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So nicht! Wer Kirchensteuer zahlt, sollte nicht - wie diese Besucher der Christvesper im Berliner Dom anno 2010 - auf den Altarstufen sitzen müssen.

© dpa

Bekenntnis eines Weihnachtskirchgängers: Ich möchte ein Heizkissen und Respekt!

Man hat es nicht leicht als so genannter U-Boot-Christ in Berlin: Wer nur einmal im Jahr, zu Weihnachten, in die Kirche geht, erntet Verachtung – und keinen Sitzkomfort. Dabei müsste zumindest der durch die Kirchensteuer gesichert sein.

Noch schlechter angesehen als Bankräuber, Hundehalter und Rocker sind in dieser Stadt: Christen, die bloß einmal im Jahr in die Kirche gehen, nämlich zu Weihnachten.

Ich bin so ein Fall. Dienstagabend werde ich mir in einer kleinen Dorfkirche in Reinickendorf die Weihnachtsgeschichte anhören, danach wieder 364 Tage lang fernbleiben, es sei denn, zwischendurch heiratet mal einer.

Mich irritiert, warum das so viele Leute aufregt – ausnahmslos solche, die selbst gar nicht in die Kirche gehen. Die lehnen mein Verhalten nicht nur ab, sondern wollen auch belehren. Selbst Menschen, die ich ansonsten für kompromissbereit und weltoffen halte, zeigen bei diesem Thema die Toleranz von Taliban.

Der Lieblingvorwurf lautet: „Das ist doch scheinheilig!“ Was für ein dummer Gedanke. Das unterstellt ja, ich wolle irgendjemandem mit meinem Kirchgang etwas vortäuschen. Vielleicht Gott, der doch – in der Logik eines Gläubigen gedacht – sowieso alles weiß? Vielleicht dem Pfarrer, den ich gar nicht kenne? Oder den Nachbarn gar? Meine Fresse, wir sind hier in Berlin. Wir geben uns keine Mühe, Nachbarn etwas vorzutäuschen.

Wahrscheinlich argwöhnen sie tatsächlich, da wolle sich einer mit möglichst wenig Aufwand in den Himmel einschleichen. Dann käme zur Intoleranz noch Missgunst hinzu – und die Angst, selbst nicht genug zu tun, falls es überraschenderweise doch ein Leben nach dem Tod geben sollte.

Noch mal für alle, die im Religionsunterricht nicht aufgepasst haben: Die eigene Beziehung zu Gott hat nichts mit der Menge an Kirchgängen zu tun.

Vielleicht kommt die Ablehnung der Kirchenmeider auch daher, dass sie falsche Vorstellungen haben, was Heiligabend in so einem Gottesdienst eigentlich passiert. Da wird sich nämlich nicht gegenseitig auf die Schulter geklopft, wie christlich man doch ist. Da wird auch keine Strichliste geführt und heimlich über diejenigen gelästert, die es nicht einmal Weihnachten in die Kirche zieht.

Innehalten, abschalten - was soll daran geheuchelt sein?

So nicht! Wer Kirchensteuer zahlt, sollte nicht - wie diese Besucher der Christvesper im Berliner Dom anno 2010 - auf den Altarstufen sitzen müssen.

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Gottesdienst an Heiligabend, das ist für mich: sich zusammen mit der engsten Familie in eine Bankreihe quetschen, bisschen Lieder singen, bisschen innehalten, sich vergebens vornehmen, während der Predigt mit den Gedanken nicht abzuschweifen, stattdessen an Gott, die Welt und das Jahr denken, allen Stress der vergangenen Tage abfallen lassen.

Was genau soll daran geheuchelt sein?

Ich bin übrigens auch Mitglied in einer Umweltschutzgruppe und in einer Partei. Für beide zahle ich jeden Monat einen kleinen Betrag, ohne je dort aufzutauchen und mitzumachen. Einfach, weil ich die unterstützen möchte. Komischerweise hat mich noch keiner belehrt, dass man dort entweder richtig oder gar nicht mitmacht.

Einmal-im-Jahr-Kirchgänger haben es aber noch aus einem anderen Grund schwer: Die Kirchen sind Heiligabend übervoll, ständig hat man die Ellenbogen des Nachbarn in den Rippen, wer Pech hat, kriegt überhaupt keinen Sitzplatz ab. Trotz Sonderschichten – in Berlin gibt es am Dienstag mehr als 800 Gottesdienste – bleibt die Nachfrage größer als das Angebot. Vor Dom und Marienkirche bilden sich Schlangen, manche müssen draußen bleiben. Ich denke, das muss die Kirche in den Griff kriegen. Der Riesenandrang kommt schließlich nicht überraschend. Wenn der Dom tatsächlich Besucher abweisen muss, braucht es draußen vor der Tür eben Heizpilze und eine Großbildleinwand.

Wer zum Beispiel 700 Euro Kirchensteuer im Jahr zahlt, könnte dafür genauso gut acht Mal zur „Blue Man Group“, beste Plätze. Oder sich eine Hertha-Dauerkarte auf der Haupttribüne leisten und in jeder Halbzeitpause zwei Würste kaufen. Wer so viel Geld lieber der Kirche und ihren wohltätigen Gruppen gibt, dafür bloß einmal im Jahr zum Gottesdienst möchte, sollte wenigstens einen ordentlichen Sitzplatz bekommen – und nicht ständig die Ellenbogen des Nachbarn in die Rippen.

Klar, Umdenken braucht Zeit. Diesen Dienstag werden wir uns wieder quetschen müssen. Aber nächstes Jahr fände ich es schön, auf meinem Platz ein beheiztes Kissen vorzufinden. Falls dann auch an Teeausschank gedacht wird: für mich bitte schwarzen, ohne Zucker.

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