"Offene Arbeit" : Neues Konzept in Berliner Kita sorgt für Streit

Der Kita-Träger GFJ will eine seiner Einrichtungen pädagogisch neu ausrichten. Das sorgt für Konflikte. Eltern beklagen Einschüchterung und Schikane.

Einmal richtig erziehen, bitte! Ein Kind im Kindergarten.
Einmal richtig erziehen, bitte! Ein Kind im Kindergarten.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Kinder in der Kita „Fair play“ in der Albrechtstraße in Mitte dürfen beim Morgenkreis nicht mehr an der Hand gehalten werden. Die Erzieher sollen sie nicht zum Mittagsschlaf anhalten. Und Zähne putzen die Kleinen im Kindergarten auch nicht mehr. So berichten es Eltern, die derzeit scharf gegen das neue Konzept protestieren, das der Träger GFJ im vergangenen Sommer einführte. Offene Arbeit, so nennt sich das. Die Kinder sollen selbstbestimmt sein und ihren Alltag gemeinsam gestalten.

Die altershomogenen Gruppen sollen aufgelöst werden, die Kinder sich in den verschiedenen Räumen frei bewegen können. Solche offenen Konzepte gibt es in vielen Kitas. Ungewöhnlich aber ist, wie erbittert im konkreten Fall darüber gestritten wird.

Wer Mucken macht, fliegt raus

In der Kita „Fair play“ seien die Räumlichkeiten nicht geeignet, es bräuchte mehr Platz und Personal, klagt eine Mutter, die anonym bleiben möchte, so wie andere Eltern, die sich an den Tagesspiegel gewandt haben – aus Angst, ihren Kitaplatz zu verlieren. Die sind in Berlin bekanntlich knapp. Denn wer dem Konzept kritisch begegnet, fliegt.

So hat es die Erfahrung gezeigt: Im Januar wurde die langjährige Leiterin entlassen; Eltern, die sich beschweren, werden abgemahnt, einer berufstätigen Mutter mit drei Kindern wurde sogar der Platz gekündigt. Der ehemaligen Leiterin wurde vorgeworfen, dass sie zu eng mit den Eltern zusammengearbeitet und das Konzept des Trägers nicht verstanden hätte. Von den acht Personen, die das ursprüngliche Kita-Team bildeten, ist jetzt niemand mehr übrig.

„Für mich ist das Kindeswohlgefährdung“, sagt eine Erzieherin, die nach zehn Jahren Ende März freiwillig geht, und meint damit, dass die Kinder wichtige Bezugspersonen verlieren. Acht Beschwerden hätte sie an den Träger gerichtet. Ernst genommen worden sei sie aber nicht, sagt sie.

„Den Kindern geht inmitten all der Freiheit die Geborgenheit verloren“, sagt eine Mutter. Sie seien quengelig und müde, wenn sie abgeholt würden. Zuhause wollten sie kein Essen mehr probieren, das sie nicht kennen. Und weil sie sich in der Kita so viel auf den Teller schaufeln dürften, wie sie wollten, werde jeden Tag viel Essen weggeschmissen.

Über all diese Bedenken hätten sie mit dem Träger reden wollen, so berichten es Eltern und das Kita-Team. Doch auf ihre Briefe habe der gar nicht reagiert. Erst nachdem sie die Bezirksverwaltung und die Kitaaufsicht des Senats eingeschaltet hatten, kam es zu einem Gespräch im Februar – da waren die Mitarbeiter aber schon fast alle ausgetauscht worden.

Der GFJ ist traurig

„Wir sind sehr traurig, dass sich das so entwickelt hat“, sagt die Geschäftsführerin von GFJ, Monika Zantke, auf Nachfrage. Die Änderung des Konzepts für die Kita „Fair play“ sei von Anfang an auf totale Ablehnung der Eltern gestoßen. In der Tat haben die Eltern im Sommer, nachdem der Träger in einem Brief die Einführung der offenen Arbeit kommuniziert hatte, in einem Antwortschreiben betont, wie zufrieden sie seien und dass sie einer Änderung der Arbeitsweise kritisch gegenüberstünden.

„Wir hätten die Ängste ernster nehmen müssen“, sagt Zantke selbstkritisch. Doch das offene Arbeiten sei noch gar nicht umgesetzt. „Das sind nur Anfänge“, sagt sie. Viele Eltern würden mit Mitteln kämpfen, die ihr fremd seien. Sie hätte Drohbriefe bekommen; Eltern hätten gedroht, den Ruf des Trägers mit einer schmutzigen Pressekampagne zu ruinieren.

Eltern und Erzieher wiederum berichten, sie fühlten sich hilflos. „Es herrscht ein Klima der Angst, es gibt Einschüchterungen und Schikanen, es gibt Tränen der Kinder und eine allgemeine Verunsicherung“, schreibt der Journalist Georg Diez, dessen Sohn die Kita besucht, auf Spiegel Online. Und, bezogen auf die Kündigungen und Abmahnungen: „eine echte Säuberungsaktion“.

Fragt man Zantke nach den Kündigungen, sagt sie: „Wenn man den Neuanfang wagt, dann muss es auch ein Neuanfang sein.“ Mit den neuen Mitarbeitern gebe es noch Anfangsschwierigkeiten, aber das Team sei vollständig.

Ein Mediator soll vermitteln

Wer bestimmt über das Programm einer Kita? „Der Träger, nicht die Eltern“, sagt Bezirksstadträtin Sandra Obermeyer (parteilos, für die Linke). Stundenlang hätte sie sich mit den Eltern hingesetzt und geredet, auch gemeinsam mit dem Träger. Zu einer Lösung sei man nicht gekommen.

Obermeyer hat jedoch eine Person für eine Mediation vorgeschlagen. Sie hofft nun, dass sich die Eltern darauf einlassen. Das hätten sie auch vor, sagen die Eltern, auch wenn sie es zum jetzigen Zeitpunkt als Hohn empfinden, nachdem ihr Ruf nach einer Vermittlung in dem Streit lange vergeblich blieb.

Die Kitaaufsicht kam zu dem Schluss, dass sich der Träger in Gesprächen verantwortungsbewusst gezeigt habe. „Er hat erläutert, wie das Konzept der gruppenoffenen Arbeit, Teilhabe und Partizipation von Kindern eingeführt wird, unter anderem mit Fortbildungsangeboten und Informationen für die Eltern“, heißt es aus der Bildungsverwaltung.

Teilhabe und Partizipation – darum geht es in diesem Konflikt. Doch wer ist gemeint? Kinder? Erzieher? Eltern? Die Eltern fürchten ein Klima, in dem Kinder nicht in der Lage sind, demokratische Grundwerte zu verinnerlichen. Der Träger beruft sich wiederum genau auf die Demokratie. „Es geht um mehr Mitbestimmung – und zwar der Kinder. Mitbestimmung als erlebte Schule der Demokratie“, sagt Zantke. „Leider sind wir nicht dazu gekommen, das den Eltern zu vermitteln.“

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