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    Nachbarschaft

    Ihn kennt eigentlich jeder in Prenzlauer Berg – und doch wieder nicht: den Obdachlosen unter dem Schwedter Steg. Auch wenn er nicht da ist, künden Matratzen und die Bücher daneben von seiner Unterkunft unter der Brücke direkt am Mauerradweg. Wer aber ist dieser Mann? Die Redakteurin Theresa Arnoldt von der Schülerzeitung „Moron“ des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Pankow hat gemeinsam mit Mila Kratochwil und Vincent Möckelmann den uns fremden und vertrauten Nachbarn besucht – der Tagesspiegel druckt ihre Geschichte hier mit freundlicher Genehmigung auszugsweise ab.

    „Die Brücke bietet keinen wirklichen Schutz vor dem Wind. Eine Ansammlung von Möbeln schmiegt sich an die mit Graffiti überzogene Steinwand der Unterführung. Zwei mit Decken überhangene Stühle, ein Tisch mit weißer Tischdecke. (…) Auf dem Boden daneben liegt eine Matratze mit gelbem Bezug, eine zweite Matratze ist dahinter gegen eine Wand gelehnt. Das Ganze wirkt irgendwie fehl am Platz, als würde man durch ein Fenster in eine fremde Wohnung hineinblicken. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich das Knäuel aus alter Bettdecke und lilafarbenem Schlafsack. Darunter zeichnet sich vage der Umriss einer Person ab, das Gesicht ist gegen die Kälte geschützt. (…)

    Zuerst redet er leise, murmelt ein bisschen, seine Antworten sind kurz. Wir erfahren, dass er 35 Jahre alt ist und gebürtiger Berliner. Beim Reden schaut er auf den Becher mit Tee in seinen Händen, ab und zu blickt er auf. Er wirkt gepflegt, höflich, vielleicht ein bisschen schüchtern. Die Menschen, die an uns vorbeilaufen schauen neugierig zu uns herüber. Er scheint die Blicke nicht zu merken. Wir fragen ihn danach und er zuckt leicht mit den Schultern. Er beachtet sie nicht und sie beachten ihn nicht, sagt er. Meistens lassen die Leute ihn in Ruhe, nur letztens, da hat jemand eines seiner Kissen geklaut. An die Blicke hat er sich gewöhnt, genau wie an die Kälte. Er wohnt jetzt schon seit zwei Jahren hier unter der Brücke. (…)

    Als wir ihn fragen, wie er auf der Straße gelandet ist, zögert er kurz. Dann erzählt er, dass er als Jugendlicher von zu Hause abgehauen ist. Dort hatte er nur Stress. Seitdem hat er immer wieder auf der Straße gelebt, hatte Probleme mit Alkohol, war in Therapie und hat schließlich aufgehört zu trinken. Die Offenheit, mit der er über seine Vergangenheit erzählt, überrascht uns. Er schaut uns jetzt öfter an, wenn er redet. (…)

    Alles hat hier einen Platz, die Kissen, die Decken, die Bücher. Wir fragen ihn, woher seine Sachen kommen und er erzählt uns, dass die Leute ihm manchmal Bücher und andere Dinge dalassen. Hat er die Bücher gelesen? Nur eins davon, das mit dem Drachen auf dem Cover, das mochte er. Schweigen. Ist dieser Platz hier wichtig für ihn? Es ist gut, einen Ort zu haben, der ihm gehört, einen Rückzugsort, an dem er sich wohlfühlt. Er lächelt. Ein offenes, freundliches Lächeln.

    Normalerweise steht er gegen acht oder neun Uhr auf. Zum Frühstück geht er zum Bäcker, da kostet ein Brötchen nur 5 Cent. Den Tag verbringt er meistens im Park, Flaschen sammeln oder sich mit Freunden treffen. Manche seiner Freunde haben auch eine Wohnung, bei denen kommt er unter, wenn es im Winter anfängt zu schneien. Irgendwann, erzählt er uns, wird er auch wieder in einer eigenen Wohnung leben. Sein Betreuer kümmert sich für ihn darum. Bis dahin lebt er von Tag zu Tag, nimmt die Dinge, wie sie kommen. Pläne für die Zukunft hat er keine, sagt er und lächelt dabei.“

    Foto: Vincent Möckelmann

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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von Robert Ide tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Pankow,

haben Sie das auch gehört? War es schon wieder zu laut im Mauerpark? Oder übertönt das Gebrumme von ein paar Grummel-Anwohnern immer noch die weltweit bewunderte Karaoke-Kunst? Der Kampf darum, wie viel man im Mauerpark hört, was wen daran stört und wie viel Berliner Leben hierher gehört, tobt trotz der neuen Parkregeln, die den Schall nur noch in Richtung Osten lenken und damit alle Debatten in Rauch auflösen sollen. Ob das wirklich richtig geht, hört Ihr, wenn Ihr richtig steht?

Zunächst mal werden am Montag alle genauer hinhören, wenn „Grün Berlin“ die Ergebnisse einer Studie zur Nutzung des Parks öffentlich präsentiert (ab 17.30 Uhr im Olof-Palme-Zentrum, alle Infos hier). Dabei wird die landeseigene Gesellschaft sich allerdings auch selbst erklären müssen. Denn nach Informationen dieses Newsletters steht sie derzeit in Verhandlungen mit anderen berühmten Institutionen des Mauerparks über deren Verbleib. Der „Mauersegler“ und das „Schönwetter“ – seit 15 Jahren feste Partytreffs, aber immer nur mit sehr kurzfristigen Verträgen zum Weitermachen und Durchfeiern ausgestattet – bangen mal wieder um die Verlängerung.

Die lokale Politik ist angesichts der offenbar zähen Verhandlungen mit „Grün Berlin“ über eine längerfristige Vereinbarung alarmiert. „Das parkverträgliche Gewerbe von Schönwetter, Mauersegler und Flohmarkt gehört zum Mauerpark wie das Karaoke“, sagt etwa der Berliner CDU-Abgeordnete Stephan Lenz. Die Betroffenen selbst geben sich ob der laufenden Gespräche lieber zurückhaltend. „Das ist natürlich eine heiße Sache, aber wir sind auf einem Weg“, sagt Sylvio Krüger, Chef des Mauerseglers, auf Nachfrage. „Wir haben vor, langfristige Verträge zu bekommen und den Status quo zu erhalten.“ Im derzeit hart umkämpften Mauerpark wäre das ja schon eine Sensation. Denn neue Grenzen für Kultur würde so mancher hier gerne hochziehen. Höchste Zeit für eine Lärmschutz-Wende.

Robert Ide ist in Pankow aufgewachsen und wohnt in Prenzlauer Berg. Er ist Geschäftsführender Redakteur beim Tagesspiegel, schreibt regelmäßig den Berlin-Newsletter Checkpoint und twittert gerne aus Kiezhausen.
Ab nächste Woche meldet sich hier wieder Christian Hönicke. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

Unser Tipp für Sie

Was für ein Theater! Das inklusive Theater Ramba-Zamba hat schon oft begeistert – nun schafft es mit der wilden Neuinszenierung der Komödie „Der nackte Wahnsinn“ eine schauspielerische Verheißung, schreibt unser Tagesspiegel-Kritiker Patrick Wildermann (Rezension hier). Ein großer selbstironischer Spaß. Eine unausweichliche Anarchie. Worum es geht? Um eine schlechte Theatertruppe. Wie sie gespielt wird? Von einer grandios guten Theatertruppe. Ab Juni wieder gleich um die Ecke, in der Kulturbrauerei (Karten hier). Große Bühne frei!