Mehr Frauen in die Handwerksbetriebe : Die Branche braucht weibliche Vorbilder

Frauen sind im Handwerk weiterhin unterrepräsentiert. Förderprogramme sollen helfen, dies zu ändern.

Anna Lindemann
Eine Karriere für Frauen ist immer noch nicht selbstverständlich.
Eine Karriere für Frauen ist immer noch nicht selbstverständlich.Foto: Getty Images

Autos und Metallarbeit haben Luise Hofmeier immer interessiert. Nach ihrem Schulabschluss machte sie trotzdem eine Ausbildung zur Krankenschwester, später studierte sie Sozialpädagogik. Ein beruflicher Einstieg ins Handwerk kam damals nicht infrage.

Erst mit 40 Jahren entschied sie sich für eine Umschulung zur Metallbauerin. Heute ist sie 60 Jahre alt und Geschäftsführerin der Metallwerkstatt „Drittwerk“. Luise Hofmeiers beruflicher Werdegang zeigt: Eine Karriere für Frauen im Handwerk ist nichts Selbstverständliches.

Laut aktuellen Zahlen der Berliner Handwerkskammer sind nur rund 22,3 Prozent der Auszubildenden in der Branche weiblich. Die Quote sinkt seit Jahren kontinuierlich.

Jitka Ringel arbeitet seit etwa einem Jahr bei „Drittwerk“. Auch sie wollte schon immer Handwerkerin werden, am liebsten mit Metall arbeiten: „Bei Metall hat man die Glut, die Funken, das hat eine andere Ästhetik als zum Beispiel die Arbeit mit Holz“, schwärmt die 33-Jährige.

Mit 17 Jahren kam Ringel daher nach Berlin, um eine Ausbildung zur Metallbauerin zu machen. Dort habe sie allerdings nur schlechte Erfahrungen gemacht: „Mich hat als junge Frau niemand ernst genommen. Ich wurde in Betrieben, in denen ich mich vorstellen wollte, in der Regel sexistisch beleidigt“, erzählt sie.

Die Branchen sind immer noch sehr nach Geschlechtern geprägt

Oft sei sie frauenverachtend beschimpft worden. Daraufhin habe sie – ähnlich wie Hofmeier – zunächst eine Ausbildung zur Sozialassistentin begonnen und kam erst über Umwege wieder zurück zum Handwerk. Der Betrieb „Drittwerk“ arbeitet als Kollektiv. Es gibt kaum Hierarchien, und alle beziehen die gleichen Gehälter.

Von sechs Mitarbeitenden sind vier weiblich. „Wenn ich auf eine Baustelle gehe, bin ich einfach die Handwerkerin, die jetzt das Metall bringt“, sagt Hofmeier. „Drittwerk“ ist mit seiner hohen Frauenquote allerdings eine Ausnahme. Im Handwerk lässt sich innerhalb der Branchen eine geschlechtliche Segregation verzeichnen.

Während die Berufe Friseur und Konditor eher von Frauen ausgeübt werden, ist Metallbau eine männlich geprägte Branche.

Hofmeier weiß um die Besonderheit ihres Betriebs: „Ich fühle mich hier so selbstverständlich, aber mir ist klar, dass es in dieser Welt nicht selbstverständlich ist.“

Das Kompetenzzentrum vernetzt Frauen aus dem Handwerk

Aus diesem Grund engagiert sich die Metallbauerin beim Kompetenzzentrum für Berliner Handwerkerinnen. Das Zentrum vernetzt seit 20 Jahren Frauen aus dem Handwerk. „Unser Anliegen ist es, ein Netzwerk zu gestalten, in dem sich Frauen gegenseitig stärken und sichtbar machen“, sagt Carola Parniske-Kunz, eine der Leiterinnen des Projekts. Dafür veranstaltet das Netzwerk monatliche Treffen in unterschiedlichen Werkstätten. Zusätzlich gibt es Weiterbildungsangebote, wie Kurse zur Stärkung von Führungskompetenzen.

Auch die Polsterin Yvonne Klein ist Mitglied im Kompetenzzentrum. Nach ihrem Fachabitur machte sie zunächst ein Praktikum in der Dekoabteilung einer Messebaufirma, anschließend die Ausbildung zur Polsterin. Vor etwa zwei Jahren hat sich die heute 36-Jährige mit ihrem eigenen Betrieb selbstständig gemacht.

Auf dem RAW-Gelände an der Warschauer Straße in Friedrichshain hat Klein zwei Räume gemietet, vollgestellt mit alten Sitzmöbeln und Werkzeugen. Hier arbeitet sie täglich etwa zehn Stunden – wenn es viel zu tun gibt, auch am Wochenende. Angestellte hat sie keine. Über ihre Gründung hat Klein lange nachgedacht, bis ein großer Auftrag kam, der sie zu diesem Schritt bewegte.

Damit ist Klein eine von verhältnismäßig wenig selbstständigen Frauen. Zu den Gründungen von Frauen liegen keine konkreten Zahlen vor. Bei den Betriebsinhabenden – also Inhaberinnen eines Einzelunternehmens mit Handelsregistereintrag im Berliner Handwerk – liegt die Frauenquote jedoch bei rund 25 Prozent. „Generell stellen wir fest, dass Frauen viel zu wenig partizipieren, das hat sich im Kern nicht geändert“, sagt auch Parniske-Kunz.

Je höher die berufliche Stellung, desto geringer der Frauenanteil

Ein Blick auf den Frauenanteil in Meisterausbildungen zeigt ebenfalls: Das Handwerk wird von Männern dominiert. Bei den bestandenen Meisterprüfungen liegt die Frauenquote derzeit bei etwa 19 Prozent, also noch niedriger als bei Ausbildungen. Das bedeutet: Je höher die berufliche Stellung innerhalb eines Betriebs, desto geringer ist der Frauenanteil.

Klein hat trotz ihres hohen Arbeitspensums vor etwa einem Jahr die Meisterausbildung begonnen. Als Selbstständige sei das wichtig: „Für mich ist das auch eine Absicherung, falls ich irgendwann körperlich nicht mehr in der Lage sein sollte, meinen Beruf auszuüben“, sagt die Polsterin.

Als Meisterin habe sie auch die Möglichkeit, Leute auszubilden oder mit weiteren Qualifizierungen an einer Fachhochschule zu arbeiten. Trotzdem sei sie die einzige Frau gewesen. Klein sieht hinter der geringen Partizipation von Frauen auch ein gesellschaftliches Problem: Das Bild der Frau müsse sich ändern. „Wir Frauen müssen immer noch härter und mehr zeigen, dass wir unser Handwerk genauso gut können wie männliche Kollegen“, sagt die Polsterin. Ein großes Problem seien dabei auch sexistische Werbekampagnen. Der Frauenrechtsverein „Terre des Femmes“ verleiht jährlich den Negativpreis „Der zornige Kaktus“, um auf solche Kampagnen aufmerksam machen.

Sexismus ist im Handwerk noch immer ein Thema

Im Jahr 2019 ging der Preis an die „Rohr- und Kanalreinigung Schwanzer“ aus Ampfing in Bayern. Auf einem ihrer Lieferwagen werben sie mit dem Bild einer leicht bekleideten Frau und dem Schriftzug: „Wir kommen immer durch“. Nominiert war unter anderem auch die „Singer Bausanierung“ aus Fraureuth in Sachsen.

Auf ihrem Lieferwagen posiert eine Frau in Bikini, daneben der Spruch: „Wir packen auch Ihre Fassade an“. Fest steht: Sexismus im Handwerk ist noch immer ein Thema. „Frauen erfahren immer wieder Diskriminierung, das ist noch nicht vom Tisch“, sagt Parniske-Kunz.

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Trotzdem sieht die Projektleiterin eine positive Entwicklung in der Debatte um Frauenquoten. Eine Chance sei dabei auch der Fachkräftemangel: „In der Diskussion um den Mangel erfahren Frauen eine neue Aufmerksamkeit. Mittlerweile kann thematisiert werden, dass sich hinsichtlich des Frauenanteils etwas ändern muss.“ Jetzt müsse ein Weg gefunden werden, um Frauen zum Handwerk zu bringen und sie auch dort zu halten. Erste Schritte: Bundesweit gibt es immer mehr Förderprogramme für Gesellinnen und Initiativen, die sich für die Vermittlung einer klischeefreien Berufswahl einsetzen. Zusätzlich fordert Parniske-Kunz mehr Werbung mit und für Frauen im Handwerk. Es brauche starke Vorbilder. Auch Hofmeier findet: „Die ganze Argumentation, Frauen seien zu schwach für das Handwerk – das ist so ein Quatsch, das ist eine dumme Ausrede.“

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