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    Nachbarschaft

    Dirk Krüger, 45, ist DHL-Paketzusteller und hat seine Tour in Steglitz. Der Spandauer ist gelernter Zerspanungsmechaniker, Fachrichtung Frästechnik, und Karosseriebauer. Jeden Tag hat er zwischen 120 und 140 Pakete im Wagen. Im „Starkverkehr“, das ist der interne Fachbegriff für Weihnachten, sind es bis zu 170.

    Was mögen Sie an Ihrem Job? Den Kontakt mit Menschen, wobei ich bei meiner festen Tour fast immer dieselben Leute sehe. Ich sitze nicht gerne drinnen, ich mag es, draußen zu arbeiten. Wobei es natürlich blöde ist, wenn es richtig regnet.

    Ihre Tour ist in Steglitz. Wenn Sie die Wahl hätten, wo würden Sie noch lieber fahren? Eigentlich will ich nicht weg, ich kenne mich aus. Wannsee mag ich auch: Da gibt es nicht so viele Treppen zu laufen und der Empfänger auf der Pfaueninsel kam immer mit der Fähre rüber. Und es gab viel Grün!

    Was ärgert Sie am meisten? Es gibt Häuser, da wird man nichts los. Da ist nie jemand. Und andere nehmen für ihre Nachbarn keine Sendungen an. Ich klingele trotzdem immer.

    Was mögen Sie in Steglitz-Zehlendorf? Die Leute sind nett. Ich könnte mir schon vorstellen, hier zu wohnen – aber die Wohnungen sind zu teuer. Privat bin ich eigentlich selten in Steglitz-Zehlendorf.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@extern.tagesspiegel.de

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von Boris Buchholz Tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Steglitz-Zehlendorf,

„Entschuldigen Sie, haben Sie Kippas?“ Wenn Sie mit dieser Frage auf den Lippen durch die Schloßstraße eilen, werden Sie keinen Kauf-Erfolg haben. Am Mittwoch hatte der Tagesspiegel auf Seite zwei zwar konkrete Kippa-Hilfe geleistet, man konnte sich eine weiß-blaue Kopfbedeckung aus der Zeitung schneiden, doch wollte ich eine eigene, eine richtige haben. Ich stellte fest: Im Südwesten wird man nicht fündig. Also suchte ich im Internet und fand einen Versandhändler aus Berlin, der nach telefonischer Kontaktaufnahme bereit war, mich schnell und persönlich zu versorgen: Wir trafen uns quasi konspirativ auf der Straße vor der Volksbank am Wilmersdorfer Roseneck. Ich übergab 20 Euro, er reichte mir meine neue Kippa. Sie ist sehr schön, aus Samt, auf schwarzem Grund leuchten am Rand bunte Wellen.

In Steglitz-Zehlendorf ist kein akuter, „großer“ Fall von Antisemitismus bekannt. Und doch wird es sein wie überall: Judenhass ist auch in unserem Bezirk leider Teil des Alltags. Wenn Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, vor dem öffentlichen Tragen der Kippa in Großststädten warnt, meint er auch Steglitz-Zehlendorf. Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, sagte zum Kippa-Aktionstag am Mittwoch: „Baseball-Cap statt Kippa, lautet [ab Donnerstag wieder] die Losung, um Konflikten, dummen Sprüchen und körperlichen Angriffen aus dem Weg zu gehen.“ Antisemitismus und Rassismus müssen tabulos benannt und als uns alle bedrohende Gefahr wahrgenommen werden, fordert Heubner.

Uns alle? Aber ja. Antisemitismus ist keine Frage dieses oder jenes Glaubens, es ist die Frage, ob die Basis unserer Gesellschaft Gültigkeit hat, das Grundgesetz. Wenn Kinder auf dem Schulhof mit „Du Jude!“ diffamiert werden oder – wie mir letztens ein Bekannter berichtete – ein homophober Geselle einen Fahrgast in der S1 mit „Du Schwuchtel!“ beleidigt, steht unsere Gesellschaft auf dem Prüfstand.

Ich gebe es zu, meine schwarz-bunte Kippa wird wohl meistens an meiner Bürowand hängen bleiben. Aber ich hoffe, dass ich meine virtuelle Kippa sehr häufig tragen werde – beim Schreiben, beim Elternabend und beim Bummeln auf der Schloßstraße. Und vielleicht wird es demnächst sogar möglich sein, bei C&A oder Karstadt eine jüdische Kopfbedeckung zu erwerben.

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer – von Kindesbeinen an lief er in Steglitz und Zehlendorf umher. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@extern.tagesspiegel.de.

Boris Buchholz' Tipp für Sie

Was für ein Glück: Nach einer frühen Verabredung fahre ich am Zehlendorfer Postplatz vorbei – und sehe die offene Gartentür. Ich bin der erste Gast im „Gartenhaus-Café“, dem „Bistro der kleinen Köstlichkeiten“ (Martin-Buber-Straße 1, geöffnet ab 10 Uhr, barrierefreier Zugang): Kuchen, Quiche und Kaffee. An diesem Morgen ist mir nach Cappuccino und Croissant. Die junge Frau hinter dem Tresen denkt kurz nach und sagt: „Ach ja, der Franzose war schon da.“ Entschieden, bestellt, gesetzt, und zwar mitten in die Sonne, umgeben von Grün. Es ist eine Idylle. Die Vögel singen, den Straßenlärm des wenige Meter entfernten Teltower Damms hört man nicht. Stattdessen dringt ein „… der Zug in Richtung … sich um wenige Minuten“ in mein Ohr; die Stimme aus dem Lautsprecher des S-Bahnhofs Zehlendorf scheint aus einer anderen Welt zu stammen. Ich schalte wieder ab, beiße ins Croissant und widme mich meiner Zeitung. Gleich muss ich los zum nächsten Termin. Aber zwanzig Minuten Oase, das gönne ich mir.