Kolumne „Darüber reden" : Sätze, die eine Sexarbeiterin nie wieder hören will

Worte können verletzen – oder helfen. Hier berichtet eine Sexarbeiterin, wie sie im privaten Umfeld angesprochen werden möchte.

Grafik: TSP

Mademoiselle Ruby, 39, ist deutschlandweit als Sexarbeiterin aktiv. Von Freunden und Verwandten hat sie dazu über die Jahre viele Kommentare zu hören bekommen – mit sehr unterschiedlicher Wirkung.

„Du hattest alle Möglichkeiten.“

Lange habe ich meinen Beruf fast komplett geheim gehalten. Bis mich eine Bekannte nach einem Streit gegen meinen Willen outete. Ich verlor meinen Tagesjob auf einem Pferdehof, Menschen sprachen mich an und wollten wissen, was die Nacht mit mir kosten würde. Als meine Autoreifen zerstochen wurden, musste ich umziehen. Das hat mich verändert. Ich will selbst mitbestimmten können, wie mich meine Mitmenschen sehen, mit anderen ins Gespräch kommen, nicht mehr lügen müssen.

Vorausgesetzt, die jeweilige Person zeigt Offenheit. Als ich meiner Mutter von meinem Beruf erzählte, meinte die: „Aber du hattest alle Möglichkeiten, warum das?“ Andere wollen wissen, „wie das passieren konnte“. Ich bin kein Opfer, ich liebe meinen Job. Dissens kann ich aushalten. Niemand muss mir zur Liebe für die komplette Entkriminalisierung der Sexarbeit sein. Man sollte allerdings bereit sein, die eigenen Klischees zu überdenken und Neugier nicht nur vortäuschen. Ich merke das, wenn sich jemand im Kopf einen runterholen will.

„Zeig meiner Freundin mal, was mir gefällt. Und bitte kostenlos.“

Vielen fällt es auch schwer, zwischen mir als Person und meinem Beruf zu trennen. Ehemalige Affären bringen ihre aktuellen Partner zu mir: „Zeig meinem Freund oder meiner Freundin mal, was mir gefällt. Und das bitte kostenlos.“ Ich bin nicht eure Frau Doktor Sommer. Dates fragen mich, ob sie nicht mal an meinem Arbeitsplatz mit mir schlafen können. Eine Freundin wollte nicht zu einer Einweihungsparty kommen. „Ich hatte Angst, du planst eine Sexparty“, hat sie mir dann offenbart. Heute kann ich darüber lachen, damals hat mich das verletzt. Bin ich für diese Leute ein sexgeiles Monster?

Sicherheitshalber warne ich andere mittlerweile häufig vor, wenn ich über derbere Details aus dem Beruf reden will. Dann sage ich: „Vorsicht, jetzt wird es explizit“. Das ist nervig für mich, erspart aber möglicherweise viele Rechtfertigungen. Erfahrungsgemäß kann eine Äußerung die Stimmung in einer Gruppe komplett kippen lassen. Menschen fangen an zu schweigen, wirken betroffen.

„Mein Kind ist in der Sexarbeit.“

Es ist bereits Arbeit, überhaupt einen Raum zu schaffen, in dem man über Sexarbeit reden kann. Dafür muss ich mich ständig anpassen. Manchmal versuche ich eher komische Geschichten aus meinem Alltag zu erzählen. Dann können die anderen sagen: „Das ist ja schräg.“ Schräg ist gut, schräg bricht runter.

Allgemein herrscht eine unheimlich große Sprachlosigkeit. Sexarbeitende haben Freunde und Familie. Die werden genauso stigmatisiert und wissen nicht, wie sie über das Thema reden sollen. Meine Mutter muss wahrscheinlich gut überlegen, was sie antwortet, wenn jemand nach dem Beruf ihrer Tochter fragt. Es ist nicht einfach, dann mit Stolz zu sagen: „Mein Kind ist in der Sexarbeit.“

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