• Star-Platz

    Nachbarschaft

    Johann Lange ist 17 Jahre alt und lebt im Helmholtzkiez in Prenzlauer Berg. Dort sind die Mieten hoch und öffentlicher Raum ist knapp – vor allem für Jugendliche. Während es für kleine Kinder einige Spielplätze und für ältere Anwohner immerhin die „Herbstlaube“ in der Dunckerstraße gibt, sitzen sie buchstäblich auf der Straße. Sie treffen sich meist auf dem Star-Platz (siehe Foto), einer kleinen Baulücke mit ein paar Sitzbänken und drei Tischtennisplatten. Von dort aber werden sie regelmäßig von der Polizei vertrieben, weil die Anwohner sich gestört fühlen. „Wohin sollen wir denn sonst?“, fragt Johann.

    Johann, wie ist die Lage für Jugendliche am Helmholtzplatz? Naja, sie könnte besser sein. Wir wünschen uns, dass es einen Ort für uns gibt, eine Art Jugendclub. Er muss gar nicht so eine besondere Ausstattung haben. Tischtennis, Billard, Kicker, das würde schon reichen.

    Es gibt doch das „W24“ in der Wichertstraße. Ja, als ich zwischen 7 und 12 war, war ich auch immer da. Aber der Club richtet sich einfach an jüngere Kinder, das passt nicht mehr. Nach 19 Uhr und am Wochenende ist er sowieso geschlossen. Einen anderen Jugendclub in der Nähe gibt es nicht.

    Wo trefft Ihr Euch dann? Meistens auf dem Star-Platz in der Stargarder Straße. Wir sind so 20 Leute von den umliegenden Schulen, Wilhelm von Humboldt, Käthe Kollwitz, Heinrich Schliemann. Fast alle von uns leben auch im Helmholtzkiez. In der Woche nach der Schule ist es da okay. Schwieriger wird es am Wochenende, wenn wir uns eher abends treffen wollen. In der Regel werden wir weggeschickt, weil es immer wieder Beschwerden über Lärmbelästigung gibt.

    Was macht Ihr dort? Meistens sind wir einfach da, quatschen, spielen Tischtennis und hören ein bisschen Musik. Nichts Dramatisches. Aber um 22 Uhr ist da Schluss. Es gibt Nachbarn, die um Punkt 22 Uhr bei der Polizei anrufen. Dabei hat die prinzipiell Verständnis für uns. Die Polizisten haben uns schon gesagt, dass sie es blöd finden, wenn sie uns immer wegschicken. Aber sie müssen es eben tun.

    Wo geht Ihr dann hin? Das ist so ein Katz-und-Maus-Spiel. Oft gehen wir danach zum Helmi, da sind wir dann eine halbe Stunde, dann werden wir auch da weggeschickt. Es gibt auch ein paar kleinere Spielplätze im Kiez, auf denen sind wir hin und wieder. Meist landen wir am Ende im Thälmannpark und sitzen hinter dem Planetarium. Da stören wir wenigstens keine Nachbarn, aber es gibt dort noch weniger Möglichkeiten als auf dem Star-Platz, zum Beispiel keine Tischtennisplatten.

    Was macht Ihr bei schlechtem Wetter? Das ist richtig blöd. Wenn es nur kurz regnet, stellen wir uns in Hauseingängen unter, aber auch das nervt manche Nachbarn. Bei starkem Regen geht eigentlich jeder zu sich nach Hause, weil es keine Alternativen gibt. Gerade im Winter haben wir monatelang keinen Ort, an dem wir uns mal drinnen treffen können. Das ist schon belastend. Es gibt zwar ein paar Kneipen mit Kicker und Billard, aber bei uns sind auch nicht alle schon über 18, die kommen dort nicht rein. Außerdem kostet das ja auch Geld. Zuhause sind die Möglichkeiten auch begrenzt, die Eltern wollen logischerweise nicht ständig 20 Leute in der Wohnung haben.

    Was wünscht Ihr Euch? Einfach einen Ort, an dem wir uns auch abends, bei schlechtem Wetter oder im Winter treffen können. Ich war mal in Neubrandenburg, da gab es ein alternatives Jugendzentrum mit Kicker und Billard, und man konnte auch noch nach 22 Uhr dort sein. Davon können wir momentan nur träumen. Ein Vater hat letztens ernsthaft überlegt, eine Wohnung für uns zu besorgen, damit wir daraus unseren eigenen Jugendclub machen können.

    Foto: privat

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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von Christian Hönicke tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Pankow,

wer keine Kinder mag, der soll nicht in Prenzlauer Berg oder anderen kinderreichen Vierteln Pankows leben. Findet Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke). Groll gegen Kinder ist gerade in der einstigen Szene- und jetzigen Krabbelhochburg Prenzlauer Berg offenbar schon lange mehr oder weniger salonfähig. Davon hat Benn jetzt genug. Kinderhasser haben dort seiner Meinung nach nichts verloren, genervten Anwohnern empfiehlt er wegzuziehen: „Wer ein Problem mit Kinderlärm oder dem Treiben von jungen Familien hat, der sollte sich einen Wohnort suchen, an dem es weniger davon gibt, an dem er von Lebensfreude und unbeschwertem Kinderspiel nicht belästigt wird.“

Anlass für dieses deutliche Statement sind die jüngsten Vorgänge rund um den Arnimplatz (siehe Kiezgespräch). Dort sind in den vergangenen Monaten wiederholt Rasierklingen, Nähnadeln und Reißzwecken auf Spielplätzen und vor Kitas ausgelegt worden. „Gemeingefährlich, feige und hinterhältig“ sei dies, so Benn. „Mir erschließt sich nicht, was im Kopf solcher Leute vorgeht, welches Maß an Verbitterung und Herzenskälte von jemanden Besitz ergriffen haben muss, dass er sich ausgerechnet an Kindern abreagieren muss.“ Wer so etwas tue, nehme schwere Verletzungen von Kindern in Kauf oder lege es sogar darauf an. „Aus meiner Sicht ist das versuchte Körperverletzung.“

Deswegen ermittelt auch die Polizei. In Absprache mit dem Ordnungsamt gibt es zudem Sonderstreifen und Schwerpunktkontrollen am Arnimplatz. „Das geht aber nur temporär“, sagt Benn. Zumal die scharfen Gegenstände ausnahmslos morgens gefunden und damit vermutlich im Schutz der Nacht ausgelegt wurden. Auch deswegen liegt die Aufklärungsquote für solche Angriffe erfahrungsgemäß bei fast null Prozent.

Einstweilen wurde der Spielplatz in dieser Woche erneut gesperrt: Das Bezirksamt beauftragte eine Firma, die den Sand auch in den tieferen Schichten reinigen sollte. Tagesspiegel-Leser regen noch weiter gehende Maßnahmen an. User „tweet4fun“ spricht sich genau wie „ExpatLeser“ für eine Video-Überwachung des Arnimplatzes aus, in Los Angeles würden Spielplätze auch „nachts sporadisch von Polizeistreifen kontrolliert, und zwar regelmäßig und in unberechenbaren Zeitabständen“. User „Schnittchen“ sieht das klischeehafte Prenzlauer-Berg-Bashing als Teil des Problems: „Hier sollten sich auch alle angesprochen fühlen, die immer wieder Hass auf ‚Ökomütter‘ und ‚Prenzlschwaben‘ etc. schüren. Ihr schafft ein Klima, in dem sich Vollidioten, die Kleinkinder verletzen wollen, in ihrem Hass bestätigt fühlen.“

Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

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