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Der Kreuzberger Kiez ist für Mati Shemoelof ein Zuhause geworden.

© Tagesspiegel • Foto: Doris Spiekermann-Klaas • Illustration: Felix Möller

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Jüdischer Autor Mati Shemoelof in Berlin: „Ich habe hier die Freiheit gefunden, die ich brauchte“

Die Zerrissenheit der Stadt beschäftigt Mati Shemoelof, er selbst ist ein Grenzgänger zwischen verschiedenen Kulturen – und fand hier die Freiheit, herauszufinden, wer er ist. Aus unserer Serie „Berliner Leben“.

Von Marie Steffens

Der Himmel ist grau und trüb, die Äste sind kahl. Im kleinen Park an der Kreuzberger Fontanepromenade, zwischen Urbanstraße und Südstern, sind kaum Menschen unterwegs. Mati Shemoelof sitzt mit einem Kaffee auf einer kleinen Bank. Er wirkt unauffällig mit seinem angegrauten Vollbart und der schwarzen Winterjacke – Shemoelof ist keiner, der gern Aufmerksamkeit erregt.

Seine Hände hat er in den Schoß gelegt, der 48-Jährige beobachtet aufmerksam alles um sich herum. Ein Obdachloser sucht in einem der Mülleimer nach Pfandflaschen. Zwei Frauen laufen plaudernd vorbei. „Da ist ein Fuchs“, sagt er und deutet auf eine Stelle zwischen den parkenden Autos, keine Bewegung scheint ihm zu entgehen. „Das gibt es nur in Berlin“, sagt er und lächelt.

Beobachtungen wie diese behält Mati Shemoelof nicht für sich. Er ist Schriftsteller, schreibt über die kleinen Dinge des Alltags. Seit 2015 wohnt er in der Nähe der Hasenheide. Zwei Jahre zuvor ist er aufgrund der politischen Situation in Israel aus seiner Heimatstadt Haifa nach Berlin gezogen.

Mit den Jahren habe ich mir ein Leben in Berlin aufgebaut.

Mati Shemoelof vermisste anfangs noch seine Heimat Israel

Als Israel 2012 den Gazastreifen bombardierte und im Gegenzug die Hamas Tel Aviv beschoss, habe er es nicht mehr ausgehalten und verließ bald darauf das Land. „Meine Freunde und mein Leben in Israel habe ich anfangs sehr vermisst“, sagt er leise. „Doch mit den Jahren habe ich mir ein Leben in Berlin aufgebaut.“ Shemoelof ist verheiratet und hat eine dreijährige Tochter.

In seinem aktuellen Buch „Bleiben oder widerstehen“ widmet er seiner Wahlheimat ein Gedicht:

,,Berlin im Herbst, Du rote Königin
Orange, im Schnee der Blätter
abgedeckt alle Freuden des Sommers
Eine kühle Brise kahler Bäume,
deren Wurzeln jüdisch sind (...)“

Für Mati Shemoelof ist Berlin zweigeteilt: Eine schöne Stadt, in der einst schreckliche, unverzeihliche Dinge geschahen. Überall sieht er Orte, die ihn an den Holocaust erinnern. Die ihm Stiche ins Herz versetzen. Nachdenklich blickt er sich um.

„Nicht die Bank, auf der ich sitze, aber eine andere, die dort drüben stand, war zur Zeit der Nationalsozialisten für Juden bestimmt.“ Er steht auf und geht die Straße entlang in Richtung Landwehrkanal, vor dem Gebäude an der Fontanepromenade 15 bleibt er stehen. „Das war die ehemalige Zentrale Dienststelle für Juden, die viele Juden zur Zwangsarbeit nötigte.“

Die Gräueltaten an Berliner Juden während der Nazi-Zeit beschäftigen Shemoelof

Shemoelof weiß viel über das jüdische Berlin, oft spaziert er umher, sieht sich Gedenkorte an. Die Gräueltaten an Berliner Juden zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen ihn. „Ich kann das Leben in Berlin nicht feiern, ohne daran zu denken.“ Es beunruhigt ihn, dass in den vergangenen Jahren wieder vermehrt antisemitische Angriffe stattfinden, Verschwörungsgläubige auf Corona-Demos auch gegen Juden Stimmung machen.

Trotzdem fühlt er sich in Berlin sicher, mit seiner Tochter spricht er auch auf der Straße Hebräisch. Er schätzt – wie viele Zugezogene – die Offenheit in der Stadt. „Ich habe hier die Freiheit gefunden, die ich brauchte.“ Freiheit, um herauszufinden, wer er ist, auch schreibend.

Die ersten Gedichte veröffentlichte er mit 16 Jahren

Seine ersten Gedichte verfasste er mit 16 Jahren. Nach seinem Dramaturgie- und Geschichtsstudium veröffentlichte er weitere Texte, nicht nur Lyrik: Regelmäßig schreibt er auch über die aktuelle Lage in seiner Heimat. Im vergangenen Jahr etwa schrieb er für die große israelische Zeitung „Haaretz“ über Yair Netanjahu, den umstrittenen Sohn des israelischen Präsidenten.

Er ist ein Grenzgänger, pendelt zwischen verschiedenen Kulturen und Ländern, fühlt sich verschiedenen Communitys zugehörig. Ein Teil seines Berliner Freundeskreises ist israelisch, darunter sind auch Schriftsteller wie Tomer Gardi und Itamar Orlev. Shemoelof findet es schade, dass viele aus der israelischen Literaturszene Berlins nur in Israel veröffentlichen.

Shemoelof in Kreuzberg. In Berlin fühlt er sich so sicher, dass er mit seiner Tochter Hebräisch auf der Straße spricht.

© Doris Spiekermann-Klaas TSP

„Dadurch sprechen sie nicht mit den Leuten hier vor Ort.“ Das könnte sich aber ändern, glaubt Shemoelof. „Wenn es in Berlin einen hebräischen Verleger geben würde.“ Er selbst publiziert seine Texte bereits in Berlin und in Israel. Wenn er in Israel veröffentlicht, wird jedoch stets erwähnt, dass er aus einer Außenperspektive berichtet. Das verletzt ihn. „Ich fühle mich immer weniger als Israeli. Weil ich im Ausland lebe, kann ich in Israel nicht einmal mehr wählen.“

Zugleich fühlt er sich aber auch nicht als Deutscher. „Ich lebe zwar hier, aber kann nicht gut genug Deutsch sprechen, um für ein deutsches Magazin zu arbeiten.“ Das wäre sein Traum. Seine Texte verfasst Mati Shemoelof auf Hebräisch oder Englisch, dann werden sie ins Deutsche übersetzt. Das Gedicht „Aussländer krise“ hat er auf Deutsch verfasst und unkorrigiert veröffentlicht, es spiegelt seine Zerrissenheit:

,,Gestern ich hab getruemt
ich hab gelernt zu Sprechen
Gestern ich war nicht
Gestern ich hab gesrieben das worte“

Doch nicht nur zwischen der deutschen und der israelischen Identität versucht Shemoelof einen Platz zu finden. Seine Großeltern sind in den 1920er Jahren aus dem Irak und Iran ins damalige Palästina geflohen, seine Familie gehört zu den Mizrachim, was im Hebräischen „orientalische Juden“ bedeutet.

Seine „orientalische“ Seite konnte Shemoelof in Israel jedoch nicht ausleben. „Die Geschichte der Mizrachim wurde lange nicht gelehrt“, erzählt er. Die Community war in der Gesellschaft unterrepräsentiert, lebte in sozial schwachen Verhältnissen. Heute ist sie stärker in der Politik und Kultur vertreten.

Shemoelof ist Mizrachischer Jude - die noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen haben

Trotzdem hat sie laut Shemoelof noch mit Vorurteilen zu kämpfen. Mizrachische Juden würden als ungebildet gelten, hätten keine Kultur, keine Kontrolle über ihr Leben. Auf diese Missstände will der Schriftsteller aufmerksam machen.

Das Tempelhofer Feld ist Shemoelofs - seine Weite verspricht Freiheit.

© Fabian Sommer/dpa

Vielleicht ist es auch ein wenig sein Verdienst, dass die Mizrachim sowohl in Israel als auch in Deutschland sichtbarer geworden sind, etwa durch Veranstaltungen im Jüdischen Museum. In seinem Gedichtband „Bagdad Haifa Berlin“ ( erschienen bei AphorismA, 92 Seiten Hardcover, 15 Euro via bestellung@aphorisma.eu ) und der Textsammlung „ … reißt die Mauern ein zwischen ,uns‘ und ,ihnen‘“ schreibt er über die „orientalischen“ Juden in Israel.

Shemoelof hat eine Literaturgruppe für arabische und jüdische Schriftsteller gegründet

Außerdem hat er in Berlin die Literaturgruppe „Anu“ für arabische und jüdische Schriftsteller gegründet. „Das ist das Tolle hier. Es können sich Leute treffen, die sich in Israel niemals hätten treffen können. Kurden und Ägypter sind hier meine Freunde.“

„Salam aleikum“, grüßt Shemoelof einen Bekannten auf der Straße. Beim Spaziergang durch Kreuzberg ist es, als blättere er in seinen Erinnerungen an erste Erlebnisse in Berlin. Der Kiez ist sein Zuhause geworden, trotz der schwierigen Suche nach Zugehörigkeit.

Mati Shemoelofs Lieblingsort aber liegt etwas weiter südlich: das Tempelhofer Feld. Im vergangenen Sommer hat er hier im Rahmen eines Projekts eine kreative Führung gegeben. Wieso er das Feld so mag? „Flugzeuge fliegen zu anderen Ländern wie Worte, die von unserem Mund zu anderen Menschen fliegen“, sagt er. Die Weite verspricht Freiheit – eine Pause von den Fragen nach Identität.

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