Mobbing in der Schule : Schüler fordern mehr Unterstützung vom Senat

Wie stark wird an Berliner Schulen gemobbt? Jugendliche berichten von mangelnden Anti-Mobbing-Maßnahmen.

Viele Kinder leiden unter Mobbing (Symbolbild).
Viele Kinder leiden unter Mobbing (Symbolbild).Foto: imago/photothek

Es geht um Mobbing, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Gewalt, Selbstverletzung und Suizid: Seit März 2017 sprechen zahlreiche Jugendliche über die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“, in der diese Erfahrungen von Highschoolschülern thematisiert werden. Ende August lief in Deutschland die dritte Staffel an.

Die Serie ist umstritten - insbesondere die Darstellung eines Suizids in der ersten Staffel wurde von Ärzten- und Therapeutenverbänden kritisiert, da Nachahmungseffekte möglich seien. Unbestritten ist jedoch, dass die Serie bei vielen Jugendlichen einen Nerv trifft. Gerade das Thema Mobbing treibt viele um, denn es gehört zur Lebensrealität vieler Schülerinnen und Schüler - auch in Berlin. Anfang des Jahres führten aktuelle Vorfälle in Berliner Schulen zu einer breiten Debatte über das Thema. Doch wie ist die Situation heute? Was ist unternommen worden - und welche Erfahrungen machen Berliner Jugendliche?

Maßnahmen vom Senat

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) versprach im Februar in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel eine Verstärkung der bestehenden Anti-Mobbing-Maßnahmen und die Einführung von neuen Instrumenten, „um die Sensibilität der gesamten Schulgemeinschaft für Mobbing zu erhöhen.“ Sie kündigte unter anderem an, einen Anti-Mobbing-Beauftragten einzusetzen und „gemeinsam mit dem Landesschülerausschuss einen Schüler als Ansprechpartner in meiner Behörde“ zu etablieren.

Dieses Amt des Anti-Mobbing-Beauftragten werde nun zum Jahresbeginn 2020 eingerichtet, sagte Scheeres jetzt auf Anfrage. Das Bewerbungsverfahren laufe bereits. Gemeinsam mit dem Landesschülerausschuss werde zudem nach einem Schüler als Ansprechpartner gesucht, teilte die Bildungsverwaltung mit. Luisa Regel, Pressesprecherin des Landesschülerausschusses (LSA) bestätigt: „Wir haben das Angebot, dass ein Schüler beim Anti-Mobbing-Beauftragten mithelfen kann, mit rund 20 Stunden im Monat.“ Noch sei nicht alles geklärt, aber gewünscht sei, dass jemand aus dem Vorstand des LSA die Aufgabe übernimmt.

Scheeres sprach im Februar diesen Jahres auch davon, dass trotz bestehender Maßnahmen zur Vorbeugung und schnellen Hilfe noch immer viele Mobbingfälle unbemerkt oder unterschätzt blieben. Hier müsse etwas geschehen: „Wenn Angebote nicht oder nur von wenigen genutzt werden, dann müssen wir diese leichter zugänglich machen.“

Mobbingprävention aus Schülersicht

Wenn man sich bei Schülerinnen und Schülern umhört, kann man den Eindruck gewinnen, dass sich bisher noch nicht allzu viel verändert hat und Hilfsangebote die Schüler weiterhin oft nicht erreichen. Der Landesschülerausschuss Berlin mahnte zu Beginn des Schuljahres „eine deutlich engagiertere Unterstützung durch die Senatsverwaltung“ an.

Sprecherin Luisa Regel sagt: „Die meisten Schulen haben keine Schulpsychologen. Es wird keine Prävention betrieben. Lehrer und Vertrauenslehrer sind nicht genügend ausgebildet. Wenn man etwas auf dem Herzen hat, geht man lieber zum Sozialarbeiter der Schule, sofern es einen gibt.“ Lehrkräfte müssten aufmerksamer für Mobbing werden und gezielter eingreifen. „Mobbing ist eine der schlimmsten Sachen, die passieren können. Es beginnt schon sehr früh, teilweise in der Grundschule."

Die 18-Jährige besucht die 12. Klasse einer Schule in Pankow und hat in ihrem Schulleben schon viele Erfahrungen rund um das Thema Mobbing gemacht. Die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ hat sie angeschaut. „Ich habe mitbekommen, dass viele darüber reden. Im Unterricht wird so etwas aber nicht offiziell kommentiert.“ Über solche kritischen Themen würde fast nie geredet. „Im Biologieunterricht hatten wir mal eine Stunde zum Thema Magersucht, das war es dann aber auch schon wieder.“

Umgang mit Suizid an Berliner Schulen

Auch über das Thema Suizid werde nur selten gesprochen, sagt ein 16-jähriger Schüler aus Charlottenburg. Nur einmal habe es ganz oben auf der Agenda der innerschulischen Diskussion gestanden, nachdem sich ein Schüler das Leben genommen hatte. Eine 17-Jährige aus Pankow erzählt, wie ihre Schule mit einem Suizidfall umgegangen ist: „Nach den Vorfällen bei uns spielt es auf jeden Fall eine größere Rolle, und es gibt in den Projektwochen Workshops zu den Themen.“ Sie wünscht sich mehr Kommunikationsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, die sich mental nicht gut fühlen, und mehr Akzeptanz, wenn Schüler wegen psychischer Instabilität oder Mobbings manche schulischen Dinge nicht schaffen. „Außerdem sollte auch das Thema Therapie besprochen werden, vielleicht in Ethik, sodass es kein so riesiger Sprung für Schüler ist, sich Hilfe zu holen.“

Auch ein Schüler aus Marzahn wünscht sich, dass in Schulen mehr über psychische Probleme gesprochen werde, zum Beispiel über Depressionen. Diese können jeden treffen, deshalb sei es wichtig, dass es auch in der Schule thematisiert werde. „Die meisten haben zu große soziale Ängste, um sich jemandem anzuvertrauen; das macht es so gefährlich. Man frisst es in sich rein und irgendwann wird der Druck zu groß. Deshalb ist eine Aufklärung dringend erforderlich.“ Das Thema Mobbing hingegen werde seiner Ansicht nach „schon ganz gut behandelt, aber irgendwie zeigt es nicht so Wirkung.“

"Gefühlt wird immer gemobbt!"

In der Netflix-Serie gesteht Vertrauenslehrer Kevin Porter die Mitschuld am Suizid seiner Schülerin: "Ich habe einen Fehler gemacht – einen schrecklichen, tragischen Fehler. Und vielleicht war ich nicht gut genug ausgebildet für den Job, den ich hier machen sollte." Auch Landesschülerausschuss-Sprecherin Luisa Regel weist auf den Mangel an geschultem Personal hin: "Lehrer unterrichten halt Fächer, keine Schüler."

Mobbing gibt es außerdem in vielen Facetten: Angefangen mit der typischen Szenerie unter Kindern: "Wir wollen nicht mit dir spielen", bis hin zu Cybermobbing im Jugendalter. "Es gab immer Mobbing, aber natürlich harmloser als in der Netflix-Serie", gibt Luisa Regel zu. "Gefühlt wird aber immer irgendwer gemobbt."

Das Ziel: Mobbingfreie Schulen für Berlin

Die Senatsbildungsverwaltung verweist darauf, dass seit dem Start des neuen Schuljahres zusätzliche Anti-Mobbing-Maßnahmen angeboten werden. Zum Beispiel das von der FU Berlin entwickelte Fortbildungsangebot „Fairplayer.Manual“. Dabei gehe es um die Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen und die Prävention von Mobbing und Schulgewalt für die Jahrgangsstufen 5 und 6. Die Fortbildungen werden für fünf Grundschulen in jedem Bezirk angeboten. Zudem würden Fortbildungskurse des Vereins „Contigo - Schule ohne Mobbing“ zur Intervention bei Mobbing finanziert. Ein Intensivprogramm von Contigo für Einzelschulen wird 2019 für sechs Schulen angeboten.

Hinzugekommen seien zudem die Projekte „Gemeinsam Klasse sein“ und „Pro Respekt“. Bei letzterem werden Schulen mit besonderen Gewalt- oder Mobbing-Problemen mit zusätzlichen Sozialarbeitern unterstützt. Die Bildungsverwaltung verweist auch auf Fortbildungen und Krisenteamschulungen von den SIBUZ (Schulpsychologische und Inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentren). Zudem soll nach Angaben der Bildungsverwaltung ab 2020 jede Berliner Schule über Schulsozialarbeiter verfügen.

Bekämpfung von Mobbing

Ein Beispiel aus Neukölln zeigt, wie in einer Schule eine Anti-Mobbing-Politik umgesetzt wird. „Bei uns gibt es eine AG, die sich mit Konflikten zwischen Schülern beschäftigt und versucht, diese zu beheben“, sagt ein 17-jähriger Schüler. Angeleitet werde die AG von Lehrern, die teilnehmenden Schüler erhalten eine mehrtägige Ausbildung.

„Mobbing gehört zu den Dingen, die an die Lehrer weitergetragen werden. Primär wird trotzdem versucht, es auf Schülerebene zu klären.“ Auch wenn es Probleme mit dem Klassenklima gebe, könne die AG tätig werden: „Mehrere Schüler der AG verbringen einen kompletten Schultag in der Klasse und versuchen, durch Spiele und das Aufstellen von Regeln den Zusammenhalt zu stärken.“

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