Frühling in der Hauptstadt : Berlinerin bietet "Waldbaden" an

Einfach durch den Wald spazieren - kann ja jeder. Jetzt kommt etwas aus Japan zu uns: Shinrin Yoku, das Waldbaden.

Grünes Glück. Die Psychologin Lia Braun glaubt an die gesundheitsfördernde Wirkung des Waldes.
Grünes Glück. Die Psychologin Lia Braun glaubt an die gesundheitsfördernde Wirkung des Waldes.Foto: Sven Darmer

Lia Braun sitzt auf dem Waldboden, versunken in die Beobachtung eines kleinen Blatts. Es ragt aus dem Blättermeer hervor und zittert leicht im Wind. „Da könnte ich stundenlang…“ Lia Braun bringt den Satz nicht zu Ende. Schweigend guckt sie weiter zu, während hoch oben die Baumwipfel rauschen.

Was die Psychologin und Naturtherapeutin da macht, auf einer sonnigen Lichtung im Grunewald, dafür gibt es ein Wort: Waldbaden. Und es ist nicht nur ein Wort, sondern auch ein ganzes Gesundheitskonzept. Lia Braun veranstaltet regelmäßige Treffen für ein solches Bad im Wald. „Shinrin Yoku“ heißt das in Japan, wo es eine jahrzehntelange Tradition dafür gibt. Dabei sollen die Teilnehmer den Alltag hinter sich lassen und von der stärkenden Wirkung des Waldes profitieren. In diesem Fall, sagt die Naturtherapeutin aus Prenzlauer Berg, sei der Wald der Therapeut. „Ich bin lediglich da, diesen Prozess zu fördern.“

"Das beste Fitnesstudio der Welt"

Es gibt ein Argument, das Lia Braun für ihr Anliegen beanspruchen könnte, das nicht von der Hand zu weisen ist: Die 58-Jährige sieht einfach gut aus. Die hellen Augen strahlen, das kurze Haar glänzt silbern, sie wirkt fit, lebendig, jung. Ist ja auch naheliegend – wer viel draußen ist, bleibt in Form. Dennoch sind die schlichten Einsichten oft nicht so wirksam wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Daher profitieren Naturtherapeuten heute besonders von Studien und Buchveröffentlichungen der vergangenen Jahre, wie „Der Biophilia-Effekt“ des österreichischen Biologen Clemens Arvay. Für ihn ist der Wald nichts weniger als das „beste Fitnessstudio der Welt“.

Lia Braun sucht sich die nächstgelegene Buche aus, um ihre Umhängetasche dort abzulegen, auf der das Abzeichen der US-Organisation „Association of Forest and Nature Therapy Guides in Programmes“ aufgenäht ist. Jedes Waldbaden-Treffen beginnt mit einer kurzen Einführung. Das holt die Teilnehmer ab, von der Anreise durch die Stadt. „Weil der Kopf sowieso noch eingeschaltet ist und ein paar Informationen braucht“, sagt Braun.

Erste Forschungen auch in Deutschland

Das Waldbaden geht zurück auf eine Initiative in Japan, wo das Forstministerium seit den 1980er Jahren in der Bevölkerung darum warb, im Wald ihr Stresslevel zu senken. Das Ziel: ein gesünderer Lebensstil. Es folgten medizinische Studien, die über die Stressreduktion hinaus eine stärkende Wirkung auf das Immunsystem und sogar Krebsprävention nachweisen. Inzwischen kommt auch die Forschung hierzulande ins Rollen. In München erarbeiten Wissenschaftler gerade Kriterien für die Ausbildung in der Waldtherapie. „Das ist in der Regel dann genug Information um zu wissen: Das ist jetzt nicht etwas, was ich mir über Nacht ausgedacht habe“, sagt Lia Braun. Ein Specht klopft. Nachdem der Verstand gefüttert ist, folgt eine angeleitete Sinnesmeditation. Die Aufmerksamkeit wird auf die Geräusche des Waldes gelenkt, auf den erdigen Duft, darauf, wie der Atem verläuft. Das soll dafür sorgen, dass die Teilnehmer ankommen im Wald. „Man kann sich nicht gleichzeitig Sorgen machen und ganz bewusst wahrnehmen, wie sich die Luft auf der Haut anfühlt“, sagt Braun.

Die Tree Hugger haben's vorgemacht

Allein der Aufenthalt im Wald hat auf den Menschen eine gesundheitsfördernde Wirkung, durch die wertvollen sekundären Pflanzenstoffe, die die Bäume an die Luft abgegeben. Die Borke der Bäume ist besonders spendabel damit – selbst die Tree Hugger sind mittlerweile also gewissermaßen rehabilitiert. Auf Usedom gibt es seit vergangenem Jahr einen Kur- und Heilwald. Lia Braun sieht schon eine ganz neue Art des Gesundheitstourismus am Horizont.

Nach der Meditation geht sie über zu verschiedenen Übungen, die sie „Einladungen“ nennt. „Das sind keine Aufgaben, die es zu schaffen gilt“, sagt Braun. Es sind Anregungen, zur Orientierung und Inspiration. Sie sollen die Teilnehmer unterstützen, den Kopf weiter zu beruhigen, nicht dauernd Gedanken zu wälzen und Urteile zu fällen.

Beobachten im Zeit-lu-pen-tem-po

Die Vögel singen, die Sonne kitzelt auf der Haut. Die erste Einladung lautet: Gehe langsam umher und achte auf alles, was sich bewegt. Die Geschwindigkeit gibt Lia Braun vor. Zeit-lu-pen- tem-po. Der Fokus liegt im Hier und Jetzt. Das sei auch ein Grund, warum die Teilnehmer zu ihren Treffen kämen, sagt Braun. „Weil es auch ein Stück weit die Erlaubnis ist, sich im Wald anders zu bewegen. Andere Dinge zu tun und gleichzeitig jemanden dabei zu haben, der irgendwie zuständig ist.“

Hinterher können sich die Teilnehmer austauschen, was ihnen aufgefallen ist. Die Naturtherapeutin erzählt, sie habe kleine Spinnen beobachtet, die sich auf den Blättern gesonnt haben. Weitere Einladungen regen Beobachtungsgabe und die Fantasie an. Da wird ein Baumstamm zu einem gigantischen Rüssel, ein Astloch zu einem lachenden Mund, ein gebogener Zweig zu einem Tor.

Das fühlt sich gut an. Wer trotzdem Nahrung braucht für den Verstand, kann es so formulieren: Der Parasympathikus wird aktiviert. Der Herzschlag verlangsamt sich, der Körper entspannt, verdaut, regeneriert sich. Ganz von selbst.

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Die nächsten Termine zum Waldbaden mit Lia Braun (15/10 €): 8. und 22. April sowie 6. und 20. Mai.  Anmeldung über www.naturspirale.de.

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