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    Nachbarschaft

    Christoph M. Gosepath beschäftigt sich eingehend mit der Thematik psychischer Erkrankungen – nicht nur, weil er Psychiater ist. Als Künstler leitet er die Gruppe „club tipping point“ und hat zusammen mit dem Regisseur Robert Schmidt das deutsch-tansanische Theaterprojekt „Notaufnahme – Hospitali“ inszeniert. Das Stück ist am 21., 22. und 24.09. im Kreuzberger Projektraum „Vierte Welt“ zu sehen.

    Worum geht es in „Notaufnahme – Hospitali“? In unserem Theaterstück wird ganz klassisch die Geschichte einer Ärztin aus Berlin erzählt, die in der Notaufnahme ihres Krankenhauses an den Schwierigkeiten der Behandlung von Menschen aus anderen Kulturkreisen zu verzweifeln droht. Auf einer Reise nach Ost-Afrika erlebt sie dann Begegnungen, aus denen sie lernt.

    Für das Stück sind Sie nach Tansania gereist. Ist von der Vor-Ort-Recherche viel in die Theaterarbeit eingeflossen? Sehr viel. Wir haben in Tansania Betroffene, Ärzte und Anthropologen getroffen und viel über den Umgang mit psychischen Erkrankungen gelernt: sowohl über traditionelle Heilmethoden als auch über die Etablierung westlicher Medizin. Vor allem haben wir viel über die Probleme erfahren, vor denen beide Medizinrichtungen stehen: die zunehmende Globalisierung und Verstädterung sowie das hohe Krankheitsaufkommen.

    Können Sie als Psychiater einen Zusammenhang von gesellschaftlichen Veränderungen und psychischen Erkrankungen feststellen? Es ist bekannt, dass psychische Erkrankungen in besonders hohem Maße von sozialen Faktoren verursacht und beeinflusst werden. Die westliche akademische Medizin hatte das lange aus den Augen verloren, besonders seit eine Therapie mit Medikamenten möglich ist. Die Therapiemethoden der traditionellen Medizin in Afrika dagegen arbeiten gerade auf dieser Ebene.

    Kann Kreuzberg von Tansania etwas lernen? Ja, denn es geht nicht mehr um die Frage, ob die westliche Medizin die bessere Heilmethode ist, sondern wie wir gemeinsam die anstehenden Probleme meistern können. Auch uns betreffen diese großen gesellschaftlichen Veränderungen wie Globalisierung und Vereinsamung. Die Probleme, die sich in zunehmenden psychischen Erkrankungen niederschlagen, sind in Kreuzberg und Neukölln deutlich sichtbar – wie in Afrika auch.

    Foto: Bernd Schmidt

    Für den 22.09., 20h verlosen wir 1×2 Karten (Prozedere siehe „Kultur“). Und wo ist die „Vierte Welt“? Am Kottbusser Tor. Sie steigen die Treppe zum Café Kotti hinauf, biegen rechts ein, laufen am Wettbüro vorbei, überqueren die Adalbertstraße, treten durch die Gittertür ein und erreichen nach 100 Metern den Projektraum.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: corinna.bodisco@extern.tagesspiegel.de.

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von Corinna von Bodisco tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

Sonntagsöffnung öffentlicher Bibliotheken bald im Bundestag? Wissen Sie es schon? Öffentliche Bibliotheken dürfen sonntags nicht öffnen. So steht es im Arbeitszeitgesetz. Kultureinrichtungen wie Museen oder wissenschaftliche Präsenzbibliotheken stehen dagegen auf der Ausnahmeliste. Auf der einen Seite steht der Arbeitnehmerschutz, auf der anderen das kultur- und bildungspolitische Ziel öffentlicher Bibliotheken. Die Nutzer*innen kämen jedenfalls gerne – das zeigen Modellversuche in Bremen und Berlin.

Der Trick der AGB. Wenn Sie nun denken: Die Amerika-Gedenkbibliothek hat doch sonntags offen!? – Stimmt, aber ohne bibliothekarisches Personal und mit Veranstaltungen rund um die Uhr. Dafür beauftragte die Zentral- und Landesbibliothek vor einem Jahr das „sonntagsbureau“. Budget: 67.200 Euro pro Halbjahr (Quelle: ZLB-Ausschreibung vom 26.06.2017). Bei etwa 24 Sonntagen kann folglich pro Sonntag 2.700 Euro brutto veranschlagt werden. Beteiligt an der Planung und Durchführung der offenen Sonntage sind neun Kultur-Expert*innen und zahlreiche Aktive ihrer Netzwerke. Das Sonntagsprogramm ist sehr beliebt. Doch der Bibliotheksverband setzt sich schon jahrelang für eine Gesetzesänderung und…

… Sonntage mit Bibliothekar*innen ein. Beim Bibliotheksfestival vergangenen Sonntag zeigte sich Verdi-Chef Frank Bsirske sogar offen für die Änderung: „Wenn sich eine demokratische Mehrheit für die Gesetzesänderung findet, werden wir tarifliche Lösungen finden“, sagte er. Eine allgemeine Öffnung der Sonntage befürworte er jedoch nicht.

Was sagen die Parteien? Der CDU-Abgeordnete Martin Patzelt sprach sich bei der Festivaldiskussion für mehr Familienangebote aus: Dafür leisteten öffentliche Bibliotheken einen wesentlichen Beitrag und deswegen werde er die Debatte in seiner Fraktion anstoßen. „Um den Zugang zu konsumfreien öffentlichen Orten zu gewähren, macht es neben den wichtigen Arbeitnehmerrechten Sinn, Gesetze zu ändern“, sagte Kirsten Kapperth-Gonther (Grüne).

Die grüne Bundestagsfraktion plane eine Initiative zur Gesetzesänderung, sagte Sabine Bangert (Grüne) auf Nachfrage. Grundsätzlich setzt sich die Partei für eine Stärkung der Bibliotheken in Berlin ein, viele Punkte sieht die Abgeordnete jedoch kritisch: „Derzeit wird die Sonntagsöffnung nur aus der Nutzerinnenperspektive betrachtet, die Beschäftigten werden überhaupt nicht miteinbezogen.“ Bangert weist außerdem auf die Konsequenzen hin: So seien zur Realisierung der Sonntagsöffnung mehr Personal sowie Feiertagszuschüsse notwendig. Auch der Vergleich mit den Museen hinke, denn diese sind montags geschlossen. Bei einer Gesetzesänderung müsste folglich über einen zusätzlichen Schließtag diskutiert werden. Fortsetzung der Debatte folgt: im Bundestag.

Corinna von Bodisco ist freie Autorin beim Tagesspiegel, lebt in Kreuzberg und schreibt überall. Wenn sie nicht gerade wieder umzieht, schneidet sie vermutlich an ihren Hörstücken. Neue Themenideen und Kritik liest sie gerne per E-Mail oder auf Twitter.

Corinna von Bodiscos Spätsommer-Tipp für Sie

Drachentalks und Drachengucken auf dem Tempelhofer Feld. Es wird Herbst und nur ein Katzensprung von Xhain entfernt steigen am 22.09. von 11-20h die spannendsten Drachen in die Luft: Wale, Schildkröten, Seesterne oder gar Eichhörnchen. Außerdem können Sie die längste Turbine Europas (45 Meter), das größte Windrad (26 Meter Durchmesser) und weitere Riesendrachen bestaunen. Der Eintritt ist frei, ein Bühnenprogramm gibt es auch. Mehr Infos hier und auf Facebook.

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