• Tuncay Gary

    Nachbarschaft

    Tuncay Gary ist Schauspieler, Regisseur und Dramaturg. Seit drei Jahren leitet er eine Theater- und Literaturwerkstatt mit Kindern und Jugendlichen in Berlin-Gesundbrunnen.

    Herr Tuncay Gary, was machen Sie in Ihrer Theaterwerkstatt? In der Theaterwerkstatt arbeite ich mit Kindern und Jugendlichen an Theaterstücken, die wir dann gemeinsam aufführen. Das ist eine Gruppe von 15 Kindern, die regelmäßig kommen, im Alter zwischen 7 und 19 Jahren. Zuletzt haben wir Don Quijote in einer von mir bearbeiteten Fassung eingeübt. Das kam bei den Kindern gut an und hat mich sehr motiviert. Auch die Aufführung im Lichtburgforum nebenan ist aus allen Nähten geplatzt.

    Haben Sie schon ein nächstes Projekt? Es wird mit klassischen Werken der Weltliteratur weitergehen. Seit einigen Monaten proben wir Hamlet. Auch dafür habe ich zusammen mit dem Kindermann Verlag eine Theaterfassung geschrieben. Ich musste viel am Text kürzen, damit die Sprache der Szenen verständlich und klar wird. So können die Kinder die alte Sprache auch sprechen und dabei spielen.

    Was genau schätzen die Jugendlichen an der Arbeit mit diesen Theaterstücken? In erste Linie die Lust an der Verwandlung. Wir tauschen die Rollen von Szene zu Szene. Damit hat man immer die Möglichkeit, in neue Figuren einzutauchen. Jeder kann in einer neuen Szene beweisen, was er drauf hat.

    Sie betreiben auch eine Literaturwerkstatt. Was genau passiert dort? In der Literaturwerkstatt bieten wir vormittags Schreibworkshops für Schulen und Kitas an. Nachmittags ist die Werkstatt offen für verschiedene Projekte. Gerade schreiben wir mit Jugendlichen ein eigenes Theaterstück. Die Werkstätten sind Teil der Gartenstadt Atlantic, die sich hier am Gesundbrunnen befindet. Wenn man hier hineinläuft, denkt man nicht, in einem Problembezirk zu sein.

    Haben Sie hier schon negative Erfahrungen gemacht? Probleme kann man überall haben, mitten in der City, wo alles schön und teuer ist, oder an Randgebieten. Den Problembezirk machen immer andere, indem sie von außen sagen, hier sei eine Brennpunktschule, dort ein Problembezirk. Seit den drei Jahren, in denen ich hier bin, ist nichts vorgefallen.

    Im Jahr 2017 haben Sie den Friedrich-Bödecker-Kreis in Berlin mitgegründet, der zum Ziel hat, Schüler*innen in Verbindung mit Literatur und Autor*innen zu bringen. Aktuell läuft ein Projekt zum Thema „Kultur macht stark“. Was genau hat es damit auf sich? Wir organisieren Schreibworkshops für Schulklassen zum Thema Ausgrenzungserfahrungen und Mobbing in sogenannten Brennpunktschulen in Berlin. Die Kinder sollen in der Begegnung mit Literatur kulturell, sozial und emotional gefördert werden. Dazu waren wir zum Beispiel mit einer Klasse im Jüdischen Museum, nächste Woche geht es dann ins Museum für islamische Kunst zum Workshop „Religiöse Vielfalt islamischer Kulturen“. In diesen Autorenpatenschaften begleiten wir Schulklassen und Gruppen von Jugendlichen über einen längeren Zeitraum und veröffentlichen dann deren Texte in einem Buch.

    Früher waren Sie Schauspieler am Deutschen Theater, am Gorki-Theater und am Wiener Burgtheater, Sie sind aber auch als Autor tätig. Vor kurzem haben Sie etwa Ihren Gedichtband „Blauflügel Jägerliest“ veröffentlicht. Darin finden sich Gedichte in verschiedenen Sprachen. Würden Sie sich als multilingualen Autor bezeichnen? Ich selbst schreibe nur in einer Sprache. In dem Fall sind das Kollegen, die meine Texte übersetzt haben. Letztes Jahr wurde das Buch „A World Assembly of Poets“ herausgegeben, in dem ich als einziger Vertreter aus Deutschland mitaufgenommen wurde und meine Texte auf Englisch übersetzt wurden. Ein Dichterkollege aus der Türkei hat mich kürzlich gefragt, ob ich seine Gedichte auf Deutsch übersetzen kann. Seine Freude darüber war so groß, dass er auch welche von mir auf Türkisch übersetzte und in der Türkei in einer Zeitschrift veröffentlichte. Ich warte allerdings seit Monaten auf mein Exemplar. Die Zensur ist gerade so stark, alles wird kontrolliert. Das kann noch ein bisschen dauern.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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Laura Hofmann. von Laura Hofmann tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Mitte,

schon im WM-Fieber? Oder haben sie schon jetzt genug vom Fussball. Ich kann beides verstehen. Trotz der FIFA-Skandale und aller Kritikwürdigkeit werden bei einer WM jedoch auch immer schöne Geschichten geschrieben. Zum Beispiel die zweier Jungs aus dem Berliner Norden. Die haben sich nun im WM-Quartier in Russland wiedergetroffen: Jerome Boateng und Ashkan Dejagah. „We started with a dream in Berlin – now we are both here at the World Cup #berlinboys“, untertitelte der Weddinger Boateng sein Instagram-Selfie vom Treffen im Hotel. Auch Dejagah ist ein Berliner Junge. Er startete seine Fußballkarriere bei den Reinickendorfer Füchsen und bei Tennis Borussia, bevor er dann zu Hertha BSC wechselte. Nun ist er Kapitän der iranischen Nationalmannschaft.

Am Sonntag geht dann der große Trubel auf der Fanmeile los, wenn Deutschland gegen Mexiko antritt (Anpfiff 17 Uhr): Sieben Leinwände sind entlang der Straße des 17. Juni aufgestellt. Insgesamt ist die Fanmeile in Tiergarten zwei Kilometern lang. „Vom Sicherheitspersonal bis zum Händler arbeiten auf der Fanmeile etwa 1200 Menschen an der Versorgung von mehreren hunderttausend Gästen“, heißt es vom Veranstalter. In der Vorrunde werden nur Spiele mit deutscher Beteiligung gezeigt, ab den Achtefinals dann jedes Duell. Dann könnte übrigens Deutschland auch wieder auf Brasilien stoßen, wenn die fürs Achtelfinale qualifizierten Mannschaften der Gruppen E und F aufeinandertreffen.

Die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni gibt es übrigens seit der Heim-WM 2006. Damals wurde auch der Begriff Public-Viewing geprägt. Wie Kollege Andre Görke recherchiert hat, soll der Regierende Klaus Wowereit damals gesagt haben: „Das wird keine Fressmeile, sondern ein Fest mit Anspruch.“ Wie viel Anspruch zwischen Deutschlandfähnchen, betrunkenen Fans und nationalistischen Gesängen übrig geblieben ist, ist allerdings fraglich.

Die Mitnahme von Alkohol und Taschen ist jedenfalls verboten. Das haben die Veranstalter der Messe Berlin in einem 100-seitigen Sicherheitskonzept festgelegt. Für Autofahrer ist die Straße des 17. Juni seit gestern gesperrt – und sie bleibt das auch bis zum Finale. Radfahrer können nur an spielfreien Tagen durch die Fanmeile fahren. Auch die Polizei hat ihr Sicherheitskonzept entwickelt. Um terroristische Anschläge zu verhindern, wurden mehr als hundert große mit Wasser gefüllte Kunststoffquader aufgestellt. Diese sollen beispielsweise LKWs zum Stehen bringen.

Das war es erstmal vom Fussball, denn es passiert noch viel mehr auf dieser Welt – und in Berlins Mitte, wo auch immer noch Träume von Jugendlichen wahr werden, gewachsen auf Beton, oder auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wie mir Tuncay Gary im folgenden Interview erzählt hat.

Fabian Lion Schmidinger ist Praktikant im Checkpoint-Team und in der Leute-Redaktion. 1992 in Berlin geboren, verbrachte er die ersten zwei Jahre seines Lebens auf Berliner Spielplätzen, zog dann mit seiner Familie nach Bayern. Vor sechs Jahren kehrte er nach Berlin zurück, um in den Wedding ziehen und an der HU Deutsche Literatur zu studieren. Für Anregungen, Kritik, Wünsche oder Tipps Sie können ihn gerne über Twitter kontaktieren oder schreiben Sie eine E-Mail.

Laura Hofmanns Tipp für Sie

Berlin hat einen Funk-­, einen Fernseh­- und einen Eiffelturm. Letzterer steht im Wedding, und zwar im ehemaligen Kulturzentrum der französischen Alliierten, heute bekannt als Centre Français de Berlin (Müllerstr. 74). Das Team um Florian Fangmann feiert die Fête seit gut 10 Jahren und auch in diesem Jahr treten hier, auf der Open-Air-Bühne unter dem Eiffelturm, sieben Künstler beziehungsweise Bands auf. Das Programm reicht von französischem Pop (Denis Rivet um 16 Uhr), elektronischen Chansons (Billie, 16.30 Uhr) bis hin zu Reggae (Beatsafari, 21 Uhr) und Afrobeats (Papa Africa, 17.15 Uhr). Als Leiter eines europäischen Kulturzentrums ist es für Fangmann eine Selbstverständlichkeit, dieses Fest zu feiern: „Gerne möchten wir in diesem Jahr als Ort des europäischen Kulturerbes eine europäische Fête mit Bands aus ganz Europa organisieren.“ Wichtige Info für frankophile Fußballfans: Das WM-Spiel der Bleus gegen Peru wird auch übertragen, um 17 Uhr drinnen im City Kino.

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