• Elsa Salonen_Press_1000

    Nachbarschaft

    Die finnische Künstlerin Elsa Salonen, 34, arbeitet und „lebt zwischen Berlin und Finnland“ (so steht es auf ihrer Internetseite). Studiert hat sie an der Kunsthochschule Weißensee und in der Akademie für bildende Künste von Bologna. Jetzt wird Elsa Salonen temporär Steglitz-Zehlendorferin: Bis zum 31. März zeigt sie in der Schwartzschen Villa ihre Ausstellung „Stories Told by Stones“.

    Frau Salonen, Sie beschäftigen sich mit Steinen, den ältesten Bewohnern der Erde. Haben Steine wirklich ein Bewusstsein? Vor wenigen Jahren war ich in Berlin an der Organisation eines Mini-Symposiums zum Pflanzenbewusstsein beteiligt. Ich erinnere mich deutlich an die Unterhaltung mit einem unserer Gastredner, einem Philosophen, der sich stark der Thematik des Bewusstseins und der Neurobiologie der Pflanzen widmete. Er scherzte darüber, wie lange die Wissenschaftler gebraucht hätten, Tieren ein Bewusstsein zuzugestehen, während – wie er meinte – die Öffentlichkeit die Intelligenz von Hunden schon eingeräumt hatte. Er prophezeite eine ähnlich lang andauernde Debatte bezüglich der Pflanzen. Als ich dann die Steine ins Gespräch brachte, war selbst er, der erklärte Pionier des Bewusstseins der Pflanzen, überrascht, ja sogar abgeneigt. Philip Goff, ein Philosoph und Bewusstseinsforscher an der britischen Durham University, sagt: „Das Bewusstsein ist ein grundlegendes Merkmal der physischen Materie; jedes einzelne Teilchen, das existiert, hat eine unvorstellbar einfache Form des Bewusstseins.“

    Manche Steine mögen eigene Stories erzählen, viele Steine erhalten ihre Bedeutung aber erst durch den Menschen. Warum sind Steine so interessant, so magisch? Unter allen bewussten Wesen sind Steine als die ältesten Bewohner unseres Planeten diejenigen, die die meisten der verschiedenen Momente der sich ständig verändernden Geschichte der Erde erlebt haben. Tatsächlich ist es vor allem den Steinen zu verdanken, dass wir die geologische Geschichte der Welt kennen. Indem sie lernten, die Zeichen der Felsen zu „übersetzen“, konnten die Geologen das Alter der Erde, ihre vergangenen Klimazonen und sogar die Evolutionsgeschichte des Lebens simulieren. Die bemerkenswerte Weisheit der Steine wurde in meinem Heimatland Finnland vor der christlichen Ära auf sehr konkrete Weise anerkannt: Große unregelmäßige Felsen wurden mit immensem Respekt verehrt. Die Macht der alten Steine und damit die gegenseitige Abhängigkeit von allem wurde durch Opfergaben berücksichtigt, um zum Beispiel einen guten Ertrag im Fischen oder der Jagd zu erwirken.

    In Indonesien haben Sie die Seelen in den Dingen und Lebewesen studiert, in Kolumbien die lokalen medizinischen Pflanzen – was hoffen Sie in Steglitz-Zehlendorf zu entdecken? Um ehrlich zu sein, nachdem ich mehr als ein Jahrzehnt in Berlin gearbeitet htte, habe ich nicht gedacht, in dieser Gegend so viele neue Dinge zu entdecken. Aber überraschenderweise war ich sehr beeindruckt von der außergewöhnlichen Freundlichkeit des gesamten Teams in der Schwartzschen Villa: der reizenden Kuratorin Christine Nippe sowie der großartigen Techniker Stefan Martinkat und Martin Sauerbohn.

    Ist Ihre Ausstellung eine politische Kritik an von Menschen verursachten Umweltveränderungen? Ich glaube, dass Kunst ein großartiges Medium sein kann, um Hoffnung in die Welt der deprimierenden Nachrichten zu bringen, die wir jeden Tag lesen. Im besten Fall kann die Kunst neue Ideen und Energie freisetzen, mit der sie für ein besseres Morgen kämpft. Die laufende Ausstellung von mir kann als eine Aussage über die vom Menschen verursachten Umweltveränderungen angesehen werden, ja.

    Sie schaffen für die Schwartzsche Villa neue Kunstwerke; gerade sind Sie noch mitten im Aufbau, Donnerstagabend wird eröffnet. Wie groß ist der Druck, der vor der Vernissage auf Ihnen lastet? Oftmals schlafe ich in den letzten Nächten vor der Eröffnung nicht so gut, aber es ist eine sehr positive Art von Aufregung. Die Eröffnungen sind sehr fruchtbar für die bildenden Künstler, die über einen längeren Zeitraum allein in ihren Ateliers arbeiten. In den Eröffnungen darf man die Ergebnisse schließlich dem Publikum zeigen – es ist immer eine sehr lohnende Phase während eines Projekts.

    Was heißt „Mögen Ihnen und uns noch viele Steine ihre Geschichten erzählen“ auf Finnisch? Kertokoon vielä monet kivet sinulle ja meille heidän tarinansa.

    Die Ausstellung ist in der Schwartzschen Villa (Grunewaldstraße 55) jeden Tag von 10 bis 18 Uhr zu sehen; der Eintritt ist frei. Die Eröffnung findet am Donnerstag, den 14. Februar, um 19 Uhr statt. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die Unterstützung des Finnland-Instituts in Deutschland.

    Foto: Devin Rüzgar

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: [email protected]

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von Boris Buchholz Tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Steglitz-Zehlendorf,

ich kannte sie vorher nicht, die Reinigungsfeen, Joosep Raheltsiks Änderungsschneiderei oder die netten Männer vom Spätkauf. Aber als ich mich nach meiner Winter-Wochen-Auszeit an meinen Schreibtisch setzen wollte, wartete ein Paketzettel auf mich: „Schade, dass wir Sie verpasst haben.“ Die Paketfirma dpd lud mich ein, ein Paket in der Albrechtstraße 47 abzuholen, „Schneiderei“ war noch ebenso handschriftlich vermerkt. Ich hatte nichts bestellt, erwartete keine Sendung – also machte ich mich neugierig, etwas lauffaul und in Vorfreude vom Rathaus Steglitz (das ist meine Arbeitsnachbarschaft) per Bus auf den Weg. Zum Glück.

Denn aus vermuteten ein, zwei Stationen wurden vier, Stindestraße stieg ich aus und staunte nicht schlecht: Die Hausnummer 47 liegt mitten im Stadtpark Steglitz – das Café ParkHaus Steglitz. Von dpd und Schneiderei keine Spur. Doch in der 48 befindet sich so etwas ähnliches wie eine Mode-Firma: Allerdings schüttelte in der Wäscherei „Reinigungsfeen“ die Mitarbeiterin nur den Kopf und verwies mich an den Paketshop nebenan – der hatte zu und verwaltet ausschließlich Pakete von DHL. Was ist, wenn sich mein Paketbote einen Zahlendreher geleistet hätte? Nicht 47, sondern 74? Also wanderte ich weiter Richtung Lankwitz – und trat bei der Änderungsschneiderei Joosep Raheltsik (Hausnummer 75 zwar, aber ich dachte, könnte passen) über die Schwelle. Die Dame dort erklärte sich für Postpakete als nicht zuständig, meinte aber, der Spätkauf in der 73, der sei eine Paketstation. Ist er nicht, wie mir die dortigen Herren zuverlässig übermittelten, aber in der 95, der Späti sei dpd-Partner, eine andere Dame hätten sie heute auch schon dorthin geschickt.

Also wieder in den Bus (der Arbeitstag hatte kaum begonnen, schon war ich müde), zurück Richtung Steglitz. Auf der Höhe des Hermann-Ehlers-Gymnasiums steig ich wieder aus: Doch im Paketshop „#41“ suchte der freundliche Inhaber zwar nach einem Karton für Buchholz, wurde aber nicht fündig. Immerhin gab er mir eine Telefonnummer zum Nachhaken, die um 99 Cent günstiger war, als die Servicenummer auf dem Benachrichtungsschein. Ich stand auf der Straße, mit dem Paketlatein am Ende, wählte die 01806-Nummer, gab die Paketnummer ein – und hörte als einzige Information von einer synthetischen Automatenstimme, „Ihr Paket ist bereits zugestellt“. Ob ich noch Auskünfte zu einer anderen Sendung wünsche? „Ich möchte jemanden Echtes sprechen“, rief ich ins Smartphone; „danke, dass Sie dpd gewählt haben“, lautete die unnachgiebige Replik. Dann war ich nicht klüger, aber um sechzig Cent ärmer.

Ich schreibe das alles, damit Sie, falls Sie mir das Paket geschickt haben sollten, wissen: Ich bemühe mich, noch ist Ihre Sendung nicht bei mir angekommen. Allerdings habe ich mehrere Kaffees und einen Tag später eine neue Spur. Der Online-Paketnavigator von dpd erklärte mir, dass mein Paket in der Klingsorstraße 47 liegen könnte. Ich vermute hinter der Paket-Geschichte einen großflächigen sozialen Feldversuch: Das Paketabholen soll zum Event werden, Nachbarn lernen sich kennen, man setzt seine Füße in Geschäfte, die man bis dahin noch nicht auf der Kiez-Agenda hatte. Danke dpd!

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an [email protected]

Boris Buchholz' Tipp für Sie

Zwei gute Nachrichten führen mich zu meinem Tipp: Erstens ist am Samstag, 23. Februar, der Weltgästeführertag. Und zweitens findet in Berlin die zentrale Veranstaltung in Zehlendorf statt. Falls Sie bisher den Weltgästeführertag nicht gefeiert haben sollten, hier einige Hintergrundinfos. Er wird vom Weltverband der Gästeführerverbände (WFTGA) organisiert; Ziel ist es, die eigene Region wieder neu zu entdecken und für den Beruf des Gästeführers zu werben. Im Bauhaus-Jahr haben die Berliner Verantwortlichen das offizielle Motto etwas erweitert: Unter der Überschrift „BAUeinHAUS“ feiern die professionellen Stadtführer die Zehlendorfer Waldsiedlung, die von Bruno Taut und anderen Architekten der Moderne gestaltet wurde. Sie sind zu der besonderen Feier eingeladen!

Los geht es am 23. Februar um 11 Uhr mit einem Empfang im Bruno-Taut-Laden in der Ladenstraße (U-Bahnhof Onkel Toms Hütte). Nachdem Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) und Markus Müller-Tenckhoff, Vorsitzender des Verbands der Berliner Stadtführer Berlin Guide, den Weltgästeführertag gewürdigt haben, beginnt das Herzstück der Veranstaltung: Ab 11.20 Uhr führen Sie sieben Führerinnen und Führer durch die Onkel-Tom-Siedlung, erzählen die Geschichten ihrer Erbauer, stellen das Problem nach dem 1. Weltrieg dar, neuen Wohnraum zu schaffen, und präsentieren die Reformideen der Bauhaus-Vordenker. Die Teilnahme ist kostenfrei, anmelden müssen Sie sich für die Rundgänge auch nicht (nur für den Empfang ist die Platzanzahl begrenzt; Sie können versuchen, unter der Telefonnummer 0171 / 2 06 84 77 noch einen Platz zu ergattern).

Warum die Stadtführer gerade die Waldsiedlung zum Ort ihres Feierns erwählten, hat einen handfesten Grund: „Die Gästeführer haben sich auf die Suche nach einem Ort begeben, der das neue Tourismuskonzept des Senats unterstützt, Attraktionen außerhalb von Mitte zu fördern“, erklärt Maren Richter von Berlin Guide, „die Initiative heißt ‚Out of the ring'“. Die im Sommer 2018 eröffnete neue touristische Radroute durch Dahlem habe die Besucher-und-Geschichts-Profis überzeugt (mehr zu den geplanten Nachfolgerinnen der „Dahlem Route“ erfahren Sie weiter oben im Newsletter unter „Namen & Neues“). Herzlich willkommen!