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    Nachbarschaft

    440 Haushalte zählt die Siedlung Wartenberg. Ich bin zu Gast bei Horst Normann, Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Wartenberg. Ein Wasserlauf im Garten, Fische im Wohnzimmer, Hund Tom unter dem Tisch. Die Leute hier hinten warten sehnlichst darauf, dass der Flughafen Tegel schließt. Und, dass Straßen erneuert werden. Das soll nicht erst 2030 geschehen, kündigte Danny Freymark, CDU MdA an. Die Siedlung ist sein Wahlkreis und Normann CDU-Mitglied.

    Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Siedlung erbaut, vorher waren es Kleingärten. Wir sehen hier, das aus Kleinbausiedlungen Wohnsiedlungen werden können. „Die Wartenberger Dorfgemeinschaft funkioniert“, sagt Freymark, der mal eine Hüpfburg zum Kinderfest gesponsert hat. Das Vereinshaus zählt 30 Veranstaltungen pro Jahr. Um die Betriebskosten zu zahlen, muss es vermietet werden. Allerdings müsste das Dach mal repariert werden. 10.000 Euro fehlen. Normann hat schon einen „Bettelbrief“ an BM Michael Grunst geschrieben, erzählt er. Vor sieben Wochen.

    Da es sich nicht mehr um eine Kleingartenanlage handelt, könne der Bezirk das Dach nicht finanzieren, schrieb mir Grunst auf Nachfrage. Aber er werde es als Bürgerhaushaltvorschlag werten und diesen ins Lekungsgremium bringen. Dauert also noch. Foto: Robert Klages

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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von Robert Klages tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Lichtenberg,

sie sind die Feine Sahne Fischfilet aus Lichtenberg: Kafvka. Portrait lesen. Der Verfassungschutz ist da (soweit wir wissen) aber noch nicht dran. Würde allerdings nicht verwundern, zu Zeiten, in denen man nur „Marx“ an eine Wand schreiben muss, damit der Staatsschutz ermittelt (kein Scheiß) oder wenn die SPD vom Verfassungsschutzpräsidenten bzw. baldigem Ruheständler Hans-Georg Maaßen als „linksradikal“ bezeichnet wird. Ab wann wird man linksradikal genannt? Hier ein kurzer Faktencheck zur Lage.

„Wir sind ja nicht mal linksradikal“, singt Kafvka-Frontmann Jonas Kakoschke trotzdem sicherheitshalber mal im neuen Video, am Freitag anlässlich der angekündigten Neonazi-Aufmärsche zum Jahrestag der Reichspogromnacht veröffentlicht. Die Band will mit dem Song ein klares Statement abgeben und alle ermutigen auf die Straßen zu gehen. Sowas wünscht man sich eigentlich häufiger von Politiker*innen.

Aber naja, immerhin auf die Musik ist Verlaß. Im Gegensatz zu vielen Politiker*innen hat die Band keine Probleme Hörer*innen aus dem rechten Rand zu vergraulen. Es gibt sie natürlich, die Stimmen gegen Rechts. Hier von Innensenator Andreas Geisel: „Ich versuche das zu tun, was alle überzeugten Demokraten tun müssen: Den rechten Spuk mit den Mitteln zu bekämpfen, die einem zur Verfügung stehen. Daran werde ich auch in Zukunft festhalten.“ Aber der ist ja auch von der SPD, also, laut Maaßen, linksradikal. Faktencheck: Der Mann ist so wenig links, der schickt Ausländer dorthin zurück, wo sie hergekommen sind.

„Alle hassen Nazis, alle hassen Nazis, das ist einfach nur normal.“ Der Refrain des neuen Kafvka-Songs. Hier bitte auf play drücken und weiterlesen. Ist es das wirklich? Warum muss die Band dann darüber singen? Sie singen ja auch nicht „Alle müssen atmen, alle müssen atmen, das ist einfach nur normal“.

Weil es eben doch nicht normal ist, gegen Nazis zu sein. Sollte es aber. Es sollte Grundkonsens einer Gesellschaft sein. (Mal abgesehen davon, dass es überhaupt keine Neonazis geben dürfte in einer funktionierenden Gesellschaft.) Ist es aber nicht. Und das ist scheiße. Rechte Kräfte im Land haben es geschafft, dass Linksradikalismus teilweise auf eine Stufe mit Rechtsradikalismus gestellt wird. Beides soll gleichermaßen verurteilt werden. Das Känguru von Mark-Uwe Kling hat es sarkastisch vorhergesagt, schon vor Jahren.

Bevor jetzt jemand beim Verfassungsschutz anruft: Natürlich sollten auch Anschläge auf Autos, Farbbeutelattacken etc. verurteilt werden. Die einzige Waffe soll das Wort sein (Musikinstrumente sind auch erlaubt). Es geht nur darum, dass man rechte Taten verharmlost, wenn man sie damit auf eine Stufe setzt. Ein Hakenkreuz an der Wand einer Unterkunft für Geflüchtete ist nicht gleichzusetzen mit Farbkleksen an Neubauten in der Rigaer Straße. Es geht darum, Linien zu ziehen, Narrative zu setzen und die Grenzen auszuloten.

Es sollte nicht sein, dass Opfern rechter Gewalt der Opferstatus abgesprochen wird. Wenn sogar der Chefredakteur der größten deutschen Zeitung sagt, auch Weiße Männer können Rassismus erfahren, so möchte man ihn nur für einen Tag in die Haut eines Ausländers stecken. Toller Kommentar dazu in der Spiegel-Kolumne von Margarete Stokowski: „Männer und Weiße können ungefähr alles auf der Welt haben, aber Diskriminierung können sie nicht haben. Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße.“

Ein weiteres Beispiel: „Ich lade Jerome Boateng nach Marzahn ein“, sagt der dortige CDU-Stadtrat Johannes Martin. Er könne „kein strukturelles Problem“ mit Rassismus in dem Bezirk erkennen. Genau hier liegt das Problem: Komm, schau, es gibt hier keinen Rassismus. Den Opfern rechter Gewalt werden ihre Erfahrungen mit Rassismus aberkannt und diese verharmlost. Und das von Teilen einer Partei, die dieses Land regiert. Viele zeigen sich blind für Rassismus. Wer verneint, dass es in Deutschland ein strukturelles Problem mit Rassismus gibt, bestätigt damit, dass es diesen gibt – und wohl leider noch eine lange Zeit geben wird.

Zurück zu Kafvka: Die waren nun auch in der RBB-Abendschau. Tom Spindler, anscheinend eine Legende, hat ein neues Label gegründet und will der Band „den Einstieg in das harte Business erleichtern“. Wenn die Jungs so weitermachen, werden sie mir übrigens zu groß. Daher soll das hier der letzte Beitrag über sie sein. Ich bin durch mit dieser Polit-Boygroup. Zwinker zwinker. Vergesst eure Wurzeln nicht, sagen die Neidischen. Beim Videodreh von „Alle hassen Nazis“ am Alexanderplatz war ich übrigens live dabei. Reiner Zufall, war ja Demo gegen rechts („unteilbar“). Mit ins Video wollte ich nicht. Nachher gerate ich da noch ins Visier des Verfassungsschutzes. Zwinker. Keine Pointe.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf Facebook, Twitter und Instagram zu finden.

Robert Klages Tipp

Standortkonferenzen für die Großsiedlung Neu-Hohenschönhausen. Das Bezirksamt lädt alle Anwohner*innen zu den Standortkonferenzen für die Großsiedlung Neu-Hohenschönhausen ein, bei denen über die städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten des Stadtteils diskutiert werden soll. Seit über 30 Jahren ist die Großsiedlung Neu-Hohenschönhausen ein Zuhause für über 50.000 Menschen. Der Grundstein für Lichtenbergs „jüngste“ Großsiedlung wurde 1984 gelegt. In wenigen Jahren entstanden 30.000 Wohnungen, Straßenbahnen, Schulen, Kitas und Kaufhallen.

Heute ist Neu-Hohenschönhausen im Wandel. Nach Jahren des Rückgangs wächst die Bevölkerung auch hier wieder kräftig. Um diese Entwicklungen besser steuern und mit Augenmaß planen zu können, erstellt der Bezirk gegenwärtig einen Rahmenplan für die Großsiedlung. Am 13. und 27. November finden jeweils Standortkonferenzen statt – eine für das Gebiet östlich der Bahn, eine für das Gebiet westlich. Der Rahmenplan soll dazu beitragen, die städtebauliche Grundstruktur der Großsiedlung zu erhalten und ihre Stärken und Schwächen sowie Entwicklungspotentiale herauszuarbeiten. Dabei wird auch untersucht, welche Flächen für eine Bebauung geeignet sind – und welche besser unbebaut bleiben sollen. Wie stellen sich die Bürgerinnen und Bürgerinnen die Zukunft Neu-Hohenschönhausens vor, damit es lebenswert bleibt? Wir wollen mit Ihnen Entwicklungspotentiale Neu-Hohenschönhausens diskutieren“, sagt Bezirksbürger*innenmeister Michael Grunst.

Die Standortkonferenzen finden an folgenden Terminen statt: Dienstag, 13. November, 17:00 Uhr, Anna-Seghers-Bibliothek, Prerower Platz 1-2, (für das Ostseeviertel und den Mühlengrund). Dienstag, 27. November, 17:00 Uhr, Fritz-Reuter-Oberschule, Prendener Straße 29, 13059 Berlin (für Neu-Wartenberg und den Welsekiez).