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© Mieterinitiative „Mettmannkiez bleibt“

Tagesspiegel Plus

Platz für die Baustelle statt fürs Wohnen: Von der Berliner Traumlage zum Mieteralbtraum

Der Pharmakonzern Bayer will seine Produktionshalle in Wedding vergrößern. Dafür sollen Altbauten im Nachbarkiez abgerissen werden. Die Bewohner wehren sich.

Lange Zeit waren die Wohnungen der Bayer AG in der Tegeler Straße in Berlin-Wedding ein Traum für ihre Mieterinnen und Mieter. Altbau in bester Lage zu günstigen Mieten. „Viele wohnen schon seit über 40 Jahren hier“, sagt einer der Bewohner. „So 'was findet man nicht mehr oft in Berlin.“ Doch vier Gebäude aus der Gründerzeit sollen abgerissen werden, weil der angrenzende Pharmakonzern seine Produktion erweitern will.

„Das würde ein Loch in das Herz unseres Kiezes reißen“, sagt der Mieter, der als Sprecher der Mieterinitiative „Mettmannkiez bleibt“ fungiert. Er möchte aber nicht namentlich genannt werden, da er Sorge hat, dass er dadurch bei einem möglichen Rechtsstreit mit der Bayer AG einen Nachteil haben könnte.

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„Im Mettmann-Quartier wohnen über 200 Menschen, es gibt mehrere Ateliers, Handwerksbetriebe und einen Kindergarten“, sagt er. Die Bewohner befürchten, dass langfristig noch mehr Gebäude verschwinden sollen. Denn das gesamte Gelände gehört Bayer und ist als Gewerbegebiet ausgewiesen. Deshalb sind die Mieterinnen und Mieter nicht geschützt.

Heimische Fledermäuse: Gutachten verhindert Abriss

Lange schien der Abriss deshalb unvermeidbar. Doch nun stößt Bayer auf immer mehr Widerstände. Zunächst verhinderte ein Naturschutz-Gutachten am Montag den Abbruch eines ersten leerstehenden Gebäudes. Fledermäuse könnten hier heimisch sein, hieß es.

© Mieterintiative „Mettmannkiez bleibt“

Und auch der Bezirk Mitte, der den Abriss bereits genehmigt hatte, ist plötzlich nicht mehr damit einverstanden. Zu vage seien die Pläne, schreibt Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) bei Instagram. „Warum die Häuser jetzt abgerissen werden müssen und was mit den anderen Häusern passieren soll, blieb im Ungefähren.“ Bayer müsse erst „überzeugende Antworten liefern“.

Da hängen 1000 Arbeitsplätze dran.

Bayer-Standortleiter Stefan Klatt

Am Mittwoch hatte der Konzern das Vorhaben im Stadtentwicklungsausschuss in Mitte vorgestellt. Geplant sei, die Produktionshalle hinter dem Mettmann-Kiez zu modernisieren. „Es wird ein dreistelliger Millionenbetrag investiert, um die Produktion zukunftssicher aufzustellen“, sagte Standortleiter Stefan Klatt. „Da hängen 1000 Arbeitsplätze dran.“ Weil der Umbau bei laufendem Betrieb geschehen solle, brauche man dazu „Baufreiheit“. Was langfristig anstelle der Wohnhäuser entstehen soll, sagte Klatt nicht. Es gebe „erste Ideen“. Man müssen aber erst die Überarbeitung des Bebauungsplanes abwarten.

© Mieterinitiative „Mettmannkiez bleibt“

Die Bezirksverordneten im Ausschuss überzeugte er damit nicht. Dass hier Wohnungen in gutem Zustand abgerissen werden sollen, widerspreche „jeglichen nachhaltigen und sozialen Stadtentwicklungszielen“, sagte die Grünen-Verordnete Evalotte Mohren.

„Für eine Baustelleneinrichtung Wohnhäuser abzureißen, finde ich schwierig“, sagte der SPD-Verordnete Sascha Schug. Ob Bayer Alternativen geprüft habe? „Wir sehen keine andere Lösung“, erwiderte Klatt.

Der Umbau bei gleichzeitiger An- und Ablieferung könne ohne den zusätzlichen Platz nicht funktionieren. Man habe das gründlich geprüft. Bayer sei sich der Verantwortung gegenüber den Mieterinnen und Mietern aber bewusst und habe wiederholt angeboten, diesen bei der Suche nach Ersatzwohnungen zu helfen, sagte Klatt. Der Konzern habe dem Bezirksamt außerdem vorgeschlagen, ein Sozialplanverfahren anzustoßen.

Mietshäuser aus dem 19. Jahrhundert

Acht Wohnungen in den betroffenen Häusern sind momentan noch bewohnt. Die Bewohner wüssten teilweise nicht wohin, sagte der Sprecher der Mieterinitiative: „Einige können nicht umziehen, weil es keine vergleichbaren Angebote in Berlin gibt.“ Er widerspricht der Darstellung Bayers, dass den Mietern Hilfe angeboten worden sei. „Wir haben ein solches Bayer-Schreiben nie erhalten“, sagte er am Mittwoch.

Im September 2021 demonstrierten Mitglieder der Mieterinitiative.
Im September 2021 demonstrierten Mitglieder der Mieterinitiative.

© Mieterinitiative „Mettmannkiez bleibt“

Die Mietshäuser wurden wahrscheinlich um das Jahr 1872 gebaut. Mit der Ansiedlung der Schering AG, heute Bayer, wurde der Kiez später als Gewerbegebiet ausgewiesen. Auch der aktuelle Stadtentwicklungsplan Industrie und Gewerbe des Senats schreibt dies fest.

Der Bezirk hatte sich deshalb bisher immer hinter Bayer gestellt und betont, wie wichtig die Entwicklung des Weddinger Werkes für die Stadt sei. Nun veröffentlichte Baustadtrat Gothe doch Bedingungen für den Abriss. Dieser solle erst dann erfolgen, „wenn es zwingend nicht anders geht und gleichwertige Wohnungen für die Mietparteien gefunden wurden“.

Die Mieter machen derweilen klar, dass sie garnicht umziehen wollen. „Ein Abriss wäre rückwärtsgewandt und ein Widerspruch zur modernen Stadtplanung“, sagte der Sprecher der Mieterinitiative: „Wir wollen, dass unser Kiez erhalten bleibt.“

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