• Berlin-Wedding: Afrikanisches Viertel: Anwohner wehren sich gegen Straßenumbenennungen

Berlin-Wedding : Afrikanisches Viertel: Anwohner wehren sich gegen Straßenumbenennungen

200 Gewerbetreibende legen Widerspruch gegen neue Straßennamen ein. Und Anwohner sind verunsichert: Im Polizeicomputer ist die Umbenennung schon vollzogen.

Die Umbenennung der Petersallee gilt noch immer als umstritten.
Die Umbenennung der Petersallee gilt noch immer als umstritten.Foto: imago/Jürgen Ritter

Im Afrikanischen Viertel in Wedding regt sich Widerstand gegen die Umbenennung von drei Straßen, die nach Kolonialisten benannt sind. Mehr als 200 Gewerbetreibende aus dem Kiez haben jetzt einen Sammelwiderspruch gegen die neuen Straßennamen beim Bezirksamt Mitte eingereicht. Darunter das Eiscafé Kibo in der Transvaalstraße, der Kleingartenverein Klein-Afrika, außerdem Friseure Gaststätten, Kitas, Arztpraxen und andere.

„Geschichte macht man nicht dadurch besser, indem man Straßennamen ändert“, heißt es in dem Schreiben. Organisiert wurde das gemeinsame Vorgehen von Magdalena Sokolowska, die in ihrem Büro in der Lüderitzstraße Büroservice und Versicherungen anbietet. „Sehr viele Menschen im Kiez sind mit dem Beschluss und dem Vorgehen der Politiker nicht einverstanden“, sagt sie. Neben der Sammelklage liegen dem Bezirksamt acht Einzelklagen vor, die nun geprüft werden.

Initiative für Umwidmung statt Umbennung

Sokolowska selbst müsse Verträge mit ihren Geschäftspartnern ändern, sowie ihre eigenen Unterlagen, wenn es zur Umbenennung kommt. „Wir sind ein kleines Büro, das kostet mich viel Zeit und Geld.“ Sie und ihre Mitstreiter sprechen sich für einen Kompromissvorschlag der Initiative Pro Afrikanisches Viertel aus, die sich für eine Umwidmung statt einer Umbenennung einsetzt.

Im April 2018 hatte die Bezirksverordnetenversammlung Mitte nach langem Hin und Her neue Straßennamen für das Afrikanische Viertel beschlossen. Die besonders umstrittene Umbenennung der Petersallee wurde am 23. November dann im Amtsblatt veröffentlicht: Sie soll künftig zwischen Müllerstraße und Nachtigalplatz in Anna-Mungunda-Allee umbenannt werden und zwischen Nachtigalplatz und Windhuker Straße Maji-Maji-Allee heißen. Die Umbenennung soll zum 1. April 2019 wirksam werden.

Die Lüderitzstraße wird zur Cornelius-Fredericks-Straße. Auch dieser Beschluss wurde bereits im Amtsblatt veröffentlicht, und zwar am 28. Dezember. Der Nachtigalplatz soll schließlich Manga-Bell-Platz heißen. Damit soll statt der Kolonialherren des Widerstands der afrikanischen Bevölkerung gegen den Kolonialismus gedacht werden.

Anna Mungunda (1932-1959) war Herero und gilt als erste Frau in Namibia, welche die Unabhängigkeitsbewegung unterstützte. Dafür wurde sie erschossen. Mit dem Namen Maji-Maji soll an den größten Befreiungskampf der deutschen Kolonialzeit, 1905-1907 in „Deutsch-Ostafrika“, erinnert werden. Der Name leitet sich vom Schlachtruf ab, den die einheimische Bevölkerung gegen die deutsche Zwangsherrschaft benutzte. Das Wort Maji steht für einen Wasserzauber.

Cornelius Fredericks (gestorben 1907) führte den Widerstandskrieg der Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutige Namibia, an. Rudolf Douala Manga Bell (1873-1914) und seine Frau Emily setzten sich nach anfänglicher Kooperation mit deutschen Kolonialautoritäten gegen deren Landenteignungspolitik zur Wehr. Er wurde hingerichtet.

Unzufriedenheit mit Verfahren, Probleme bei der Umsetzung

Die Widerspruchsfrist für die Petersallee endet am diesem Dienstag um Mitternacht. Gegen die Umbenennung der Lüderitzstraße kann noch bis zum 11. Februar um Mitternacht Widerspruch eingelegt werden. Die Änderung des Namens Nachtigalplatz wurde noch nicht im Amtsblatt veröffentlicht.

Karina Filusch, Sprecherin der Initiative Pro Afrikanisches Viertel fordert das Bezirksamt auf, die Widerspruchsfristen zu den „gezielt und verwirrend unterschiedlich gewählten“ Benennungsbeschlüssen zu veröffentlichen „und die BürgerInnen nicht länger mit formalen Tricksereien zum Narren zu halten“. 

Zu der allgemeinen Unzufriedenheit vieler Anwohner mit der Umbenennung und dem anhängigen Verfahren ist eine neue Unsicherheit hinzugekommen: Als Carsta Knaack am 29. Dezember beim Bürgertelefon der Polizei anrief, konnte der Beamte am anderen Ende der Leitung ihre Adresse in der Petersallee nicht finden. „Er hat mehrmals versucht, die Adresse einzugeben und dann gefragt, ob die Straße vielleicht umbenannt worden sei“, erzählt Knaack. Im Polizeicomputer würde sie nämlich schon als Anna-Mungunda-Straße geführt. 

Das ist richtig, bestätigt eine Sprecherin der Polizei dem Tagesspiegel. Seit der Veröffentlichung im Amtsblatt sei der neue Straßenname bereits im Polizeicomputer gelistet. „Die Petersallee läuft im Hintergrund aber noch mit“, sagt die Polizeisprecherin. Warum der Kollege sie zunächst nicht gefunden habe, wisse sie auch nicht.

Umbenennung der Petersallee angeblich nicht rechtskräftig

„Empörend“ sei das, findet Knaack. „Ich habe gerade vorher meinen Widerspruch abgeschickt.“ Sie sei gar nicht grundsätzlich gegen die Ehrung afrikanischer Persönlichkeiten im Straßenbild. Aber das Vertrauen in das handelnde Bezirksamt sei wegen diverser Pannen im Umbenennungsprozess zerstört. Weil unter den von einer Geheimjury ausgewählten Namensvorschlägen auch der einer Sklavenhändlerin war, wurde der Prozess im vergangenen Jahr neu aufgerollt. 

Außerdem versteht Knaack nicht, warum die Petersallee umbenannt werden soll. Die 1939 nach dem „Hänge-Peters“ genannten rassistischen Kolonialpolitiker Carl Peters benannte Straße war 1986 umgewidmet worden und ehrt seither den NS-Widerstandskämpfer, CDU-Politiker und Mitautor der Berliner Verfassung Hans Peters. Nach Ansicht des Berliner Senats war die Umbenennung aber nie rechtskräftig geworden.

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