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Tagesspiegel Plus

Das Methusalem-Prinzip: Darum ist Berlins Politik so alt – und bringt kaum Nachwuchstalente hervor

Auf der bundes- und landespolitischen Bühne in der Hauptstadt dominieren die Älteren. Der Nachwuchs kommt kaum vor. Warum?

Von Ulrich Zawatka-Gerlach

Fast ein Drittel der Berliner ist jünger als 30 Jahre. Leider wird diese Altersgruppe im Landesparlament nur von einer einzigen Abgeordneten vertreten. Die Studentin June Tomiak, seit 2015 Mitglied der Grünen, ist mit 24 Jahren die mit Abstand jüngste Volksvertreterin im Land Berlin.

Erste politische Erfahrungen sammelte sie als Schülersprecherin und boxte sich vor der Abgeordnetenhauswahl 2016 auf einen aussichtsreichen Listenplatz durch, der sie ins Parlament brachte. Mal sehen, was aus der Sprecherin der Grünen-Fraktion für Jugend, Verfassungsschutz und Strategien gegen den Rechtsextremismus noch wird. Vorerst bleibt June Tomiak eine Ausnahmeerscheinung, denn die Landespolitik ist nicht als Talentschuppen für junge Nachwuchskräfte bekannt. Die Zahlen sind ernüchternd.

Jüngste Volksvertrerin im Land Berlin: June Tomiak (Grüne) spricht im Abgeordnetenhaus das Hauptstadt.

© imago images/Christian Ditsch

Im Abgeordnetenhaus haben 57 Prozent der Volksvertreter das 50. Lebensjahr überschritten, elf Prozent sind im Rentenalter. Bei den Senatsmitgliedern und Staatssekretären ist die Auslese noch härter: 71 Prozent sind älter als 50 Jahre. Jüngste Staatssekretärin ist Wenke Christoph (Linke), in der Stadtentwicklungsverwaltung verantwortlich für die Wohnungspolitik, sie kam im Sommer letzten Jahres mit 39 Jahren ins Amt. Jüngste Senatorin ist mit 43 Jahren Ramona Pop (Grüne), zuständig für Wirtschaft.

Auch auf kommunaler Ebene haben überwiegend Ältere das Sagen

Zwar ist das Argument nicht von der Hand zu weisen, dass die höchsten Regierungsämter auf Landesebene nur Menschen anvertraut werden sollten, die über ausreichende politische und Lebenserfahrung verfügen. Aber ein bisschen mehr jugendliche Frische dürfte es vielleicht doch sein. Zumal auch in den Berliner Bezirksämtern, also auf der kommunalen Ebene, die älteren Semester fast durchweg das Sagen haben. Nur vier Bürgermeister bzw. Stadträte sind jünger als 40 Jahre, ansonsten unterscheidet sich der hohe Altersdurchschnitt wenig von dem auf der Senatsebene. Zwei Drittel der Bezirksamtsmitglieder haben das 50. Lebensjahr überschritten.

Jüngste Senatorin in Berlin ist die 43-jährige Ramona Pop (Grüne), zuständig für Wirtschaft – hier auf der Regierungsbank im Abgeordnetenhaus zwischen Klaus Lederer (Linke) und Michael Müller (SPD).

© Jörg Carstensen/dpa

Dass es auch anders geht, zeigen die vier Jüngsten, die zweifellos zu den Berliner Politikern gehören, die höheren Ansprüchen genügen. So macht der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD, 34 Jahre), vorher Politik- und Mathelehrer, im teilweise prekären Multikulti-Bezirk eine gute Figur. Auch vom SPD-Mann Kevin Hönicke (36 Jahre), vormals Lehrer, jetzt Stadtrat und Vize-Bürgermeister in Lichtenberg, ist wohl noch einiges zu erwarten.

Gleiches gilt für die Diplom-Geografin Clara Herrmann, Stadträtin in Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne, 35 Jahre), die bis 2011 jüngstes Mitglied im Abgeordnetenhaus war und in ihrem Bezirk Bürgermeisterin werden will. Vierte im Bund ist Ramona Reiser (Linke, 35 Jahre), jüngste Stadträtin in Mitte. Die Arbeit als Dramaturgie- und Regieassistentin, zuletzt am Berliner Ensemble, gab sie zugunsten der ehrenamtlichen Hilfe für Obdachlose und Geflüchtete auf, bevor sie vor zwei Jahren ins Bezirksamt kam.

Neuköllns SPD-Bezirksbürgermeister Martin Hikel (34), hier bei einem Hoffest von Mieterinnen am Kottbusser Damm im Jahr 2019.

© imago images/Christian Mang

Clara Herrmann, SPD-Stadträtin in Friedrichshain-Kreuzberg (35), war bis 2011 jüngstes Mitglied im Abgeordnetenhaus und will nun in ihrem Bezirk Bürgermeisterin werden.

© Britta Pedersen/dpa

Wie sieht es im Bundestag mit jungen Talenten aus? Düster. Die Altersschwelle von 45 Jahren wird nur von einer der 22 Berliner Abgeordneten unterschritten: Die FDP-Vizelandeschefin Daniela Kluckert ist Jahrgang 1980. Drei Viertel der hauptstädtischen Volksvertreter sind älter als 50 Jahre.

Ob sich dieses Bild nach der Bundestagswahl am 26. September signifikant ändert, darf bezweifelt werden. In den Landesvorständen der Berliner Parteien ist das Altersproblem nicht ganz so groß, man bemüht sich um schrittweise Verjüngung des Führungspersonals, allerdings eher in der zweiten und dritten Vorstandsreihe. Hier heißt es ebenso: Traue niemandem unter 40.

Das gilt für die SPD-Doppelspitze Franziska Giffey und Read Saleh wie für den CDU-Landeschef Kai Wegner und dessen Generalsekretär Stefan Evers. Auch der Berliner FDP-Vorsitzende Christoph Meyer und der Grünen-Ko-Chef Werner Graf sind „in den Vierzigern“. Einzige Ausnahme ist Nina Stahr (38 Jahre), die zusammen mit Graf dem Grünen-Landesverband vorsitzt.

Beide Ü40: Franziska Giffey und Raed Saleh bilden die SPD-Doppelspitze in Berlin.

© imago images/IPON

Geht es nicht anders? Sind Zwanzig- und Dreißigjährige nicht in der Lage, politisch zu führen, Verwaltungen zu leiten oder eine Millionenstadt wie Berlin zu regieren? Schauen wir woanders hin. Der ÖVP-Mann Sebastian Kurz wurde mit 31 Jahren österreichischer Bundeskanzler, und der Sozialist Emmanuel Macron war 39 Jahre jung, als ihn die Franzosen zu ihrem Staatsoberhaupt wählten. Der jüngste Präsident seit Napoleon. Und Alexander der Große hatte, als er mit 34 Jahren starb, ein Weltreich erobert. Man mag sich streiten, ob das exotische Ausnahmen sind – oder Vorbilder. Mit Berlin hat das jedenfalls nichts zu tun.

Zwar sind die letzten drei Regierenden Bürgermeister in jungen Jahren parteipolitisch aktiv geworden und zeichneten sich früh durch Ehrgeiz, Machtbewusstsein und Zielstrebigkeit aus. Doch als Eberhard Diepgen Stadtoberhaupt wurde, hatte der Christdemokrat das 42. Lebensjahr überschritten.

Der Sozialdemokrat Klaus Wowereit kam mit 47 Jahren ins Rote Rathaus und sein Nachfolger und Parteifreund Michael Müller feierte zwei Tage vor Amtsantritt seinen 50. Geburtstag. Auch der legendäre Willy Brandt (SPD) war schon 43 Jahre, als er Regierender Bürgermeister wurde. Das scheint in Berlin das Normalmaß zu sein.

Akademische Grade und berufliches Knowhow nicht maßgeblich für die Karriere

Sie alle mussten, bevor sie höhere Weihen erlangten, die innerparteiliche „Ochsentour“ absolvieren. Das ist in der deutschen Parteiendemokratie nach wie vor die Regel. Akademische Grade und berufliches Knowhow können zwar hilfreich sein, sind aber nicht maßgeblich für die politische Karriere. Der 31-jährige Langzeitstudent und Vizechef der Bundes-SPD, Kevin Kühnert, ist ein prominenter Beleg dieser These. Parteienforscher sind sich weitgehend einig, dass andere Qualitäten zählen.

Kevin Kühnert (31), Langzeitstudent und Vizechef der Bundes-SPD.

© imago images/Udo Gottschalk

Der streitbare Politologe Franz Walter behauptete sogar, dass es für das Fortkommen in einer Partei von Vorteil sei, „nicht über die Maßen klug zu sein“. Wer aber die notwendige Leidensfähigkeit, Geduld und Durchsetzungskraft mitbringt, um sich von unten nach oben zu quälen, hat erfahrungsgemäß bessere Chancen auf den gerechten Lohn: Ein wichtiges Parlaments- oder Regierungsamt.

Das bei Studierenden beliebte Portal „Studycheck“ berät junge Menschen, die Politiker werden wollen, durchaus realistisch: „In der Regel engagierst Du Dich bereits von klein auf in einer Jugendorganisation der Parteien. Mit etwas Glück sowie politischem Erfolg in Orts- beziehungsweise Kreisverbänden steigst Du mit der Zeit in höhere Positionen auf und landest schließlich idealerweise in Berlin.“ Eine gute Allgemeinbildung sei hilfreich, die Karriereaussichten und das Gehalt allerdings mittelmäßig.

Wer von außen in den Politikbetrieb einsteigt, hat es meist schwer

Seit Platon und Machiavelli, spätestens aber seit dem legendären Nationalökonomen Max Weber gilt als gesichert: Kommunikative und kontaktfreudige Menschen haben es leichter, erfolgreiche Politiker zu werden. Ein gutes Näschen für wichtige Themen und eine positive Ausstrahlung, die die Wähler erreicht, sind ebenfalls hilfreich. Großes Selbstbewusstsein schadet nicht, schnöde Eitelkeit schon eher. Erfolgreiche Politiker brauchen, jedenfalls unter demokratischen Bedingungen, das unbedingte Vertrauen der Bürger.

In der Regel engagierst Du Dich bereits von klein auf in einer Jugendorganisation der Parteien

Studycheck

Zentral wichtig sind starke Verbündete in der eigenen Partei, denn in der Politik geht es um Macht und Mehrheiten. Wer nach oben strebt, muss hart und kaltschnäuzig genug sein, um sich der inneren und äußeren Konkurrenz zu erwehren. Das ist alles nichts für zart besaitete Seelen, die schnell in Stress geraten, und wer von außen in den Politikbetrieb einsteigt, hat es meistens schwer.

In den letzten zwei Jahrzehnten saßen nur drei echte Quereinsteigerinnen im Berliner Senat. Die Klimaschutzexpertin Regine Günther sowie zwei Frauen aus der Wirtschaft: Sybille von Obernitz und Juliane Freifrau von Friesen. Große politische Erfolge, um es höflich zu formulieren, waren und sind ihnen nicht beschieden.

Parteien sind keine guten Talentförderanstalten

Egal, wie man es dreht und wendet: Wer in der Politik etwas werden will, muss durch das Nadelöhr des Parteilebens. Die Parteien wirken laut Grundgesetz als „notwendiger Bestandteil der freiheitlich demokratischen Grundordnung“ dauerhaft an der „politischen Willensbildung des Volkes“ mit, aber sie gehen mit diesem Privileg nicht ausreichend sorgsam um. Beim Blick auf den Stimmzettel, egal bei welcher Wahl, stellt man stets fest: Die Parteien sind keine guten Talentförderanstalten. Auch nicht in Berlin, wo sich Politik ballt.

Immerhin zählen die im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien, von den Linken bis zur AfD, in der Hauptstadt über 55.000 Mitglieder. Etwa jedes sechste Mitglied gehört einem der parteinahen Jugendverbände an. Darüber hinaus gibt es in Berlin mehrere Dutzend gut organisierte Jugendverbände und ungezählte Initiativen, in denen sich junge, gesellschaftspolitisch interessierte Menschen ehrenamtlich engagieren. Rein statistisch gesehen ist das ein großes Rekrutierungspotenzial für eine neue, aktive Politikergeneration mit frischem Blick auf die Probleme.

Den innerparteilich zwingenden Marsch durch die Institutionen stehen aber nicht viele durch, und übrig bleiben dann nicht unbedingt die begnadeten politischen Talente. Wer es geschafft hat, ist dann meistens schon im „besten Alter“ und hat im aufreibenden innerparteilichen Überlebenskampf schon viel an Schwung und eigenem Profil verloren. Und es fehlten die Zeit und die Gelegenheit, die wichtige Tuchfühlung zum normalen Leben zu behalten und sich den Bürgern bekannt zu machen.

So stellte Infratest im Februar in einer Umfrage fest, dass nur 24 Prozent der Berliner den Namen der Grünen-Spitzenkandidatin für die nächste Abgeordnetenhauswahl, Bettina Jarasch, kennen. Mit 31 Prozent sind es beim CDU-Landeschef und Spitzenkandidaten Kai Wegner nicht viel mehr. Die Beliebtheitswerte beider Bewerber fallen entsprechend bescheiden aus. Denn bevor man jemandem vertraut, muss man sich von ihr oder ihm ein Bild machen können.

In Berlin kommt erschwerend hinzu, dass viele junge Leute mit Parteibuch eine Doppelstrategie fahren. Zumal dann, wenn sie Familie haben und Wert darauf legen, professionelle und private Dinge im Gleichgewicht zu halten. Wer nicht blind beseelt ist von der Vision, als große Lichtgestalt ins Berliner Geschichtsbuch einzugehen, koste es, was wolle, der sucht sich lieber einen gut dotierten und sicheren Job in einem Bundesministerium, einer vergleichbaren Behörde oder doch wenigstens in der Bundestagsverwaltung. Schließlich liegt die Hauptstadt vor der Wohnungstür.

Manche zieht es aber auch zurück, weg von der hektischen und nervenaufreibenden Metropole in die alte, gemütlichere Heimat. Wie etwa den im Amt erfolgreichen und politisch hoch talentierten Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach (SPD), der noch in diesem Jahr als Regionspräsident in seine Geburtsstadt Hannover wechseln will. Wieder einer weniger, den Berlin dringend nötig hätte.

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