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Schülerinnen und Schüler im Unterricht.

© picture alliance/dpa

Tagesspiegel Plus

Abschaffung des Probejahrs: Ein Irrweg der Berliner Schulpolitik

Die Abschaffung des Probejahrs an Gymnasien wird lernschwachen Kindern nicht helfen und leistungsstarke Schulen schwächen. Ein Gastbeitrag.

Von Wolfgang Harnischfeger

Im Koalitionsvertrag der neuen Regierung in Berlin sind für das Gymnasium zwei Neuerungen vorgesehen: eine „bessere Eignungsfeststellung für Kinder ohne Gymnasialempfehlung“ und ein „Wegfall des Probejahrs“ mit der Konsequenz, dass das Kind bis Klasse 10 am Gymnasium verbleiben kann.

Bei einer Anmeldung am Gymnasium mit einer Durchschnittsnote von schlechter als 2,2 erfolgt künftig eine Eignungsfeststellung, deren Ausgestaltung derzeit offenbleibt. Sie könnte von einem Gespräch zwischen aufnehmender Schule und Kind und Eltern bis zu einer Prüfung in den Kernfächern schriftlicher und/oder mündlicher Art reichen. Das Kind hat bei Aufnahme ins Gymnasium eine Bleibegarantie bis zum Mittleren Schulabschluss am Ende der 10. Klasse.

Bisher wird die Gymnasialempfehlung von der Grundschule in der sechsten Klasse bis zu einem Notendurchschnitt von 2,2 ausgesprochen, wobei deren Aussagekraft erfahrungsgemäß recht hoch ist, die Lehrerinnen kennen das Kind oft seit vielen Jahren. Die Probezeit am Gymnasium gilt als bestanden bei Versetzung in die achte Klasse. Die Anforderungen dafür sind allerdings eher niedrig, eine Fünf bleibt unberücksichtigt, erst wenn zwei Fünfen nicht ausgeglichen werden können durch befriedigende Leistungen in anderen Fächern, bleibt das Kind sitzen und muss diesen Schulzweig verlassen, was sich jetzt ändern soll.

Wer vom Gymnasium die gleiche Förderung lernschwacher Kinder erwartet wie von den Integrierten Sekundarschulen, muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen.

Wolfgang Harnischfeger

Im Gymnasium kommen zwei Dinge zusammen: Nach bisheriger Tradition sammeln sich dort die Kinder, die leicht und schnell lernen, was zweitens zur Folge hat, dass dieser Schulzweig nur begrenzt auf die Förderung Lernschwächerer eingestellt ist, es fehlen das Knowhow und die materiellen Ressourcen dafür. In Klassen von Integrierten Sekundarschulen unterrichten oft zwei Lehrkräfte, von denen eine sich um die Schwächeren kümmern kann.

Wer vom Gymnasium die gleiche Förderung lernschwacher Kinder erwartet wie von den Integrierten Sekundarschulen, muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen: statt 32 Kindern pro Klasse dieselbe 26er-Klassenfrequenz und dieselbe Ausstattung mit Förderstunden wie an den Sekundarschulen sowie ein intensives Fortbildungsangebot für Gymnasiallehrkräfte im Umgang mit Diversität im weitesten Sinne. Das würde jedoch mehrere Tausend Lehrkräfte zusätzlich erfordern – bei dem schon vorhandenen Lehrkräftemangel ein utopischer Gedanke.

Wolfgang Harnischfeger ist Oberstudiendirektor i. R., er war langjähriger Leiter des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz und Vorsitzender der Berliner GEW-Schulleitervereinigung.
Wolfgang Harnischfeger ist Oberstudiendirektor i. R., er war langjähriger Leiter des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz und Vorsitzender der Berliner GEW-Schulleitervereinigung.

© privat

Die faktische Wirkung der Abschaffung des Probejahrs wird folgende sein: Ein Kind wird am Ende der Klasse 7 am Gymnasium nicht versetzt, dann wiederholt es diese Klassenstufe, schafft dieses Mal die Versetzung, hat aber weiter die schon bekannten Lernprobleme. Es kommt in der nächsten Klassenstufe zu erneuten Leistungsausfällen in zwei oder mehr Fächern, die am Ende der achten Klasse nicht ausgeglichen werden können und zu einem zweiten Sitzenbleiben führen. Spätestens jetzt werden alle Beteiligten, also auch das Kind und seine Eltern, von sich aus auf einen Schulwechsel drängen.

Übrig bleibt ein Kind, das drei Jahre lang nur Niederlagen erlebt hat.

Wolfgang Harnischfeger

Übrig bleibt ein Kind, dessen Leiden drei Jahre gedauert haben, dessen Selbstbewusstsein und Lernbereitschaft völlig darniederliegen, das drei Jahre lang nur Niederlagen erlebt hat. Es zeichnet sich eine pädagogische und menschliche Tragödie ab, und das alles im Namen einer Ideologie, die die Verschiedenheit von Menschen nicht anerkennen will.

Politisch wird die Linie der Linken erkennbar, die seit Jahren versucht, das Gymnasium zu schwächen, was hier deutlich wie nie zuvor zulasten der Kinder und der wenigen Schulen geht, die durch gute Leistungen aus der allgemeinen Berliner Schulmisere herausragen. „Man stärkt die Schwachen nicht, indem man die Starken schwächt“, ein Zitat, das Abraham Lincoln zugeschrieben wird, es bringt die Irrwege der Berliner Schulpolitik der letzten Jahre auf den Punkt!

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