• Nachbarschaft

    Schon als Kind war Gerhard Klein (1920-1999) vom Theater und vom Kino begeistert, war in Berlin Kinderschauspieler und als Sprecher im Rundfunk beschäftigt, doch ab 1933 durfte der Schauspieler nur noch im „Jüdischen Kulturbund“ auftreten. Im Rahmen der „Polenaktion“ wurde er im Oktober 1938 nach Polen deportiert; 1939 gelang ihm die Flucht nach Palästina. Nach dem Krieg kehrte er nach Berlin zurück – und betrieb 30 Jahre lang das Kino „Capitol Dahlem“. Heute, an seinem 20. Todestag, wurde am Capitol eine Gedenktafel enthüllt. Madeleine Budde, 62, eine der beiden Töchter von Gerhard Klein, berichtet, was das Kino für die Familie Klein bedeutet hat.

    Frau Budde, wie hat das „Capitol“ Ihre Kindheit geprägt? Ich habe das Kino mit der Muttermilch aufgesogen. Das Capitol prägte mein Leben. Es weckte meine Leidenschaft für Film und Kultur, war Brennpunkt meiner Kindheit – der Garten, die kleine Bühne, das Eis, die Süßigkeiten, vor allem aber waren es die unzähligen Filme, die ich im Laufe der Jahre hier gesehen haben. In der Thielallee habe ich gelernt, neugierig zu sein auf Anderes, Fremdes und Spannendes. Diese Begeisterung begleitet mich bis heute.

    Ihr Vater kam 1952 nach Berlin zurück. Warum tat er das, warum wollte er in einem Land leben, in dem er zuvor um sein Leben fürchten musste? Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht – und doch war Berlin seine Heimat. Seine Rückkehr hat stark mit seinem Beruf zu tun. Er war in Berlin Kinderschauspieler und hat dann auch in Israel, nach anfänglichen schweren Zeiten im Kibbuz, das israelische Theater „Cameri“ mitgegründet und stand dort viele Jahre auf der Bühne. Aber: Hebräisch – das er selbstverständlich beherrschte – war nicht seine Muttersprache. Und Theaterspielen in einer Sprache, die man vielleicht nicht zu einhundert Prozent beherrscht, war nicht ganz einfach. Und dann kam er auch der Liebe wegen. Bei einem Besuch in Berlin 1952 – dort war er auf der Suche nach überlebenden Angehörigen – traf er meine Mutter und verliebte sich in sie.

    Was war Ihr Vater für ein Mensch? Und was war seine Vision, sein Antrieb? Er war trotz Verfolgung, Leid und Elend, der schweren Zeit 1938 in Polen, wohin er mit Vater und Bruder ausgewiesen worden war, den harten Anfängen in Palästina und später in Israel, ein Optimist, ein fröhlicher Mensch, der neugierig auf die Zukunft war. Er hatte nach seiner Rückkehr die Vision von einem besseren Deutschland. Er war überzeugt davon, dass sich die Zeiten zwsichen 1939 und 45 niemals wiederholen würden. Schaute nach vorne, baute sich eine Existenz auf, gründete eine Familie und glaubte fest an ein Morgen.

    Sehr lange hat Ihr Vater über seine Erlebnisse in Nazi-Deutschland geschwiegen … Wie so viele Opfer der Nazi-Verfolgung hat auch er die Zeit bewusst verdrängt. Er wollte nicht zurückblicken, er hatte den Ehrgeiz sich ein neues, eigenes, erfolgreiches Leben wieder in Deutschland aufzubauen. Erst als Steven Spielberg mit seiner Shoah-Foundation in den Achtzigerjahren auftauchte, um weltweit Interviews mit Überlebenden zu führen und deren Schicksale systematisch zu dokumentieren, war er das erste Mal bereit, ausführlich über die Jahre der Emigration zu sprechen. Der Foundation gab er sein erstes ausführliches Interview, zuvor waren es immer nur Bruchstücke gewesen, die man beziehungsweise wir als Familie von ihm erfahren haben.

    Zurück zum Kino: Das „Capitol“ ist eine Kulturinstitution in Dahlem, was sind denn die Highlights der Capitol-Kino-Geschichte? Die Idee, kein Mainstream-Kino zu machen, sondern ein Kinoprogramm mit besonderer Filmauswahl, ein so genanntes Programmkino, war in Fünfziger- und Sechzigerjahren geradezu innovativ. Es war ein ganz anderer, moderner Zeitgeist. Ein anderes Highlight: Traditionell gab es im „Capitol Dahlem“ jede Sonnabendnacht zur Spätvorstellung EddieConstantin-Filme. Das war Kult. Und irgendwann kam dann eben „Eddie“ wirklich in Dahlem vorbei. Auch eine andere Reihe war etwas Capitol-Besonderes: Zum literarischen Podium, einer regelmäßigen Literatur- und Kulturveranstaltung, kamen die großen Schauspieler Stefan Wigger, Helmut Qualtinger, Ernst Deutsch, Curt Bois und Maria Becker ins kleine Capitol Dahlem.

    Wenn Ihr Vater sich heute in den Kinosessel setzen könnte, welchen Film würde er wohl sehen wollen? Ganz sicher seine Lieblingsfilme – Klassiker wie die „Kinder des Olymps“, Charlie Chaplin, „Arsen und Spitzenhäubchen“ und „Vom Winde verweht“ oder „M – eine Stadt sucht einen Mörder“. Von heute wären es vielleicht Filme wie „Das Leben der Anderen“, „Lara“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“ oder „Die Unsichtbaren“.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

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von Boris Buchholz Tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Steglitz-Zehlendorf,

über 5.000 Menschen feierten am vergangenen Sonntag die Grenzöffnung auf der Glienicker Brücke – die „Ode an die Freude“, gesungen von Schülerinnen und Schülern des Beethoven-Gymnasiums aus Lankwitz und einer Potsdamer Schule, scholl über das Wasser nach West und Ost, nach Süden und Norden und setzte ein feierliches und hoffnungsfrohes Zeichen. Ganz so einfach sei es wohl nicht gewesen zum Festort zu gelangen, wurde mir berichtet. Der Andrang war groß, die Busse seien voll gewesen.

Ähnlich war es auch nach dem Fall der Mauer. So viele Ost-Berliner und Brandenburger strömten nach West-Berlin, die BVG war überlastet, überfordert, Reisebusse wurden angemietet – und doch: Die Berliner Bus-Kapazitäten reichten nicht. Also sandten Verkehrsunternehmen aus 29 westdeutschen Städten Hilfe, sogenannte Solidaritätsbusse samt Fahrpersonal rollten nach Berlin und halfen aus. Jörg Gabrielski steuerte damals einen Soli-Linienbus aus Münster, es war ein orangefarbener Bus der Verkehrsbetriebe Bils. Rasch wurden ihm seine Aufgaben zugeteilt, er befuhr die Linien 30E, 68, 85E und 86E – hauptsächlich in Steglitz, Zehlendorf und Tempelhof. Die Schilder mit den Linien hatte er schon zu Hause gebastelt.

Doch als er an seinem ersten Berlin-Tag im Busbahnhof unter dem Steglitzer Kreisel seine Fahrgäste aufnehmen wollte, staunte er: Bei ihm stieg niemand ein. Dabei verließ alle paar Minuten ein Bus den Bahnhof, immer im Wechsel ein BVG-Doppeldecker und ein Soli-Bus. Und alle waren voll. Was war los? Ein Verkehrsmeister der BVG klärte ihn auf: Er müsse den Fahrgästen erst erlauben, zuzusteigen, sonst würden die weiter gesittet an der Haltestelle warten (so war das damals). Auf der Website der Stadtwerke Münster liest sich die Szene so: „Einen Zuruf später strömten die Fahrgäste in den Bus – einer nach dem anderen, nur durch die vordere Tür und erst nachdem Jörg jedes vorgezeigte Ticket abgenickt hatte. Das war er als Stadtbusfahrer aus Münster nicht gewohnt.“

Kennen Sie sich mit den Buslinien in Münster aus? Nein? Jörg Gabrielski kannte das Berliner Streckennetz auch nicht. Wie alle Soli-Busfahrer erhielt er morgens einen Stadtplan, auf dem per Hand der Streckenverlauf eingezeichnet war. Und dazu den Tipp: „Wenn Du Dir nicht sicher bist, warte einfach einige Minuten bis der Bus der BVG kommt. Dann fährste dem hinterher.“ Stationiert waren die Busse aus Münster übrigens auf dem Betriebshof in Zehlendorf an der Winfriedstraße – heute wohnen auf dem Gelände im „Rosenhof“ Senioren. Der Betriebshof war mit Bussen überfüllt, „nur mit Mühe ließen sich die Tore abends noch schließen“. Die Erinnerungen von Jörg Gabrielski an seinen dreimonatigen Berlin-Einsatz finden Sie auf der Website stadtwerke-muenster.de. Übrigens fährt er heute nicht mehr Bus; als Verkehrsmeister kümmert er sich um das Fahrgast-Informations-System – in Münster. Er hätte in Berlin bleiben können: Die BVG hatte ihm angeboten, fortan für sie zu fahren.

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de

Boris Buchholz' Kino-Tipp für Sie

Der November ist nass, er ist kalt, er ist grau. Handschuhe müssen gefunden, lang ungebrauchte Regenmäntel hervorgekramt werden. So mancher Morgen ist einfach trist. Also, muntern Sie sich auf, gehen Sie ins Kino! Als Steglitz-Zehlendorferin und Steglitz-Zehlendorfer haben Sie zur Zeit die Chance, in die jüngere Vergangenheit des Bezirks (und Kleinmachnows) zu reisen. In Florian Aigners Film „Im Niemandsland“ verliebt sich Banker-Tochter Katja (aus Zehlendorf, wen wundert’s) in Thorben – und zwar 1990, kurz nach dem Fall der Mauer. Katjas Vater will sein Elternhaus in Kleinmachnow wieder haben und terrorisiert mit „Stasi raus“-Rufen und einem propagandistisch beklebten Wohnwagen vor der Tür die jetzigen Bewohner – und zu denen gehört Thorben.

„Schämst Du Dich nicht?“, fragt er das West-Mädchen. „Nee, wofür? Zieht doch einfach aus.“ – „Das ist unser Haus!“ – „Weil ihr es meinem Opa weggenommen habt.“ – „Damit haben wir nichts zu tun.“ Irgendwie kommen sie dann aber zwischen Rückübertragungsanspruch und deutsch-deutscher neuen Wirklichkeit doch zusammen. „Es ist so eine Verschwendung“, sagt er zärtlich. „Was?“, fragt sie. „Dass du so hübsch bist.“ Ach, mir gefallen die beiden.

Meine Kultur-Kollegin Kerstin Decker hat einen distanzierteren Blick. In Kleinmachnow waren rund siebzig Prozent der Häuser und Wohnungen von Rückübertragungsansprüchen betroffen. „Dieses Kapitel der Vereinigungsgeschichte mitten in der erinnernden Mauerfall-Euphorie aufzuschlagen, ist schon ein forscher Schritt. Leider bleibt es nur Vehikel der Katja-und-Thorben-Geschichte, letztlich plakativ, thesenhaft“, lautet Ihr Fazit. Ihre ausführliche Nach-Mauerfall-Filmkritik finden Sie hier auf tagesspiegel.de.

Wenn Ihnen „Im Niemandsland“ zu mauerlastig sein sollte, im Zehlendorfer Bali-Kino wird bis Sonntag immer um 16 Uhr „Mein Lotta-Leben – alles Bingo mit Flamingo“ gezeigt (wenn Sie selber die Lotta-Kult-Bücher nicht gelesen haben sollten, fragen Sie Ihre Kinder und Enkel). Wer es erwachsener mag, der kauft ein Ticket für die französische Obdachlosenkomödie „Glanz der Unsichtbaren“ oder „Deutschstunde“ nach Siegfried Lenz. Im Capitol Dahlem (schauen Sie nach der frisch enthüllten Gedenktafel, mehr dazu unter „Nachbarschaft“) flimmert drei Mal am Tag Corinna Harfouch als „Lara“ über die Leinwand, im Lankwitzer Thalia-Kino können Sie sich mit dem „Joker“ treffen – ausgezeichnet gruselig. Was das Adria und der Titania-Palast, die Neuen Kammerspiele Kleinmachnow und das Babelsberger Thalia zu bieten haben – finden Sie es heraus. Fest steht:

Kälte, Regen und auch Gräue
lockt ins Kino – ohne Reue.

Allerdings: Leser @schrillmann gab am Dienstag im täglichen Checkpoint-Newsletter bekannt: „Finde, als Berliner*in kann man schlecht Berlin-Filme gucken, weil man dauernd denkt ‚Da hat doch die Jutta gewohnt‘ oder ‚Wie schafft die es bloß in 3 Minuten von der Domäne Dahlem in den Plänterwald‘.“ Da hat er recht.