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    Nachbarschaft

    Uwe Weise, kommissarischer Leiter des Wahlamts Charlottenburg-Wilmersdorf.

    Bei der Europawahl am Sonntag wird der wichtigste Organisator im Bezirk noch in Berlin sein, aber am Dienstag reist Uwe Weise mit seiner Frau Jeannette nach Paris, um den zehnten Hochzeitstag zu feiern. Die Nachbearbeitung der Wahl müssen dann andere übernehmen. Denn nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis am Sonntagabend wird es noch bis zum 3. Juni dauern, bis nach der Prüfung der Protokolle aus den Wahllokalen und eventueller Beschwerden das Endergebnis vorliegt.

    Der 1958 in Wedding geborene Berliner hat sich viele Monate lang darum bemüht, alles bestens vorzubereiten. Manchmal fuhr er Lastwagen mit Materialien sogar selbst hin und her. Aus einer früheren Berufstätigkeit als Kraftfahrer hat er den nötigen Führerschein. "Ich bin Praktiker und kein Mensch, der für den Schreibtisch geschaffen wurde."

    Das zeigt auch seine Karriere. Nach ersten Jobs, bei denen er unter anderem Spielautomaten transportierte und aufstellte, studierte er Sozialarbeit. Es folgte eine Anstellung als Bürokraft in der Jugendförderung Charlottenburg-Wilmersdorf, die Weise aber nach eineinhalb Jahren kündigte. Stattdessen betreute er nach dem Berliner Mauerfall eine Unterkunft für DDR-Familien, die aus Sorge vor einer möglichen erneuten Grenzschließung nach West-Berlin geflüchtet waren.

    Dann kam wieder ein Anruf aus Charlottenburg. Weise nahm das Angebot an, den Jugendclub Charlottenburg-Nord zu leiten. Die Gegend "ist ein sozialer Brennpunkt, aber das sehen Sie nicht", sagt er. Am ersten Tag im Club am Heckerdamm bemerkte er, dass die Jugendlichen dem Gebäude gerade einen neuen Anstrich verpassten. Also "habe ich mit gemalert". Über Neubaupläne durften die Besucher des Jugendtreffs mit entscheiden. Es gab auch gemeinsame Reisen in ein hessisches Feriencamp. "Demokratie lernt man nur, indem man sie lebt", findet Weise.

    Diese Botschaft kam offenbar an. Denn manche der damaligen Jugendlichen sind derzeit ehrenamtliche Helfer bei der Europawahl und wurden dafür von Weise geschult. Er hatte den Jugendclub im Jahr 2016 verlassen, blieb aber im Sozialbereich des Bezirksamts tätig – vor allem als Koordinator des ehrenamtlichen Dienstes. Während der Europawahl ist er davon freigestellt. "Die Stadträte geben mir viel Freiheit und eine tolle Unterstützung", lobt Weise. Er sieht sich als "Teamplayer" und hat schon mehrere Wahlen als kommissarischer Leiter organisiert. Zuletzt hatte der Bezirk die Wahlleitung als hauptamtliche Stelle ausgeschrieben, jedoch ohne Erfolg. Weise rechnet damit, dass er auch bei den nächsten Bundestags-, Abgeordnetenhaus- und BVV-Wahlen im September 2021 noch gebraucht wird

    Die steigende Zahl der Briefwähler macht ihm ein bisschen Sorge, weil die eigenständige und geheime Stimmabgabe nicht garantiert werden kann. "Wir wissen ja nicht, wie die Oma am Küchentisch ihren Wahlzettel ausfüllt." Andererseits habe das Bundesverfassungsgericht die Briefwahl für zulässig erklärt. Aus Weises Sicht ist sie zumindest besser als "unsichere" elektronische Wahlautomaten.

    Ehrenamtlich engagiert er sich besonders im Sport-Club Charlottenburg (SCC) als Vorsitzender der Fußballabteilung. Zusätzlich organisiert Weise bei SCC-Veranstaltungen wie dem Berlin-Marathon und dem Velothon den Einsatz der Streckenposten. Und er kickt auch regelmäßig selbst mit seinen Vereinskameraden.

    Foto: Cay Dobberke

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter:  cay.dobberke@tagesspiegel.de

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von Cay Dobberke tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Charlottenburg-Wilmersdorf,

haben sich die Anwohner der Cornelsenwiese in Schmargendorf zu früh gefreut? Mitte Mai jubelten sie im BVV-Saal des Rathauses Charlottenburg, als eine denkbar knappe Mehrheit der Bezirksverordneten das Wohnungsbauprojekt des Grundstückseigentümers Becker & Kries scheinbar abgelehnt hatte. Doch das Bezirksamt interpretiert den Beschluss anders und setzt das Bebauungsplanverfahren fort. „Entscheidend ist letztlich die finale Abstimmung in der BVV über den Bebauungsplan, die voraussichtlich im Herbst erfolgen wird“, gaben Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) und Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) bekannt.

Falls die BVV einen Planungsstopp wünsche, müsse sie dies explizit beschließen, sagte Schruoffeneger auf Nachfrage. Andernfalls „kann das Bezirksamt das Verfahren gar nicht beenden“. Tatsächlich hatte sich die BVV gegen eine Beschlussempfehlung aus dem Stadtentwicklungsausschuss ausgesprochen. Darin wäre das Bezirksamt aufgefordert worden, den Bebauungsplan „auf Basis der aktuellen Planung zu überarbeiten und der BVV zeitnah zur Beschlussfassung vorzulegen“. Die meisten Bezirkspolitiker folgerten aus dem Scheitern des Antrags irrtümlich, die Bebauung der Wiese mit 100 Wohnungen sei vom Tisch.

Nur die SPD und die FDP hatten für den Antrag gestimmt. Bürgermeister Naumann unterstützte dies in der BVV, indem er darauf hinwies, dass die Neubauten auch als Ersatzwohnungen für Mieter aus der Autobahn-Überbauung an der Schlangenbader Straße benötigt würden – weil die landeseigene Degewo den Gebäudekomplex im Laufe der nächsten Jahre sanieren wolle. Die Vorlage für den Bezirksamtsbeschluss brachte jetzt allerdings der grüne Baustadtrat Schruoffeneger ein, obwohl seine Parteifreunde in der Fraktion die Wiese retten wollen.

Politische Zahlenspiele sind offenbar ebenfalls relevant bei der neuesten Entwicklung. Der BVV-Antrag zugunsten des Bauvorhabens war nämlich nur durchgefallen, weil zwei SPD-Bezirksverordnete in der Sitzung fehlten. Die nächste Abstimmung könnte also anders enden. Allerdings ist es möglich, dass die Linken zum Zünglein an der Waage werden. Von den vier Fraktionsmitgliedern hatten zwei mit Nein gestimmt und zwei sich der Stimme enthalten – auch im Wissen, dass keine Mehrheit zu erwarten war. Sollten die Linken im Herbst geschlossen gegen die Bebauung stimmen, dürfte es abermals knapp werden.

Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de

Cay Dobberkes Tipp für Sie

Shakespeare an der Sömmeringstraße. In einer provisorischen Freiluftbühne startet die neue Shakespeare-Bühne Globe Berlin an der Sömmeringstraße 15 (zwischen der Sporthalle und dem Österreich-Park) ihre erste Saison. Unter dem Motto „Utopie & Illusion“ geben das 16-köpfige „Globe Ensemble Berlin“ um den Initiator und Regisseur Christian Leonard sowie andere Künstler einen Vorgeschmack auf das künftige Programm. Am Sonnabend, 1. Juni, geht es mit William Shakespeares „Romeo und Julia“ los. Weitere Aufführungen folgen bis zum 14. September. Außerdem wird ab dem 19. Juni das Stück „Über die Verführung von Engeln“ mit Texten und Liedern von Bertolt Brecht gezeigt. Der tragikomische Liebesschwank „Nach dem Kuss“ von Oliver Bukowski hat am 24. Juli seine Premiere.

Alle Vorstellungen beginnen dienstags bis samstags um 19.30 Uhr und sonntags um 18 Uhr. An jedem ersten Sonntag im Monat gibt es ein Weltmusikkonzert. Die Dienstage sind für Gastspiele reserviert. Karten kosten 15 bis 26 Euro.

Das eigentliche Globe Theater nach dem Vorbild des Londoner Originals aus Shakespeares Zeiten wird voraussichtlich ab dem kommenden Herbst gebaut – oder besser gesagt: wieder auferstehen. Bei dem 14 Meter hohen Rundbau aus Holz und Stahl mit rund 600 Sitzplätzen und einem Durchmesser von 26 Metern handelt es sich um ein Theater, das in Schwäbisch Hall abgerissen werden sollte. Christian Leonard ließ alles einlagern und zerlegt nach Berlin verfrachten. Für 2020 ist die Fertigstellung am neuen Standort geplant, der früher ein Containerlager des Sportamts war.