Bezirksposse aus Mitte : Einbahnstraßen aufgehoben - Anwohner laufen Sturm

Nach 65 Jahren wurden alle Einbahnstraßenschilder in der Schleife Schwartzkopff-, Pflug- und Wöhlertstraße demontiert. Doch informiert wurden Anwohner nicht.

Kiezaktivisten Nora Erdmann und Stefan Lehmkühler messen die Straße aus.
Kiezaktivisten Nora Erdmann und Stefan Lehmkühler messen die Straße aus.Foto: Grüne Schleife

Die überraschende Demontage von Einbahnstraßenschildern von einem Tag auf den anderen sorgt seit Donnerstag in Mitte für Chaos: Anwohner laufen Sturm und sorgen sich um die Verkehrssicherheit vor ihren Haustüren - denn informiert wurden sie über die Änderung der Verkehrszeichen in der Schleife Schwartzkopff-, Pflug- und Wöhlertstraße, unweit des BND-Gebäudes, nicht. Die Schleife ist ein reiner Wohnkiez, viele Familien mit Kindern leben hier, Gewerbe gibt es nicht.

Als Thomas Haak mit seinem Auto am Donnerstag aus der Pflugstraße in die Wöhlertstraße fuhr, kam es an der Kreuzung beinahe zum Zusammenstoß mit einem anderen Pkw. Haak deutete dem Fahrer, dass dieser in entgegen gesetzte Richtung in eine Einbahnstraße fahre, doch der zeigte ihm einen Vogel – zu recht, wie Haak kurze Zeit später feststellte.

Nach 65 Jahren wurden die Schilder für die Einbahnstraßen abgebaut - die Straße ist nun in beide Richtungen befahrbar. Auch die Tempo-30-Schilder waren kurzzeitig weg, wurden aber nach Anwohnerbeschwerden am Freitag wieder angebracht. Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) erklärt, sie sei von der Schilderdemontage genauso überrascht wie die Anwohner. In einer Mail an die Anwohner verteidigt sie aber die Entscheidung, die Einbahnstraßenregelung vor Ort aufzuheben.

Aufhebung eigentlich erst zum 1. Dezember geplant

Eigentlich sei das ab dem 1. Dezember geplant gewesen. Die „vorzeitig ausgeführte Änderung der Verkehrszeichen“ werde von der Baufirma „vor allem mit der günstigen Wetterlage begründet“. Eigentlich hätte man die Zeit davor nutzen wollen, um die Maßnahme anzukündigen und weitere Vorschläge für eine gute Verkehrssituation im Kiez zu kommunizieren. So könne sich das Straßen- und Grünflächenamt „Querungsstellen“ in der Pflugstraße vorstellen. Grund für die Entstehung der Einbahnstraße nach dem Mauerbau sei die Straßenbahnführung in der Chausseestraße gewesen. Die Bahnen hatten die Schwartzkopff-, Pflug- und Wöhlertstraße als Wendeschleife genutzt. „Nach deren Rückbau war der Grund für die Einbahnstraße nicht mehr gegeben“, so Weißler.

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Das sieht die Kiezinitiative Grüne Schleife anders. Seit vier Jahren setzen sich die Aktivisten für Verkehrsberuhigung, Begrünung, Fahrrad- und Fußgängerfreundlichkeit in ihrem Kiez ein. Es habe am Freitag bereits diverse „extrem gefährliche“ Vorfälle in der Schleife gegeben, erklären die Initiatoren. Stadträtin Weißler dagegen ist sicher, dass die veränderte Verkehrsführung keinen Nachteil für die Anwohner ergebe. Im Gegenteil, das „Durchbrettern“ von Autos, was bisweilen beklagt wurde, werde nicht mehr möglich sein. Die neue Parkzone und regelmäßige Kontrollen durch das Ordnungsamt würden gut gegen „Eckenparker“ und andere Verstöße wirken.

Die Grüne Schleife und das Netzwerk Fahrradfreundliche Mitte hatten nach eigenen Angaben mit dem Amt vereinbart, dass die Schilder vorläufig nicht abmontiert werden und sie derweil ihre Vorschläge für einen verkehrsberuhigten Kiez einbringen könnten. Die Kiezinitiative will die Sackgasse in der Schwartzkopffstrasse erhalten und sammelten dafür über 500 Unterschriften.

Mehrere BVV-Beschlüsse unterstützen die Initiative in ihrem Vorhaben. Ihre Vision: Im Wendehammer soll eine Grünzone mit Spielmöglichkeiten und Sitzbänken entstehen.

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