• Berliner Amri-Untersuchungsausschuss vernimmt Ermittler: „Ein weiterer Stinkstiefel in der Stadt, der viele Ressourcen bündelte“

Berliner Amri-Untersuchungsausschuss vernimmt Ermittler : „Ein weiterer Stinkstiefel in der Stadt, der viele Ressourcen bündelte“

Im Untersuchungsausschuss das Abgeordnetenhauses zum Fall Amri wird erneut die Überlastung der Kriminalbeamten deutlich. Auch Opfer-Angehörige kritisieren die Arbeit der Behörden.

Die Bildkombo zeigt die am 21.12.2016 vom Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlichten Fahndungsfotos von Anis Amri.
Die Bildkombo zeigt die am 21.12.2016 vom Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlichten Fahndungsfotos von Anis Amri.Foto: dpa

Tausende von Überstunden und viele Überlastungsanzeigen: Die Berliner Polizei war nicht nur zur Zeit der Flüchtlingswelle 2015 offenbar so überlastet, dass sich Kriminalbeamte Feldbetten zur Übernachtung in ihre Büros gestellt hatten. Das sagte der frühere stellvertretende Leiter des Islamismus-Dezernats des Landeskriminalamtes am Freitag vor dem Amri-Untersuchungsausschuss im Abgeordnetenhaus.

Der Kriminalbeamte führte aus, dass zwischen 2012 und 2016 die Zahl der Aufträge um mehr als 200 Prozent gestiegen sei. 2015 lag die Zahl der Ermittlungsvorgänge bei 170, ein Jahr später schon bei 900. Das Personal im LKA wurde dennoch nicht wesentlich verstärkt. Aber auch das wurde am Freitag wieder sehr deutlich: „Nicht die Überlastung der Polizisten war für den Anschlag auf dem Breitscheidplatz verantwortlich, sondern eine falsche Einschätzung“, sagte der CDU-Abgeordnete Stephan Lenz.

Warum die Polizeibehörden die diversen Chancen nicht nutzten, Amri tatsächlich zu verhaften, bleibt weiter nebulös. Angehörige von Opfern hörten sich am Freitag auch die Zeugenvernehmung an. „Die Schnittstellen haben nicht funktioniert, es gab keine gute Kommunikation zwischen den Behörden“, sagte Henning Harms, dessen Schwiegertochter bei dem Attentat ihre Eltern verloren hat.

„Auch mit uns Angehörigen hat man erst viel zu spät die Kommunikation aufgenommen“, sagte Astrid Passin. Ihr Vater war wie elf andere Menschen bei dem Attentat am 19. Dezember 2016 getötet worden. Und Sascha Klösters, der das Attentat schwer verletzt überlebte, dessen Mutter aber ums Leben kam, findet, dass der Ausschuss „die Fragen bissiger stellen muss“.

"Ein weiterer Stinkstiefel"

So sagte der Berliner Kriminalbeamte vor dem Ausschuss aus, dass die Weisung aus Nordrhein-Westfalen, Amri bei seiner Ankunft am 18. Februar am Busbahnhof nicht zu durchsuchen, sondern nur zu observieren, erst eine Stunde später, nach Amris Ankunft, das LKA Berlin erreicht hatte. Wie mehrfach berichtet wurde Amri zum großen Ärger des Düsseldorfer LKA von den Berliner Beamten jedoch durchsucht und festgenommen.

Der Zeuge sagte gestern, er habe das im „Verlaufbericht“ gelesen, der von einem Beamten geschrieben worden war. Allerdings sagten Zeugen aus dem NRW-LKA bereits vor dem Ausschuss aus, dass sie die Kollegen noch vor der Ankunft von Amri um eine verdeckte Observation gebeten hatten. Dieser Widerspruch wurde gestern nicht aufgelöst.

Amri sei einer von vielen gewesen, die man in Berlin beobachtet habe. Er sei „unstet“ gewesen, zwischen NRW und Berlin hin und her gefahren, habe oft die inzwischen verbotene Fussilet-Moschee besucht. „Ein weiterer Stinkstiefel in der Stadt, der viele Ressourcen bündelte“, sagte der Zeuge. So habe er über den eingestuften Gefährder gedacht. Amri habe nicht herausgeragt. „Wir hatten viele von dieser Sorte.“

Nur wurde die Observation von Amri vom LKA im Juni trotz eines Beschlusses der Staatsanwaltschaft, die Observation bis 21. Oktober weiterzuverfolgen, eigenmächtig abgebrochen. Und fast zwei Monate später ermordete der Islamist zwölf Menschen auf dem Weihnachtsmarkt.

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