• Nachbarschaft

    Der Autor und Journalist Jürgen Enkemann ist seit den 1970er Jahren eng mit Kreuzberg verbandelt: Er war hauptverantwortlicher Redakteur des „Kreuzberger Stachels“ und initiierte die Herausgabe der Kiezzeitschrift „Kreuzberger Horn“. Außerdem ist Enkemann Mitinitiator der „Kiezwoche zwischen dem Kreuzberg und dem Landwehrkanal“. 2015 rief er den monatlichen „Kiezratschlag“ im Großbeerenviertel mit ins Leben, getragen vom „Kiezbündnis am Kreuzberg“. Jetzt plant Enkemann seinen nächsten Streich: Einen üppigen Bild-Text-Band mit dem Titel „Kreuzberg – Das andere Berlin“, der im Verlag für Berlin-Brandenburg erscheinen soll; dafür braucht er allerdings Unterstützung.

    In Ihrem Buch „Kreuzberg – das andere Berlin“ wird die Geschichte von Kreuzberg dargestellt. Können Sie uns kurz erzählen, wie der Bezirk überhaupt entstand?
    Der Bezirk wurde 1920 im Rahmen der administrativen Schaffung von Großberlin als einer von 20 Verwaltungsbezirken gegründet. Er trug zunächst den Namen „Hallesches Tor“-Bezirk und wurde im Frühjahr 1921 umbenannt, als das hundertjährige Bestehen des Nationaldenkmals auf dem Kreuzberg gefeiert wurde. In dem aus mehreren Stadtteilen zusammengewürfelten Bezirk konnte zur Zeit der Gründung von lokaler Identität nicht die Rede sein. Es gab noch nicht einmal in Teilen von ihm traditionelle örtliche Orientierungen, im Unterschied zu verschiedenen anderen neuen Bezirken mit dörflichen Kernen. Paradoxerweise war es gerade dieser Bezirk, in dem in späterer Zeit wie wohl in keinem anderen ein besonderes Identitätsbewusstsein demonstrativ hervorgekehrt wurde, so etwa auf Protesttransparenten der Initiative „Kotti & Co.“ in SO 36 mit dem Slogan „Wir sind Kreuzberg“.

    Nächstes Jahr wird Kreuzberg 100 Jahre alt, eine ziemlich lange Zeitspanne also. Worauf liegt der Fokus des Buchs?
    In seiner historischen Darstellung ist das Buch einerseits auf einen bestimmten Entwicklungsstrang der Kreuzberger Geschichte fokussiert, andererseits auf seine stark ausgeprägte Alternativität und Widerständigkeit sowie seine multikulturelle Zusammensetzung mit besonders großem türkischen Anteil. Nachdem eine relativ frühe Periode als „Vorgeschichte“ vorangestellt wird, geht es danach um Kreuzberg als jenes „andere Berlin“, das seit den frühen 1960er-Jahren zunächst mit einer künstlerisch aktiven Szene, der sogenannten Kreuzberger Bohème, eine stark beachtete Eigenart entfaltete. Weitere Kapitel befassen sich u.a. mit Besetzungsaktionen von aufmüpfigen Jugendlichengruppen in Kreuzberg, unterstützt durch Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben, mit der Hausbesetzerbewegung und dem Kreuzberger Ersten Mai sowie mit Kreuzberg als besonderem Entfaltungsort alternativer Kultur. In jüngerer Zeit haben die Willkommenskultur für Geflüchtete und der mietenpolitische Widerstand gegen Verdrängung starke öffentliche Beachtung gefunden.

    Sie sammeln per Crowdfunding Geld für Ihr Projekt – verraten Sie uns doch bitte, warum man es unbedingt unterstützen soll!
    Die Kampagne ist als Voraussetzung für eine Veröffentlichung dadurch begründet, dass der Band reich ausgestattet werden soll, besonders mit sehr vielen farbigen Illustrationen, die das Buch nicht nur lesens-, sondern auch sehenswert machen sollen. So etwas kostet leider Geld. Darüber hinaus geht es mir darum, die Entwicklung trotz aller nicht völlig unbegründeter Schwanengesänge auch als zukunftsträchtig zu begreifen und als eine mögliche Quelle von wichtigen Impulsen über Kreuzberg hinaus in einer Welt der fortschreitenden kulturellen Kommerzialisierung und wachsenden sozialen Ungerechtigkeit.

    Wenn Sie Enkemanns Buchprojekt unterstützen wollen, können Sie sich hier am Crowdfunding beteiligen: startnext.com/Kreuzbergbuch.

    Foto: Sophie Charlotte Bentzien

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

jetzt ist es offiziell: Der dritte geschützte Radstreifen Berlins auf der Hasenheide wurde von Verkehrssenatorin Regine Günther und Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) eingeweiht. Er ist einen Kilometer lang und reicht vom Südstern bis zur Wissmannstraße am Hermannplatz; die Breite zwischen Poller und Bordstein beträgt etwa 2,30 Meter. Wer es schon einmal ausprobiert hat weiß: Überholen ist damit kaum möglich, zumindest nicht, wenn eines der beiden Räder ein Lastenrad ist oder mit Kinderanhänger fährt. Radaktive und ADFC hatten bereits im September letzten Jahres einen breiteren Weg gefordert – doch der Verkehrsverwaltung fehlte der Mut, den Parkstreifen 50 Zentimeter zu verschmälern, um ausreichend Platz für nebeneinander fahrende Radler*innen zu schaffen. Freuen kann man sich natürlich trotzdem über den grasgrünen, sicheren Weg – und Herrmann versichert: „Dieser geschützte Radstreifen ist nur ein Auftakt für viele weitere fahrradfreundliche Infrastrukturprojekte in Friedrichshain-Kreuzberg.“

Wie zum Beispiel die so genannte Y-Trasse: Von Adlershof bis zum Görlitzer Park und zur Hasenheide (fast) ohne Unterbrechungen durchfahren – das soll in einigen Jahren Realität sein. Die Y-Trasse soll rund 17 Kilometer lang sein und ist eines von elf geplanten Radschnellverbindungen in Berlin, ab 2022 sollen die Bauarbeiten starten, berichtet Kollegin Madlen Haarbach im Leute-Newsletter für Neukölln. Den aktuellen Planungsstand des Projekts stellten Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese, Monika Herrmann, der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel sowie der Ingenieur Peter Bischoff am Dienstagabend bei einer öffentlichen Diskussion im Heimathafen Neukölln vor.

Schade nur, dass es um einen anderen Radstreifen im Bezirk dauerhaft schlecht bestellt ist: In der Tamara-Danz-Straße haben Radfahrende für gewöhnlich das Nachsehen, denn der Radweg dort ist mehr oder weniger permanent von Falschparkenden blockiert. Abgeschleppt wurde bisher nur selten – das soll sich jetzt allerdings ändern. Außerdem plant der Bezirk die Montage von so genannten Leit-Boys, die den Radweg von der Straße trennen – geparkt werden könnte dort dann nicht mehr. Im Netz kursieren dennoch Gerüchte, dass der Radweg zurückgebaut werden solle – Polizeibeamt*innen hätten behauptet, das wäre mit dem Bezirk abgesprochen. Sara Lühmann vom Bezirksamt Xhain dementiert: „Der Rückbau des Radwegs in der Tamara-Danz-Straße ist mit dem Bezirk so nicht abgesprochen und nicht geplant.“ Auf eine Anfrage, ob Beamt*innen tatsächlich behauptet hätten, der Radstreifen solle in Absprache mit dem Bezirk zurückgebaut werden, äußerte sich die Polizei nicht rechtzeitig bis Redaktionsschluss.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Nele Jenschs Tipp für Sie

Nach gehobener Küche sieht der kleine Nil-Imbiss in der Grünberger Straße zugegebenermaßen nicht aus, eher ein bisschen abgerockt. Macht aber nichts, denn der Eindruck täuscht und das Essen schmeckt fantastisch! Bei Nil gibt es klassische sudanesische Gerichte, die Gründer und Inhaber Walid Elsayed weiterentwickelt hat, um dem europäischen Geschmack entgegen zu kommen. So gibt es köstlich gewürzten Falafel, Fohl (gestampfte Ackerbohnen), Aswad (Auberginen-Salat), Maniok-Pommes und die beste nicht-scharfe Erdnuss-Sauce der Stadt (Extra-Tipp: Im Getränkekühlschrank sogar zum Mitnehmen!).

Satt werden von Canivoren bis zu Veganer*innen alle, arm niemand, und die Mitarbeiter*innen sind überaus freundlich und tragen schusseligen Gästen auch die verlorenen Ohrringe hinterher (danke nochmal). Mittlerweile gibt es drei Nil-Filialen in Berlin, alle in Xhain: Den Klassiker in der Grünberger Straße 52, die „Experimentierküche“ gleich um die Ecke in der Boxhagener Straße 22 (wo der Chef persönlich kocht und neue Kreationen erprobt) sowie am Schlesi in der Oppelner Straße 4. Alle Filialen haben täglich von 11 bis 24 Uhr geöffnet. nil-food.de

#MeinKreuzberg