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Mitarbeiter:innen der Gesundheitsämter werden deutlich entlastet.

© dpa / Britta Pedersen/dpa

Tagesspiegel Plus

„Arbeitslast halbiert“: Berlins Gesundheitsämter haben Kontaktverfolgung stark eingeschränkt

E-Mail vom Amt: Wer sich in Berlin mit dem Coronavirus infiziert und zwischen 18 und 65 Jahre alt ist, muss seine Kontakte nun selbst ermitteln und informieren.

Von Sonja Wurtscheid

Die Berliner Gesundheitsämter haben die Kontaktverfolgung massiv zurückgeschraubt. Kontaktpersonen werden nur dann vom Amt ermittelt und informiert, wenn der Infizierte älter als 65 Jahre ist oder jünger als 18. Das sagte der Neuköllner Amtsarzt und Leiter des dortigen Gesundheitsamts, Nicolai Savaskan, dem Tagesspiegel. Hintergrund sind die hohen Fallzahlen und die damit einhergehende Überlastung der Gesundheitsämter.

Die Auswirkungen der neuen Regelung spürten die Gesundheitsämter prompt. „Die Arbeitslast hat sich halbiert“, sagte Savaskan. Praktiziert werde das neue Verfahren seit Mitte November in allen zwölf Bezirken. Zuvor hatte Hamburg ein solches Modell eingeführt.

Im Schnitt habe jeder Infizierte acht bis zehn Kontakte, hatte Savaskan kürzlich erklärt. Bei aktuell rund 2000 Neuinfektionen in Berlin müssten die Beschäftigten der Gesundheitsämter bis zu 20.000 Menschen pro Tag anrufen.

Ausgenommen sind Kliniken, Heime, Kitas und Schulen

Wer sich in Berlin mit dem Coronavirus infiziert und zwischen 18 und 65 Jahre alt ist (in manchen Berliner Bezirken reicht die Gruppe bis 70 Jahre), bekommt eine E-Mail vom Gesundheitsamt. Diese klärt über die Pflicht zur Kontaktverfolgung auf. Zusätzlich erhalten die Betroffenen Broschüren, die Auskunft über die wichtigsten Fragen geben, etwa wer als Kontaktperson zählt oder welche Regeln für Kontaktpersonen gelten.

In Pflegeheimen etwa verfolgen die Gesundheitsämter weiterhin alle Kontakte.
In Pflegeheimen etwa verfolgen die Gesundheitsämter weiterhin alle Kontakte.

© Christoph Schmidt/dpa

Man habe sich für diese Altersaufteilung entschieden, weil ältere Menschen schwerer erkranken als jüngere, sagte Savaskan. Unter 18-Jährige gehen meist zur Schule. Deren Betrieb soll nach dem Willen der Politik aufrechterhalten werden. Ausgenommen vom neuen Modell sind Infektionsketten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Kitas oder Schulen. Dort werde weiter jeder Fall verfolgt.

Keine Dauerlösung: „Das ist ein Serviceverlust“

Eine Dauerlösung werde die reduzierte Kontaktnachverfolgung nicht sein, sagte Savaskan. „Das ist ein Serviceverlust.“ Ihn erreichten Rückmeldungen von Infizierten, die sich während der Quarantäne einen menschlichen Ansprechpartner im Gesundheitsamt wünschten. Dieser psychologische Faktor sei nicht zu unterschätzen.

Viele äußerten aber auch Verständnis für die überlasteten Gesundheitsämter. Sobald die Zahl der Neuinfektionen zurückgehe, würden die Ämter auch wieder mehr Kontakte nachverfolgen können, sagte Savaskan.

Großteil der eingesetzten Soldaten hilft in Pflegeheimen

Trotz der reduzierten Kontaktverfolgung ist das Berliner Gesundheitswesen weiter auf die Bundeswehr angewiesen. Der Großteil der aktuell eingesetzten 509 Soldat:innen (310) hilft momentan aber in Berlins Alten- und Pflegeheimen, wie die Bundeswehr mitteilte. Die übrigen unterstützen demnach die Gesundheitsämter oder helfen in Impfzentren und mobilen Testteams aus.

15 Anträge auf Amtshilfe liefen derzeit in Berlin; vier weitere seien bereits bewilligt. Wegen der gestiegenen Infektionszahlen hatte die Bundeswehr angekündigt, deutschlandweit 12.000 Soldat:innen für den Kampf gegen die Pandemie zu mobilisieren.

Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatten die Gesundheitsämter die Kontaktverfolgung eingeschränkt, weil sie aufgrund der hohen Infiziertenzahlen nicht mit den Mitteilungen hinterherkamen. Teilweise mussten Infizierte bis zu sieben Tage auf einen Anruf aus ihrem jeweiligen Gesundheitsamt warten. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) betonte damals die Eigenverantwortung der Infizierten, man konzentrierte sich bei Nachverfolgung auf die Risikogruppen. Im Sommer 2021 hatte sich die Situation zwischenzeitlich entspannt. 

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