Eine Berliner Weihnachtsfrau erzählt : Bescherung ist kein Patriarchat

Vivian Wolter begeht Heiligabend als Weihnachtsfrau. Das ist selbst in Berlin noch etwas Ungewöhnliches.

Schöne Bescherung. Für Vivian Wolter ist der Auftritt als Weihnachtsfrau nicht nur ein Nebenjob.
Schöne Bescherung. Für Vivian Wolter ist der Auftritt als Weihnachtsfrau nicht nur ein Nebenjob.Foto: Stefan Weger

Sie ist das weibliche Pendant zum dickbäuchigen Geschenkebringer mit dem langen weißen Rauschebart: Vivian Wolter tritt dieses Jahr zum ersten Mal als Weihnachtsfrau auf. Ganz ohne Bart und dicken Bauch, dafür mit rotem Rock, roten Lippen und weißer Langhaarperücke. „Wenn wir uns einen Weihnachtsmann ausdenken können, dann auch eine Weihnachtsfrau“, sagt die 40-Jährige und ihre Augen strahlen dabei hinter der Nickelbrille, die beim perfekten Weihnachtsfrau-Kostüm nicht fehlen durfte.

Da gibt es gar nicht so viel Auswahl. Bei der Googlesuche zu „Weihnachtsfrau-Kostüm“ findet man fast nur Angebote mit einem sexy Touch: tiefe Ausschnitte, sehr kurze Röcke, Netzstrumpfhosen. Dass eine Weihnachtsfrau auch die Geschenke für die Kinder bringen kann und nicht nur eine Schlafzimmerphantasie ist, ist wohl noch nicht in der Mitte der Bescherung angekommen. Dass sowohl Papa als auch Mama arbeiten gehen, ist selbstverständlich, sagt Wolter – dann sollte es doch auch kein Problem sein, dass die Weihnachtsfrau Geschenke verteilt.

Vivian Wolter hat selbst zwei Kinder, zehn und elf Jahre alt. Die verbringen den Heiligen Abend bei ihrem Ex-Mann, deshalb habe sie Zeit und freue sich darauf, anderen Kindern die Bescherung zu verschönern. „Frauen können das genauso gut wie Männer, vielleicht sind sie sogar einfühlsamer im Umgang mit den Kindern. Die sind ja auch manchmal ängstlich, wenn da plötzlich ein fremder Mensch in einem Kostüm im Zimmer steht“, sagt Wolter.

Wenn sie nicht als Weihnachtsfrau unterwegs ist, macht sie einen normalen Bürojob. Der Einsatz zum Fest ist für sie nicht nur ein Nebenverdienst. Vor allem möchte sie den Kindern, für die sie spielt, zeigen, dass die Welt kein Patriarchat sein muss. Gleichberechtigung sei schließlich etwas, das man lernen könne.

„Ich habe im Radio von Weihnachtsmann2Go gehört und war sofort begeistert“, sagt sie. Sie habe sich bei der Vermittlungsagentur gemeldet, weil die ausdrücklich auch nach Weihnachtsfrauen suchte. Einen Mann wollte sie nicht spielen, sagt Wolter, in der Rolle würde sie sich nicht wohlfühlen.

Heiligabend ist noch was frei

„Ein bisschen Angst, dass das floppt, haben wir schon“, gibt Tobias Groß, Gründer der Vermittlungsagentur, zu. „Viele Familien sind eher konservativ und stellen sich einen Mann vor, der die Geschenke zur Bescherung bringt.“ Mit 19 habe er selbst das erste Mal Weihnachtsmann gespielt. Gemeinsam mit Frederik Tholey entstand letzten November recht spontan die Idee zu Weihnachtsmann2Go. Seit 1949 hatte das Studierendenwerk den Vermittlungsservice angeboten, sich aber 2017 überraschend zurückgezogen – nicht mehr rentabel hieß es. „Wir haben den arbeitslosen Weihnachtsmännern und Engeln mit unserer Plattform ein neues Zuhause gegeben und gleichzeitig die Tradition in das Zeitalter der Digitalisierung überführt“, erklärt Tholey. „So können wir dieses Jahr mit unseren Darstellern 70 Jahre Berliner Weihnachtstradition feiern.“

Schöne Bescherung. Für Vivian Wolter ist der Auftritt als Weihnachtsfrau nicht nur ein Nebenjob.
Schöne Bescherung. Für Vivian Wolter ist der Auftritt als Weihnachtsfrau nicht nur ein Nebenjob.Foto: Stefan Weger

80 Weihnachtsmänner und Engel, die man über eine Website buchen kann, hat die Agentur im Portfolio – in diesem Jahr sind erstmals auch zwei Weihnachtsfrauen dabei. Tholey zeigt sich optimistisch. „Wenn das mit der Weihnachtsfrau nicht in Berlin funktioniert, wo dann? Ich würde auch eine Weihnachtsfrau für unsere Bescherung buchen, nur meine Freundin ist noch nicht ganz überzeugt von der Vorstellung.“

Falls er sie überzeugen kann, hätte Wolter jedenfalls noch Termine an Heilig Abend frei. So ganz neu sei das alles für sie auch gar nicht: Wolters Vater habe als Student für das Studentenwerk den Weihnachtsmann gespielt. Das habe sie immer bewundert. „Ich fühle mich eigentlich schon als Weihnachtsprofi“, sagt sie. Die Nickelbrille wippt dazu auf ihrer Nase.

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