Mutter von Mordopfer Keira : „Es wird nicht wieder gut“

Der Fall der erstochenen 14-jährigen Keira erschütterte die Öffentlichkeit. Vor einem Jahr wurde ihr Mörder verurteilt. Keiras Mutter trauert weiter.

Karin G. fand ihre Tochter am 7. März 2018 blutüberstromt in der gemeinsamen Wohnung in Alt-Hohenschönhausen.
Karin G. fand ihre Tochter am 7. März 2018 blutüberstromt in der gemeinsamen Wohnung in Alt-Hohenschönhausen.Foto: Sven Darmer

Drei-, viermal die Woche – manchmal auch öfter – parkt Karin G. ihren Twingo am Parkplatz vor dem Friedhof. „Den Wagen sollte Keira im nächsten Jahr bekommen“, sagt sie: „Da wäre sie 17 geworden und hätte mit Begleitung fahren dürfen.“

Vor ein paar Wochen war Keiras 16. Geburtstag. Karin G. hat zwar viel geweint, aber nicht bei ihrer Tochter. „Sweet sixteen“, sagt sie: „Das haben wir uns von niemandem nehmen lassen. Schon gar nicht von einem Mörder!“ Also hat sie das liebevoll gestaltete Grab von Keira noch prächtiger geschmückt, hat die frischen Blumen der Freunde zwischen Stoffhunden, Porzellanzwergen und Luftballons drapiert und Oskar eine Extra-Portion Nüsse mitgebracht.

Oskar ist ein Eichhörnchen, das Karin G. oft Gesellschaft leistet an dem kreisrunden Grab mit den beiden schlanken Steinen, die ein Herz bilden. Vorn auf den Grabsteinen gibt es zwei Bilder von Keira, auf der Hinterseite ein Foto von ihr beim Eisschnelllauf.

Wenn die kleine Gestalt auf dem Foto tatsächlich laufen könnte, hätte sie es nicht weit: die Eishalle im Sportforum Hohenschönhausen ist nur 50 Meter von Keiras Grab entfernt. Im Januar 2018 war die 14-Jährige hier in ihrer Altersklasse Berliner Meisterin, unter anderem über die 1500 Meter, geworden. Und hier trainierte sie oft, um so erfolgreich zu werden wie ihr großes Vorbild, der Eisschnellläufer Nico Ihle.

Sport-Talent. Keira und ihr Vorbild, Eisschnellläufer Nico Ihle.
Sport-Talent. Keira und ihr Vorbild, Eisschnellläufer Nico Ihle.Foto: privat

„Wenn ihr mal nicht loskommt beim Start über die 1500 Meter, dann wisst ihr ja, wer euch von unten festhält“, hat Karin G. den einstigen Sportkameradinnen ihrer Tochter augenzwinkernd gesagt.

Gelegentlich braucht sie solche Sprüche, um dem Grauen etwas entgegenzusetzen. Denn Keiras Traum von einer Eisschnelllauf-Karriere endete am 7. März 2018, als ein Schulkamerad sie mit 23 Messerstichen tötete. Aus purer Mordlust, wie das Berliner Landgericht später feststellte: Der 15-Jährige habe sich mit der Kunstfigur des mörderischen Psychopathen „Joker“ identifiziert und wissen wollen, wie es sich anfühlt und ob er es aushält, einen Menschen zu töten.

Sie ist enttäuscht über den Umgang mit Opfern und Angehörigen

Karin G. hatte ihre Tochter blutüberströmt in der Wohnung gefunden. Sie rief die Feuerwehr und begann mit der Reanimation, die Rettungssanitäter und Notarzt mehr als 90 Minuten lang fortsetzten. Ohne Erfolg.

„So etwas passiert einem selbst nicht“, hat Karin G.s Vater immer wieder gesagt: „So etwas liest man, so etwas sieht man im Fernsehen, aber so etwas passiert einem selbst nicht.“

„Aber es ist passiert“, sagt Karin G.: „Und ich wurde nicht einmal gefragt, ob ich will, dass die ganze Welt es erfährt. Keiras und mein Name wurden veröffentlicht, sogar meine Wohnungstür fotografiert. Ich hätte nie für möglich gehalten, wie in Deutschland mit Opfern umgegangen wird. Nicht bei Terroranschlägen übrigens, da finden sie irgendwie mehr Beachtung. Aber bei sogenannten normalen Gewalttaten – wie lange kümmert man sich da um Opfer oder Angehörige?“

Um die Täter kümmere man sich hingegen notfalls lebenslang, sagt Karin G.: „Die bekommen im Gefängnis Therapie, die können eine Ausbildung machen, damit sie gut vorbereitet sind auf das Leben draußen.“ Wie der Mörder ihrer Tochter, der vor genau einem Jahr zu einer Jugendstrafe von neun Jahren verurteilt wurde. Danach kann er normal weiter leben, vielleicht schon früher bei guter Führung. Dann erhält er eine zweite Chance. „Meine Tochter", sagt Karin G., "bekommt keine zweite Chance.“

Kann sie die dem Täter zugestehen? Nein. Vielleicht, wenn es Totschlag gewesen wäre. Oder Körperverletzung mit Todesfolge. Wenn ein Opfer beispielsweise unglücklich auf die Bordsteinkante fällt. Wenn der Täter also nicht töten will. Aber Keiras Mörder wollte töten.

Sie leidet psychisch und körperlich unter den Folgen der Tat

Kürzlich hat Karin G. eine Reportage über die Schwierigkeiten eines jugendlichen Gewalttäters gesehen, sich draußen zurechtzufinden. Er hatte einen Taxifahrer mit einem Messer bedroht und ausgeraubt und danach eine Spielbank überfallen. „Der arme Junge hatte doch tatsächlich Schwierigkeiten, nach dem Knast eine Lehrstelle zu finden“, sagt Karin G., es klingt bitter. „Über die Frau in der Spielbank und über den Taxifahrer wurde hingegen kein Wort verloren. Vielleicht sind die ja auch traumatisiert, vielleicht können sie ihren Beruf nicht mehr ausüben, nicht mehr schlafen."

Kurz nach der Tat. Blumen, Kerzen und Briefen vor der Eisschnelllaufhalle an der Konrad-Wolf-Straße, in der Keira trainierte.
Kurz nach der Tat. Blumen, Kerzen und Briefen vor der Eisschnelllaufhalle an der Konrad-Wolf-Straße, in der Keira trainierte.Foto: Paul Zinken/dpa

So wie sie. Sie schläft schlecht, geht jede Woche zu ihrem Therapeuten. „Der wird mich nicht wieder los“, flappst sie, aber das Lachen misslingt. Neben den psychischen kommen nun auch die physischen Beschwerden: Magen-Darm, Rückenschmerzen. Panikattacken hat sie sowieso immer wieder. Sie kann auch nicht mehr in ihrem alten Job arbeiten, die Konzentrationsfähigkeit ist einfach weg.

„Mehr als fünf Namen merken, das geht nicht mehr“, sagt sie. Acht Stunden arbeiten auch nicht. Deshalb hat sie den Arbeitsplatz wechseln müssen. Von der kleinen Rente, die sie aufgrund des Opferentschädigungsgesetzes bekommt, kann sie nicht leben: „200 Euro sind das und man hat mir eine 40-prozentige Schädigung zugestanden.“

Ihre Eltern haben die Enkelin verloren - sie sollen nicht auch die Tochter verlieren

Weh tut ihr, wenn manche meinen, es müsse „auch mal wieder gut“ sein. Jedenfalls, wenn eine gewisse Zeit vorbei ist. „Aber es ist nicht vorbei“, sagt sie: „Es wird nicht wieder gut. Ich frage mich immer noch jeden Tag nach dem Sinn. Ich habe immer noch jeden Tag Angst vor dem Moment, wenn ich abends allein ins Bett gehe. Denn egal, wo ich bin: ob zuhause, bei meinen Eltern oder bei Freunden, dieser Moment kommt jeden Tag. Und mit ihm die Erinnerungen, Gedanken, Gefühle.“

Ihr Motiv, dennoch weiterzuleben, auch weil sie ihren Eltern nicht zumuten könne, nach der einzigen Enkeltochter auch die einzige Tochter zu verlieren.

Karin G. wohnt noch in derselben Wohnung, in der sie ihre Tochter fand. An diese Situation denke sie nur abends, sagt sie. Aber am Tag überwiegen die anderen Erinnerungen: die, an die schönen Stunden, die schwierigen, die im Streit, die in der Versöhnung, die mit den Träumen und Albernheiten, die mit dem Lachen und die mit den Tränen. Die Mutter-Tochter-Stunden eben.

„Außerdem hat sich Keira hier immer sicher gefühlt“, sagt sie: „Es war ja kein Fremder, den sie hereinließ, sondern ein vermeintlicher Freund. Außerdem wusste sie, dass ich bald nach Hause komme. Ich bin sicher, sie hat noch gespürt, dass ich da war.“

Gerne würde sie mal im Bundestag sprechen

Am Jahrestag des Mordes hat sie mit den Hausbewohnern eine Gedenkminute eingelegt. Genau dabei sei ein Regenbogen hochgeflogen, der auch an der Eisschnelllaufhalle zu sehen war, erzählt sie. Aber eigentlich sei der Tag der Tat kein Keira-Tag, ebenso wenig wie der Tag der Urteilsverkündung. „Das sind die Tage des Mörders“, sagt Karin G. Die kann sie durchstehen, etwa mit dem Anspruch, all jenen, denen ähnliches widerfährt, eine Stimme zu geben.

Auf der Rückseite des Grabsteins auf dem Friedhof in Hohenschönhausen erinnert ein kleines Symbol an Keiras Hobby.
Auf der Rückseite des Grabsteins auf dem Friedhof in Hohenschönhausen erinnert ein kleines Symbol an Keiras Hobby.Foto: Sven Darmer

„Ich wünschte mir, einmal im Bundestag zu sprechen“, sagt Karin G.: „Ich würde den Politikern erzählen, was mir passiert ist. Ich würde sie auffordern, endlich mehr zu tun in Sachen Opferschutz und Jugendstrafrecht. Ich würde sie fragen, warum den Tätern im Gefängnis alles geliefert wird: Therapie, Seelsorge, Ausbildung. Während die Opfer nach dem Notfallseelsorger selten einen Betreuer haben. Wieso gibt es für sie keine staatlichen Betreuer? Wieso muss man oft sogar um die Therapie kämpfen beziehungsweise viel zu lange darauf warten?“

Im Bundestag würde Karin G. ebenfalls von der Unsicherheit der Lehrer an Keiras Schule berichten, an die auch der Täter lernte. In mehreren Klassen gebe es Schüler, die immer noch Probleme hätten, das Geschehen zu verarbeiten.

Manchmal stehen Fremde vor dem Grab, sind erschüttert

Sie würde den Bundestagsabgeordneten versuchen, zu erklären, warum auch ihr Leben an diesem 7. März 2018 zu Ende ging: „Es ist, als ob ich seither nicht mehr wie früher mit dem Auto auf der Straße fahre, sondern ohne Auto auf dem Radweg daneben. Manchmal streife ich die Straße, manchmal hält auch ein Autofahrer an, um mit mir zu reden, aber dann muss ich wieder auf den Radweg zurück. Ich gehöre einfach nicht mehr dazu.“

Wer Karin G. das erste Mal begegnet, ist überrascht, wie gut sie mit ihrem schrecklichen Schicksal umzugehen scheint. Auf dem Friedhof kennen inzwischen alle Mitarbeiter die jugendlich wirkende Frau mit den offenen dunklen Haaren, die meist Jeans und sportliche Schuhe trägt - und unbefangen erzählt, dass sie es tröstlich findet, später ebenso wie ihre Eltern mit ins Grab zu Keira zu kommen.

Oft findet Karin G. frische Blumen auf Keiras Grab, manchmal trifft sie auch Fremde, die es erschüttert betrachten und sich erinnern. Das empfindet sie als Trost. Oder sogar als Genugtuung: „Es ist ein bisschen so, als ob meine Tochter noch etwas bewirkt, über ihren Tod hinaus oder aus ihrem Grab heraus.“

Sie weint um das, was Keira noch erleben sollte

Karin G. redet mit vielen Menschen, aber nicht mit Keira „Ich kann hier nicht mit ihr sprechen“, sagt sie. „Ich kann hier ja nicht einmal weinen. Das geht nicht in der Öffentlichkeit. Und schon gar nicht an den beiden Tagen des Mörders.“

Zeichen des Andenkens. Immer noch gibt es Freunde, die Keiras Tod nicht verarbeitet haben.
Zeichen des Andenkens. Immer noch gibt es Freunde, die Keiras Tod nicht verarbeitet haben.Foto: Paul Zinken/dpa

Ihr „Keira-Tag“ ist definitiv der Geburtstag ihrer Tochter. Da lässt sie den Mörder nicht rein, sagt sie. Da weint sie aber auch viel. Weil es der Tag ist, an dem sie ihr Kind bekam. Der Tag, an dem sie nicht ahnte, dass es nur so wenig Zeit haben und auf so schreckliche Art wieder von ihr gehen würde. Sie weint um den Twingo, den Keira nie fahren wird, um das Kinderzimmer, das jetzt immer so schrecklich ordentlich aussieht, und um alles, was sie mit ihrer Tochter noch erleben wollte. Sie weint aus Liebe. Deshalb kann sie nicht aufhören.

Auf einem Ausflug im Sommer erzählten zwei Mütter, die nichts von ihr wussten, von den Problemen mit ihren halbwüchsigen, pubertierenden Kindern. „Ich hörte gern zu“, sagt Karin G., „aber ich hatte zugleich Angst, dass sie mich nach meinen Kindern fragen.“ Zum Glück hätten die Mütter nicht gefragt, aber sie habe dennoch die ganze Zeit an einen Spruch denken müssen, den sie auf Facebook gelesen hatte:

„Ihr erzählt von euren 'kleinen Sorgen' und ich höre zu.
Doch während ihr wisst, dass man eure Probleme lösen kann,
gehe ich zum Grab und zünde Kerzen an.“

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