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Viele Schätze gibt es auf diesem Flohmarkt zu entdecken.

© Kai-Uwe Heinrich

Trödel-Anekdoten: Geliebte Flohmarkt-Fundstücke

Der Flohmarkt an der Straße des 17. Juni feiert seinen 40. Geburtstag. Lesen Sie hier Anekdoten von Tagesspiegel-Redakteuren über eine Ur-Berliner Emaille-Brotschale, ein ganz besonderes Fotoalbum, einen viel zu großen Schrank - und die Tricks eines Verkäufers.

Mag sein, es gibt schönere Kleiderschränke. Praktisch ist er eigentlich auch nicht. Weil die Jacken und Mäntel nicht nebeneinander, sondern hintereinander hängen. Und eigentlich war er auch immer zu mächtig in unserem winzigen Flur. Warum ich mich also nicht schon längst von ihm getrennt habe? Weil dieser Schrank meine Erinnerung an die Achtziger birgt, an den 17. Juni, der eine Verheißung war für eine mittellose Studentin, die nach Berlin kam und ihre Kleider nicht an einen Haken hängen wollte, wo sie nur verstaubten wie die Orte, an denen sie zuvor gelebt hatte.  Ikea öffnete zu dieser Zeit sein erstes Haus in Berlin – aber dort einkaufen? Ausgeschlossen. Bücher, Besteck, Tassen, Spiegel, Platten wurden damals auf dem Flohmarkt erworben. Und heute: macht sich der Schrank in der üppigen Diele der neuen Wohnung ganz prima. Wenn wir bald wieder ausziehen müssen, braucht es dringend eine Wohnung mit einem großen Flur.

Patricia Wolf

Ein ganz besonderer Kleiderschrank

Die Lieblingsbrotschale von Redakteurin Susanne Kippenberger.

© Kai-Uwe Heinrich

Hamburg hieß meine Traumstadt. Bis ich nach Hamburg zog. Die zweieinviertel Jahre an der Elbe zählen zu meinen unglücklichsten - zu schick, zu geleckt war es mir dort. Dann zog ich, eher zufällig, 1989 nach Berlin, und war happy vom ersten Tag an. Das Schmuddelige der geteilten Stadt, die ihre Wunden und Gebrauchsspuren an jeder Ecke und Brandschutzmauer zeigte, erfreute mein Ruhrgebietsherz. Das Unterhaltungsangebot in der geteilten Stadt war übersichtlich, der Flohmarkt am 17. Juni ein Sonntagsmuss. Dort konnte man Sachen finden, die im Hamburger Antiquitätenshop das Vielfache gekostet hätten. Oder gar nicht ins Sortiment genommen worden wären. So wie die Ur-Berliner Emaille-Brotschale mit der Meierei-Milch-Werbung und dem propperen Kind, die mir vorkam wie die Stadt: witzig, billig, historisch und mit Macken. Seit einem Vierteljahrhundert lacht sie mich jeden Morgen an.

Susanne Kippenberger

Die Tricks eines Verkäufers

Zwei Jahre lang, Anfang der Neunziger, gab es zumindest einen Stand auf dem Flohmarkt „17. Juni“, an dem man ziemlich sicher war, nicht übers Ohr gehauen zu werden. Wenn es doch geschah, war allein der Käufer daran schuld. Ich war der Verkäufer und wahrscheinlich der ahnungsloseste, den es dort je gegeben hatte. Ich hatte Möbel im Angebot, Ölbilder, alte Tassen und Aschenbecher, Besteck, all das eben, was man dort so verkauft. Und alles aus Dänemark. Bei einem Besuch in Kopenhagen hatte ich Malte kennen gelernt, einen Freund von Freunden, der einen schlecht laufenden Antiquitätenladen betrieb und erfahren hatte, dass man Antiquitäten in Berlin viel besser verkaufen konnte als in Kopenhagen. Er hatte die Ware, ich ein freies Zimmer in Berlin, also wurden wir Partner. Jedes dritte Wochenende brachte Malte neues altes Zeug, verkaufte es selbst auf dem Flohmarkt, stellt den Rest bei mir unter und überließ die Sache an den übrigen Wochenenden mir. Wie viel Geld ich für seine Dinge verlangen sollte, sagte er mir nie. „You’ll learn it by yourself“, sagte er mit seinem lustigen dänischen Akzent. Und war sehr froh, dass ich überhaupt Geld einnahm. Ich lernte, wie Preisfindung auf dem freien Markt funktioniert: Der Verkäufer nennt mit leiser, leicht fragender Stimme einen Fantasiepreis, und wenn der Interessent sofort zustimmt, korrigiert er schnell aufs Doppelte. Ein Zahlendreher, ein angeblich übersehener Stempel auf der Rückseite der Ware, Gründe finden sich leicht. Da nicht selten auch nach der Verdoppelung die Leute gleich und gern die Dinge kauften, gehe ich davon aus, dass ich Malte sehr viel reicher hätte machen können. Den Käufern gegenüber ist mein Gewissen aber rein.

David Ensikat

Bloß kein kurioses Zeug

Mein damaliger Freund und ich bummelten über den 17. Juni, uns gefielen die gleichen Sachen – Silberbesteck, Teekannen aus Silber, silberne Kerzenhalter, alte Gläser, altes Bauernleinen, etwa Geschirrtücher. Ich suchte zusätzlich Füllhalter mit Goldfeder aus den Fünfzigern und Sechzigern. Unsere Beziehung war nicht die beste, ständig stritten wir uns. Auf dem Flohmarkt entstand ein Verbundenheitsgefühl; man ahnte schon, dass der andere einen ähnlich bürgerlichen Lebensstil anpeilte wie man selbst. Nie hätte einer von uns kurioses oder schräges Zeug gekauft. Wir gingen schließlich mit einer Menge Geschirrtücher und Servietten nach Hause, unsere erste gemeinsame Anschaffung. Die Beziehung wurde schnell wieder zur Achterbahn, aber wir sind immer noch zusammen. Eins der Geschirrtücher nehme ich als Trainingshandtuch beim Sport. Neulich pflaumte mich dort eine junge Trainerin an, ob dieser Lappen etwa mein Handtuch sein solle. Ich sagte: „Das ist ein handgewebtes Bauernleinen, über 100 Jahre alt.“ Die Trainerin machte große Augen und sagte dann: „Boah, echt? Sowas finde ich toll!“ Fatina Keilani

Betonfrisur in Bella Italia

Der elfenbeinfarbene Kunstledereinband ist einfach grauslich - und doch musste ich das Fotoalbum unbedingt haben. Eine Reise aus dem Jahr 1968 ist darin liebevollst dokumentiert: Im VW Käfer ging's über den Brenner nach Bella Italia, an den Gardasee und nach Rom. Auf den meisten Bildern im 9x9-Zentimeter-Format ist eine Frau mit Betonfrisur vor Sehenswürdigkeiten zu sehen. Das Tollste aber sind die Collagen aus Rechnungen, Landkarten, Hotelprospekten, Postkarten und Weinetiketten, die sich um die Bilder ranken. Welcher herzlose Erbe mag mir diesen privaten Erinnerungsbildband vor 25 Jahren für ein paar Mark verkauft haben? Je mehr die Handyfotografitis um sich greift, je seltener die digitalen Schnappschüsse noch auf echtem Papier abgezogen werden, desto wertvoller wird mir dieses Flohmarkt-Fundstück.

Frederik Hanssen

Ein viel zu großes Puzzle - und eine Lösung

In der neuen Wohnung hatten Generationen von Vormietern die Messing-Türbeschläge x-fach übermalt, wir wollten den Altbauglanz wieder herstellen. Also schraubten wir an sechs Türen alles ab, im Baumarkt riet man uns erst zu ätzenden Pasten und stählernen Schwämmen, dann zu Bio-Entschichter und samtweicher Politur. Nach tagelangem Einweichen, Abkratzen und Schmirgeln standen wir vor dem nächsten Problem: Wir hatten alle Teile durcheinander geschmissen und saßen nun inmitten eines riesigen Puzzles aus Klinkenteilen, Drehriegeln und Beschlägen. Nichts passte mehr zusammen. Die Lösung fanden wir auf dem Trödelmarkt: An einem Spezialstand, der einzig und allein Türbeschläge anbietet, tauschten wir unsere verirrten Teile gegen passende Stücke ein. Und für den Fall, dass unsere nächsten Vormieter wieder zu großzügig mit Farbe umgegangen wären, gab uns der Verkäufer einen Tipp: Beschläge auf ein Backblech, Wasser und ein Spülmaschinen-Tab dazu – löst jede Farbe.

Lars Spannagel

Eine Glocke für den Garten

Alte Schallplatten, Silberbestecke, kuriose Kopfbedeckungen, antike Postkarten und Bücher: Der Flohmarkt an der Straße des 17. Juni gehörte lange zu den Sehenswürdigkeiten des Stadtrundganges, den ich mit Freunden und Bekannten von außerhalb unternahm, um sie in die Geheimnisse Berlins einzuweihen. Vor vielen Jahren, da war der Markt noch ein Teenager, kam meine Mutter mit ihrer besten Freundin zu Besuch. Müßig schlenderten wir bei sonnigem Sommerwetter über den Flohmarkt. Plötzlich ein Freudenschrei. Entzückt hielt die Freundin eine alte Glocke in die Höhe. „Genau sowas suche ich seit Monaten!“ Ihre Tochter war mit Familie gerade aufs Nachbargrundstück gezogen, und sie wollte die Glocke gern im Garten anbringen, um alle zum Essen zusammen läuten zu können. Heute weiß ich, dass die Glocke viele glückliche und auch manche sorgenvollen Mahlzeiten eingeläutet hat. Bevor sie irgendwann verstummen musste.

Elisabeth Binder

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