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Berlins Mitte braucht eine echte Flaniermeile: Parallel zur Friedrichstraße wären die Fahrräder besser aufgehoben
Die Friedrichstraße bekommt eine neue Chance. Sie hat es verdient, eine echte Flaniermeile zu werden. Dafür braucht sie ein Aushängeschild. Ein Gastbeitrag.
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Am dritten Advent 2019 wurde die Straße zum Platz. Ein Clown, Kreide für Kinder und bunte Luftballons. Begeisterte Gäste machten den Erfolg der improvisierten Charmeoffensive perfekt. Ein Bürger*innenbündnis hatte für zwei Stunden gezeigt, wie schön die Friedrichstraße ist, wenn sie den Fußgänger*innen allein gehört.
Der Impuls wurde angenommen. Bezirksamt und Senat stellten im Sommer vergangenen Jahres ein Modellprojekt vor. Zwischen Französischer und Leipziger Straße wurde der Straßenraum umgestaltet. Mit Bäumen in Kübeln, Holzbuden und Sitzgelegenheiten. In der Mitte eine „Safety Line“ für Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge, die zugleich einen vier Meter breiten Radweg bildet.
Gefeiert, aber auch beschimpft wurde die autofreie Friedrichstraße. Die Geister scheiden sich bis heute. Doch jetzt wurde der Zeitraum des Versuchs bis Oktober verlängert – eine Möglichkeit, neu zu denken und Alternativen auszuprobieren.
Das Bezirksamt schreibt weitere Flächen für Händler und Gastronomie aus. Kleinteilige Veränderungen sollen die Situation befrieden. Ob neue Schaukästen aber den Konflikt entschärfen, darf bezweifelt werden. Womöglich liegt er tiefer. Die Interessensvertretung Mitte e.V. fühlt sich ausmanövriert. Man sei übergangen worden. Dem Modellversuch fehle es an konzeptionellen Ideen.
„Nicht Fisch, nicht Fleisch“, ist der Grundtenor vor Ort, in Confiserien und Modegeschäften, die der Pandemie trotzend ihren Betrieb aufrechterhalten. Der Modellversuch sei auf halbem Weg stecken geblieben und jetzt fehle der Mut, den nächsten Schritt zu vollziehen, heißt es. „Lieblosigkeit und mangelnde Pflege“, „die Holzhütten versperren die Sicht“, „rasende Räder ersetzen im Stau stehende Autos“. Mit allem haben sie etwas recht.
[Der Autor: Matthias Dittmer ist Sprecher der Initiative „Stadt für Menschen“, die sich für eine nachhaltige Zukunft Berlins einsetzt.]
Eine wirklich attraktive Flaniermeile, wie einst versprochen, gibt es dort zum Kummer der Fußgänger*innen nicht. Bevor der Modellversuch gegen die Wand fährt, sollte die Kritik als konstruktiver Anstoß genommen werden. Wäre die Fahrradstraße in der parallel führenden Glinkastraße nicht besser aufgehoben?
Stadtraum zwischen den U-Bahnhöfen Stadtmitte und Hausvogteiplatz
Vom Checkpoint Charlie bis zur Spree wäre perspektivisch eine Nord-Süd-Achse für den Radverkehr möglich, die keiner Geschwindigkeitsbegrenzung bedarf. Der dann echte Fußgänger*innenbereich könnte bis zum Gendarmenmarkt erweitert werden. So wäre die Friedrichstraße über die Tauben-, Mohren- und Jägerstraße mit dem schönsten Platz der Stadt verbunden.
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Stellplätze gibt es in Parkhäusern ausreichend. Zwischen den U-Bahnhöfen Stadtmitte und Hausvogteiplatz würde ein großzügiger Stadtraum zum Bummeln, Verweilen und Shoppen entstehen.
Und die Friedrichstraße sollte zur Marke werden. Sie braucht ein Aushängeschild. Zum Beispiel Berlins Schokoladenmeile. Sieben erstklassige Geschäftsadressen stehen hier schon für den süßen Genuss. Darauf lässt sich bauen.
Für Berlins Mitte muss Geld in die Hand genommen werden
Alle Akteure inklusive stadtplanerischer Kompetenz gehören jetzt an einen Tisch. Bevor Ausschreibungen in Auftrag gegeben werden, sollte gemeinsam ein Rahmen für eine positive Entwicklung gefunden werden – damit am Ende keine Gruppe sagen kann, sie wurde nicht gehört.
Die Auswirkungen der Pandemie auf den Einzelhandel und die sich verändernde Urbanität müssen bedacht und für den schon bestehenden Leerstand Lösungen gefunden werden. Natürlich muss auch Geld in die Hand genommen werden, um die Mitte Berlins zu gestalten. Es bedarf origineller Ideen, um die Attraktivität des Quartiers zu erhöhen.
Nicht zurück, sondern nach vorn sollte der nächste Schritt gehen. Ein Fußgänger*innenparadies im historischen Herzen Berlins könnte zum Magneten sowohl für Berliner*innen als auch für Tourist*innen werden. Die Chance ist da. Sie sollte ergriffen werden – für Berlins Schokoladenseite.
Matthias Dittmer
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