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    Nachbarschaft

    Harry Perkiewicz wurde 78 Jahre alt. Erst war er zehn Jahre lang Kreisschulpfarrer in Zehlendorf, dann arbeitete er 18 Jahre lang als Pfarrer in der Steglitzer Patmos-Gemeinde, von 1980 bis 1998. Am Buß- und Bettag 1980 predigte er zum ersten Mal im Gemeindehaus in der Gritznerstraße 18-20 – und kam gleich zur Sache: Sein Thema war die Friedensarbeit in Zeiten atomarer Aufrüstung. „Ich war überrascht, mit welcher Aufgeschlossenheit so viele aus jeder Generation ihre Mitarbeit anboten und dann auch mittrugen“, schrieb er im Gemeindeblatt, als er 1998 aus dem Dienst schied. Die Mitglieder der Patmos-Gemeinde setzten sich nicht nur in Berlin für Frieden und Abrüstung ein, sondern demonstrierten auch in Hamburg, Bonn oder Fulda. Als die amerikanische Pershing-II-Basis in Mutlangen blockiert wurde, wurden 32 Patmos-Mitglieder festgenommen, darunter auch Perkiewicz. Später seien alle freigesprochen und entschädigt worden, erinnerte er sich.

    Der Wunsch nach Frieden kannte keine Grenzen: Die Aktiven der Steglitzer Gemeinde sprachen mit amerikanischen, deutschen und sowjetischen Generälen; sie reisten nach Moskau und Minsk und warben für ein Ende des Wettrüstens. Von ihren Reisen brachten sie auch ein anderes Thema mit in den Berliner Südwesten, die Kinder von Tschernobyl. Hundertausende Mark wurden in der Gemeinde für die medizinische Unterstützung der Strahlenopfer gesammelt.

    Als Harry Perkiewicz 1998 in den Vorruhestand ging, wünschte er der Gemeinde, sie möge ein Ort bleiben „zum gemeinsamen Auftanken und zum Ausstrahlen der Botschaft von Gottes versöhnender Menschenfreundlichkeit“. Seine Kollegin und Nachfolgerin, Gabriele Wuttig-Perkowski, betonte zum Arbeits-Abschied: „Du warst derjenige, der durch seine Beharrlichkeit, dein Engagement und dein Vertrauen darin, dass Unmögliches möglich werden kann, für die öffentliche Wirksamkeit der Friedensarbeit sorgte.“ Und sie fuhr fort: „Wir danken dir – das ist wohl eher zu wenig gesagt – für das, was du unter uns angeregt, bewirkt und getan hast. Wir ahnen, was uns fehlen wird.“

    Harry Perkiewicz starb am 27. Januar; letzte Woche wurde er in Spandau beigesetzt. Seine Familie schrieb in der Traueranzeige: „Das Leben ist schön! Liebt es und lebt es, versöhnt im Miteinander und Füreinander.“

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von Boris Buchholz Tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Steglitz-Zehlendorf,

es war eine Mischung aus Buchmesse und „Steglitz-Zehlendorfs Next Vorleser“: Bis in die letzte Reihe konnte ich spüren, wie aufgeregt und nervös die zwölf jungen Buchliebhaber in der Bibliothek des Werner-von-Siemens-Gymnasiums am Dienstag waren. Bereits im sechzigsten Jahr findet bundesweit der Vorlesewettbewerb der sechsten Klassen statt – auch in Steglitz-Zehlendorf. In 36 Schulen im Südwesten wurden bereits Schulsieger erkoren, jetzt laufen die drei Vorentscheide; vier Kinder pro Entscheid kommen in die Runde „Wer ist die beste Leserin oder der beste Leser des Südwestens?“.

In der Schulbibliothek mussten die sieben Mädchen und fünf Jungs zwei Runden absolvieren: Zum einen galt es, einen unbekannten Text vorzulesen. Zuvor jedoch, und dieser Kür-Teil war ungleich spannender, stellten die Bücherwürmer ihre Lieblingsromane vor und gaben die tollsten Stellen zum Besten. Oskar machte den Anfang und erntete im Publikum ungläubiges Staunen: Im Buch „Müller hoch Drei“ machen die Eltern des Ich-Erzählers Paul eine überraschende Ankündigung; sie wollen sich trennen, von Paul. Sie bräuchten mehr Zeit miteinander, der Sohn stehe da nur im Weg. Buchwechsel. Vito ließ lebendig werden, wie Meggie in „Tintenherz“ die Elfe Tinkerbell aus „Peter Pan“ heraus zaubert (und fast las Vito Meggie herbei). Buchwechsel. Jumana erzählt vom Kampf Harry Potters um den Feuerkelch. Buchwechsel. Patrice liest aus Percy Jackson, Helen aus „Der geheime Garten“ (ich sage nur: „Hysterie, Hysterie, Hysterie!“) und Laura aus „Ferien auf Saltkrokan“.

Klassiker und Neuentdeckungen – gehen Sie zu den öffentlichen Wettbewerben, Ihnen wird einiges geboten. Mir war der Skelett-Detektiv Skulduggery Pleasant völlig unbekannt (zum Glück las Frederik daraus vor) und den kleinsten Riesen der Welt kannte ich auch nicht („Munkel Trogg“ war das Lieblingsbuch von Lasse). Erinnern Sie sich an die unheimliche Friedhofsszene bei „Tom Sawyer„? Ich schon (dank Leandro). Und als Drita aus „Black Beauty“ vorlas, war ich schwer gerührt (ja, ich habe als Junge auch Pferdebücher gelesen, heimlich). Wie es einem pubertierenden Mädchen geht, das seinen besten Freund nicht verlieren möchte, präsentierte Finia, inklusive der temporären Erblindung ihrer Lehrerin (daran war die Heldin natürlich schuld). „Spirit Animal“, ein Buch aus der Reihe hatte Carlotta mitgebracht, klang so gut, dass ich fast zum Kauf entschlossen bin.

Vier der erwähnten Lesekünstler (ich schreibe nicht welche) können Sie beim Bezirksentscheid am 3. April in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek wieder erleben – zusammen mit acht anderen Zungenmagiern aus den anderen Vorentscheiden (ich halte Sie rechtzeitg auf dem Laufenden). Liebe Leute, danke für das Zuhörvergnügen!

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an [email protected]

Boris Buchholz' Tipp für Sie

Ich weiß ja nicht, wie Sie das einschätzen, aber zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) scheint das Thema „Demokratie und Vernunft“ wahrlich gut zu passen. Während in der Welt so viel passiert – vom angeblichen Notstand in den USA über die drohende weitere atomare Aufrüstung in der Welt und dem Dauer-Thema Brexit bis hin zum steigenden Antisemitismus in ganz Europa – strahlt der langjährige Zehlendorfer Steinmeier Ruhe und zugleich Entschiedenheit aus. Ende Januar zeichneten die Auschwitz-Überlebenden im Internationalen Auschwitz-Komittee den Bundespräsidenten mit einer Statue, der „Gabe der Erinnerung“, aus. Aus der Begründung: „Frank-Walter Steinmeier ist als Bürger und Bundespräsident, als Deutscher und Europäer ein unermüdlicher Streiter für die Menschenwürde und den Schutz demokratischer Werte.“

„Demokratie und Vernunft“. Am Dienstag, 5. März, wird Bundespräsident Steinmeier zu diesem Thema am Ufer des Wannsees sprechen. Die American Academy (Am Sandwerder 17-19) hat ihn eingeladen, um 19.30 Uhr beginnt die Veranstaltung. Drei Tipps: 1) Seien Sie dabei. 2) Melden Sie sich jetzt an (kostenlos, aber begrenzte Plätze: E-Mail an [email protected], erst die Antwort-E-Mail gewährt den Einlass). 3) Es könnte sein, dass Tagespolitik, vielleicht sogar Geschichte, geschrieben wird. Und noch eines: Auch wenn sonst die Vorträge in der American Academy auf Englisch gehalten werden, Herr Steinmeier darf Deutsch reden.