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    Nachbarschaft

    Reiko Kammer ist 42 Jahre alt. Er lebt und arbeitet heute als Künstler und Grafiker in Weißensee. Kammer ist einer von knapp 150 Zeitzeugen, die die Künstlerin Karla Sachse für ihr Projekt „Aufbruch 1989 – Erinnern 2019“ interviewt hat.

    Noch bis zum 9. November weisen in ganz Pankow Bodenzeichen auf die (damaligen) Wohn- und Arbeitsorte der von Sachse Interviewten hin. Per QR-Code für’s Smartphone wird man auf die Webseite „Aufbruch 1989 – Erinnern 2019“ geleitet, wo die Interviews angehört werden können. Wir veröffentlichen an dieser Stelle bis zum Jahrestag regelmäßig Erinnerungen von Zeitzeugen:

    „Mein Name ist Reiko Kammer. Ich war 1989 zwölf Jahre alt und ging in die sechste Klasse. Meine Schule war in der Nähe von der Gethsemanekirche. Also, ich kann mich erinnern, dass es eine Nacht gegeben hat, wo die Leute auf der Schönhauser Allee demonstriert haben, und weil ich fast direkt an der Ecke Schönhauser Allee gewohnt habe, gab es die Möglichkeit, auf den Balkon zu gehen und die Schönhauser Allee anzugucken.

    Da war zu sehen, dass da viele Menschen auf der Straße sind, dass da große LKW gefahren sind und dass es laut war, und man hatte Lust, dass man da gerne ‘runter gehen wollen würde und mitmachen will. Meine Mutter hatte aber große Angst um mich und hat gesagt: „Das lassen wir ‘mal schön sein!” 

    Aber ich habe da schon ein bisschen verstanden, um was es da gegangen ist und wollte so ein bisschen mitspielen. Ich kann mich daran erinnern, dass sehr viel diskutiert wurde zu Hause. Aber an direkte Aktionen, „Neues Forum“ zum Beispiel oder Gethsemanekirche, Demonstrationen oder andere friedliche Initiativen kann ich mich nicht erinnern, dass weder ich noch meine Eltern daran teilgenommen haben, aber es war eine bewegte Familienzeit. Der Fernseher lief ständig. Und was man denn jetzt zu tun hat oder was da jetzt passiert, dass sich dieses Land jetzt gerade verändert. Und dass da jetzt gerade etwas ganz Großes passiert, was nicht jeden Tag passiert.

    Also dieses Mauerwerk hat mich insofern geprägt, als dass es ständig da war. Da auf dem Falkplatz lief quer die Mauer durch und dann stand da auch ein Turm herum. Davor war noch so ein Geländer, weiß-rot, weiß-rot, und dann kam eine riesengroße grüne Wiese. Und da haben wir gespielt, da haben wir Verstecken gespielt, da haben wir Fangen gespielt. Das war eine unmittelbare Berührung, weil man da auch relativ dicht dran kam.

    Als dieser berühmte neunte November gekommen ist, in dieser Nacht, gab es in meiner Familie keine Aktivitäten. Das ist zwar um die Ecke da passiert, aber da sind wir nicht hin. Ich bin mit meiner Mutter irgendwann Tage später mal hin, wo nicht mehr so viel Leute auf der Brücke mehr ‘rum standen. Und mehr war da nicht. Und ich habe auch nicht das Gefühl gehabt, dass ich da jetzt irgendetwas verpassen würde. 

    Ansonsten kann ich mich dunkel daran erinnern, dass dann am nächsten Tag ganz normal Schule war. Und dass auch alle da waren oder zumindest war die Klasse nicht leer. Und es wurde ganz normal Unterricht gemacht. Und ich glaube, einer kam herein und sagte freudestrahlend „Die Mauer ist offen!” Das wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen, hat jetzt aber nicht zur Folge gehabt, dass jetzt irgendwas passiert ist. Aber es kann natürlich sein, dass das in anderen Schulen anders gewesen ist.

    Wie da diese Löcher entstanden sind in der Mauer in der Kopenhagener oder Gleimstraße oder Schwedter Straße oder so, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber ich kann mich daran erinnern, wie sich diese Straße, die Kopenhagener Straße, verändert hat. Da waren erstmal noch genauso wenig Autos aber die waren alle kaputt. Und wir haben dann, wie wir das immer gemacht haben, auf der Straße gespielt. Nur, dass wir keinen Ball mehr dabei hatten, sondern man musste dann nur noch einsteigen und so tun, als ob man Auto fährt. Oder man hat die Scheinwerfer ausgebaut für die nächste Schuldisco. 

    Das war eine prima Zeit, weil, alles war da, was man so gebraucht hat. Und noch mehr als vorher. Die verschwanden dann aber relativ schnell, die kaputten Autos und wurden dann ersetzt von glitzernden, glänzenden Autos und den stolzen Menschen, die da drin saßen.

    Ich kann mich daran erinnern, nachdem der Hammer gefallen ist, dass dann so eine andere Stimmung war in der Klasse. Weil es ja dann doch relativ schnell ging mit der grundlegenden Veränderung. Weil sich dann das Schulsystem geändert hat, man musste die Schule wechseln. Und den Neuanfang fand ich dann auch gut aber nicht gesellschaftlich oder politisch als Neuanfang, sondern dann eher aus meiner persönlichen Warte heraus.

    Und dann kann ich mich auch sehr gut daran erinnern, dass ja vor diesem großen Umbruch – das gehört vielleicht mit darein in diese Verunsicherung, weil die Eltern arbeitslos geworden sind, bei mir war das genauso. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater haben ihre Arbeit verloren. Und damit brach auch so ein Stückchen Eltern weg. Das hat mir dann auch sehr gefehlt. Die waren mit anderen Sachen beschäftigt. Die waren einerseits mit dem politischen und gesellschaftlichen Umbruch beschäftigt – will man mitmachen oder auf welcher Seite steht man? – und gleichzeitig veränderte sich das Berufsleben. Und da war Schule der Ort, wo man aufgefangen wurde und man wurde aufgefangen, als es dann Jugendclubs gab. Und dann hat man da einen Teil wieder gefunden, der jetzt gerade fehlte.

    Später habe ich mich politisch engagiert. Weil ich die Welt verändern wollte und weil ich daran geglaubt habe, dass es gerechte Gesellschaften geben könnte, wo vielleicht das Kapital nicht so sehr beherrschend ist. Also, was ich auf alle Fälle für die Gegenwart mitnehme, ist, dass auch wenn ich ein kleiner Junge war, das heute gut finde, dass ich in zwei verschiedenen Systemen groß geworden bin. Das lässt mich auf die Gesellschaft heute teilweise mit anderen Augen gucken.”

    Foto: Gerd Dangel. Weitere historische Bilder finden Sie in unserer Galerie „Zeitreise durch die Schönhauser Allee“.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: Eva.Steiner@extern.tagesspiegel.de

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von Christian Hönicke tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Pankow,

gemeinsam mit mir erleben Sie heute eine kleine Premiere: Seit zwölf Jahren bin ich Mitarbeiterin im Berlin-Ressort des Tagesspiegel und schreibe heute für Sie meinen ersten Newsletter. Keine Sorge, ich vertrete den Kollegen Christian Hönicke nur kurzfristig: Er ist bald wieder da.

Kurz noch zu meiner Person: Seit 2007 wohne ich mit meiner Familie in Nähe des Arkonaplatzes an der Grenze zu Prenzlauer Berg und bin allein schon durch den Nachwuchs regelmäßig im kinderfreundlichen Bezirk Pankow unterwegs.

Für den Tagesspiegel schreibe ich häufig über Stadtleben-Themen und hin und wieder auch für die Familienseite. Besonders gern schreibe ich Porträts über spannende Menschen, ob berühmt oder nicht. Ich habe aber auch schon mehrfach über soziale Themen wie Mietpolitik, Kinderarmut, Generationenfragen oder das Sozialwesen berichtet.

Im heutigen Newsletter geht es unter anderem um folgende Themen: In der Nähe des Karower Feldgrabens könnte ein neues Windrad aufgestellt werden. Was Baustadtrat Vollrad Kuhn (B’90/Grüne) dazu sagt und was aus den dort geplanten Kleingärten werden könnte, lesen Sie in der Rubrik „Namen & Neues“.

Frischen Wind bräuchte es auch auf dem Gutshof Rosenthal. Dort liegen seit letztem Jahr alle Bauarbeiten still, so dass Mieter und Käufer noch immer auf eine große Müllhalde anstelle eines schönen Gartens blicken. Warum außerdem ein Teil des denkmalgeschützten Ensembles derzeit akut gefährdet ist, lesen Sie im Kiezgespräch.

In der Rubrik „Nachbarschaft“ werden die Tage des Mauerfalls einmal aus der Sicht eines ganz normalen Schülers aus Prenzlauer Berg erzählt, der damals zwölf Jahre alt war.

Nun wünsche ich Ihnen beim Lesen dieses Newsletters so viel Freude, wie mir das Schreiben gemacht hat.

Für Anregungen, Kritik oder Wünsche schreiben Sie bitte an Eva.Steiner@extern.tagesspiegel.de.

Mein Tipp für Sie: Herbstferien im Botanischen Volkspark

Kinder sind oft bereits große Naturfreunde. Für sie hat der Botanische Volkspark Blankenfelde-Pankow sowohl wochentags in den Herbstferien als auch an jedem Sonntag im Oktober spannende Angebote parat. 

An den Sonntagen treffen sich junge Naturforscher ab fünf Jahren immer um 12 Uhr am „Baumschlau“ Forscher-Mobil auf der Wiese hinter dem Gewächshaus. Es erwarten sie in der Zeit von 12 bis 17 Uhr spannende Experimente in der Natur, Insektenbeobachtung und Bastelangebote mit Naturmaterialien. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht notwendig.

In der zweiten Herbstferienwoche, vom 14. bis 18. Oktober, findet täglich von 9 bis 16 Uhr ein buntes Programm für Kinder von sechs bis elf Jahre statt. Treffpunkt ist vor dem Gewächshaus. Nach dem gemeinsamen Frühstück am geheimen Lagerplatz geht es los zu Tierbeobachtungen, die unter anderem darüber Aufschluss geben können, wie sich Eichhörnchen und Eichelhäher auf den Winter vorbereiten. Wald- und Wiesenspiele runden das Vormittagsprogramm ab, danach geht es zum gemeinsamen Mittagessen. Am Nachmittag geht es in die Werkstätten, wo zum Beispiel das Herstellen einer Schnupfensalbe oder die Zubereitung von Glückstee und Basteln und Werken auf dem Programm stehen. Kosten für die Woche: 185 Euro pro Kind inklusive Material und Mittagessen.

Weitere Infos zu den Angeboten im Botanischen Volkspark gibt es hier: Herbst im Botanischen Volkspark.