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Am Freitag wurde der Chanukka-Leuchter in Berlin aufgestellt.

© Annette Riedl/dpa

Tagesspiegel Plus

Acht Lichter gegen die Dunkelheit: Von wo das Chanukka-Fest aus Berlin in die Welt strahlt

Am Sonntag beginnt das jüdische Fest Chanukka mit einer feierlichen Zeremonie vor dem Brandenburger Tor. Es erinnert an die Einweihung des Tempels in Jerusalem.

Von Fanny Oppermann

Das Tageslicht wird immer weniger, die Dunkelheit bricht jeden Tag früher über Deutschland herein, doch da, auf einmal erstrahlt ein Licht. Und noch eins und noch eins und immer mehr. Das Chanukka- Fest, auch Lichterfest genannt, beginnt am Sonntag.

„Es ist eines der wichtigsten jüdischen Feste und geht über 2000 Jahre zurück“, sagt Yehuda Teichtal, Vorsitzender vom jüdischen Bildungszentrum „Chabad Berlin“ und Gemeinderabbiner der „Jüdischen Gemeinde zu Berlin“. Das Lichterfest erinnert an die Zurückeroberung der Freiheit und der Gründung eines eigenen, unabhängigen jüdischen Staats in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (164 vor Christus).

Als die jüdischen Menschen nach ihrem Sieg, angeführt von Judas Makkabäus, ihren Tempel wieder einweihen wollten, fanden sie nur noch einen Krug mit Öl vor. Dieser Vorrat hätte eigentlich nur für einen Tag gereicht, um die Menora, einen siebenarmigen Leuchter, brennen zu lassen.

Das Feuer durfte jedoch niemals erlöschen und die Herstellung eines neuen geweihten Öls dauerte mindestens acht Tage. Wie durch ein Wunder brannten die Kerzen des Leuchters für acht Tage. So konnte die Wiedereinweihung des Tempels doch stattfinden. Der Name Chanukka leitet sich ab von der Einweihung des Altars ab. An dieses Wunder erinnern die Juden und Jüdinnen mit dem Chanukka-Fest.

Am 6. Dezember werden alle Kerzen brennen

Es beginnt immer am 25. Tag des jüdischen Monates Kislew, dieses Jahr am 28. November, und dauert acht Tage. An jedem Abend wird eine neue Kerze des achtarmigen Chanukka-Leuchters, des Chanukkia, angezündet, bis am letzten Tag – in diesem Jahr am 6. Dezember – alle Kerzen brennen. Die Feierlichkeiten finden erst abends statt, damit das Licht der Kerzen Wärme und Freude in die Dunkelheit bringt.

Der Leuchter im vergangenen Jahr am Brandenburger Tor - genauso soll er in diesem Jahr wieder leuchten.

© Fabrizio Bensch/Reuters

An den Festtagen versammelt sich die gesamte Familie am Abend, zündet gemeinsam eine Kerze an und isst zusammen zu Abend. Serviert werden meistens in Öl gebackene Speisen wie Sufganiyot (Krapfen) oder Latkes (Kartoffelpuffer) und weitere Spezialitäten der jüdischen Küche.

Die Kinder bekommen kleine Geschenke und Süßigkeiten und man genießt die festliche und liebevolle Zeit zusammen. „Diese Botschaft ist universell: Licht siegt immer über das Dunkle, Freiheit immer über Tyrannei und die Liebe immer über den Hass“, sagt Rabbiner Teichtal. Am Sonntag wird der größte Chanukka-Leuchter europaweit auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor entzündet, um diese Botschaft in die Welt zu tragen.

Hier haben vor nicht allzu langer Zeit noch die Nazis mit Hitler gestanden und gefeiert und heute feiern wir. Das erfüllt mein Herz mit Freude.

Rabbiner Yehuda Teichtal

„Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, wo die Botschaft des Lichts besser überbracht werden kann“, sagt Teichtal. „Hier haben vor nicht allzu langer Zeit noch die Nazis mit Hitler gestanden und gefeiert und heute feiern wir. Das erfüllt mein Herz mit Freude“.

Das Entzünden der ersten Kerze des Leuchters um 16 Uhr, in Anwesenheit der Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (beide SPD) und der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock, leitet die Chanukka-Zeit ein und setze „ein Zeichen für das deutsch-jüdische Miteinander und ein lebendiges Judentum in Deutschland“, sagt Teichtal. Die Veranstaltung wird auf Facebook live übertragen, sodass die Menschen auf der gesamten Welt gemeinsam das Chanukka-Fest einleiten können.

Dieses Jahr kommen 33 weitere Chanukka-Leuchter hinzu

Seit 17 Jahren wird der Leuchter in Berlin aufgebaut, dieses Jahr kommen noch 33 weitere Chanukka-Leuchter verteilt in der ganzen Stadt hinzu – unter anderem auch vor dem Auswärtigen Amt, wo am Montag Außenminister Heiko Maas (SPD) gemeinsam mit Teichtal die zweite Kerze entzünden wird. „Wir wollen die Botschaft überbringen, dass jüdisches Leben nie wieder eingeschränkt werden darf, sondern man offen und gemeinsam das Miteinander feiern sollte“, sagt Teichtal.

Die Vorbereitungen für das Fest wurden schon am Freitag getroffen, als der Leuchter mittags auf dem Pariser Platz aufgestellt wurde. Rabbiner Yehuda Teichtal segnete zusammen mit seinem Assistenten Rabbiner Segal den Leuchter, während er in die Höhe gezogen wurde. Sie sangen ein Lied, das man im Judentum zur Einweihung eines neuen Zuhauses singt, um auch den Leuchter einzuweihen. „Denn der Leuchter symbolisiert ein schönes Zuhause in Deutschland für alle Juden und Jüdinnen“, erklärt Teichtal.

Mehrere neugierige Zuschauer:innen versammelten sich, als der größte Chanukkia europaweit mit einem Krahn nach oben gezogen wurde. Als der Rabbiner den Davidstern oben am Leuchter angebracht hatte, applaudierten die Menschen. Teichtal hielt eine kurze Rede, in der er alle begrüßte, sich bedankte und sagte, dass er sich auf ein frohes Fest freue und allen Gesundheit und Liebe wünsche.

Diese Worte wiederholte Teichtal nochmal auf Hebräisch. Eine Gruppe aus zwölf jungen Israelis war für ein Basketballspiel nach Berlin gereist und nur zufällig vor Ort – freute sich aber sehr über das Heimatgefühl, das ihnen dieser Leuchter gab. Zusammen mit dem Rabbiner sangen sie jüdische Lieder und tanzten um den Leuchter herum. Auch andere Passant:innen blieben neugierig stehen.

Einer von ihnen war Jan Kutscher, der eine besondere Bitte an den Rabbi hatte: Freunden in Israel wollte er eine Videobotschaft zusammen mit Rabbiner Yehuda Teichtal schicken. Gemeinsam stellten sie sich vor den Leuchter und Teichtal begann auf Hebräisch einen Segen auszusprechen für die Familie in Israel. „Shalom“ riefen sie beide zum Abschied in das Handy und winkten. Glücklich schwang sich Kutscher wieder auf sein Fahrrad.

Der Rabbiner lud alle Menschen ein, das Entzünden des Leuchters mitzuerleben. Die festliche Stimmung möchte er in alle Häuser und Familien bringen, weshalb er im Laufe der acht Tage an über 30 Veranstaltungen teilnehmen wird. Es gibt zahlreiche kleinere Events, bei denen Teichtal in Seniorenheime, Krankenhäuser und Familien geht, die Menschen segnet und ihnen ein frohes Chanukka wünscht. „Denn gerade zu dieser dunklen und kalten Jahreszeit, sollte man so viel Licht und Wärme, Liebe und Freude verbreiten“, findet der Rabbiner.

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