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© dpa / Sven Hoppe

Tagesspiegel Plus

„Danke, dass ihr uns gerettet habt“: Wie Berliner ukrainische Flüchtlinge aus dem Grenzgebiet holen

Zehntausende Menschen aus dem Kriegsgebiet kommen in der Stadt an. Die meisten mit dem Zug. Doch private Helfer fahren auch mit Autos hin und her.

Von Johanna Treblin

Am Ende der Reise in Berlin gibt es eine feste Umarmung und ein Küsschen auf die Wange. Die Helfer:innen gehen nach Hause. Julia und Lyuba haben zumindest erst einmal ein Bett.

Knapp acht Stunden vorher stehen Julia und Lyuba am Hauptbahnhof in Krakau in einer Gruppe mit anderen Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und nach Berlin wollen. Es ist Freitagmorgen, die Züge sind voll, es ist schwierig, einen Platz zu bekommen. Gerade hieß es, es gebe ein Angebot, mit einem Auto mitzufahren.

Doch dann war Natasha, die ehrenamtlich in der Ukraine-Hilfe am Bahnhof arbeitet, nicht mehr zu finden. Kurz darauf sieht Julia, 34 Jahre, lange blonde Locken, Leopardenmantel und lange Fingernägel, Natasha wieder und läuft ihr hinterher. Die wimmelt ab: „Five minutes“, dann ist sie wieder weg. Ratlosigkeit.

Am Bahnhof in Krakau warten Tausende Menschen

Tausende Ukrainer:innen warten am Krakauer Bahnhof, suchen eine Unterkunft oder eine Weiterfahrt. Freiwillige in blau-gelben Westen, den Farben der ukrainischen Flagge, laufen zwischen ihnen durch, verteilen belegte Brote und Wasser. Ständig werden sie angesprochen, mal halten sie an, mal schütteln sie den Kopf und bahnen sich weiter ihren Weg.

Ein Kleinkind auf dem Arm seiner Mutter weint. Eine Helferin kommt herbei, wackelt mit einem grünen Stoffball mit Armen und Beinen, das Kind hört auf zu weinen, guckt den Ball und die Frau an und greift zu. Die Mutter lächelt dankbar.

Protestschilder vor dem russischen Generalkonsulat in Krakau: „Putin Agresor“

© Johanna Treblin

Die Bahn hat ein leeres Geschäft bereitgestellt, hier können die Menschen sich ausruhen. Über den Bahnhof verteilt hängen Zettel, wer eine Unterkunft sucht, soll sich am Bahnsteig 4 einfinden. Dort stehen Geflüchtete in einer langen Schlange.

Einzeln werden sie in einen Raum eingelassen, drinnen sitzen Frauen und Männer, die Ukrainisch oder Russisch sprechen und helfen ihnen, in Krakau oder Umgebung ein Bett zu finden. Eine lange Liste an Hotels zeigt die Kapazitäten an. Mal sind 100 Zimmer frei, mal 87. Der polnische Staat zahlt.

Natasha kommt zurück. Ein Auto hat freie Plätze. Julia und Lyuba können mitfahren. Julia hat nur zwei Handtaschen dabei. Sie will der viel älteren Lyuba ihre Reisetasche abnehmen, deren Reißverschluss nicht mehr schließt. Doch die schüttelt den Kopf und marschiert hinter Julia her.

Die dritte Fahrt zur Grenze

Kurz darauf sitzen sie im Auto von Stephan. Er ist Wirtschaftswissenschaftler, lebt in Mahlsdorf, einem Stadtteil von Marzahn-Hellersdorf, hat zwei kleine Kinder. Seinen Nachnamen will er nicht öffentlich machen. Er sei kein Held. Er hat aber den großen Firmenwagen seiner Frau zur Verfügung, besitzt einen Anhänger und einen Dachgepäckträge.

Stephan ist lokalpolitisch für die Grünen aktiv, saß mehrere Legislaturperioden als sogenannter Bürgerdeputierter in Ausschüssen des Bezirks, hat eine Bürgerinitiative gegründet. Das war nun schon seine dritte Tour zur Grenze innerhalb von einer Woche. Das erste Mal fuhr er mit einem Freund. Dessen Frau ist Ukrainerin, gemeinsam holten sie Verwandte von ihr nach Berlin.

Stephan sah die fliehenden Menschen, hörte ihr Leid. Er erlebte Eltern, die ihre Kinder Fremden mitgaben und zurück in die Ukraine fuhren. Das ließ ihm keine Ruhe. Und er hatte Zeit. Auf Facebook stieß er dann auf Vika. Sie kommt aus der Ukraine und lebt in Mahlsdorf. Bei ihr läuft alles zusammen: Vika organisiert Spenden und Unterkünfte, übersetzt.

Zuerst brachten Nachbar:innen warme Kleidung, Nahrungsmittel für Babys und alles, was sonst so benötigt wird. Nachbar:innen schufen Platz in ihren Garagen, um die ganzen Dinge aufzunehmen, schließlich mietete Vika ein Lager an.

Zu siebt fährt eine Gruppe aus Marzahn-Hellersdorf nach Polen

Schon am vergangenen Montag fuhr Stephan wieder an die Grenze, dieses Mal das ganze Auto voll mit Essen, Kleidung und Hygieneartikeln. Er klapperte mehrere Orte an der Grenze ab, sprach mit den Helfer:innen, fragte, was sie brauchen, ließ sich Telefonnummern geben.

In Przemyśl, wo Züge aus der Ukraine ankommen, traf er auf Ehrenamtliche, die Autofahrten für flüchtende Menschen organisieren. Stephan nahm eine über 70 Jahre alte Frau und deren Mutter mit.

Als er zurückkam, waren die Garagen der Nachbar:innen in Mahlsdorf immer noch voll. Stephan fragte über einen Verteiler von Mitgliedern der Grünen, ob ihn jemand bei seiner nächsten Fahrt begleiten wolle. Pascal Grothe, der für die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung sitzt, meldete sich.

Auch sein Bruder Philipp Grothe sagte zu, Erzieher in einer Kita der evangelischen Versöhnungsgemeinde. Er hatte sich schon 2015 und 2016 in der Flüchtlingshilfe engagiert. Die Gemeinde rief zu Spenden auf und stellte noch zwei weitere Mitarbeiter:innen frei, um mitzufahren: Manuela Affeld und Zoltan Lanyi. Mit in der Gruppe waren außerdem Frank Basner und Julius Wallendorf.

Im Gepäck: Babynahrung, warme Socken, Trockenfrüchte

Am Tag der Abfahrt, früh morgens um 2 Uhr, treffen sie sich zu siebt am U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz in Biesdorf. Ihre Autos sind bis unters Dach beladen. Im Gepäck sind Babynahrung, warme Socken, Trockenfrüchte, Windeln, Tampons. Auf dem Rückweg wollen sie Flüchtende mit zurück nach Berlin nehmen.

Pascal Grothe richtet eine Telegram-Gruppe zur Vernetzung für unterwegs ein, Stephan schickt allen die Koordinaten für ihr erstes Ziel: ein Erstaufnahmezentrum kurz vor dem Grenzübergang in Hrebenne.

Bis sie dort ankommen, dauert es neun Stunden, mehrere Halte an Tankstellen und Rastplätzen und viele, viele, viele Worte, um die Fahrer:innen wach zu halten. Auf LED-Anzeigen über der Autobahn werden Hilfs-Telefonnummern für ukrainische Flüchtlinge eingeblendet. Aus der Gegenrichtung kommen Reisebusse, Armeefahrzeuge. Stau gibt es keinen.

Hunderttausende Flüchtlinge kommen - zu Fuß, im eigenen Pkw, mit dem Bus oder Zug - über die Grenzen der Ukraine in die Nachbarländer. Hrebenne liegt im Südosten Polens und etwa auf halber Strecke zwischen Belarus im Norden und der Slowakei im Süden.

Ich habe zwei Tage nicht geschlafen, wohin es geht, überlege ich später

Tawil

In Lubycza Królewska, acht Kilometer vor Hrebenne, haben die Malteser ein Erstaufnahmezentrum in der Turnhalle einer Grundschule eingerichtet. Davor sitzt Tawil, stützt den Kopf in die Hände und blickt vor Müdigkeit kaum auf. Er hat in der Ukraine studiert, jetzt ist er vor dem Überfall Wladimir Putins auf die Ukraine geflohen.

Er ist gerade erst angekommen. Wohin er jetzt will? Er schüttelt den Kopf. „Ich habe zwei Tage nicht geschlafen, wohin es geht, überlege ich später“, sagt er in gebrochenem Englisch.

Hinter der Turnhalle werden Spenden angenommen. Ein voller Minivan folgt dem nächsten. Zuerst muss jemand gefunden werden, der Deutsch oder Englisch spricht – die Gruppe aus Berlin spricht kein Polnisch. Man googelt das polnische Wort für Windeln, versucht, „Feuchttücher“ auf Englisch zu sagen.

 Ich bin kein Held

Helfer in Lubycza Królewska

Ein Helfer kümmert sich um die Gruppe, er spricht sehr gut Englisch. Seinen Namen will er nicht nennen, er will auch nicht fotografiert werden. „Ich bin kein Held“, sagt auch er - wie schon Stephan.

Notaufnahme nahe der ukrainischen Grenze in einer Turnhalle

© Johanna Treblin

In der Turnhalle sind Feldbetten aufgebaut. Hier sind etwa 400 Menschen untergebracht, heißt es, vor allem Frauen und Kinder. Manche schlafen, einige sitzen auf Bierbänken, offensichtlich erschöpft, wenige unterhalten sich, und wenn, dann leise. Ganz hinten ist ein Buffet aufgebaut, es gibt Kartoffelsuppe, Brot, Krautsalat.

Die Küchencrew posiert für ein Foto. Vorne drängen sich die Menschen, hier werden sie registriert, können angeben, ob sie ein Ziel haben, Verwandte in Polen, Deutschland oder anderswo. Direkt neben ihnen liegt eine hochschwangere Frau seitlich auf einer Liege, weint, hält sich den Bauch.

Ein Helfer kommt auf die Berliner:innen zu: ob sie Menschen mit zurück nach Berlin nehmen könnten? Fünf oder sechs wollten direkt nach Berlin, heißt es, ein paar von dort weiterreisen in andere Städte Deutschlands. Pascal und Philipp Grothe sagen zu, so wie auch zwei andere aus der Gruppe - Frank Basner und Julius Wallendorf.

Stephan will noch weiter, woanders Spenden abgeben, Menschen in Przemyśl abholen. Manuela Affeld und Zoltan Lanyi können nicht weiter – ihr Auto zeigt einen Motorschaden an. Der ADAC hilft schnell, das Auto wird in die Werkstatt gebracht. Am nächsten Tag ist es wieder fit, und sie können doch noch Flüchtende einladen.

Am Grenzübergang warten Menschen auf Angehörige

Stephan macht einen Abstecher zum Grenzübergang in Hrebenne. Hier stehen in einer langen Reihe Menschen am Straßenrand, einzeln, zu zweit, und warten auf Angehörige. Irena und ihre Mutter aus Iwano-Frankiwsk in der Westukraine sind gerade angekommen, warten auf ihre Schwester und deren dreijährigen Sohn, die mit einem anderen Bus gefahren sind. Matt ist aus Neuseeland, lebt in Polen. Er wartet auf den Freund eines Bekannten.

Eine Frau kommt mit ihrem Partner aus Deutschland, sie warten auf ihre Mutter. Zwei Dokumentarfilmer aus Deutschland sind hier, haben ein paar Aufnahmen gemacht, brechen dann aber ab. Einer von ihnen hat eine ukrainische Partnerin, ihm gehe es zu nahe, sagt er.

Irena wartet auf ihre Schwester und deren dreijährigen Sohn

© Johanna Treblin

Dann geht es für Stephan weiter nach Przemyśl. Statt wie geplant gegen 15 Uhr ist er erst um 21 Uhr da und damit schon seit 19 Stunden unterwegs. Zurück nach Berlin will er jetzt nicht mehr fahren, lieber in der Umgebung übernachten und morgen Flüchtende mitnehmen. Doch es gibt kein einziges freies Hotelzimmer.

Also fährt er noch einmal 250 Kilometer weiter nach Krakau. An der Rezeption checken gerade Flüchtende aus der Ukraine ein. Sie wurden von Ehrenamtlichen hierher gelotst, der polnische Staat stellt kostenlos Hotelbetten zur Verfügung.

Am nächsten Morgen gibt es Frühstück zwischen müden und erschöpften Gesichtern, dann Aufbruch zum Hauptbahnhof. Hier warten Julia und Lyuba auf eine Mitfahrgelegeneheit.

Kurz darauf sitzen sie in Stephans Auto. Auf der Fahrt erzählt vor allem Julia mit Hilfe des Google-Übersetzers, dass sie aus Kiew kommt, Lyuba aus Charkiw. Beide zeigen Fotos von ihren Kindern.

Erwachsene Männer dürfen nicht ausreisen, sie müssen kämpfen. Julias Kinder sind noch klein, sie leben bei ihrem Ex-Mann, doch sie hat nichts mehr von ihm gehört und weiß nicht, wo sie sind. Zwischendurch reden die beiden Frauen auf Ukrainisch miteinander, manchmal schluchzen sie.

Stephan telefoniert mit Vika in Mahlsdorf. Sie bringt die beiden Frauen bei ihrer Mutter in Biesdorf unter. Bei der Ankunft am Freitagabend sagt Julia: „Danke, dass ihr uns gerettet habt.“ Wie es für sie weitergeht, sehen sie morgen.

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