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    Nachbarschaft

    „Künstlerbrause“, so nennt Pierre Club-Mate. Weil das die Künstler*innen in Berlin öfter trinken. In Paris würde das niemand kennen. Pierre und ich sitzen in einem 250 Quadratmeter großen Raum, der vollständig mit Kupfer verkleidet ist – abhörsicher. Hier hat die Stasi einst Abhörtechnik hergestellt, vermutlich Computerplatinen. Der Raum in der Genslerstraße 13 in Hohenschönhausen wurde dem Künstler-Kurator Pierre Granoux für eine Gruppenausstellung zur Verfügung gestellt, die am 13. Oktober endete. Hier gibt es Fotos von meinem Besuch bei „The Missing Room“ – durch die Ausstellung wurde der Raum erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, gefördert vom Bezirk. Weitere Ausstellungen sollen folgen – „The Missing Room“ war der erste Teil. Das Gebäude gegenüber der Gedenkstätte Hohenschönhausen, genannt „Studio-ID“, ist ein Atelierhaus mit rund 270 Künstler*innen. Ich hatte im Juli darüber berichtet.

    Das ZDF ist für einen kurzen Beitrag nun auch dort gewesen. Funfact: Während der Künstler davon erzählt, dass es dort „keine Cafés und Kneipen gibt, die einen ablenken“, steht er neben einem Imbiss (Empanadas, Café, Bier etc.). Der Imbiss wird auch kurz eingeblendet. Hier der Beitrag. 

    Pierre lebt im Bötzowviertel in Prenzlauer Berg, 2000 ist er nach Berlin gekommen. Und er hatte die Wahl zwischen Berlin und Paris. „Aber als Ausländer gewinnt man Abstand zu seinem Land und sieht alles differenzierter“, sagt er. Noch immer gebe es viele Klischees. Am Anfang sei er „der Weinkenner“ gewesen. „Ob man will oder nicht, man ist ‚der Franzose‘“. In Deutschland sei es obligatorisch, sich für Fußball zu interessieren, sonst könne man kaum an Gesprächen teilnehmen. Aber: Das Leben in Berlin gefällt ihm sehr.

    „Du kannst sofort ein Teil von Berlin sein“, sagt Pierre. „Das ist in Paris nicht möglich.“ 2000, da seien in Berlin überall Bars und Clubs entstanden. „Und man war sofort Teil davon. Man hat die Clubs mitgestaltet, einfach, in dem man hingegangen ist.“ Heute sei es komplizierter geworden: „Du brauchst Geld, um mitzumachen.“ Auch in der Kunst sei es schwieriger geworden, besonders bei der Ateliersuche.

    Pierres Projekt heißt „Lage Egal“. „Ein Experimentierfeld kuratorischer Praxis.“ Ziel sei es, Künstler*innen die Möglichkeit zu geben, ohne institutionelle Kunstvermittlung auszustellen. 2016 hat er dafür eine Auszeichnung für Projekträume vom Senat erhalten. Verliehen in der Bar Babette in Mitte, die vor Kurzem schließen musste. Auch Pierre wurde 2017 mit seinem Atelier- und Ausstellungsraum aus dem Prenzlauer Berg „verdrängt“. Der Vermieter habe nach sieben Jahren plötzlich die Miete erhöht, erzählt Pierre. Dann ging er ins HB55 in die Herzbergstraße in Lichtenberg. Räume für Kunst in einem ehemaligen Margarinewerk mit rund 200 Mieter*innen. Eine Zeitlang habe man dort tolle Ausstellungen machen können und gut gefeiert.

    Seit Mai dieses Jahres ist alles komplizierter geworden, dort in der Herzbergstrasse. Baustadträtin Birgit Monteiro (SPD) hatte dem Atelierprojekt „Fahrbereitschaft“ des Kunstsammlers Axel Haubrok Strafe von einer halben Million Euro angedroht, sollte er dort noch einmal seine Kunstsammlung öffentlich ausstellen. Monteiro sagt, sie fürchte, dass das Gewerbe verdrängt werden könnte, wenn sich die Straße zur Kunstmeile entwickeln würde. „Man weiß nicht, was man machen soll“, sagt Pierre. „Seit Haubrok keine Ausstellungen mehr machen kann, ist die Stimmung in der Herzbergstrasse schlechter geworden.“

    Also hat er seinen Vertrag zum Ende Oktober gekündigt. Freiwillig. Andere, wie die Künstlerin Karolin Schwab zum Beispiel, bleiben im HB55 und hoffen darauf, bald dort wieder unbehelligt ausstellen zu können. Der Bezirk und der Senat arbeiten derzeit an einem Rahmenplan: Ausstellungen sollen in geringem Ausmaß und zu bestimmten Zeiten in der Herzbergstraße erlaubt sein. Doch Pierre findet, das alles sei der Kunst hinderlich. „Die Besucher reden nur noch über Politik.“ Außerdem:

    „Hohenschönhausen wird immer mehr sexy“, sagt Pierre. „Man ist in Berlin, aber man hat Abstand. Und es kommen immer mehr Künstler hierher.“ In einem Text von vor zwei Jahren schrieb Pierre, Berlin verfüge über eine weltweit einmalige Dichte an Projekträumen. Diese seien der Nährboden, auf dem sich eine vitale und kritische Kunstszene entfaltet. „Räume entwickeln sich schnell, sind flüchtig, temporär und letztlich nicht einmal direkt an einen bestimmten Ort gebunden. Viele Projekträume besetzen temporär brachliegende Orte, verschwinden und tauchen plötzlich an anderer Stelle wieder auf.“

    Doch in den letzten zwei Jahren hat sich einiges verändert. Derzeit verkauft Pierre seine Ausstattung aus den gekündigten Räumen im HB55. Ein Nachmieter sei schon gefunden. Einer, der mehr zahlt. Eine Installation von Pierre – diesmal nur der Künstler – mit Werken der Künstler*innen Astrid Köppe und Aron Rahe mit dem Namen „Die Anatomie der Melancholie“ ist noch bis zum 25. November in der Kunstgalerie „Zagreus“ in der Brunnenstraße 9a zu sehen.

    „Rettet das Feuer!“, antwortete Salvador Dalí auf die Frage, was zuerst zu retten sei, wenn der Louvre brennt. Nicht die Kunstwerke müssen gerettet werden, sondern die transformierende, anarchische Energie kreativer Prozesse. „Projekträume sind das kreative Feuer der Kunstszene Berlins“, ruft Pierre auf eine noch ungestellte Frage.

    Foto: Robert Klages

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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von Robert Klages tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Lichtenberg,

ich bin neben einer Unterkunft für Geflüchtete aufgewachsen. Damals, in einer westfälischen Kleinstadt. Das alte Bahnhofsgebäude wurde notdürftig hergerichtet und einige Menschen aus Kosovo bis Somalia zogen ein.

Ich erinnere mich an die Zeit in der Schule: einige neue Kinder waren plötzlich da – ein Junge aus Bosnien sollte neben mir sitzen. Ich könne ihm den Schulweg zeigen, meinte der Lehrer. Nachdem ich dies getan hatte, verabschiedete ich mich von ihm. Wir Deutschen sind häufig sehr funktional.

Noch am selben Nachmittag klingelte er an unserer Haustür. Er wollte Fußball spielen. Wir spielten Fußball. Leider habe ich den Namen des Jungen vergessen, der bald mein Freund wurde. Aber, so sagte er: Ich solle mich nicht so sehr an ihn gewöhnen. Es sei nicht klar, ob er in Deutschland bleiben könne. Aber, so sagte er: deswegen sei es auch nicht so wichtig für ihn, zu lernen. Er würde lieber gut Fußballspielen können. Er habe gehört, dass es viele bosnische Spieler in Deutschland gibt. Wenn er gut genug spielen könnte, würde er vielleicht bleiben dürfen.

Ich war begeistert: Ich wollte auch nicht lernen müssen und Fußballstar werden. Deutsch sprach der Junge übrigens besser als Martin von nebenan, dessen Vater gesagt haben soll, die neuen Schüler würden Krankheiten in die Stadt bringen, man dürfe sie nicht anfassen. Ich erkundigte mich zu Hause: Das sei natürlich Quatsch, sagten meine Eltern. Ich erinnere mich daran, dass mich die Eltern des Jungen zum Essen in den alten Bahnhof einladen wollten.

Sie könnten auch was mit Kartoffeln kochen – und Hähnchen. Ich mochte Hähnchen. Aber der alte Bahnhof war etwas gruselig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dort gekocht werden konnte. Ich sagte dem Jungen, dass ich es mir überlegen würde. Wir spielten weiter Fußball, bald auch gemeinsam mit anderen Kindern, sogar mit Martin.

Eines Tages, nach den Ferien, kam der Junge nicht mehr zur Schule. Und noch einen Tag nicht. Martin und ich gingen zum alten Bahnhof. Ein Mann erklärte uns, dass diese Familie aus Bosnien nicht mehr da sei. Er zuckte mit den Achseln. Martin und ich waren traurig, die anderen Kinder auch. Wir wollten zum anderen Bahnhof gehen, zu dem, wo die Züge fuhren – die Familie des Jungen sollte hierbleiben. Unser Lehrer sagte am nächsten Tag, dass man da nichts mehr machen könne. Es sei aber nicht sicher, ob die Familie zurück in „ihr Land“ oder in eine andere deutsche Stadt gezogen war.

Jahre später in Berlin-Friedrichshain: Der Bezirk schafft es irgendwie, die Unterkünfte für Geflüchtete anders zu verteilen als die restlichen Bezirke. So, dass keine 500-Personen-Ghettos entstehen wie in den „Randbezirken“. Auch in meiner Nähe sollte eigentlich eine Unterkunft entstehen. Auf Facebook schrieb ich, dass ich mich darüber freuen würde. Ich bekam einige Hassmails und -Kommentare. Bald sollen in Lichtenberg neue Unterkünfte entstehen, eine davon vermutlich in der Rheinpfalzallee.

Wohnt jemand von euch zufällig neben einem Geflüchtetenheim? Oder hat sonst wie Erfahrungen damit gemacht? Schreibt mir gerne eine Mail. Wie in Lichtenberg über die geplante Unterkunft in der Rheinpfalzallee diskutiert wird, und was es für Alternativvorschläge gibt, lest ihr in „Namen und Neues“.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden.

Robert Klages Tipp

Wo wir gerade bei Hohenschönhausen sind (siehe „Nachbarschaft“ oben): BM Michael Grunst will auch drüber reden. „Dorf, Platte, Schickimicki: Hohenschönhausen hat viel zu bieten“, sagt er. „Und vor allem hat es Potenzial.“ Dieses Potenzial möchte er mit Gästen diskutieren. Dabei soll es auch um Visionen und konkrete Ideen für den Stadtteil gehen. Es ist die zweite Ausgabe seiner Gesprächsreihe „Aus LiBe“, am Dienstag, 06. November, 19 Uhr.

Die Gäste an diesem Abend stammen beide aus Lichtenberg und sind heute mit Hohenschönhausen eng verknüpft: Bärbel Grygier war unter anderem von 1995-2000 Bezirksbürger*innenmeisterin von Hohenschönhausen. Mathias Roloff ist Maler aus Lichtenberg und Teil des Kunsthauses 360° – Raum für Kreativität. Dort findet die Veranstaltung auch statt.

„Er steht für die künstlerisch Kreativen in Hohenschönhausen“, sagt Grunst. Und dort werden es ja immer mehr, wie in der Rubrik „Nachbarschaft“ zu lesen ist. Hier ein kleines Portrait über Roloff und den Atelierstandort Hohenschönhausen. Moderiert wird der Abend vom Schauspieler Björn Harras.