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Glosse: Glitschiges Berlin

Derzeit hat man in Berlin nur die Wahl zwischen fies-feuchten Füßen und Oberschenkelhalsbruch.

Von Amir El-Ghussein

Wenn sich der Berliner dazu entschließt, vor die Tür zu treten und den traditionellen, jahrtausende erfolgreich angewendeten Gang des Homo Sapiens, nämlich den auf zwei Beinen, auszuprobieren, wird die Sache zur riskanten Rutschpartie. Versuche, im schlitternd-schleichenden Trippelschritt wenigstens zum Supermarkt und zurück zu gelangen, werden zum Abenteuerausflug. Es können unfreiwillige Tanz- und spektakuläre Flugeinlagen bewundert werden.

Mütter klammern sich an kippelnde Kinderwagen. Ältere Damen mit Rollator sind inzwischen aus dem Straßenbild verschwunden. Alles schlingert, schlittert und rutscht. Manchmal ist vom einen oder anderen am Boden Liegenden ein Lachen zu hören, manchmal die Sirene des Rettungswagens. Doch Dank des Tauwetters gibt es die Möglichkeit, zwischen Eisbahn und stehendem Gewässer zu wählen. Manch einer tastet sich am Schneematsch entlang, genau an der Stelle, an der man keinen Halt hat und sich aber trotzdem schon nasse Füße holt.

Immerhin ist es beim Marsch durch die städtische Seenplatte möglich, seine Schuhe auf etwaige Lecks zu untersuchen. Die vom Salz und Schnee durchlöcherten Latschen versagen all zu oft beim Feuchtigkeitstest. Immerhin stellt manch einer fest, dass er über kein dichtes Schuhwerk mehr verfügt, und so geht das Schlittern munter weiter. Da es offenbar zur Berliner Lebensart gehört, den Trottoire nur vor jedem dritten Haus vom Eis zu befreien, sind die auf ihre Füße angewiesenen Verkehrsteilnehmer in arger Not. Auf Hilfe vom Ordnungsamt wagen die geplagten, zerbeulten und resignierten Eistänzer nicht mehr zu hoffen. Da hilft wohl nur noch eines: der Frühling. 

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