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    Nachbarschaft

    Sören Benn ist Pankows Bezirksbürgermeister – das wussten Sie vermutlich. Aber wussten Sie auch, dass der heutige Linken-Politiker den Mauerfall 1989 im Dienste der NVA erlebte? Im Interview mit meinem Kollegen Robert Ide teilt Benn seine persönlichen Erinnerungen an den politischen Umsturz in der DDR vor 30 Jahren mit – die bewegen sich zwischen Euphorie und Desillusionierung.

    Herr Benn, was fühlen Sie, wenn Sie an 1989 denken? Erst einmal unbändige Freude – mit feuchten, leuchtenden Augen. Es ist noch heute überwältigend, sich daran zu erinnern, wie die Menschen damals aus der Angst ausgestiegen sind, wie wir uns gemeinsam aufgerichtet haben zu einem selbstbestimmten Leben.

    Wie war das bei Ihnen? Ich war damals bei der Fahne – also bei der Armee, den motorisierten Schützen in Brandenburg. Wir haben in der Kaserne nur mit Verzögerung mitbekommen, wie sich draußen alles wandelte. Aber wir sind selbst auch aufgestanden. Wir haben gestreikt, uns mit Decken vor das Offizierscasino gesetzt und Forderungen gestellt: unsere vorzeitige Entlassung aus dem Dienst, einen eigenen Soldatenrat – und dass die Offiziere den gleichen Fraß bekommen sollen wie wir. Die Vorgesetzten konnten nicht damit umgehen, deshalb haben wir uns in vielen Dingen durchgesetzt.

    Der große Umbruch bestand aus vielen kleinen? Als draußen die großen Proteste stattfanden und wir zum Beispiel die legendäre Demo am Alexanderplatz bewachen sollten, da haben viele von uns die Vergatterung verweigert. Wir wollten nicht in die Lage kommen, auf unsere eigenen Leute zu schießen. Ich selbst hatte dann am 4. November dienstfrei und bin bei der Demo in Potsdam mitgelaufen – mit einer Mischung aus Angst und Mut, wie sie wohl damals jeder gespürt hat. Es war berauschend beim Laufen zu merken: Wir sind so viele.

    Wo ist das berauschende Gefühl von damals geblieben? Erst einmal war alles möglich. Nach dem Mauerfall bin ich gleich nach Berlin; wir sind in leerstehende Wohnungen eingezogen, ich konnte als 21-Jähriger machen, was ich will. Ich habe dann angefangen zu arbeiten in der Hauskrankenpflege in West-Berlin und dabei gutes Geld verdient. Dafür konnte ich mir später eine große DDR-Musikanlage kaufen – vor der Währungsunion fielen die im Preis. Aber dann wedelten bei der Währungsunion die Leute am Alexanderplatz mit den D-Mark-Scheinen.

    Das war für mich eine Desillusionierung, ebenso der Sieg der „Allianz für Deutschland“ bei den ersten freien Wahlen und der schnell darauffolgenden, vom Westen bestimmten Einheit. Ich hatte von einer Konföderation geträumt – zugegeben, damit war ich in der Minderheit. Aber mich beschlich damals das Gefühl: Wir lassen uns die Revolution abkaufen.

    Desillusionierung bedeutet allerdings auch: Sie haben sich falsche Hoffnungen gemacht, oder? Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Und, auch wenn das jetzt böse formuliert ist: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Die anderen Wege waren vielleicht illusorisch, vielleicht war die DDR-Wirtschaft auch tatsächlich zu kaputt für einen anderen Weg. Vielleicht ist sie aber auch erst durch die Treuhandanstalt kaputt gemacht worden. Vielleicht hätte es alternative Wege gegeben, mehr Augenhöhe mit den Westdeutschen. Das war zumindest meine Illusion.

    Und deshalb sind viele Ostdeutsche noch heute enttäuscht? Sagen wir so: Diejenigen, die sich in der DDR gerieben haben, haben es danach auch getan. Das Gestalten der Einheit wurde uns zu sehr aus der Hand genommen. Die westdeutsche Politik und Gesellschaft hat den Prozess überformt. Und wir Ostdeutschen konnten uns nicht mit uns selbst verständigen. Viele Menschen redeten nicht offen darüber, was früher war und was danach daraus geworden ist. Das wäre heilsam gewesen.

    Im zweiten Teil des Interviews spricht Benn über den Frust vieler Landsleute, der nach rechts ausschlug, und seine eigenen Beweggründe, trotz ihrer SED-Vergangenheit in die Linkspartei einzutreten. Das komplette Interview finden Sie auf tagesspiegel.de.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: [email protected]

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von Christian Hönicke tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Pankow,

uns steht ein besonderes Jahr bevor. 2019 erinnert sich Berlin an die Revolution und an den Mauerfall vor 30 Jahren. Und die Menschen, die diese einmalige Geschichte geschrieben haben, sind immer noch da, mitten unter uns. Der Tagesspiegel sucht 30 Jahre danach nach den kleinen und großen Geschichten von damals – von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.

In einer Erinnerungswerkstatt mit dem Bezirksamt Pankow wollen wir den Schatz der Stadt erfahrbar machen – denn „auch das Unerzählte trägt sich fort“, wie Pankows Bürgermeister Sören Benn in seiner eigenen Geschichte erzählt (siehe Nachbarschaft). Und mit einem berlinweiten Schüler-Schreibwettbewerb rufen wir Kinder und Jugendliche auf, ihre Eltern und Großeltern nach Berlins bewegten Zeiten zu befragen.

Wer sich beteiligen möchte, schickt seine Geschichte bis zu Beginn der Sommerferien an den Tagesspiegel (alle Details gibt es hier). Die besten Texte werden im Tagesspiegel abgedruckt und prämiert.

Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an [email protected].

Unser Tipp für Sie

Schlemmen wie Frankreichs Fußballgott. Vor kurzem hat der Fußballstar Franck Ribéry in Dubai ein mit Blattgold beschichtetes Steak für 1200 Euro verdrückt. Wer das geschmacklos findet, hat Recht: Blattgold hat keinen Eigengeschmack, es geht nur um den Showeffekt. Den haben vermutlich die alten Ägypter erfunden.

Wer einmal essen will wie der ägyptische Speisegott Djefa oder der französische Fußballgott Franck, der muss gar nicht weit fahren oder Unsummen ausgeben. Meine KollegInnen Elisabeth Binder und Bernd Matthies haben eine Liste der Berliner Goldgastronomie erstellt. Besonders interessant ist die Verbindung vom Alten und Neuen Prenzlauer Berg: eine Currywurst mit 22 Karat Blattgold und Schrippe. Die bietet Zander-Catering unter anderem auf dem Kollwitzplatzmarkt an, für fünf Euro. Die vergoldete Currywurst gibt’s auch im „Yuppie-Menü“ mit Trüffel-Pommes, Krautsalat und Sekt (15 Euro). Ob der Kollwitzplatz-Gourmet Wolfgang Thierse das schon mal probiert hat?