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    Nachbarschaft

    Für Annika Brümmer ist Nachhaltigkeit eine Lebenseinstellung. Sie wohnt in Kreuzberg und ist verantwortlich für die Kommunikation beim „Heldenmarkt – der Messe für alle, die was besser machen wollen“ – , der vom 17.-18.11. stattfindet.

    Um was geht es beim Heldenmarkt? Es gibt immer mehr umwelt- und sozialverträgliche Produkte oder Dienstleistungen. Dieses Angebot vereint sich auf dem Heldenmarkt. In Berlin sind knapp 200 Aussteller dabei: von Lebensmitteln, Kleidung, Accessoires, Kosmetik, Haushaltsgegenständen, Mobilität bis hin zu Finanzen ist alles dabei. Selbstverständlich prüfen wir vorher, was wirklich nachhaltig ist.

    Wie geht Ihr da vor? Wir orientieren uns an den verfügbaren Siegeln: Die Lebensmittel müssen mindestens das EU-Bio-Siegel haben, Textilien aus bio-zertifizierter Baumwolle oder aus Upcycling-Materialien bestehen. Wir haben da einen ziemlich umfangreichen Katalog, an den wir uns streng halten. Greenwashing, also ein scheinbar nachhaltiges Engagement, gibt es auf dem Heldenmarkt nicht. Wenn sich ein Unternehmen ohne Bio-Zertifizierung bei uns bewirbt, uns aber durch Vorlage seiner Lieferscheine demonstriert, dass es nur Bio-Zutaten verwendet, machen wir auch mal eine Ausnahme. Am Stand wird dann darauf hingewiesen, dass den Produkten noch das Zertifikat fehlt.

    Sind auch Austellerinnen aus Berlin oder aus Xhain vor Ort? Klar, viele unserer Aussteller kommen aus Berlin. Meist beträgt die regionale Aussteller-Quote um die 50 Prozent. Aus Friedrichshain fällt mir spontan der Kokos–, Cashew- und Kakaoimporteur „Good Mood Food“ ein; aus Kreuzberg kommen beispielsweise „Supermarché“ mit fairer Kleidung, die Tofurei „Tofu Tussis“, die Regale mit minimalistischem Materialeinsatz „16 Boxes“, die Spendenplattform „Betterplace.org“ oder „Ecosia“, die ökologisch inspirierte Webseite zur Websuche.

    Wer sind eigentlich die Heldinnen? Für uns sind eigentlich alle Leute HeldInnen, die zum Heldenmarkt kommen: Aussteller sind HeldInnen, weil sie sich entschlossen haben, mit ihrem Angebot eine Alternative zum herkömmlichen profitorientieren Überangebot anzubieten. Dann sind da die Referenten, die mit ihren Vorträgen Personen über aktuelle Themen informieren. Und natürlich alle Besucher, die sich durch ihren Besuch offen dafür zeigen, einen kleinen Bereich ihres Lebens anders zu gestalten.

    Auf heldenmarkt.de steht folgendes Zitat von Ihnen: „Für mich ist Nachhaltigkeit weder ein vorübergehender Trend noch eine Öko-Moral.“ Was meinen Sie damit? Nachhaltigkeit ist meine Lebensphilosophie. Die gründet sich für mich nicht in Trends wie in recycelbaren Bambus-Bechern oder dem angesagten Gang auf Bio-Märkte. Ich bin überzeugt, dass Nachhaltigkeit wichtig ist und versuche, mein Leben so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

    Wie sieht das konkret aus? Ich kaufe so gut wie nichts Neues, das meiste ist gerettet: Kleidung wie Lebensmittel. Ich „ertausche“ oder kaufe Secondhand auf Flohmärkten. Bei foodsharing.de engagiere ich mich ehrenamtlich gegen Lebensmittelverschwendung. Plastik habe ich soweit möglich aus meinem Haushalt verbannt und vor kurzem das erste Mal Naturkosmetik mit sehr einfachen Zutaten selbst hergestellt. Ich verzichte auf Fleisch, beziehe Ökostrom, habe kein Auto, keinen Fernseher und generell wenig Tamtam zu Hause.

    Und das Heldenmarkt-Büro? Unser Büroalltag ist auch sehr nachhaltig. Wir kochen jeden Tag ein bio-veganes Mittagessen. Entweder bringe ich dafür Lebensmittel über Foodsharing mit oder wir kaufen aus der 50-Prozent-Kiste im Bio-Markt ein. Wir drucken alles mit Umweltfarbe auf Recycling-Papier, beziehen Ökostrom, haben unser Konto bei einer Genossenschaftsbank und bestellen unser Büromaterial bei einem ökofairen Anbieter. Unsere Messeausweise basteln wir aus alten Flyern, Poster dienen als Flipcharts und generell nutzen wir alles so lange, bis es auseinanderfällt. Es ist sehr schön, dass wir da alle gleich ticken und dieses Verhalten für alle Teammitglieder eine Selbstverständlichkeit darstellt.

    Es gibt Unternehmen, die zwar etwas ändern wollen, sich aber nicht sofort oder komplett nachhaltig ausrichten können… Nachhaltigkeit lässt sich mittlerweile problemlos in wirklich jeden Bereich des täglichen Lebens integrieren. Außer bei Elektronik, da ist es etwas schwieriger. Verbände informieren detailliert, in welchen Bereichen ein Umstieg möglich und sinnvoll ist.

    Der Heldenmarkt findet an beiden Tagen in der Halle STATION-Berlin, Luckenwalder Str. 4-6 beim U-Bahnhof Gleisdreieck statt. Samstag von 10 bis 20, Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Tickets kosten an der Tageskasse 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Mehr Infos auf heldenmarkt.de.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de

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von Corinna von Bodisco tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

Loslösung von den Vögeln. Haben Sie in den letzten Wochen gen Himmel geschaut? Die Vögel finden nicht mehr genug Futter und verlassen instinktiv ihr Zuhause. Die Zeit der Loslösung ist in vollem Gange: 500 Millionen Vögel ziehen nach Angaben des Naturschutzbundes durch Deutschland, Ende Oktober begann die Saison in Brandenburg.

Loslösung vom Posttower als Wohntower. Richtung Himmel strebt auch das Bauwerk am Halleschen Ufer, um das in den letzten Monaten in zahlreichen Formen (Riesenplakat, Prozess, Talkshow) gestritten wurde. Nun steht ein Neustart des Projektes an, Bezirk (Florian Schmidt, Grüne) und Investor Christoph Gröner haben sich vom Streiten losgelöst. Beim Betrachten des Ergebnisses wundert dies: Der Turm bleibt, was er ist – eine Gewerbeimmobilie. Zur Erinnerung: Nach dem ursprünglichen Konzept waren vor allem Wohnungen im Verhältnis 70 zu 30 Prozent Gewerbe geplant.

Loslösung von beiden Seiten. „Er (Gröner) hat nachgegeben, aber wir auch“ und zumindest entstünden im Turm keine Luxuswohnungen, meint Baustadtrat Schmidt. Die Degewo kauft der CG-Gruppe die Grundstücke rund um den Turm ab, um dort 311 Mietwohnungen zu errichten. Zunächst soll aber die Bezirksverordnetenversammlung die Einigung bewerten. Die FPD Xhain kündigte via Twitter schon mal an, dass sie mit dem Deal nicht einverstanden ist.

Loslösung von traditionellen Verfahren. Architekt Matthias Sauerbruch, für den Masterplan des Posttowers verantwortlich, schrieb Schmidt in Reaktion auf seinen provokanten Tweet („Ich merke mir übrigens welche Architekt*innen für spekulative Eigentümer arbeiten […]“) einen offenen Brief. In diesem kritisiert er unter anderem, dass durch die Auslagerung der Wohnungen aus dem Tower ein monokulturelles Wohnquartier entstünde und kein durchmischtes, wie ursprünglich geplant.

Sich lieber von 628 teuren für 311 günstige Wohnungen loslösen. Schmidt hingegen nimmt in seiner Antwort Details des Konzepts genauer unter die Lupe: Die möblierten, kleinen Wohnungen wären zeitlich befristet und teuer vermietet worden. Überdies habe die Nachbarschaft kein Mitspracherecht erhalten und wurde mit einem detaillierten Konzept vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Baustadtrat verweist auf die bezirkliche Strategie zur Förderung von gemeinwohlorientierten und experimentellen Neubauprojekten: die Plattform LokalBau. Diese solle künftig alle Akteurinnen zusammenbringen und traditionelle Verfahren (Wettbewerbe) ergänzen oder ersetzen.

P.S. Temporäres Experiment: Loslösung vom Gendersternchen. Liebe Leserinnen, in diesem Newsletter schreibe ich, statt wie gewohnt mit dem Gendersternchen, im generischen Femininum. Wenn von „Leserinnen“ die Rede ist, sind alle Geschlechter und die „Leser“ mitgemeint. Vergangenes Jahr erhielt ich so manche E-Mail: Die Sternchen-Konstruktionen störten den Lesefluss. Das sehe ich nicht so, meines Erachtens bedarf es schlichtweg der Gewöhnung. Um aber auf Ihre Hinweise einzugehen, starte ich hiermit das Experiment „GenFem NL Xhain“.

Corinna von Bodisco ist freie Autorin beim Tagesspiegel, lebt in Kreuzberg und schreibt überall. Wenn sie nicht gerade wieder umzieht, schneidet sie vermutlich an ihren Hörstücken. Neue Themenideen und Kritik liest sie gerne per E-Mail oder auf Twitter.

Corinna von Bodiscos Tipp für Sie

Konzertante Swing-Party im Festsaal Kreuzberg. Niemand muss ungetanzt nach Hause gehen nach dem Konzert von Klavierkabarettist Bodo Wartke und dem „Capital Dance Orchestra“. Das „Swing Bam Boom“ am 18.11. vereint die swingende Party mit dem Swingkonzert. Zwischen den singenden, tanzenden und steppenden Einlagen der Musikerinnen können Sie selbst tanzen oder Cocktail trinkend anderen beim Tanzen zuschauen. Sie swingen noch nicht, wollen aber? Tanzlehrerinnen aus dem Swingstep Team bringen ein paar leicht zu lernende Schritte bei. Aufs Parkett, fertig, los! Beginn ab 19h, Programm- und Konzertbeginn um 20h. Am Flutgraben 2.

Wir verlosen 2×2 Karten. Dazu bitte bis zum 16.11., 18h auf tagesspiegel.de/gewinnen unter dem Stichwort „Swing“ anmelden. Die Gewinnerinnen werden per E-Mail benachrichtigt. Mehr Infos auf swingbamboom.de. Foto: Ali Taghavi.

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