
© IMAGO/Jochen Eckel
„Hat mich zu dem gebracht, was ich heute mache“: Wie sinnvoll ist ein Orientierungsstudium nach dem Abi?
Die Freie Universität Berlin schafft ihr Programm ab, in dem Abiturienten „auf Probe“ studieren konnten. Es sei zu wenig nachgefragt. Ist es wirklich überflüssig? Wir haben Ehemalige nach ihren Erfahrungen gefragt.
Stand:
Heute ist Carla 24 Jahre alt und studiert an der Freien Universität Berlin (FU) Literaturwissenschaften und französische Philologie. Als sie mit 19 für den Bundesfreiwilligendienst aus Dortmund nach Berlin-Wedding zog, wusste sie nichts von diesen Studiengängen. Ganz anders nach ihrem Orientierungsstudium: „Mich hat das Ganze tatsächlich zu dem gebracht, was ich heute mache“, sagt Carla.
Sie spricht von dem Programm „Eins@FU“ der FU, das sie im Jahr 2021 absolvierte. In den drei Schwerpunkten „Natur“, „Geist“ und „Kultur“ konnten Studierende in Fächer ihrer Wahl hineinschnuppern. Seit 2017 gab es den Studiengang – als Versuch, angehenden Studierenden bei der Studienwahl behilflich zu sein.
Anders als ein dreijähriges Bachelorstudium bot das Orientierungsstudium den Teilnehmenden keinen Studienabschluss und dauerte nur ein Jahr. Dafür zeichnete sich das Programm durch eine enge Betreuung aus. Mentoren halfen, das Studieren an sich zu verstehen. Zum Schluss erhielten die Teilnehmenden ein Zertifikat und erworbene Leistungspunkte konnten sie in das anschließende Studium einbringen.
Nun wurde der Sonder-Studiengang jedoch eingestellt.
Die FU begründet das mit sinkender Nachfrage. Man habe das Programm deswegen zum 30. September 2025 eingestellt. Und auch, weil „das Orientierungsstudium nicht zu mehr regulären Studierenden geführt hat“. Dabei geht aus der öffentlich zugänglichen Studienstatistik der FU hervor, dass die Teilnehmerzahl von 2017 bis 2025 immer einigermaßen konstant bei 220 Studierenden pro Jahr geblieben ist.
Nun müssen Interessierte auf anderen Angebote in der Region ausweichen. Die Technischen Universität Berlin hat das Orientierungsstudium „MINTgrün“ im Angebot, die philosophische Fakultät der Uni Potsdam das Programm „UP-Grade“. Wer noch zwischen Ausbildung und Studium schwankt, kann sich das Orientierungsjahr der Hochschule für Technik und Wirtschaft ansehen. Aber keines dieser Angebote bietet dieselbe Bandbreite an Fachbereichen wie der eingestellte Orientierungsstudiengang der FU.
„Viele waren traurig, keinen Platz bekommen zu haben“
Die Studentin Carla berichtet, dass ihr während des Orientierungsstudiums tatsächlich viele Teilnehmende begegneten, die das Ganze als Überbrückung sahen und das Angebot nicht wie vorgesehen nutzten. „Manche wollten nur für das Kindergeld eingeschrieben sein.“ Sie selbst sei ernsthafter an das Programm herangegangen und habe sich damit in der Minderheit gefühlt.
Doch auch für das Orientierungsstudium mussten die Teilnehmenden Leistungen vorweisen. Es gab einen Numerus Clausus und der sei hoch gewesen in ihrem Jahrgang, sagt Clara: „Ich habe wirklich viele kennengelernt, die traurig darüber waren, keinen Platz bekommen zu haben.“ Diese hätten sich dann ihr zufolge direkt für ein reguläres Studienfach entscheiden müssen.
Wer nur zum Schein eingeschrieben war, nahm also einem ernsthaft Interessierten den Platz weg – in Carlas Augen ein Mangel des Studiengangs. Insbesondere, da ein erheblicher Teil dieser nur formal immatrikulierten in ihrem Jahrgang aus „eher privilegierten Verhältnissen“ aus Zehlendorf stammte.
Wenn das Programm mehr junge Menschen für ein FU-Studium gewinnen will, müsste es wohl mehr werben. Insbesondere, wenn es Abiturienten aus Familien ohne akademischen Hintergrund erreichen soll.
Clara selbst beantragte für das Studium Bafög. „Für mich war das auch nötig“, sagt sie. Bereits um ihren Bundesfreiwilligendienst in Deutschland absolvieren zu können, hatte sie Arbeitslosengeld beantragen müssen.
Im Orientierungsstudium belegte sie eigentlich den Schwerpunkt Kultur, konnte aber auch Einblicke in Fächer wie Literaturwissenschaft und französische Philologie gewinnen, die unter „Geist“ gefasst waren. Genau in dieser Fächerkombination wird sie bald ihren Bachelor abschließen.
Vom Alibi-Studenten zum Gründer einer Unizeitung
Max hingegen ist einer von denen, die sich eingeschrieben haben, um von Kindergeld, Krankenversicherung und Semesterticket zu profitieren. „Alibi-Studium“, wie er es nennt. Max ist 21 Jahre alt und stammt aus dem Wedding. Er erzählt, dass er sich vier Jahre zuvor mit seinem Abitur in der Tasche schlecht vorbereitet gefühlt hätte, „auf das, was danach kommt“.
Er studierte offiziell im Orientierungsstudium, wollte aber das Angebot nach einigen Einführungsveranstaltungen nicht weiter nutzen.
Dann habe er plötzlich Spaß am Mentoring gefunden, an seinen neu gewonnenen Freunden und dem Fach, das bisher nur ein Hobby gewesen sei: Filmwissenschaften. „Das war wie eine Offenbarung für mich: So viele Menschen, die sich für Film interessieren, an einem Fleck“, erzählt Max. Das Jahr raste an ihm vorbei. Selbst nach Abschluss des Orientierungsstudiums besuchte er weiter die Film-Vorlesungen, weil er so begeistert war.
„Ich habe so meine Familie gefunden im Filminstitut“, sagt er und lacht. Er spricht davon, dort Freunden fürs Lebens begegnet zu sein. Mit ihrer Unterstützung gründete er die Filmzeitschrift „Cinemate“ am Filminstitut der FU. Seine Stimme schwingt mit, als könne er es rückblickend selbst nicht ganz glauben, wo ihn das Studium hingeführt hatte.
Das Orientierungsstudium würde er jedem empfehlen. „Ich musste erst einmal verstehen, was das Konzept von Studieren überhaupt bedeutet.“ So habe er sich nicht vor dem echten Studienstart gefürchtet.
Und konnte seinen Karrierestart gezielter wählen. Denn dass ihm so manches Kurrikulum zu theoretisch sei und man „gottlos antiquierte Texte liest“, hätte Max, so sagt er, sonst erst während des laufenden Studiums herausgefunden. Und das dann wohl abgebrochen.
Heute studiert Max praktische Filmwissenschaften an der Berliner Hochschule für Technik. Der FU bleibt er aber verbunden, er leitet dort weiterhin die Filmzeitung „Cinemate“.
Zukunft des Studiengangs bleibt unklar
Dass das Orientierungsstudium eingestellt wurde, findet er „extrem schade“. Er hätte aber auch Verbesserungsvorschläge fürs Programm, damit die Studierenden am Ball bleiben. Es schrecke ab, „wenn 150 Leute, die den Schwerpunkt ‚Geist‘ kennenlernen wollen, sich aber 90 Minuten etwas über Koptologie, anhören müssen“.
Max hätte sich als Neuling gewünscht, zuerst einen umfassenden Überblick über das Fächerangebot der Freien Universität zu bekommen. So hätte er seine Schwerpunkte selbst wählen können, statt sie in Vorlesungen vorgesetzt zu bekommen.
Etwas Hoffnung gibt es aber, dass junge Menschen die Studienfächer der FU künftig immer noch über das Schnupper-Konzept kennenlernen können. Eine „Neuauflage in weiterentwickelter Form ist denkbar“, teilt die Pressestelle noch mit. Das werde derzeit in einzelnen Fachbereichen diskutiert.
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