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    Nachbarschaft

    Pankows Ämter senden SOS. Aus dem Jugendamt erreichen uns in dieser Woche Hilferufe angesichts der dramatischen Überlastung und personellen Notlage. Demnach schafft es der Bezirk nicht einmal, den rechtlich vorgeschriebenen Mindeststandard beim Kinderschutz zu gewährleisten. Dabei will Pankow doch besonders kinderfreundlich werden. Als erster Bezirk hat er einen Handlungsleitfaden zum Kinderschutz entwickelt, unter dem Motto: „Pankow – ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche“. Das klingt theoretisch löblich, doch die Praxis sieht offenbar anders aus. Eine Jugendamt-Mitarbeiterin berichtet an dieser Stelle anonym aus ihrem Alltag:

    „Für den Kinderschutz ist der Regionale Sozialpädagogischer Dienst (RSD) des Jugendamts zuständig. Wir sollen den Kinderschutz im Gefahrenfall sichern und Familien in Not helfen. Dabei sind wir wegen des Personalmangels selbst seit Jahren in Not. Das gilt berlinweit, aber bei uns in Pankow ist es besonders schlimm. Im Grunde machen wir uns täglich strafbar.

    Viele rechtlich vorgeschriebenen Pflichtaufgaben schaffen wir nicht mehr. Wenn eine Kinderschutzmeldung kommt, können wir ihr oft erst nach Tagen oder sogar Wochen vor Ort nachgehen. Dabei muss man eigentlich direkt nach der Meldung hinfahren, im schlimmsten Fall kommt ein Kind ernsthaft zu Schaden. Auch bei Prozessen vor Familiengerichten erscheinen wir trotz Anwesenheitspflicht kaum noch, für die aktive Hilfe bei der Erziehung in Problemfamilien fehlt die Zeit. Wir können oft nur halbjährlich mit Eltern sprechen, eigentlich sollte man das wenigstens dreimonatlich tun. Klassische Hausbesuche sind die absolute Seltenheit geworden.

    60 bis 80 Prozent unserer Arbeit machen inzwischen Verwaltungspflichten aus. Wir müssen seitenlange Berichte schreiben, alle halbe Jahre gibt es neue Vorschriften, das ist völlig überbordend. Ein Beispiel: Bei Kindeswohlgefährdung müssen zwei Mitarbeiter den ,Erstcheckbogen‘ ausfüllen, der ist jetzt acht Seiten lang – dabei reichen auch drei Seiten.

    In Berlin soll eine MitarbeiterIn eigentlich höchstens 65 Fälle bearbeiten. In der Praxis hat ein Drittel unserer KollegInnen über 80, es gibt welche mit bis zu 130 Fällen. Und man soll immer noch weitere Fälle annehmen, das ist unverantwortlich. Es ist kein Wunder, dass gute Leute krank werden oder kündigen.

    Das geht schon jahrelang so, wir bluten Stück für Stück aus. Die ausgebrannten und dauerkranken Kollegen werden mitgezählt, obwohl sie nur auf dem Papier da sind. Deshalb müssen unsere jungen EinsteigerInnen meist schon nach vier bis acht Wochen die Verantwortung für schwierige Fälle übernehmen. Eigentlich müssten sie 12 bis 18 Monate eingearbeitet werden, bis sie selbstständig arbeiten können.

    Um auf die Not hinzuweisen, schreiben wir ständig Überlastungsanzeigen. Von unserer Personalabteilung bekommen wir aber nur Standardantworten, damit ist sie rechtlich auf der sicheren Seite und der Fall für sie erledigt. Sie geht ohnehin sehr schlecht und unfreundlich mit den Beschäftigten um – sie hat offenbar nicht verstanden, dass gute Fachkräfte Mangelware sind.

    Dazu kommt die schlechte Bezahlung. Einsteiger in Berlin werden nach Entgeltstufe TV-L E9 bezahlt. Das ist die schlechteste Stufe für einen Hochschulabschluss, dabei ist das eine hochkomplexe Arbeit, für die man juristisches Fachwissen braucht. Netto erhalten Kollegen in Brandenburg, Sachsen oder Hessen fast 200 Euro mehr, München zahlt sogar einen Mietzuschuss.

    Auch unsere Räumlichkeiten sind eine Zumutung. Oft sitzen mehrere Kollegen zusammen in einem Büro, das geht gar nicht. Wir besprechen so sensible Dinge mit den Familien, da dürfen andere nicht mithören oder stören. Eine kindgerechte Atmosphäre ist hier nicht möglich, es gibt auch keine Warteräume oder Spielecken für Kinder.

    In Pankow müsste man das Personal fast verdoppeln, der Bezirk wächst enorm. Auch der Flüchtlingszustrom benötigt viel mehr Ressourcen. Das fängt bei Verständigung und riesengroßen kulturellen Unterschieden an. Schon die Notwendigkeit von Schulbesuchen erschließt sich vielen ausländischen Familien nicht. In vielen anderen Kulturen werden Kinder auch körperlich gezüchtigt, da haben wir viel Aufklärungsarbeit zu leisten und Gesetzesverstöße zu bearbeiten.

    Der Senat muss endlich die Ausführungsvorschrift „AV RSD“ umsetzen. Die liegt in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in der Schublade. Sie würde verbindlich regeln, wie viele Fälle eine Fachkraft maximal bearbeiten darf, und auch eine bessere Bezahlung vorschreiben. Doch der Finanzsenator blockiert das. Er hat wohl andere Lobbygruppen zu bedienen, zum Beispiel die Lehrer. Vom Senat heißt es immer: Die Bezirke sind gut ausgestattet, sie rufen ihre Mittel nicht ab. Der Bezirk sagt: Wir haben kein Geld. Wer Recht hat, weiß ich nicht. Am Ende schieben sich aber alle die Verantwortung zu. Die Leidtragenden sind die Kinder und wir.

    Normalerweise ändern sich die Dinge erst, wenn schlimme Sachen geschehen. Aber selbst hier bin ich skeptisch. Wenn ein Kind zu Schaden kommt oder stirbt, sind nicht die Familien, der Jugendamtsleiter, der Stadtrat oder der Bürgermeister schuld. Sondern immer der Sozialarbeiter, der den Fall bearbeitet.“

    Der Bezirk gelobt nun zumindest teilweise Besserung. Die zuständige Stadträtin Rona Tietje (SPD) verspricht, „bis voraussichtlich Anfang 2019“ werde durch Neueinstellungen jeder Mitarbeiter nicht mehr als 65 Fälle bearbeiten müssen: „Um dies zu erreichen, wurden in Pankow innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre 18 zusätzliche Stellen im Regionalen Sozialpädagogischen Dienst geschaffen.“ Diese müssten aber erst noch besetzt werden. Tietje will sich auch für eine bessere Bezahlung einsetzen. Laut den MitarbeiterInnen hat Ihnen auch Finanzsenator Kollatz-Ahnen ein Gespräch angeboten.

    Foto: Imago

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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von Christian Hönicke tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Pankow,

der renitente Anwohner ist das Schreckgespenst der Stadtplaner. Wo auch immer in Berlin gebaut werden soll, gehen die Bürger auf die Barrikaden. Um diesen Widerstand zu brechen, ist der Bezirk beim Großprojekt Michelangelostraße auf eine ganz spezielle Idee gekommen. Statt den Anwohnern wie üblich drei, vier klotzige Entwürfe zur Auswahl vorzulegen, ließ man sie das künftige Quartier selbst bauen – mit Bausteinen. „Die Bürger haben mit Styroporklötzchen und Symbolen Häuser, Grünflächen, Parkplätze undsoweiter angeordnet“, sagt Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (B‘90/Grüne). Passiert ist das auf den beiden ganztägigen Standortwerkstätten.

Herausgekommen sind vier Varianten an vier Klötzchentischen – mit jeweils etwa 720, 850, 1000 und 1150 Wohnungen. „Teilweise sind die Pläne schon relativ realistisch“, so Kuhn. „Mitunter sind sie sehr genau ausgemessen, was Abstände und Parkplätze betrifft, von Menschen mit Ahnung.“ Die Stadtplanungsexperten des Bezirks sollen sie nun auf ihre Machbarkeit hin prüfen und anpassen.

Die Michelangelostraße gehört zu den zwölf größten Bauvorhaben Berlins. Die breite Straße am nördlichen Rand Prenzlauer Bergs durchzieht ein Quartier mit DDR-Plattenriegeln. Das soll verdichtet werden, indem die riesigen vorgelagerten Parkplätze und Freiflächen teilweise bebaut werden. Die Straße soll unter Freihaltung einer Tramtrasse etwas verlegt werden. Verantwortlich ist der Bezirk. Es gab bereits einen städtebaulichen Wettbewerb, der Siegerentwurf stieß jedoch bei den Anwohnern auf großen Widerstand. Pankow hat deshalb noch einmal von vorn angefangen, ein umfangreiches Beteiligungsverfahren aufgesetzt und die Bürger dabei mit den Bauklötzen selbst Ideen für Vorentwürfe entwickeln lassen.

Sind das nicht nur Kindergartenspiele, die die Baugegner besänftigen sollen, aber am Ende doch nicht umgesetzt werden? Nein, sagt Stadtrat Kuhn. Er verspricht, die Ideen in die konkrete Bauplanung aufzunehmen. Die Anwohner plädierten zum Beispiel mehrheitlich für den Bau von Hochhäusern, um möglichst viele Grünflächen zu ermöglichen. Das stößt beim Bezirk auf Zustimmung. „Es ist ganz gut, wenn man flächensparend baut“, so Kuhn. Die 12-geschössigen Nachbarbauten in Greifswalder und Kniprodestraße könne man als Höhenreferenz nehmen.

Es soll in der Michelangelostraße nicht zu einem Eklat wie beim „Blankenburger Süden“ kommen, als die Anwohner vom Senat durch im Geheimen ausgeheckte Baupläne geschockt wurden. „Das Wichtigste ist, dass die Bürger nicht das Gefühl haben, dass wir sie über den Tisch ziehen“, sagt Kuhn. „Wir machen keine ganz neuen Vorschläge, aber wir werden natürlich eigene Ideen einbringen.“

Das gilt schon allein für das Bauvolumen. Während die Anwohner maximal 1150 Wohnungen wollen, gilt laut Kuhn: „Die Zielvorstellung ist 1500 Wohnungen.“ Gesetzt sind der Bau einer vermutlich fünfzügigen Schule, die Erweiterung von Kitas  und die Einrichtung einer Buswendeschleife.

Die vom Bezirk angepassten Baupläne sollen am 6. September noch einmal mit den Anwohnern diskutiert und festgezurrt werden. Auf einer großen Veranstaltung Ende Oktober/Anfang November sollen sie dann der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dabei können Bürger und Bezirk ihr Votum für eine Variante abgeben. Ziel ist es laut Kuhn, bis Ende des Jahres eine finale Vorzugsvariante zu finden.

Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

Unser Tipp für Sie

Sonntag „Konnopke’s“, Montag „Mischke“. Curryfans beißen künftig am Montag bei „Konnopke’s“ nicht in die Wurst, sondern in den sauren Apfel. Der Imbiss am U-Bahnhof Eberswalder Straße bleibt ab sofort montags geschlossen. Dafür öffnet er ab jetzt auch sonntags seine Jalousien. Die Inhaberin Waltraud Ziervogel begründet das mit dem Wandel des Kiezes: Das Morgengeschäft in der Woche laufe nicht mehr wie früher. Statt der Bauarbeiter, die einst schon ab 8 Uhr vorbeikamen, gingen die heutigen Bewohner meist erst gegen 10 ins Büro. Zudem würden auch andere Gastronomen im Kiez vor allem auf Wochenendtouristen setzen, sagte sie der „Berliner Zeitung“. Die neue Öffnungszeiten sollen laut Ziervogel erst einmal bis August getestet werden, laut Website gelten sie bis Mitte Oktober. Wer aber unbedingt auch am Wochenanfang weiterhin in eine Wurst beißen will, muss nicht verzweifeln. Ein paar Meter weiter nördlich bei der Fleischerei „Mischke“ (Schönhauser Allee 144 und auch Florastraße 40) gibt’s sogar eine „Riesencurrywurst“ – und zwar täglich. Naja, außer sonntags.