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Andacht im Französischen Dom am Gendarmenmarkt.
© Doris Spiekermann-Klaas

Gottesdienst der Franzosen in Berlin: Lustig machen über Religion? Unbedingt!

22.000 Franzosen leben in Berlin. Der Pfarrer hat beim Sonntagsdienst eine klare Meinung. Und die wenigen Besucher, die zum Gottesdienst kamen, berichten von den Ängsten in Paris.

„Die älteste bekannte Kreuzdarstellung ist eine Karikatur“, sagt Pfarrer Jürgen Kaiser in seiner Predigt im Französischen Dom und ist damit bei dem Thema, das in dieser Woche nicht nur die französische Gemeinde in Berlin tief erschüttert hat. 22.000 Franzosen leben in Berlin. In römischen Mauern, die Mitte des 19. Jahrhunderts freigelegt worden seien, fand man eine in Stein geritzte Zeichnung, erzählt der Pfarrer. Sie zeigte einen menschlichen Körper, der am Kreuz hängt – und er hatte den Kopf eines Esels.
Ist es legitim, sich über Religion lustig zu machen? Unbedingt, sagt Kaiser und verurteilt die Ermordung der Karikaturisten von Charlie Hebdo aufs Schärfste. Pfarrer Matthias Loerbroks hatte das im vorangegangenen Gottesdienst am Morgen auch getan. Das Christentum sei in der bunten, pluralistischen, heidnischen Welt der Spätantike entstanden, sagt Kaiser. Christen seien damals wegen ihres seltsamen Glaubens verspottet worden. Das habe nicht geschadet. Im Gegenteil, sie hätten sich darin mit dem Gott, an sie glaubten, solidarisch gesehen.

Später, als die Christen im Mittelalter in Europa triumphierten, duldeten sie kaum noch Kritik. Die Werte, für die Jesus Christus gelebt habe und gestorben sei, seien damals im Wortsinn auf dem Scheiterhaufen gelandet. Auch Christen hätten lernen müssen, dass man Menschen, die Gott lästern, nicht umbringen darf, sagt Kaiser. „Ich bin sicher, wer vor 500 Jahren in Wittenberg oder vor 450 Jahren in Genf solche Karikaturen über Jesus Christus veröffentlicht hätte, wäre verbrannt worden.“ Sowohl Luther wie auch Calvin hätten nicht gezögert, das Todesurteil im Namen Gottes zu sprechen. Dass man heutzutage Menschen nicht mehr massakriere, nur weil sie witzige Bildchen malen, sei eine Errungenschaft der Aufklärung. „Sie geht in Frankreich auf Voltaire zurück“, sagt die Gottesdienstbesucherin Claudine Hornung, „und zeichnet den französischen Esprit sowie unsere intelligente und pointierte Presse aus.“ Das Massaker sei also ein Angriff auf das Herz und den Geist Frankreichs. Ihre Angehörigen, die in Südfrankreich wohnen, stünden immer noch unter Schock, sagt sie.

Gottesdienst-Besucherin Solange Wydmusch berichtet das Gleiche von ihren Eltern, ihrer Schwester und deren Familie aus Paris. Sie macht sich Sorgen um sie. Die Greueltaten der Islamisten würden das Land weiter spalten und die Hetze gegen Muslime anheizen. Ihre Schwester sei mit einem Moslem verheiratet. „Ihre Kinder heißen Mounir, Mohammed, Khadija und Rhekaya“, sagt Wydmusch, „sie werden es schwer haben in nächster Zeit.“ Noch seien die Franzosen stark, weil sie in der Trauer zusammenhielten. Doch was kommt morgen?
„Viele Leute haben große Angst vor weiteren Anschlägen“, erzählt Claudine Hornung, „und trotzdem gehen sie auf die Straße.“ Besonders beeindruckt haben sie die Bewohner eines kleinen Dorfes nahe dem südfranzösischen Valence, die spontan eine Demo organisiert hätten. Doch nicht nur die Solidarität unter den Franzosen sei bemerkenswert. Auch die Anteilnahme ihrer deutschen Freunde und Bekannten habe sie bewegt. „Gerade, wenn man weit weg ist von seinem Land, tut das unglaublich gut.“

Viele Gottesdienstbesucher wollten am Nachmittag zum Trauermarsch am Pariser Platz gehen, um ihre Verbundenheit mit den ermordeten Zeichnern von Charlie Hebdo zu bekunden. „Man kann deren Karikaturen gerne geschmacklos finden“, sagt der Kirchenmusikdirektor Kilian Nauhaus, „aber niemals behaupten, sie hätten damit ihren Tod provoziert.“ Er kenne Leute, die zu DDR-Zeiten ähnlich argumentiert hätten, wenn Flüchtlinge an der Grenze erschossen wurden nach dem Motto: selber schuld.
„Die Heiden, die lästern, sind nicht lästig“, sagt Pfarrer Kaiser. Christen lebten heutzutage nun mal wieder unter Heiden, ähnlich wie damals, in der Spätantike. Das tue ihrem Glauben gut. „Wir brauchen die Spötter“, meint er. „Wir brauchen die Atheisten, die Zyniker, Satiriker, Karikaturisten. Sie decken auf, wenn wir komisch werden.“

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