• Nachbarschaft

    Obdachlose unterstützen und dabei umweltfreundliche Mobilität fördern – ja, das geht! Elias Dege, 21, und sein Team von „warmgefahren“ bringen mit dem Lastenfahrrad Hilfe zu wohnungslosen Menschen in ganz Berlin.

    Ihr bringt Tee, Kaffee und Schlafsäcke zu Wohnungslosen und gebt ihnen Tipps zu Hilfsangeboten – hilft es den Menschen darüber hinaus auch, dass überhaupt jemand Interesse für sie zeigt?

    Ich denke, für die Menschen auf der Straße ist das Leben alles andere als einfach – vor allem fühlen sie sich in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert und nicht ausreichend unterstützt. Wir versuchen, Kontakt zu den Menschen aufzubauen und ihnen zuzuhören. Das bedeutet sehr viel für einen Betroffenen, der wenig soziale Kontakte hat und sich von der Gesellschaft nicht beachtet fühlt. Darüber hinaus wollen wir den direkten Austausch nutzen, um herauszufinden, wie das Problem der Obdachlosigkeit in Zukunft gelöst werden kann, bzw. wie wir helfen können.

    Bequemer wäre euer Job ja wahrscheinlich mit dem Auto – was ist, neben der Umweltverträglichkeit, der Vorteil am (Lasten-)Fahrrad?

    Neben der Umweltverträglichkeit ist es mit dem Fahrrad effizienter in Großstädten wie Berlin von A nach B zu kommen – zudem haben wir mit Lastenrädern keine Zufahrtsbeschränkung und können uns problemlos in Parks und Grünanlagen bewegen. Die Idee ist außerdem, sich den Menschen durch das Fahrrad verbundener zu fühlen um direkten Kontakt aufbauen zu können.

    Wie ist die Resonanz auf euer Projekt, bei den Betroffenen und darüber hinaus?

    Die Resonanz ist sehr gut, sowohl von Betroffenen als auch von Nicht-Betroffenen, und darüber freuen wir uns besonders. Wir wollen die Menschen zum Mitmachen inspirieren und auf diesen Missstand aufmerksam machen.

    Woher kommen die Dinge, die Ihr verteilt, und wie kann man euch unterstützen?

    Dank unserer Kooperation mit der Berliner Obdachlosenhilfe e. V. bekommen wir viele Sachspenden aus dem bereits existierendem Netzwerk. Uns kontaktieren aber auch Privatpersonen, die zum Beispiel eine alte Winterjacke übrig haben und diese gerne an uns weitergeben möchten. Unterstützen kann man uns derzeit vor allem auf startnext.com/warmgefahren. Dort sammeln wir Geld, um unser Projekt fortführen zu können und um eine mobile Suppenküche aufzubauen. Unsere derzeitigen Lastenräder sind geliehen. Damit wir sowohl im Sommer als auch im Winter aktiv bleiben können, benötigen wir eigene Lastenräder.

    Die Zahl der Obdachlosen in Berlin steigt stetig – woran liegt das?

    Viele Faktoren können eine Rolle spielen – gesellschaftliche Gründe wie z. B. rasant steigende Mieten sind ein großes Problem. Menschen, die ihre Wohnung verlieren, haben es extrem schwer, eine neue und vor allem bezahlbare Wohnung zu finden. Aber auch der Jobverlust und zusätzlich private Probleme können ein Weg in die Obdachlosigkeit sein. Das Erschreckende ist, dass Obdachlosigkeit längst kein Phänomen mehr von Armut sein muss. Immer mehr Menschen aus der so genannten Mittelschicht sind betroffen.

    Mittlerweile leben auch immer mehr Frauen und Kinder auf der Straße – was lässt sich über ihre Situation sagen? Und ist es für dich besonders belastend, Kinder zu sehen, die kein Zuhause haben?

    Die Zahlen hierzu sind gestiegen, das finde ich besonders beängstigend zu hören. Ich bin damit jedoch bis jetzt nicht wirklich konfrontiert worden, da wir wenig Frauen und Kinder treffen. Ich hoffe, dass in diesen Fällen besonders schnelle Hilfe angeboten wird, um Frauen und Kinder vor der Obdachlosigkeit zu bewahren.

    Tut die Politik Deiner Meinung nach genug für Wohnungslose?

    Ich hoffe, dass die Politik ihren Beitrag zu der Lösung dieses Problems leisten wird. Gleichzeitig finde ich es schwierig, alles immer auf politischer Ebene lösen zu wollen – wir können gemeinsam ganz viel bewegen und ins Rollen bringen. Ich würde sagen, dass neue Ideen und unbürokratische Ansätze erarbeitet werden sollten, um den Menschen zukünftig zu helfen und dafür zu sorgen, dass längerfristig Prävention betrieben wird.

    Was macht Ihr, wenn es Frühling wird?

    Wir machen weiter! Viele neue Ideen stehen im Raum und wir werden uns weiterhin mit der Thematik auseinandersetzen. Im Endeffekt wollen wir dazu beitragen, dass es den Menschen zukünftig besser geht und sich das Bewusstsein für sowie der Blick auf obdachlose Menschen verändert.

    Foto: Anton Corbal

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

Haben Sie kleine Kinder? Und einen Kita-Platz für sie? Falls beides zutrifft, können Sie sich glücklich schätzen: Xhain hat besonders große Probleme, Kita-Plätze zur Verfügung zu stellen. Schon im vergangen Jahr teilte das Jugendamt mit, dass man Eltern nicht mehr helfen könne: „Leider kann die Unterstützung bei der Kitaplatzsuche durch das Jugendamt aufgrund des aktuellen Kitaplatzmangels momentan nicht mehr zielführend angeboten werden“, heißt es (seit fast einem Jahr) auf der Homepage des Bezirks. Die desaströse Situation in Xhain ist verschiedenen Faktoren geschuldet: Zum einen ist da das rasante Bevölkerungswachstum vor allem in der Berliner Innenstadt, auf das nicht rechtzeitig reagiert wurde.

Zum anderen fehlt das Personal: Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) verweist darauf, dass der Erzieher*innenmangel schuld daran sei, dass „Kitas im Bezirk derzeit keine weiteren Kinder aufnehmen können.“ Herrmann ist zugleich Jugendstadträtin und daher auch für die Kita–Plätze zuständig. Auf die Frage, warum der Bezirk verzweifelten Eltern nicht bei der Suche beistehe (wie es in anderen Bezirken der Fall ist), antwortet Herrmann, dass es sich schlicht nicht lohne, weil die – durchaus vorhandenen – freien Kita-Plätze mangels Personal gar nicht belegt werden könnten.

Ab der Vollendung des ersten Lebensjahres gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz (seit 2018 für immerhin sieben Stunden täglich, zuvor waren es nur fünf) – nur wenige Eltern beschreiten allerdings auch tatsächlich den Rechtsweg, wenn sie keine Betreuung für ihren Nachwuchs bekommen. Louisa Seelis ist eine von ihnen: Obwohl sie bereits in der Schwangerschaft auf die Suche ging, stand sie am ersten Geburtstages ihres Sohnes noch immer ohne Kita-Platz da. Ein Dilemma, denn der jungen Frau war es gelungen, während ihrer Elternzeit einen Job als Kulturmanagerin im Konzerthaus Berlin zu bekommen. Antreten konnte sie den nur, weil ihre frisch pensionierten Eltern aus Hamburg nach Berlin zogen und seither ihren Enkel tagsüber betreuen. Jetzt klagt Seelis vor dem Verwaltungsgericht. Neben Seelis` Klage laufen noch zwei weitere „nicht abgeschlossene Klageverfahren und zwei offene Eilverfahren“, sagte Bezirkssprecherin Sara Lühmann meiner Kollegin Susanne Vieth-Entus. Damit ist eine neue Stufe des Berliner Kita-Mangels erreicht, denn bislang war von Klagen nichts bekannt.

Nicht nur Fachkräftemangel und steigende Geburten erschweren die Kita-Suche: Es gibt im verdichteten Xhain auch schlicht wenig Platz für dringend benötigte Neubauten. Stadtweit werden solche „modularen Kitabauten“ hochgezogen, Herrmann erteilte entsprechenden Überlegungen für Xhain auf der letzten BVV jedoch eine Abfuhr: Die Module passten wegen mangelnder Freiflächen „baulich nicht mehr hin.“ Gegen diese Absage wiederum protestiert jetzt laut B.Z. der Senat: „Bedauerlich, dass kein geeignetes Grundstück zur Verfügung steht“, habe die zuständige Jugend-Staatssekretärin Sigrid Klebba (SPD) an Herrmann geschrieben und als Standort die frisch geräumte Gerhart-Hauptmann-Schule vorgeschlagen: „Das weiträumige Gelände der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule ist eine Örtlichkeit, die die Möglichkeit bietet, Kitaplätze zu schaffen.“ BVV-Mitglied Michael Heihsel von der FDP fordert auf Twitter: „Xhain muss mehr tun beim Kita-Ausbau. Es kann nicht sein, dass der Bezirk alles blockiert.“

Auch bei Eltern aus anderen Bezirken macht sich Xhain gerade beliebt: Ein Neuköllner Paar hatte für die Betreuung ihres kleinen Sohnes die Zusage einer Tagesmutter aus Kreuzberg erhalten – in Neukölln selbst hatten sie vergeblich nach einem Betreuungsplatz gesucht, und da beide Eltern in Kreuzberg arbeiten, lag das Ausweichen auf den Nachbarbezirk nah. Doch das Xhainer Jugendamt machte die Hoffnungen mit Verweis auf den Wohnort wieder zunichte: Die Verträge mit Tageseltern sähen vor, dass Kinder aus dem Bezirk bevorzugt würden, habe ihnen eine Mitarbeiterin mitgeteilt, berichtet Vater Kersten Augustin.

Dabei gelten Kita-Gutscheine, die man auch für einen Platz bei Tageseltern braucht, berlinweit. „Uns ist keine rechtliche Regelung bekannt, die besagt, dass Kinder aus dem Wohnbezirk Vorrang vor anderen Kindern haben“, sagt eine Sprecherin der Senatsjugendverwaltung. Es sei absolut üblich, dass Kinder in anderen Bezirken betreut würden – in Xhainer Kitas spielen 3500 Kinder aus anderen Bezirken, umgekehrt besuchten 2372 kleine Xhainer*innen eine Einrichtung in einem anderen Bezirk. Im Bezirksamt scheint man sich dessen nicht bewusst zu sein: „Wir empfehlen als Bezirksamt die vorrangige Versorgung von Kindern aus unserem Bezirk“, so eine Sprecherin von eben diesem. Die abgewiesenen Neuköllner Eltern erwägen jetzt ebenfalls eine Klage.

Schwierig ist die Suche nach einem Betreuungsplatz übrigens nicht nur wegen des geringen Angebots, sondern auch wegen blöder Sprüche: „Zweimal hat mich die Jugendamts-Sachbearbeiterin gefragt, ob ich denn wirklich wieder arbeiten müsse“, berichtet die Kreuzbergerin Louisa Seelis. Sie ist noch immer ein bisschen fassungslos darüber, dass ihr diese Frage ausgerechnet im frauenbewegten Xhain gestellt wurde.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Nele Jenschs Tipp für Sie

Geburt, Hochzeit, runde Geburtstage, Trauerfall: (Post)Karten begleiten das Leben von Anfang bis Ende. Nicht mal die Digitalisierung bedroht ihren über Jahrhunderte zementierten Status Quo ernsthaft, denn was wirklich wichtig ist, wird immer noch auf Papier bekundet. Eine nahezu unerschöpfliche Auswahl der kleinen Begleiter findet sich im „Ararat“ in der Bergmannstraße 99a, geöffnet Mo. bis Sa. von 10 bis 20 Uhr: Fotomotive in schwarz-weiß, sepia, quietschbunt oder nachträglich koloriert, Illustrationen, Kunstpostkarten und Kuriositäten, um entweder Mitmenschen glücklich oder die eigene Wohnung schöner zu machen.

Darüber hinaus bekommt man in dem Laden mit der markanten giftgrünen Markise auch großformatigeres Papier und festere Kartons, zum Geschenke einpacken oder Kunst machen zum Beispiel. Und natürlich, wie in jeder anständigen Papeterie, Schreibwaren, Geschenkartikel und nettes Einrichtungs-Chi Chi. Das Ararat ist nach einem Berg im kurdischen Teil der Türkei benannt und begann einst als kleiner Verlag für türkische Literatur, heute beglückt es Heerscharen von Berliner*innen und Tourist*innen gleichermaßen. Kleiner Tipp: Wer seine papierene Neuerrungenschaft edler wirken lassen will oder auf der Suche nach Kunstdrucken ist, findet im Ararat-Rahmenladen auf der anderen Straßenseite (Bergmannstraße 9) den passenden Rahmen.

#MeinKreuzberg