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    Nachbarschaft

    Willi Hoffmann lebte fast 40 Jahre in der Reichenberger Straße 55. Nun verabschiedete sich die Hausgemeinschaft von ihrem einzigartigen Nachbarn, der mit 103 Jahren verstarb. Er wurde am 17.04. auf dem Alten Domfriedhof St. Hedwig beigesetzt. „Bis zuletzt war er vergleichsweise fit, kochte für sich und andere, selbst beim U17-Damenfußball lieferte er treffende Analysen“, ist auf bizim-kiez.de zu lesen. Auch zum Mietwahnsinn hatte Willi eine eindeutige Meinung. Die Rede seines Nachbarn Patrick Neumann:

    „So lange er schimpft, geht’s ihm gut…“ lautete die Parole. Nun schimpft er nicht mehr, der Willi. Wobei es ja nie böse gemeint war.

    Oder vielleicht schimpft er doch, wenn er jetzt auf uns herabschaut: „Was wollt Ihr denn! Ich komm klar hier oben!“ …wobei, er wird seine Spezialmischungen vermissen: Eierlikör mit Weinbrand verlängert. Brause aus Aspirin- und Magnesiumtablette. Warmes Malzbier.

    Ob das die Rezepte seines hohen Alters waren? Apropos. In all den Jahren schickte mich Willi nie zum Einkaufen. Zum letzten Jahreswechsel allerdings hatte er den Norovirus überwunden und wollte selbst kochen, bevor der Pflegedienst wieder mit Hühnersuppe anrückt. Das Rezept: Nackensteaks. Ananasstücke. Fleischsalat. An der Kasse hinter ihm: Die Dame vom Pflegedienst. Mit Hühnersuppe.

    Und dann war da noch Spiegel TV. Ein paar Tage vor dem Termin braucht er lange, um die richtigen Sätze zu finden. Doch als das Kamerateam da war, beantwortete er jede Frage prompt. Im Adidas-Trainingsanzug, mit Café-King-Schlüsselband.

    Nur das Timing mit Nina Hagen klappte nicht mehr (Anm.: Das Treffen mit Nina Hagen im Spreewaldbad ist eine von Willis Geschichten. Nachzulesen hier).

    Und unser Haus? – Da pochte Willi auf seine Meinung, dass sich auch die Mieter*innen drum kümmern sollten.

    Damit wären wir noch mal beim Schimpfen: Über die „Lumpen in Lackschuhen“, die das Haus kauften. „Der kleine Mann muss sich wehren!“ sagte er.

    Das machen wir. Und kämpfen für den Erhalt der Reichenberger 55 als Mietshaus – in unserem Verein war er schließlich Ehrenmitglied.

    Eine Ehre war es uns, lieber Willi, Deine Nachbarn gewesen zu sein.

    Auf dem Foto sehen Sie Willi Hoffmann mit der Rechtsanwältin und Abgeordneten Canan Bayram (Grüne). Für das Treffen kochte er Kaffee und besorgte Baumkuchen. Dann legte er los: „Der Türke da, bei den Grünen, der ist ein Guter … wie heißt der doch… Özdemir!“ Mehr über die Hausgemeinschaft Reichenberger 55 e.V. lesen Sie unten bei Namen & Neues.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: corinna.bodisco@extern.tagesspiegel.de

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von Corinna Bodisco tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

raten Sie mal: Wann wird es in Kreuzberg noch voller als in den Eisschlangen vor den Eisläden an einem sommerlichen Apriltag? Tipp: Es hat was mit Arbeit zu tun. – Okay, leicht. Nennen wir ihn ersten Mai, Maifeiertag, Tag der Arbeit oder Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, hauptsache es wird draußen gefeiert, demonstriert (diesmal auch die Kreuzberger CDU gegen linke Gewalt) und revoltiert.

Die alljährliche Mai-Demo kam der Anmeldepflicht zwar nicht nach – das sei aber kein Problem und der Senat zeige sich entspannt, schreibt Daniel Kretschmar in der taz. Klar ist: Die angekündigte Demo wird stattfinden und einige Linksradikale wollen die in Deutschland verbotenen Fahnen der kurdischen Terrorvereinigung PKK schwenken. Die letzten Jahre verliefen die Mai-Demonstrationen zum größten Teil friedlich, aber die Fahnen bringen die Polizei diesmal in eine schwierige Lage. Die Demonstrant*innen solidarisieren sich so mit syrischen Kurd*innen und protestieren gegen die deutsche Regierung „die sich mit der Politik der türkischen Regierung gemeinmacht“.

Doch es gibt zwei weitere Feste mit Spielregeln: MyFest und das neue MaiGörli im Görlitzer Park. Das Myfest wird von MyFest e.V. organisiert, das MaiGörli vom Veranstalter Johannes Grüss, beide Organisator*innen werden vom Bezirksamt unterstützt, der Bezirk trägt die Kosten. Beim neuen kostenfreien Fest gibt es von 12 bis 23h ein Musikprogramm, Gratis-Wasser und Regeln: „kein Glas, keine Dosen, keine Gewalt“. Jede Person kann bis zu drei Liter Flüssigkeit in PET-Flaschen und Essen für den Eigenbedarf mitnehmen. Das neue Parkfest soll laut Bezirksamt dafür sorgen, dass „Anwohner, Behörden und der Park weniger belastet werden“. Grund für die neue, vor zwei Monaten geplante Strategie sind die illegalen Großveranstaltungen der Vorjahre, die den Görli in vermülltem Zustand hinterließen. Auch das MyFest soll sauberer werden: Standaktive müssen mindestens zwei Müllsäcke bei der BSR erwerben. Die Sauberkeit an den Ständen wird nach dem Fest vom Bezirksamt kontrolliert.

Nur: Wie kommen Sie zum Feste? Die U-Bahnhöfe Görlitzer Bahnhof und Kottbusser Tor sind auch am 1. Mai wegen Bauarbeiten gesperrt. Moritzplatz (U8) und Schlesisches Tor (U1) sind passierbar. Oder den Drahtesel nutzen, der vor dem Park warten muss. Das Auto ist dagegen keine gute Idee: Rund um den Lausitzer Platz und den Görlitzer Park dürfen keine Fahrzeuge geparkt werden. Hinein ins Mai-Görli-Getümmel geht es über Sicherheitsschleusen. „Nur“ 12.500 Menschen werden eingelassen, damit es nicht zu voll wird. Das Bezirksamt hat auf einer Karte die „bevorzugten Zugänge“ für beide Feste markiert. Beim MyFest soll die Oranienstraße/ Manteuffelstraße sowie beim MaiGörli die Richtung Lausitzer Platz ausschließlich als Ausgang dienen. Wenn Sie sich das nicht merken können: abspeichern oder ausdrucken. Denn es kommen noch andere Regeln dazu (verboten sind Zelte, Strandmuscheln sowie „(Camping-)Möbel“, Decken hingegen sind erlaubt). Falls es doch zu dreckig wird, können Sie in die Clubs weiterziehen. Oder: Im Statthaus Böcklerpark gibt es auch ein Maifest für Kinder, Jugendliche und Familien.

Die Alternative: Ein Kurzurlaub im Kleingarten? Wenn Sie Kleingartenbesitzer*in oder „Laubenpieper“-Liebhaber*in sind, interessiert mich, was Sie vom Vorschlag Arne Piepgras’ halten (gerne per Mail): Der Immobilienprojektentwickler und Investor verfasste einen Brief an Bausenatorin Katrin Lompscher, der als Anzeige am Sonnabend im Tagesspiegel erschien. Er legt nah, Kleingartenanlagen ins Umland umzusiedeln, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Seine Rechnung: 30.000 Anlagen ergeben „rund 400.000 neue Wohnungen“. Die Umsiedlung sei gerechter, als dass „hunderttausende Bürger*innen die Stadt wegen steigender Mieten verlassen müssten“, so Piepgras. Eine Antwort der Bausenatorin bekam er bisher nicht. Perspektivisch kann tatsächlich der Bedarf an Fläche für Wohnraum, Schulen und Kitas nicht gedeckt werden. Ist der Vorschlag des Investors also eine wägbare Lösung? Bezahlbarer Wohnraum klingt schon mal besser als teurer Wohnraum, denn der Verkauf von Kleingärten an Investor*innen findet bereits statt – zum Beispiel in Pankow: „Sie [Investor*innen] kaufen zu Grünflächenpreisen, verkaufen mit großem Gewinn“, sagte die Vorsitzende des Kleingartenverbandes Viola Kleinau im Interview mit Christian Hönicke.

Corinna von Bodisco ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Die dubiosen Aktionen einer großen Immobilienagentur machten sie einigermaßen fit in Sachen Mietrecht. Wenn sie nicht gerade wieder umzieht, schneidet sie vermutlich an ihren Hörstücken. Neue Themenideen und Kritik liest sie gerne per E-Mail oder auf Twitter.

Corinna von Bodiscos Tipp für Sie

Arbeitsstreik, Grundeinkommens-Gespräche und Pflege-Roboter in der AGB. Diesen Themen widmet die Amerika-Gedenkbibliothek einen eigenen Themenraum. In Kooperation mit dem Wissenschaftsjahr „Arbeitswelten der Zukunft“, Wissenschaft im Dialog und Mein Grundeinkommen e.V. können Besucher*innen vom 17.04. bis 24.05. kostenfreie Workshops und Diskussionsrunden besuchen und das eigens zusammengestellte Medienangebot konsultieren: Wie wurde früher gearbeitet, welche neuen Arbeitsformen sind entstanden und warum arbeiten wir eigentlich? Los geht es mit dem Stummfilm „Der Streik“ (1924) des Regisseurs Sergej Eisenstein (03.05, 18 bis 20h). Am Sonntag drauf (06.05., 13 bis 16h) können Sie unter vier Augen mit Gewinner*innen des Bedingungslosen Grundeinkommens sprechen. Und dann gibt es noch Diskussionen um Roboter in der Altenpflege. Außerdem: Gerade stehen im AGB-Lesesaal zwei Kopfhörerkabinen: „Tritt in persönlichen Kontakt mit LOA“. LOA ist die künstliche Intelligenz von Mein Grundeinkommen e.V. Gesprochen werden kann über die eigene Haltung zum Thema Arbeit, mit den Gesprächen wird LOA verbessert. Die Aufnahmen werden nicht veröffentlicht. Vollständiges Programm auf zlb.de.

#MeinKreuzberg