Berliner Autor über den Muttertag : „Jeder Tag im Jahr ist Sohntag“

Sebastian Lehmann schreibt Bücher über die Gespräche mit seinen badischen Eltern. Ein Interview über den Muttertag und lustige Telefonate.

Ein Blümchen für die Mama? Sebastian Lehmann (36) schreibt Geschichten über die Gespräche mit seinen Eltern.
Ein Blümchen für die Mama? Sebastian Lehmann (36) schreibt Geschichten über die Gespräche mit seinen Eltern.Foto: Annika Zieske/promo

Sebastian Lehmann (36) schreibt Bücher über die Gespräche mit seinen Eltern und tritt regelmäßig auf Berliner Lesebühnen auf. Bei „Radio eins“ ist er regelmäßig mit seiner Kolumne „Elterntelefonate“ zu hören. Sein Buch „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück“ ist beim Goldmann-Verlag erschienen und kostet 9 Euro.

Herr Lehmann, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern und bei Lesungen ausgiebig mit der Beziehung zu Ihren Eltern. Am Sonntag ist Muttertag. Denken Sie jedes Jahr auch immer schön daran?
Gut, dass Sie mich daran erinnern. Normalerweise ruft meine Mutter nämlich immer mich an. Nur am Muttertag wartet sie solange, bis ich sie anrufe.

Gibt es da ein bestimmtes Ritual?
Ich muss halt anrufen. Und wenn ich nicht anrufe, ruft mich irgendwann mein Vater an und sagt: Du musst aber noch deine Mutter anrufen!

Es legt ja auch nicht jede Mutter so viel Wert auf diesen Tag. Selbst die Begründerin aus den USA wollte, dass der Tag wieder abgeschafft wird, weil er ihr zu kommerziell geworden war. Warum ist Ihrer Mutter der Tag so wichtig?
Sie meint, dass jeder Tag im Jahr Sohntag ist und dann kann mindestens einmal im Jahr Muttertag sein. Wenn sie das will, ist das schon okay für mich.

Sie haben ja auch nicht irgendeine Mutter, sondern eine badische. Wie nicht wenige Berliner kommen Sie aus Süddeutschland, aus Freiburg. Ist Ihre Mutter sehr anders, als die Mütter, die Sie hier in Berlin kennengelernt haben?
Die badische Mutter unterscheidet sich nur im Dialekt, glaube ich. Mütter sind ja sowieso nicht alle gleich. Das Einzige, was sie vielleicht alle gemeinsam haben, ist, dass sie sich Sorgen machen.

An einer Stelle in Ihrem neuen Buch schreiben Sie: „Mama, du lebst in einer anderen Filterblase“. Was für eine Filterblase ist das ?
Meine Eltern schauen zum Beispiel noch Fernsehen und ich kann deshalb nicht mit ihnen über diese seltsame Fernsehserie „Um Himmels Willen“ sprechen, weil ich gar keinen Fernseher mehr besitze. In meiner Filterblase gucken wir andere Serien, die meine Eltern wiederum nicht kennen, weil sie keine Serien im Internet sehen. Es ist also eher ein Generationenunterschied.

Oft ist es ja so, dass Töchter und Mütter häufiger miteinander telefonieren und Söhne sich eher anrufen lassen. Nervt es Sie, wenn Ihre Mutter Sie ständig anruft?
Nein. Ich brauche das ja, sonst könnte ich meine Kolumne nicht schreiben. Wenn sie mich anruft und etwas zu erzählen hat, kann ich gleich mitschreiben und habe schon die nächste Geschichte.

Aber es ist schon ein Thema für Ihre Mutter, dass Sie sich immer bei Ihnen meldet und nicht umgekehrt?
So fangen meine Geschichten ja immer an, dass meine Mutter aus meiner Heimatstadt Freiburg anruft. Meine Eltern rufen einfach so an, um zu fragen, was es Neues gibt. Ich hingegen habe immer einen Grund, wenn ich anrufe.

Ist Geld ein guter Grund, um seine Eltern anzurufen? Was noch?
Geld ist natürlich der klassische Grund. Die Kinder brauchen immer Geld. Wenn ich zu Besuch komme telefonieren wir auch, um abzusprechen, was es zu essen geben soll. Ich esse kein Fleisch und das hat meine Mutter total aus der Bahn geworfen. Sie weiß jetzt gar nicht mehr, was sie kochen soll, wenn ich nach Freiburg komme.

Ruft Ihre Mutter auch im Sommer an und fragt, was Sie an Weihnachten kochen soll?
Es wird schon immer der genaue Aufenthalt von mir geplant. Wenn ich ankomme, wird geplant, was es in einer Woche zu essen gibt. An Weihnachten aber gibt es immer das Gleiche zu essen, das ist relativ einfach.

Es gibt Studien, die zeigen, dass Mütter ihre Söhne anders erziehen als ihre Töchter. Es heißt zum Beispiel, dass sie ihren Söhnen weniger zutrauen und deshalb schwerer loslassen können, dazu neigen, ihre Söhne zu verhätscheln. Ist da Ihrer Meinung nach etwas dran?
Meine Mutter traut mir alles zu und nichts. Sie glaubt fest daran, dass ich alles schaffen kann, trotzdem macht sie sich permanent Sorgen, dass es nicht funktioniert. Ich glaube, dass ist super unterschiedlich. Es gibt sicherlich auch genug Mütter, die ihre Tochter verhätscheln und von ihrem Sohn mehr erwarten. Ich glaube, dass ist sehr individuell.

Ihr neues Buch heißt „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück“. Was ist da der Hintergrund?
Mein Bruder hat einen festen Job. Ich bin ja so etwas ähnliches wie ein Künstler, was meine Eltern eher seltsam finden. Langsam habe ich ihnen erklärt, was das bedeutet. Deswegen fanden sie es immer ganz gut, dass mein Bruder einfach Geld verdient. Wenn ich meinen Eltern erkläre, womit ich Geld verdiene, dann fragen sie mich: Was, die bezahlen Geld, um zu deinen Lesungen zu gehen? Sicher? Und kannst du davon auch eine Familie ernähren?

Also machen sie sich Sorgen?
Natürlich. Eltern machen sich immer Sorgen. Ich würde mir Sorgen machen, wenn sich meine Eltern keine Sorgen mehr um mich machen würden, dass wäre wirklich schwierig.

Sie haben ja selber noch keine Kinder, aber merken Sie beim Schreiben eigentlich, dass Sie mit steigendem Alter Ihren eigenen Eltern immer ähnlicher werden?
Na klar. Je älter man wird, desto mehr wird man wie seine Eltern. Ich befürchte, wenn ich selber mal eine Familie habe, werde ich so sein wie eine Mischung aus meiner Mutter und meinem Vater. Es wird wahrscheinlich ganz schlimm und gleichzeitig auch gar nicht so schlimm.

Was wäre das für eine Mischung?
Ich wäre wahrscheinlich immer super übervorsichtig wie meine Mutter: Was machst du? Komm rechtzeitig nach Hause! Und dann gleichzeitig wie mein Vater so grummelig: Ja, mach halt irgendwie, ist mir egal.

Woran liegt es, dass man mit dem Alter doch so wird, wie man nie werden wollte?
Weil man im Alter irgendwann herausfindet, dass es vielleicht doch nicht so schlecht war, wie die Eltern einen erzogen haben. Wenn man Anfang 20 ist oder ab 16 denkt man ja, es ist ganz furchtbar: Was haben die Eltern getan? Ich will nie so werden und ich will unbedingt ausziehen. Und irgendwann merkt man, dass man als Jugendlicher vielleicht selber sehr stressig war und die Eltern waren eigentlich ganz cool und sind es immer noch.

Würden Sie Ihre Kinder auch so oft anrufen, wie es jetzt Ihre Mutter tut?
Wahrscheinlich schon. Aber wahrscheinlich telefoniert man in 20 Jahren gar nicht mehr mit seinen Kindern, sondern beamt sich zu ihnen oder so. Es wird auf jeden Fall viel nerviger für die Kinder sein. Früher gab es noch Festnetztelefon – man konnte also nur zu Hause erreicht werden, und jetzt sind die Kinder ja permanent erreichbar. Eltern können dauernd Kontrolle ausüben und das wird bestimmt noch schlimmer.

Das Handy hat ja den Vorteil, dass man sieht, wer anruft, im Gegensatz zum früheren Festnetztelefon.
Früher ist man immer dran gegangen, und dann waren es natürlich ausgerechnet die Eltern, die angerufen haben. Jetzt geht man vielleicht nicht dran, aber dann sind die Eltern sauer, weil sie ja inzwischen auch wissen: Du gehst nicht dran, wenn wir anrufen?

Freuen Sie sich schon über die Geschichten, die Ihre Kinder über Sie schreiben?
Ich finde es ja spannender, dass ich dann über die andere Seite schreiben kann. Wie es ist, selber Kinder zu haben. Kinder machen ja lustige Dinge, und ich suche immer lustige Dinge, von daher wäre es ja ganz praktisch.

Meinen Sie, es bringt einen seinen eigenen Eltern näher, wenn man selber Kinder hat, weil man seine Eltern dadurch besser verstehen kann?
Wahrscheinlich. Ich weiß es ja noch nicht, weil ich ja keine Kinder habe. Aber ich bin ja meinen Eltern schon ganz nah. Wir telefonieren so oft. Noch näher, ich weiß nicht, ob das gut wäre.

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