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Müllers Herkulesaufgabe: "Die Rochade der Flughäfen ist die größte strategische Herausforderung Berlins"

Seit Wowereits Regierungserklärung wissen wir, wie Berlin regiert werden soll: wirtschaftlich, weltoffen, sozial verantwortlich, pragmatisch, routiniert. Und wer entwirft nun die dazu gehörenden Visionen?

Die Opposition gibt sich enttäuscht: kein Aufbruch in Sicht, keine Visionen, keine langfristige Strategie. Berlins Regierung: ein Alltagsgeschäft? Abarbeiten, was vorgestern auf den Weg gebracht oder gedacht wurde? Für die Stadtentwicklung scheint das der Leitstern zu sein, jedenfalls auf den ersten Blick.

Was sind die zentralen Projekte? Der neue Flughafen? Zweifellos ein Riesenprojekt, das aber frühere Regierungen auf den Weg gebracht haben. Stabilisierung der S-Bahn? Ein verzweifelter Versuch, die Qualität vergangener Zeiten wieder zu erreichen. „Weiterbau der A100“? Politisch wie ideologisch ein jahrzehntealtes Projekt: eine „Straße“ nur für Autos, die noch keinen Hauch von Aufbruch in den versprochenen „ökologischen Verkehrsmix“ vermittelt. 30 000 neue Wohnungen? Eher eine symbolische Antwort etwa auf die Mietensteigerungen in der Innenstadt und die Probleme der Großsiedlungen am Stadtrand.

Doch wo will der neue Senat hin? Berlin soll, so die frohe Botschaft, „zukunftsfähigste Metropole Europas“, „klimaneutrale Metropole“, ja „Referenzstandort für eine nachhaltige Stadt- und Raumentwicklung“ werden. Das bedeutet neue Mobilität und energie-effizientere Gebäude und Stadtviertel. Hier kommen die Anstöße aber vor allem von außen: Berlin, so Wowereit, soll mit Bundesfördermitteln ein „Schaufenster der Elektromobilität“ werden – mit einem guten Konzept, das alle Verkehrsträger umfasst, auch Trams und Fahrräder. Da fehlt eigentlich nur noch ein kleiner Schritt: Der neue Verkehrsmix braucht eine experimentelle Bühne: die großen Radialstraßen – ein internationales Topthema künftiger Stadtentwicklung, das auch wirtschaftliche und soziale Aspekte umfasst. Hier könnte Berlin vorangehen.

Das neue Leitungspersonal in der Senatsverwaltung weckt Hoffnung.

Die größte strategische Herausforderung Berlins ist die Rochade der Flughäfen. Die Eröffnung des Flughafens in Schönefeld ist, so Wowereit, das „wichtigste Datum in diesem Jahr“. Eigentlich ist es viel mehr, es ist ein Jahrhundertereignis. Denn neben einer neuen Wachstumsmaschine im Südosten der Stadt entstehen auch Leerstellen – bereits jetzt schon in Tempelhof, dann auch in Tegel. Damit verschieben sich die Gewichte in der Stadtregion. Diese Areale wieder in die Stadt zu integrieren, ist eine Herkulesaufgabe. Neben der angesprochenen Nachnutzung braucht es aber auch eine Vernetzung mit der Stadt. Es gilt, nicht nur die großen Verbindungsstraßen, sondern auch die entscheidenden Knotenpunkte zu verbessern: den Kurt-Schumacher-Platz, den Platz der Luftbrücke und die Kreuzung Tempelhofer Damm/Ringbahn bzw. Stadtautobahn, wo eine weitere Megainvestition geplant ist: die neue Landes- und Zentralbibliothek. In diesem ganzen Kontext könnte die von Wowereit nicht explizit angesprochene Idee einer IBA konkretisiert werden.

Für all diese Herausforderungen wird jedoch in den Richtlinien der Regierungspolitik eine Antwort in Aussicht gestellt. Das Zauberwort heißt: Stadtentwicklungskonzept 2030. Dieses impliziert die Zusammenarbeit von Berlin und Brandenburg. In der Tat ist dieser Hinweis in Wowereits Rede die wichtigste strategische Aussage – allerdings ohne begleitende Vision. Ein solches Konzept sollte zusammen mit Vertretern der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Wissenschaft erarbeitet werden. Eine Plattform dafür könnte ein erneuertes „Stadtforum 3.0“ sein.

Schließlich weckt das Leitungspersonal der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz Hoffnung: Der neue Senator Michael Müller hat Rückendeckung, er kann und muss sich profilieren – mit einer strategischen Perspektive. Dafür hat er gute Leute: die beiden neuen Staatssekretäre Christian Gaebler und Ephraim Gothe sowie die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Wir brauchen ja nicht nur gute Ideen und „starke öffentliche Unternehmen“, sondern auch eine starke Verwaltung, um Berlin zukunftsfähig zu machen.

Prof. Harald Bodenschatz ist Architektursoziologe und Stadtplaner. Architekt Aljoscha Hofmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der TUB.

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