das große Projekt reingestürzt habe.

    Auf welchen Daten beruhen die Karten? 1939 gab es eine Volkszählung, und sie hatte eine sogenannte Ergänzungskarte dabei. Dabei wurden alle Personen gefragt, ob sie jüdische Großeltern hatten oder nicht. Die Karten von denen, die mit „ja“ geantwortet hatten, wurden extra erfasst. Es stellt sich die Frage, was die Nazis damit vor hatten… Wahrscheinlich wollten sie diese Daten zu missbrauchen, weil sie 1942/43 zu allen Meldeämtern in Deutschland weitergeleitet wurden. Wobei Menschen zu dem Zeitpunkt schon längst deportiert wurden. Das heißt, dass die Karten nicht nur wahrscheinlich nicht für Deportationszwecke verwendet wurden, sie waren dafür auch gar nicht nötig. Die Gestapo zwang überall in Deutschland die jüdische Gemeinschaft selbst, Deportationslisten zu erstellen.

    Wenn diese Liste von 1939 ist, wie kommen Sie dann an die Deportationsdaten? Ich habe einen Abgleich von den 410.000 Einträgen von der Volkszählung gegen die ca. 700.000 Einträge in der sogenannten Residentenliste des Bundesarchivs gemacht. Das ist eine Auflistung von allen Personen jüdischer Herkunft, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 wohnten. Ich musste alle Namen, Vornamen und so weiter abgleichen und verschiedene Schreibvarianten berücksichtigen. Dann habe ich die Daten zu Migration, Inhaftierung, Deportation, und anderen Bemerkungen vom Bundesarchiv, in einer Datenbank zusammengestellt.

    Woher kommt Ihr Interesse? Es kommt ja nicht jeder auf die Idee, zu fragen, wer hat eigentlich mal in meinem Haus gewohnt? Ich bin gebürtiger Amerikaner und finde europäische Geschichte, die Geschichte der NS-Zeit, aber auch die Berliner Geschichte sehr, sehr interessant. Die Stadt hat eine viel längere Geschichte als die meisten Städte zum Beispiel an der Westküste der USA. Für mich ist es spannend, dass noch immer die gleichen Straßen und oft auch die gleichen Häuser existieren. Man hat manchmal so ein Gefühl, das ist noch immer die gleiche Stadt – nur die Menschen, die hier wohnen, sind anders. Ich finde es einfach faszinierend. Man kann sich in der Geschichte regelrecht verlieren, so wie man sich auch in einem Roman verliert. Wenn man etwas liest und das mit dem gleichen Haus oder der gleichen Straße verbindet, in der man wohnt, und man liest von einer Person, was sie erlebt hat, wie sie überlebt oder nicht überlebt hat… Wenn man darüber nachdenkt, dass diese Menschen irgendwann in den gleichen Straßen liefen, in denen wir jetzt laufen. Das finde ich super interessant.

    Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an [email protected].

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von Madlen Haarbach tagesspiegel
Liebe Nachbar*innen aus Neukölln,

vergangene Woche kauften die Bezirke Mitte und Neukölln über das Vorkaufsrecht 265 Wohnungen in der Böhmischen Straße/Thiemannstraße und der Seestraße/Turiner Straße. Nun erklärte die Käuferin, die dänische Rentenkasse PFA, auf Rechtsmittel zu verzichten. Auch der Verkäufer soll eine entsprechende Erklärung angekündigt haben. Die Wohnungen können damit in das Eigentum der städtischen Wohnungsbaugesellschaften Stadt und Land und WBM übergehen.

Damit können die Bewohner*innen nun endgültig aufatmen. „Ich bin sehr erleichtert, dass den Bewohner*innen eine monate- oder gar jahrelange Hängepartie erspart bleibt“, sagt Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann (Grüne) und ergänzt: „Mitte und Neukölln haben ein starkes Zeichen gesetzt: Immobilieninvestoren, denen es nur um maximalen Profit geht, sind in Berlin nicht willkommen.“ Wer im Milieuschutz Häuser kaufen oder verkaufen wolle, könne dies nur nach den Regeln der Bezirke tun. Biedermann dankte explizit auch der Mieterinitiative „BoeThie“ für ihr Engagement, die den Protest bis in die dänische Presse getragen hatte.

Auch Mittes Stadtrat Ephraim Grothe (SPD) zeigte sich erleichtert. „Interessant ist, dass die Vereinbarung am Ende vor allem an der Einhaltung der Mietpreisbremse gescheitert ist. Daraus lesen wir ab, dass das Nichteinhalten der Mietpreisbremse bei Wiedervermietung sehr wohl zur Kalkulation der Gewinnrendite gehört“, so Grothe.

Madlen Haarbach ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Sie freut sich über Kritik, Anregungen und Tipps bei Twitter oder per E-Mail.

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Madlen Haarbachs Tipp für Sie

Die Ausstellung „Are You Satisfied? Aktuelle Kunst und Revolution“ widmet sich den Bedingungen und Mechanismen revolutionären Handelns und seiner Folgen. Aus einer aktuellen Perspektive, etwa vor dem Hintergrund der Gelbwestenproteste in Frankreich, befassen sich die Künstler*innen mit Themen wie den Potenzialen des Aufruhrs, Mechanismen der Repression und den Grenzen der Partizipation. Die Ausstellung mit Künstler*innen wie Lars Breuer, Julia Bünnagel, Chto delat und FAMED rückt sowohl historische Ereignisse als auch aktuelle Proteste in den Vordergrund. „Are you satisfied?“ ist vom 19. Januar bis 3. April in der Galerie im Körnerpark, Schierker Straße 8, zu sehen. Täglich von 10 bis 20 Uhr, der Eintritt ist frei.