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Die Zeichnung des Paläokünstlers Jorge Antonio Gonzalez: Tegli könnte bis zu zweieinhalb Meter groß sein.

© Foto: Tsp/Zeichnung: Jorge Antonio Gonzalez

Tagesspiegel Plus

Monsteralarm am Tegeler See: Künstler wollen mit Musik ein reptilienartiges Wesen anlocken

Der Komponist Nico Sauer sucht mit einer Gruppe Forscherinnen und Künstlern nach einem Ungeheuer im Tegeler See. Zu Besuch in ihrem „Monsterjagdcamp“.

Es soll rote Augen haben und einen jungen Badegast in die Wade gezwickt haben: Seit einigen Wochen kursieren Gerüchte rund um ein Ungeheuer in den Tiefen des Tegeler Sees in Reinickendorf. Der Komponist und Performancekünstler Nico Sauer sucht es seit fünf Wochen. Er nennt es liebevoll „Tegli”.

Im Strandbad Tegeler See hat er in enger Zusammenarbeit mit dem Sounddesigner Vincent Wikström und dem Schriftsteller Julian Koller eine Forschungsstation errichtet. Sie heißt „Monstercall Research Camp“. Der Komponist sitzt an diesem warmen Sommertag wenige Meter vom See entfernt in dem Schatten eines weißen Pavillon-Zelts. Er spielt den Seebewohnern über einen wasserdichten Lautsprecher musikalische Lockrufe vor.

Jedes gute Kunstprojekt fängt mit einer wahnwitzigen These an.

Nico Sauer, Komponist und Performancekünstler

Die 30-sekündigen Stücke sind Sauers Köder. 20 internationale Musiker:innen produzierten die Stücke für das Monster. Ihr Ziel: mit dem unbekannten Wesen Kontakt aufnehmen. „Jedes gute Kunstprojekt fängt mit einer wahnwitzigen These an“, sagt Sauer. Die Kompositionen klingen dumpf und langsam. Der Komponist möchte sich musikalisch auf das Level der Seewesen begeben. „Unter Wasser sind die Bewegungen träger als am Land“, sagt er. 

Die experimentellen Lockrufe präsentierte der Performancekünstler auch den Besucher:innen des Strandbads. Kinder behaupteten daraufhin, das Monster gesehen zu haben oder aus seinem Maul ihren Namen gehört zu haben. Erwachsene spekulierten, ob es sich nicht um ein ausgesetztes Krokodil oder eine Riesenschlange handeln könnte. Loch Ness hat also Nessie, und der Tegeler See hat Tegli?

Das „Monstercall Research Camp“ hat sein eigenes Logo. Die oberste Welle symbolisiert die Augen eines möglichen Ungeheuers im See.
Das „Monstercall Research Camp“ hat sein eigenes Logo. Die oberste Welle symbolisiert die Augen eines möglichen Ungeheuers im See.

© Foto: Tsp/Marvin Wenzel

Davon geht zumindest Sauer aus. „Ich liebe an Legenden, dass sie sich immer weiterentwickeln“, sagt er. Bei der Spurensuche hilft ihm eine Gruppe von Klangforscherinnen, Biologen und Musikern. Seit Anfang Juli kommen sie fast täglich zu dem “Monsterjagdcamp”. Finanziert wird das Projekt vom Musikfonds e.V. und unterstützt von dem Radio Cashmere und der dazugehörigen kopierwerkstatt. Zudem möchte Sauer aus dem Projekt eine Performanceausstellung im Herbst machen.

Forscherinnen und DJs ködern das Monster mit Live-Musik und Lesungen

Um das Interesse von Tegli zu wecken, spielen die Künstler und Forscherinnen dem Monster auch Livemusik vor und lesen ihm vom Strand aus vor. „Es gibt keinen schöneren Ort zum Arbeiten”, sagt Sauer.

Ist das was? Der Komponist Nico Sauer und die Biologin Mercedes Farias sind dem „Nessie des Tegeler Sees“ auf der Spur.
Ist das was? Der Komponist Nico Sauer und die Biologin Mercedes Farias sind dem „Nessie des Tegeler Sees“ auf der Spur.

© Foto: Tsp/Marvin Wenzel

Auf einem Instagram-Video des Projekts vom 21. Juli ist zu sehen, wie zwei DJs unter dem weißen Pavillonzelt elektronische Musik auflegen. Eine Künstlerin in einem orangenen Kimono bemalt ein Leinentuch und die Biologin Mercedes Farias untersucht im Bikini Algen unter einem Mikroskop .

Auch heute sitzt sie wieder neben Sauer an der Bierzeltgarnitur im Schatten. Vor ihrer Mikroskop-Linse hat sie Algen und Mikroorganismen. Sie möchte herausfinden, von welchen Pflanzen und Lebewesen das Monster umgeben ist. Im Juli spekulierte sie mit Sauer und dem Team fünf Stunden lang darüber, was Tegli für ein Wesen sein könnte. 

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Zuvor hatten sie Unterwasser-Tonaufnahmen von dem gesuchten Wesen ausgewertet. Zu hören ist ein merkwürdiges Gerumpel in U-Moll – als würde man das Blubbern eines unruhigen Meeres in einem U-Boot hören. Die ungewöhnlichen Töne kann man sich auf Soundcloud anhören. 

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Die Gruppe folgerte, dass das Wesen Schwimmblasen erzeugen kann und möglicherweise ein reptilienartiger Fisch mit Schnabel sein könnte. Der argentinische Paläokünstler Jorge Antonio Gonzalez zeichnete auf Basis dieser Überlegungen das Unterwasserwesen. Zu sehen ist ein Echsenwesen mit Schildkrötenkopf, scharfen Zähnen und starken Armen. Es soll circa zweieinhalb Meter lang sein.

Durch die Hauptstadt geistern immer wieder sogenannte Urban Legends von Ungeheuern – einige davon sind sogar wahr. Fast jede:r in Berlin hat schon Mal vom “Killerwels“ vom Schlachtensee gehört. Vor knapp 15 Jahren hatte der Raubfisch in dem See eine Frau attackiert. Die Bisswunde soll einen Durchmesser von 17 Zentimeter gehabt haben. 

Sonne, Strand und 28 Grad: Nico Sauer kann sich kaum einen schöneren Ort zum Arbeiten vorstellen.
Sonne, Strand und 28 Grad: Nico Sauer kann sich kaum einen schöneren Ort zum Arbeiten vorstellen.

© Foto: Tsp/Marvin Wenzel

Der Wels floss in die Popkultur ein. Die Lankwitzer Indie-Pop-Band Von Wegen Lisbeth singt in der zweiten Strophe von ihrem Hit „Bitch”: „Und was ist sonst noch so passiert: 50 Grad im ICE / Unverschämt, echt nicht ok, Killerwels im Schlachtensee.”

Das Team sucht in dem zweitgrößten See Berlins

Ob Tegli das auch gelingt, ist noch unklar: Bisher fand das Team von Sauer nur Krebse. Die Suche nach dem Ungeheuer erweist sich als schwierige Aufgabe. Der Tegeler See ist nach dem Müggelsee der zweitgrößte See Berlins. An einigen Stellen ist er bis zu 16 Meter tief. Seine Sichttiefe liegt jedoch nur bei drei Metern und sein Wasservolumen beträgt 32 Millionen Kubikmeter. 

 „Monstercall Research Camp“
 „Monstercall Research Camp“

© Foto: Tsp/Marvin Wenzel

Hinzu kommt, dass das Unterwasserwesen über die Havel ungehindert in Richtung Spandau und Wannsee abhauen könnte. Sauer ist sich trotzdem sicher, dass es sich in dem See aufhält und dort bleiben wird. Die Intervalle der Lautäußerungen seien kürzer geworden. Außerdem möge es sehr wahrscheinlich die Pommes im Strandbad, sagt er leicht scherzhaft. Eine konkrete Vorstellung von der Gestalt des Wesens habe er sonst nicht.

Klänge sind die Projektionsfläche unserer Fantasie.

Nico Sauer, Komponist und Performancekünstler

Der Komponist denke und arbeite viel mehr akustisch. „Klänge sind die Projektionsfläche unserer Fantasie“, sagt er. Wenn er nicht auf Monsterjagd ist, komponiert er unter anderem Weltraum-Melodien für Shows in Planetarien und Ensemblestücke. In seinen Arbeiten verbindet er immer wieder elektronische Musik mit Videokunst.

Als künstlerischer Leiter verwirklichte er das Projekt „Moonbreaker 2121” für das Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg. Mit sphärischen Sounds zeigt er ab November dem Publikum, wie ein Musikfestival auf dem Mond in 100 Jahren klingen könnte. „Ich finde es super spannend, in besonderen Medien wie in einem See oder im imaginierten Weltraum zu arbeiten“, sagt er. Er wolle sein Publikum in „mysteriöse Settings” abtauchen lassen.

Für das Monsterprojekt habe er seine Komfortzone verlassen müssen. „Wasser ist mir unheimlich, vor keinem Element habe ich mehr Angst”, sagt er. Es sei eigentlich sein Horrormedium. Passend zur Monsterjagd. 

Den Berechnungen seiner Gruppe zufolge soll sich das Monster am nächsten Sonntag, den 14. August, blicken lassen. Die Künstler:innengruppe wird Tegli daher mit einem großen Konzert erwarten und anschließend das „Monsterjagdcamp” beenden. 

Auf dem Programm stehen für Unterwasser- wie auch Landbewohner unter anderem ein Auftritt der Tegeler Swing- und Jazzband Just Friends und der “Sonidero Bestial” – ein von Gustavo Mendez kreierter extrem langsamer Cumbiastil. Der kolumbianische Musiker entwickelte den Stil extra für das Monster.

“Monstercall”: Mo-So 12-20 Uhr, bis 14.08., Strandbad Tegelsee (Schwarzer Weg 95)

“Monsterkonzert”: So 14-20 Uhr, Strandbad Tegelsee

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