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Für viele sprechen. In der Pandemie habe sich die Diskriminierung erwerbstätiger Eltern weiter zugespitzt, sagt Arbeitsrecht-Anwältin Sandra Runge. Diese Erfahrung gab den Anstoß für ihr politisches Engagement.

© Sven Darmer / Optik: Tagesspiegel

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Eine Anwältin für die Familien: Sandra Runge kämpft gegen Diskriminierung von Eltern im Berufsleben

Die Berliner Juristin, Autorin und Kita-Gründerin will die Welt für Mütter und Väter gerechter machen. Mit einer Petition setzt sie sich dafür ein, dass Elternschaft als Diskriminierungsmerkmal anerkannt wird.

Von Sarah Borufka

Sandra Runge will etwas bewegen. Ihre Mission: Die Welt für Mütter und Väter gerechter machen. Und damit hat sie alle Hände voll zu tun. Die 44-Jährige ist nicht nur erfolgreiche Rechtsanwältin, Bloggerin und Autorin. Die zweifache Mutter hat vor fünf Jahren auch eine Kita mit zwei Standorten gegründet und ist seit Anfang des Jahres als Aktivistin für Elternrechte aktiv. Im Januar trat sie die Initiative #Proparents los.

Runge setzt sich dafür ein, dass Elternschaft als Diskriminierungsmerkmal in das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufgenommen wird. Dies ist beispielsweise in Österreich schon der Fall. Dort steht im Gesetz, niemand dürfe „auf Grund des Geschlechtes, insbesondere unter Bezugnahme auf den Familienstand oder den Umstand, ob jemand Kinder hat, unmittelbar oder mittelbar diskriminiert werden.“ In Deutschland fehlt eine solche Regelung bislang.

Aus Runges Sicht ist dies völlig unverständlich. „Die Geschichten, die ich seit dem Start der Petition von Unterstützer:innen zugeschickt bekommen habe, sind teils wirklich unglaublich“, sagt sie. „In einem besonders krassen Fall erhielt eine Angestellte am ersten Arbeitstag nach der Elternzeit die Kündigung. Ihre Vertretung bekam am gleichen Tag einen unbefristeten Arbeitsvertrag.“

Kita und Co-Working-Space vereint

Runge empfängt in ihren Büroräumen über der Kita „Coworking Toddler“ am Neuköllner Maybachufer. Im Hof tollen Kinder, Kindergeschrei dringt durch das Fenster.

Als die Kinder in lauten Jubel ausbrechen, lacht Runge. 2018 hat sie die Kita eröffnet. Das Konzept: „Die Eltern wissen hier nicht nur ihre Kinder betreut, sondern nutzen einen Co-Working-Space im gleichen Gebäude. Sie sind so ganz nah dran an ihrem Nachwuchs“, erläutert Runge – „das war mir wichtig, denn ich habe das in vielen Kitas anders erlebt und oft Einblicke in die Betreuung und Begleitung meiner Kinder vermisst“. In einem hellen Raum neben ihrem Büro arbeiten die Eltern ihrer Kita-Schützlinge an aufgeklappten Laptops.

Runges Büro ist ordentlich, aber nicht steril. An der Wand hängt ein bunter Kunstdruck, auf dem Schreibtisch steht neben dem Stempelkarussell auch ein Strauß Trockenblumen. Runge selbst sieht ein bisschen so aus, als könnte sie in der Anwaltsserie „Suits“ mitspielen: Seriös, aber ohne spießig zu wirken. Dunkelblauer Hosenanzug, goldene Ohrringe, kein Schnick-Schnack. Sie hat eine leichte Sommerbräune, keine Spur von Augenringen oder Müdigkeit.

Das ist insofern erwähnenswert, als dass sie in den vergangenen fünf Jahren nicht nur beruflich ein hohes Arbeitspensum zu meistern hatte, sondern im Pandemie-Jahr auch das Homeschooling ihrer zwei Söhne, acht und elf Jahre alt.

Nach dem Mammutprogramm des letzten Jahres freut sie sich jetzt auf die Sommerferien und einen Urlaub in Österreich. Aber wann sie das letzte Mal auf Reisen richtig offline war, weiß sie nicht mehr. „Ich tue mich sehr schwer damit, mal nichts zu tun“, sagt Runge. Am ehesten gelingt es ihr, wenn sie in Ausstellungen geht. „Wenn ich vor einem Kunstwerk stehe, dann spüre ich eine tiefe, innere Ruhe. Kunst erdet mich“, sagt sie.

Runge lebt in Weißensee und besucht gerne das dortige Atelierareal an der Lehderstraße. Abschalten kann sie auch beim Spazieren um den Weißen See, oder am Wochenende, wenn sie mit ihrem Mann und den zwei Söhnen Radtouren nach Malchow macht, wo der Blick über weite Felder schweifen kann.

Obwohl sie und ihr Mann sich Erziehung und Haushalt gleichberechtigt aufteilen, habe Runge die Mehrbelastung durch Corona deutlich gespürt, sagt sie. Die Pandemie hat aus ihrer Sicht das verstärkt, was in Deutschland auch schon davor ein Problem war: Die Diskriminierung erwerbstätiger Eltern.

Vereinbarkeit von Beruf und Schule oft nur ein Lippenbekenntnis

Für Runge der Auslöser für ihr politisches Engagement und die Initiative #Proparents. Ihre Petition wird von Prominenten wie Collien Ulmen-Fernandes und Barbara Schöneberger unterstützt, auch der Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Bernhard Franke, ist ein Befürworter.

Seit dem Start im März erhält Runge hundertfach Zuschriften. Frauen und Männer schildern ihr die Erfahrungen, die sie im Zusammenhang mit ihrer Elternschaft im Berufsleben gemacht haben. Sätze wie: „Wir suchen eine Bewerberin wie dich, aber ohne Kinder“, oder „Leider müssen wir dir nach der Elternzeit kündigen, weil die Stelle in der Zwischenzeit anderweitig vergeben wurde“, gehörten in Deutschland für berufstätige Mütter immer noch zum Alltag, sagt Runge.

Sie selbst machte ebenfalls die Erfahrung, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie für viele Firmen nur ein Lippenbekenntnis ist. Das führte letztlich zu Runges Selbstständigkeit.

„Rückblickend war es auch der Startschuss für mein Engagement in Sachen Elternrechte. Aber damals war es trotzdem zutiefst schmerzhaft und ernüchternd“, sagt sie. „Als ich 2010 meinen ersten Sohn bekam, arbeitete ich bei einem mittelständischen Unternehmen, als Leiterin Recht. Ich ging in Elternzeit, arbeitete meine Vertretung ein, hielt Kontakt, tat alles, was man in dieser Zeit tun soll, um im Gespräch zu bleiben. Doch als ich nach einem Jahr wiederkam, wurde mir direkt am ersten Tag gekündigt.“

Selbstständig als Anwältin, Autorin von „Don’t worry, be mami“

Zwei Jahre später ging Runges Blog „Smart Mama“ online, das sich mit juristischen Fragen rund um Schwangerschaft, Mutterschutz und Elternzeit auseinandersetzt. Parallel dazu machte sie sich als Anwältin für Arbeitsrecht selbstständig. Heute vertritt sie überwiegend Mandantinnen, die ähnliche Erfahrungen mit ihren Arbeitgeber:innen gemacht haben. Aus ihrem eigenen Erlebnis nach der ersten Elternzeit hat Runge auch ein Buch gemacht. „Don’t worry, be mami“ versteht sich als juristischer Ratgeber für werdende Eltern.

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Mit ihrem Engagement hat Runge es bis ins Justizministerium geschafft. Im Juni empfing Ministerin Christine Lambrecht sie und weitere Mitstreiter:innen der Initiative #Proparents und #Gleichesrechtfüreltern, um über das Vorhaben zu sprechen, Elternschaft als Diskriminierungsmerkmal in das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufzunehmen.

Die Petition läuft noch bis Mitte Juli und hat in Deutschland schon jetzt 50.814 Unterstützer:innen. Sie erfüllt somit das erforderliche Quorum für die Vorlage beim Petitionsausschuss des Bundestages. Ein großer Erfolg für Runge und ihre Mitstreiter:innen.

Runge war nach eigenen Angaben erstaunt, als sie herausfand, dass über die Diskriminierung von Eltern im Berufsleben in Deutschland bislang keine Zahlen erhoben wurden. „Aber rund die Hälfte der Unterzeichnenden unserer Petition gaben an, dass sie selbst betroffen sind“, führt sie aus. „Das finde ich beachtlich.“

Für Runge ist deshalb es an der Zeit, dass es ein Gesetz gibt, das Arbeitnehmer:innen, die Eltern werden, vor Benachteiligungen schützt und ganz klar den Anspruch auf ihren Arbeitsplatz gewährleistet. „Für mich gehört das zu einem modernen, familienfreundlichen Land.“

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