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    Nachbarschaft

    Die Initiative „Community Land Trust“ will das gleichnamige Modell aus dem angelsächsischen Raum in Friedrichshain-Kreuzberg einführen. CLT ist ein gemeinnütziges, nicht-gewinnorientiertes Eigentumsmodell. Und steht auch für Gemeinschaft, Grundstück, Vertrauen. Losgehen soll es im Sommer, eine 20-köpfige Projektleitung arbeitet an der Umsetzung – darunter die Kreuzbergerin Yvonne Beckers.

    Vergangene Woche wurde euer Projekt in der Lausitzer Straße 10/11 vorgestellt. Warum genau dort? Die Lausitzer 10/11 ist bereits akut bedroht. Die Aufwertungspläne des Eigentümers Taekker Group haben dazu geführt, dass Mieter*innen dort ausziehen und die verbleibenden Leute sich nach Alternativen umschauen müssen. Außer der Lause sind viele andere Häuser und Projekte im Kiez von Verdrängung bedroht. Der CLT wäre für viele Betroffenen eine interessante Alternative.

    Gemeinschaftlich und nicht-gewinnorientiert – was heißt das genau? Um welche Eigentumsform geht es und wie funktioniert das Modell? Als Rechtsform haben wir eine Stiftung gewählt, die den Boden erwerben wird. Die Häuser gehen dann per Erbpachtvertrag (Die Nutzer*innen besitzen dann das Haus, nicht aber das Grundstück, Anm. d. Red.) an die jeweiligen Nutzer*innen: Das können Bewohner*innen sein, die sich als Hausprojekt organisieren, eine Genossenschaft, ein Syndikat oder eine andere Stiftung. Gesteuert wird das CLT-Modell durch ein Kuratorium unter Anwendung der Drittelparität zwischen Bewohner*innen, der Nachbarschaft und einer noch zu definierenden Öffentlichkeit. Wir haben diese Form gewählt, um Entscheidungen über die Nutzung von Grund, Boden und den sich darauf befindlichen Gebäuden zu demokratisieren.

    Was sind eure Ziele und wie wollt ihr sie umsetzen? Neben der direkten Einbindung der Nachbarschaft in die Entscheidungsprozesse gründet sich unser Ziel darin, Räume für Menschen mit unterdurchschnittlichen Einkommen und erschwertem Zugang zu bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Dafür müssen der Boden und die Häuser zunächst dem spekulativen Markt entzogen werden. Unser Traum ist eine sozial gerechte, diskriminierungsfreie, ökologische Stadt, in der zukünftig so viel Boden wie möglich gemeinwohlorientiert durch den CLT bewirtschaftet wird. Das alles werden wir aber nur erreichen, wenn wir aktiv in die Stadtentwicklung mit eingreifen können. Dazu brauchen wir stadtpolitische Relevanz – woran wir gerade arbeiten.

    Denkt ihr an bestimmte Grundstücke, die dringend einen CLT brauchen? Ja, aber wir befinden uns noch in Verhandlungsphasen, noch ist nichts spruchreif. Im Bezirk gibt es viele Fälle, die gut passen würden. Ich selbst lebe im Kreuzberger Block 89, sechs Häuser zwischen der Kohlfurter Straße und dem Fraenkelufer. Zwei Häuser sind „normale“ Mietshäuser, die vier anderen wurden zu Beginn der 80er Jahre besetzt und sind größtenteils noch selbstverwaltete Hausprojekte. Gerade gehören sie der Deutschen Wohnen, davor der damals städtischen Wohnungsbaugesellschaft GSW. Wir von den Hausprojekten würden sehr gerne Teil des CLTs werden, um eigenständig und zum Teil von Genossenschaften unterstützt unsere Häuser zu verwalten. Gemeinwohlorientiertes Wohnen ist für uns sehr wichtig, da sich viele Mitbewohner*innen und Nachbar*innen die aktuellen, spekulativen Mietpreise in Kreuzberg nicht mehr leisten könnten. Zukünftig hätten wir kaum eine Chance, im Kiez zu bleiben.

    Foto: privat

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: [email protected]

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von Corinna von Bodisco tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

am Wochenende war was los. Viele Leute aus dem Bezirk wollen mitreden bei der Wohnungspolitik: Sie protestierten gegen den Bebauungsplan an der Skalitzer Straße/Ecke Mariannenstraße oder verlangen die Anwendung des bezirklichen Vorkaufsrechts in der Dieffenbachstraße 29. Passend dazu: Die Initiative „Deutsche Wohnen enteignen“ stellte am vergangenen Freitagabend in der „Vierten Welt“ am Kotti einen Do it yourself-Ratgeber für Mieterinnen vor, die eine Initiative gründen wollen.

Demo an der Baustelle: No Hostel36. Fünf Jahre datiert die Baugenehmigung für das Grundstück Skalitzer Straße/Ecke Mariannenstraße zurück, auf dem bis zum letzten Sommer noch ein leeres Autohaus stand. Im November rückten die Bagger an, hochgezogen werden soll ein Hotel und ein Hostel mit 200 Zimmern, Läden und Büros. Vergangenen Samstag demonstrierten viele Anwohnerinnen an der besagten Ecke (kurzer Video-Eindruck auf Twitter) gegen den Plan und gegen die vermeintliche Eigentümerin, die Versicherung „Ideal“. „Wohnungen statt Hostel“ stand auf den Plakaten. Skeptisch zeigt sich auch Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne): „Stadtentwicklungspolitisch das falsche Projekt“, twitterte er am Dienstag. Aktuell sei er mit den Eigentümerin im Dialog über alternative Planungen. Die Versicherungsgesellschaft hat bis Redaktionsschluss nicht auf Anfragen reagiert.

Soli-Selfie-Aktion in der Dieffe29. Ende Januar wurde das Mietshaus mit 35 Wohnungen und einer Maschinenstickerei in der Dieffenbachstraße 29 verkauft: „Der Kaufpreis lässt Böses vermuten“, meinen die Mieterinnen und wollen, dass der Bezirk sein Vorkaufsrecht nutzt (#berlinkaufdichzurück – sogar mit Hund!). „Wir kämpfen für den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum für alle im Kiez“, so das Ziel der Mieterinnengemeinschaft. Vergangenen Sonntag luden sie zu Kaffee, Tee und Kuchen und baten um Solidarität in Form eines Selfies. Trotz des schlechten Wetters bekamen sie viele Besucherinnen, die Selfies wurden unter dem Hashtag #dieffe29 fleißig geteilt. Und prüft der Bezirk das Vorkaufsrecht? Ja, so meldete sich Monika Herrmann (Grüne) via Twitter, aber es ginge nicht immer. „Wir sind dran. Der Senat ist am Zug und ich finde er sollte zugreifen!“, meint die Abgeordnete Katrin Schmidberger (Grüne). Die Dieffe29 bleibt auch dran: Nächsten Sonntag 13h gibt es vor dem Haus die nächste Aktion.

Dieffe29, NoHostel36 – die Initiativen mit den lustigen Abkürzungen sind nicht alleine: Über 100 Mieterinitiativen haben die Kollegen des Tagesspiegel-Datenteams im Rahmen der Langzeitrecherche „Wem gehört Berlin?“ auf einer interaktiven Karte gesammelt. Mit der Karte kann sich jeder selbst ein Bild von der Landschaft der Mieterinitiativen in der Stadt machen. Fehlt eine Initiative? Wir fügen sie gerne der Karte hinzu. Schicken Sie uns die Informationen dazu an [email protected]. Hier geht’s zur Webseite der Recherche: wem-gehoert-berlin.de

Corinna von Bodisco ist freie Autorin beim Tagesspiegel, lebt in Kreuzberg und schreibt überall. Wenn sie nicht gerade wieder umzieht, schneidet sie vermutlich an ihren Hörstücken. Neue Themenideen und Kritik liest sie gerne per E-Mail oder auf Twitter.

Corinna von Bodiscos Tipp für Sie

Lesereihe: „Ohne Angst verschieden sein können“. Was bedeutet jüdische Identität und ist die Rede von Identitäten überhaupt noch zeitgemäß? Getreu der Vision Theodor W. Adornos will die Lesereihe jüdischen Stimmen der Gegenwart einen Ort des Gesprächs öffnen: Immer am zweiten Donnerstag des Monats (19-21h) werden Schriftstellerinnen davon sprechen und ihre Werke mitbringen. Dmitrij Belkin macht am heutigen Donnerstag (14.02.) mit „Germanija – Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde“ den Auftakt. Es folgen Max Czollek mit „Desintegriert euch!“ (14.03.) und Juna Grossmann mit „Schonzeit vorbei – Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus“ (09.05.). Ort: Eberhard-Ossig-Stiftung, Markgrafenstraße 88. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter [email protected] wird gebeten. Zum Flyer der Lesereihe hier entlang.

#MeinKreuzberg