„Methodisch nicht korrekt“ : Der Mietspiegel-Mathematiker im Interview

Der Fall machte in dieser Woche Schlagzeilen. Das Landgericht gibt der Deutschen Wohnen Recht. Ein Fachgespräch.

Der Mathematiker.
Der Mathematiker.Foto: privat

Der Fall machte in dieser Woche Schlagzeilen. Das Landgericht gibt der Deutschen Wohnen Recht: Der Mietspiegel ist nicht rechtssicher. Rainer Schlittgen ist Mathematiker und emeritierter Professor. Bis 2011 lehrte er am Institut für Statistik und Ökonometrie an der Universität Hamburg.

Sie sind also der Statistiker, der den Mietspiegel zu Fall gebracht hat. Was ist so falsch daran?
Zunächst einmal ist die Datengrundlage des Mietspiegels gut. Sie ist ordentlich erhoben. Aber die Berechnung der Zu- und Abschläge für gut oder schlecht ausgestattete Wohnungen war nicht korrekt für den Mietspiegel aus dem Jahr 2015. Aber das ist nichts Neues.

Inwiefern?
Ein Kollege und ich haben die Mietspiegel-Kommission bereits Mitte der 1990er Jahre auf dieses Problem hingewiesen. Und als mich das Landgericht vor Jahren mit einem Gutachten zum Mietspiegel 2013 beauftragte, hatte sich daran nichts geändert und darauf habe ich erneut hingewiesen.

Was genau ist der Fehler?
Einfach ausgedrückt: Dass bei der Ermittlung der ortsüblichen Vergleichsmiete zunächst ein Mittelwert aus einer Anzahl von Mietpreisen von Wohnungen gebildet wird und im Anschluss dieser durch Zu- und Abschläge für die jeweilige Ausstattung der Wohnung verändert wird. Das ist methodisch nicht korrekt.

Und das ist bis heute so?
Nein, das ist im Jahr 2017 endlich umgestellt worden. Die Hauptkritik trifft nicht mehr zu. Das hätte schon längst geschehen können. Dass es so lange dauerte, ist unverantwortlich und aus meiner Sicht ein Versäumnis der Mietspiegel-Kommission

Also ist der aktuelle Mietspiegel jetzt nicht mehr angreifbar?
Ob dieses Verfahren von 2017 kritikfrei ist, vermag ich von meinem heimischen Stuhl nicht zu beurteilen. Aber die Mietspiegel-Kommission ist auf dem Weg, einen korrekten und einwandfreien Mietspiegel hinzulegen. Und das ist ja auch das, was man haben will.

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