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Pupils at Martin-Buber-Oberschule secondary school wear protective masks against the spread of the coronavirus disease (COVID-19) as school resumes following the autumn holidays in Berlin, Germany, October 26, 2020.  REUTERS/Annegret Hilse

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Tagesspiegel Plus

Abschaffung des Probejahrs: Ein richtiger Schritt der Berliner Schulpolitik

Die Abschaffung des Probejahres an Gymnasien wird das Schulsystem stärken und Sekundar- und Gemeinschaftsschulen entlasten. Ein Gastbeitrag.

Von Robert Giese

Vor einer Woche hat an dieser Stelle Wolfgang Harnischfeger darüber geschrieben, dass aus seiner Sicht die geplante Abschaffung des Probejahrs an Gymnasien diese schwächen wird – und dass etlichen „lernschwachen“ Kindern, die nun aufs Gymnasium kommen, ein jahrelanger Leidensweg bevorsteht. Ich möchte dem widersprechen – und zwar aus der Sichtweise der Schulen des gemeinsamen Lernens, der Integrierten Sekundarschulen (ISS), Gemeinschaftsschulen und Grundschulen.

Den ISS und Gemeinschaftsschulen ist maßgeblich zu verdanken, dass die Abiturquote seit 2009 von 30 auf rund 50 Prozent gestiegen ist, sie leisten mit den Grundschulen auch die meiste Arbeit im Bereich der Inklusion.

Viele der Schüler, die von den Gymnasien verwiesen werden, kommen mit stark beschädigtem Selbstbewusstsein.

Robert Giese

Die pädagogische und menschliche Tragödie, die Harnischfeger befürchtet, haben wir an den ISS und Gemeinschaftsschulen längst. Viele der circa 500 Schüler:innen, die jährlich von den Gymnasien verwiesen werden, weil sie nicht passen oder nicht passend gemacht werden können, kommen mit stark beschädigtem Selbstbewusstsein, sie leiden unter Versagensängsten, schlafen häufig schlecht, klagen oft über Bauch- und Kopfschmerzen.

Das sind Herausforderungen, die dann die Kolleg:innen an diesen Schulen annehmen, um die Kinder psychisch und mental wieder aufzubauen, ihnen die Freude am Lernen wiederzugeben. Diese Arbeit muss getan werden, weil es an den Gymnasien nicht gelingt, weil den Lehrer:innen das Know-how für Förderung fehlt, wie auch Harnischfeger schreibt.

Das Abschulungsverbot wird bewirken, dass die häufig an der Grenze ihrer Möglichkeiten arbeitenden Kollegien der Sekundar- und Gemeinschaftsschulen entlastet werden, dass die Aufbauarbeit, die in den siebten Klassen mühsam geleistet wird, nicht durch Hinzukommende gestört wird. Die Klassen der Gymnasien behalten künftig ihre Schüler:innen, und die Klassen an den ISS und den Gemeinschaftsschulen werden nicht immer voller, weil diese Schulen nicht mehr verpflichtet sein werden, Schüler:innen aus den Gymnasien aufzunehmen.

Der Grad der Freiheit an den Berliner Gymnasien würde deutlich steigen, die Verantwortung natürlich auch.

Robert Giese

Die Eignungsfeststellung für den Jahrgang sieben könnte entsprechend den Erfahrungen erfolgen, die Potsdamer Gymnasien mit dem Probeunterricht gemacht haben. Dort absolvieren Schüler:innen, die einen schlechteren Durchschnitt als 2,2 haben, einen eintägigen Probeunterricht. Danach wird entschieden, wer das Gymnasium besuchen kann. Es ist Sache der Gymnasien, selbst zu entscheiden, welche Schüler:innen ihre Schule besuchen können. Der Grad der Freiheit an den Berliner Gymnasien würde deutlich steigen, die Verantwortung natürlich auch.

Robert Giese leitet die Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Britz. Er ist Landesvorsitzender des Verbands für Schulen des gemeinsamen Lernens (GGG).
Robert Giese leitet die Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Britz. Er ist Landesvorsitzender des Verbands für Schulen des gemeinsamen Lernens (GGG).

© picture alliance/dpa/Jörg Carstensen

Ein weiterer Schritt zur Entlastung der Grundschulkolleg:innen könnte sein, sie von der bürokratischen Arbeit zur Erstellung der Grundschulgutachten zu befreien. Sie hätten mehr Zeit für Pädagogik. Notendurchschnitte, die für die Aufnahmeentscheidung so wichtig zu sein scheinen, können Gymnasiallehrkräfte aus den Zeugnissen der Jahrgänge fünf und sechs sicher ableiten.

Es ist verwunderlich, wenn der Begriff Ideologie verwendet wird, um die Entscheidung der rot-grün-roten Koalition zur Abschaffung des Probejahrs zu kritisieren. Dann müsste man zumindest Schulreformer und pädagogische Vordenker wie Johann Amos Comenius, Fritz Karsen, Adolph Diesterweg und Wilhelm von Humboldt auch linke Ideologen nennen.

Berlin ist mit dieser Entscheidung auf dem richtigen Weg. Und wenn wir schon bei Wilhelm von Humboldt angekommen sind: Die Schule, die am ehesten seinen Vorstellungen von Schule entspricht, die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule, hatte 2020 den besten Abiturdurchschnitt aller Schulen Berlins.

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