• Nachbarschaft

    Andrea Brandt vom Verein „Big Friends for Youngsters“ (biffy) vermittelt Patenschaften zwischen Kindern und Erwachsenen – davon profitieren alle Seiten, und vor allem Alleinerziehende werden entlastet. Auch Kindern aus geflüchteten Familien helfen die Patenschaften, Gesellschaft und Sprache besser kennenzulernen.

    Sie bringen seit 15 Jahren Kinder mit engagierten Erwachsenen zusammen – können Sie uns diese besondere Art der Patenschaft kurz erklären?

    Ja, sogar noch länger, denn ich habe schon Ende 2000 begonnen, das Patenschaftsprogramm als Modellprojekt aufzubauen. Freiwillige Erwachsene, die einem Kind Zeit und Zuwendung schenken wollen, treffen sich wöchentlich mit ihm und unternehmen in der Freizeit etwas Schönes gemeinsam. Das kann ein Ausflug auf den Spielplatz, in den Park, Zoo, die Bücherei oder das Schwimmbad sein, gemeinsames Sporttreiben, Kochen, Musizieren, Basteln oder was beiden sonst Spaß macht. Aus vielen unserer Patenschaften sind langjährige vertrauensvolle Beziehungen geworden, die die Kinder bis in die Pubertät oder die Volljährigkeit begleiten. Viele der Pat*innen sind alleinstehend, in einer Partnerschaft ohne Kinder oder haben erwachsene Kinder. Sie sind in der Regel gut ausgebildet, berufstätig und haben oft positive Erfahrungen mit Kindern im eigenen Freundes- und Familienkreis oder ein zurückliegendes Engagement wie Nachhilfe, Kinderbetreuung oder ähnliches.

    Richtet sich Ihr Angebot an alle Eltern oder speziell an solche, die dringender Unterstützung brauchen als andere, zum Beispiel Alleinerziehende?

    Grundsätzlich können unser Angebot alle Eltern nutzen, allerdings sind es ganz überwiegend Alleinerziehende, denen Bezugspersonen für ihre Kinder fehlen, weil ihre Verwandten nicht in Berlin leben und der andere Elternteil oft auch nicht regelmäßig präsent ist. Sie haben den größten Bedarf an Unterstützung, weil sie oft mit allen organisatorischen Alltagsaufgaben wie Haushalt, Berufstätigkeit, Schulangelegenheiten der Kinder usw. allein und belastet sind. In den letzten zwei Jahren haben wir auch viele Kinder aus geflüchteten Familien in Patenschaften vermittelt, die so unsere Gesellschaft und Sprache besser kennenlernen, etwas Schönes erleben und die räumliche Enge in den Unterkünften für eine Weile hinter sich lassen können.

    Wer profitiert alles von biffy?

    Alle beteiligten Seiten profitieren von den biffy-Patenschaften: Die Kinder bekommen Anregungen, genießen in der Regel die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Patin oder ihres Paten, erweitern ihren Horizont, Jungen gewinnen oft ein männliches Rollenvorbild hinzu. Die Pat*innen erleben die Entwicklung eines Kindes mit, haben Zugang zu dessen Lebenswelt und können etwas von ihrem Wissen weitergeben. Die Eltern werden entlastet, wissen ihr Kind gut aufgehoben und können sich mit der Patin oder dem Paten auch mal über ihr Kind austauschen. Gesellschaftlich werden obendrein Gemeinschaft, Zusammenhalt und die Verantwortung füreinander gestärkt. Ein großer Teil unserer Patenschaften besteht nämlich, wie gesagt, über viele Jahre, so dass etliche Kinder bereits mit Pat*innen an ihrer Seite erwachsen geworden sind.

    Wie stellen Sie sicher, dass die Kinder nur an verantwortungsvolle Erwachsene vermittelt werden und sich keine schwarzen Schafe einschleichen?

    Zuerst nehmen wir uns Zeit für ein ausführliches Kennenlerngespräch mit den potenziellen Pat*innen, zum zweiten erleben wir sie gemeinsam mit Kolleg*innen in einem mehrstündigen Vorbereitungsworkshop und haben damit die Möglichkeit, uns über unsere Eindrücke auszutauschen, ob wir den Kandidat*innen für zuverlässig und verantwortungsbewusst halten und ihnen die Aufgabe zutrauen. Zum dritten müssen sie uns ein aktuelles erweitertes Führungszeugnis vorlegen und uns die Beachtung des Kinder- und Jugendschutzes versichern, zum vierten bitten wir die Eltern, selbst darauf zu achten, dass sie Sympathie und Vertrauen empfinden und ihr Kind sich in der Patenschaft jederzeit wohlfühlt. Wenn es dabei zu Irritationen kommt, sind sie gebeten, sich mit uns zu verständigen, damit wir klären können, woran es liegt, ggf. die Beziehung beenden und jemanden nicht weiter vermitteln. Schließlich möchten wir, dass die Patenschaft von allen Seiten als Bereicherung erlebt wird.

    Geht es biffy auch darum, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, indem Menschen aus verschiedenen Milieus zusammengeführt werden, die sich sonst vielleicht nie treffen würden?

    Ja, viele Pat*innen kommen schon mit diesem Motiv zu uns, dass sie ein Kind fördern bzw. eine alleinerziehende Familie stärken möchten, um aktiv etwas zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen. Auch ist ihnen klar, dass sie selbst sonst eher keinen Zugang zu dieser Lebenswelt haben. Umgekehrt wüssten auch viele Eltern nicht, wie sie Kapazitäten und Zeit aufbringen oder wo sie sich hinwenden könnten, um selbst ein Netzwerk mit unterstützenden Vertrauenspersonen aufzubauen. Insofern wären sich viele der Beteiligten ohne unsere Vermittlung nicht begegnet. Gleichzeitig achten wir aber darauf, dass es trotz aller Milieu-Unterschiede auch etwas Verbindendes wie ähnliche Interessen und eine „Wellenlänge“ gibt. Dafür gibt es eine Probephase, in der Familie und Pate bzw. Patin in Ruhe ausprobieren und entscheiden können, ob sie sich sympathisch sind und etwas miteinander anfangen können.

    Haben Sie eine besondere Anekdote, die Sie gerne erzählen möchten?

    Am besten gefallen mir die originellen Aussagen von Kindern, wenn wir sie gelegentlich fragen, was ihnen ihre Patenschaft bedeutet. Ein zehnjähriges Mädchen sagte dazu: „Meine Patenschaft ist für mich wie eine Oase im Alltag, wie Urlaub!“ Und ein neunjähriger Junge, den seine Mutter gefragt hatte, ob er denn auch Probleme mit seinem Paten bespräche, antwortete: „Nee, wir haben Besseres zu tun!“ Diese Kindern eigene Sicht, nicht zuerst auf die Probleme zu schauen, sondern sich am Moment zu erfreuen und etwas zu nehmen, wie es kommt, ist es ja, was viele Pat*innen in einer Patenschaft suchen, und wir von Kindern (wieder) lernen können.

    Möchten Sie selbst auch Pat*in werden oder suchen Sie eine Patenschaft für Ihr Kind? Dann können Sie sich an Frau Brandt wenden, entweder per Mail via koordination@biffy-berlin.de oder telefonisch unter 030 / 311 66 00 88 (Sprechzeiten Di. und Fr. 14 – 19 Uhr); alle Infos auf biffy-berlin.de.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

Längst hätte es soweit sein sollen: Das Dragoner-Areal sollte vom Bund an das Land Berlin übertragen werden. Der Bezirk plant bereits seit Monaten im Bürger*innendialog die zukünftige Gestaltung des Rathausblocks. Der Zeitplan sehe vor, im Herbst ein Bau- und Nutzungskonzept zu erstellen und dann im Frühjahr 2019 mit der Erarbeitung eines städtebaulichen Entwurfs zu starten, sagte mir Pressesprecherin Sara Lühmann. Allerdings ist die Zukunft des Areals nicht mehr so sicher, wie es lange schien: Wie der Tagesspiegel erfuhr, ist der Eigentümerwechsel auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Grund: Dem Bund, genauer der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), sind rechtliche Bedenken gekommen. Im März war der Tausch des Areals gegen andere Grundstücke beschlossen worden und sollte „so zeitnah wie möglich“ realisiert werden. Vor einer Woche jedoch ließ der ehemalige Eigentümer des Dragoner Areals, Arne Piepgras, bei der Europäischen Union Beschwerde „über mutmaßlich rechtswidrige staatliche Beihilfe oder eine mutmaßlich missbräuchliche Anwendung von Beihilfen“ einlegen.

Piepgras‘ Anwalt Salvatore Barba beschwert sich darüber, dass die Bundesrepublik mit dem Dragoner-Areal auf das Land Berlin ein Grundstück überträgt, „welches im Wert der Gegenleistung, welche im Hauptstadtfinanzierungsvertrag 2017 als Tauschobjekt vereinbart ist, übersteigt“. Das Land komme auf diese Weise zu einem geringeren Preis zu dem Grundstück, als es für Dritte möglich wäre. Selbst Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen habe in der RBB-Abendschau sinngemäß geäußert, „dass man das Dragoner-Areal praktisch geschenkt bekommen habe“, schreibt Barba in der Beschwerde, die dem Tagesspiegel vorliegt, und spricht inzwischen von einem „Dragoner-Gate“.

Aufgrund der Beschwerde ist sich der Bund offenbar nun selbst nicht mehr ganz sicher, ob mit dem Bima-Grundstück in Kreuzberg alles mit rechten Dingen zugegangen ist, und prüft nun das Tauschgeschäft mit dem Land Berlin. „Die Bima und das Land Berlin sind gegenwärtig damit befasst, für die gebotene Rechtssicherheit und Transparenz gemeinsam die Erfüllung der Voraussetzungen für die konkreten Grundstücks-Übertragungen zu dokumentieren“, schrieb Thorsten Grützner, Sprecher der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, meinem Kollegen Reinhardt Bünger.

Der Bezirk nimmt’s relativ leicht: „Die noch nicht vollzogene Übertragung ist derzeit noch kein Problem hinsichtlich des Zeitfahrplans für die spätere Bebauung“, sagt Lühmann. An den Vorbereitungen für die Sanierungsziele müsse „ohnehin noch etwas gearbeitet werden“. Das Bau- und Nutzungskonzept solle „unabhängig vom Eigentümer“ erstellt werden, im Anschluss könnten die konkreten Bauanträge gestellt werden – „der Fahrplan für die Bebauung ist damit derzeit nicht gefährdet“, so Lühmann. Allerdings sei es in „praktischen, kooperativen“ Fragen schwierig, dass Berlin noch nicht Eigentümerin des Dragoner Areals ist. „Das sind beispielsweise Fragen der Verwaltung der Bestandsgebäude, Klärung von Ansprechpartner*innen und Verantwortlichkeiten für Abstimmungen“, erklärt Lühmann. Alarmstimmung hört sich anders an.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Nele Jenschs Tipp für Sie

Man weiß ja nie, wie lange der Sommer noch mitspielt – also nutzen Sie das gute Wetter (zum Wochenende soll es wieder sonnig werden), es muss ja nicht immer der ewig gleiche Park nebenan sein. Im Prinzessinnengarten am Moritzplatz können Sie ein Stück hochkonzentriertes Kreuzberg genießen – grün, utopisch, urban und ökologisch korrekt. Auf der ehemaligen Brachfläche blüht und grünt es jeden Sommer. Über 1000 Freiwillige schaffen ein kleines Paradies, das für alle da ist: Hobbygärtner*innen, Anwohnende, Kinder und Freiluftenthusiast*innen im Allgemeinen. Im Prinzessinnencafé wird selbst angebautes Gemüse serviert, Schulklassen beobachten die garteneigenen Bienenvölker und wer ein Stück Grün mit nach Hause nehmen will, greift zur Schaufel und erntet sein Gemüse selbst.

Haben Sie jetzt Lust bekommen, selbst ein bisschen im Dreck zu wühlen? Können Sie haben, während der Gartenarbeitstage (Donnerstags 15 bis 18 Uhr, Samstags 11 bis 14 Uhr) kann jede*r mitgärtnern. Und wenn Sie endlich mal lernen wollen, selbst einen Reifen zu wechseln, dann kommen Sie doch zur Fahrradwerkstatt vorbei: Hilfe, Werkzeug und Materialien werden gestellt, und Wagemutige können sich sogar selbst ein neues Bike aus recycelten Rädern zusammenzimmern. Jeden Mittwoch von 16 bis 19:30 Uhr. Gartenbar und –restaurant sind täglich von 12 bis mindestens 18 Uhr geöffnet (meistens länger), der Garten selbst von 10 bis 22 Uhr. Achtung: Jeden zweiten Sonntag ist Ruhetag (zum nächsten Mal am 22.7.). Alle Infos: prinzessinnengarten.net.

#MeinKreuzberg